Norbert Tugendhat

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Otto Julius Norbert Tugendhat (* 10. November 1896 in Großeislingen bei Göppingen; † 2. Dezember 1944 im Außenlager Hailfingen-Tailfingen) war ein deutscher Papierfachmann und Ingenieur jüdischer Herkunft. Er wurde während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert und 1944 ermordet.

Leben

Norbert Tugendhat wurde als Sohn von Bruno (Bronislaw) Arthur Tugendhat, einem aus Galizien stammenden Juden, und Friedericke Tugendhat, geb. Geiringer, einer aus Ungarn stammenden Jüdin, geboren. Die Eltern hatten am 3. November 1895 in Großeislingen geheiratet.

Im Zuge der gesellschaftlichen Emanzipation jüdischer Familien im Deutschen Kaiserreich erlangte die Familie wirtschaftlichen Wohlstand. Der Vater übernahm 1895 die technische Leitung der Papierfabrik Fleischer in Großeislingen. Wie viele jüdische Persönlichkeiten in leitenden Positionen konvertierte die Familie zum katholischen Glauben, da dies in entsprechenden beruflichen Kreisen erwartet wurde.

Kindheit und Ausbildung

Im Jahr 1899 zog Norbert Tugendhat mit seiner Familie nach Unterkochen, nachdem sein Vater zum Direktor der Papierfabrik Unterkochen berufen worden war. Ab 1904 besuchte Tugendhat als katholischer Schüler das Reformrealgymnasium Aalen (heute Schubart-Gymnasium).

1914 gehörte er zu den ersten Schülern, die dort das erste Maturum (Abitur) erfolgreich ablegten. Ein Mitschüler beschrieb ihn rückblickend als einen Schüler „voll Seelengüte und Klugheit“, als „Könner auf dem Gebiete der Papiertechnik“ und als „geborenen Organisator“. Bereits während der Schulzeit habe Tugendhat betont, dass eine durchdachte Organisation – heute würde man von Arbeitsvorbereitung sprechen – die Grundlage jeder wissenschaftlichen und technischen Leistung sei.

Im Protokoll der Reifeprüfung vom 15. Juli 1914 ist vermerkt, dass einer der Prüflinge – vermutlich Tugendhat – beabsichtigte, gewerblicher Papiermacher zu werden.

Erster Weltkrieg und gesundheitliche Folgen

Der kurz nach dem Abitur beginnende Erste Weltkrieg unterbrach diese Pläne. Norbert Tugendhat wurde Soldat und nahm am Krieg teil. Während des Krieges erlitt er eine schwere Kopfverletzung, an deren Folgen er zeitlebens litt.

Über seinen Lebensweg in den Jahren nach 1918 ist nur wenig bekannt. Im Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wird Berlin als früher Wohnort genannt. Ab 1923 ist Hamburg als sein Wohnsitz nachweisbar.

Ehe und Verfolgung im Nationalsozialismus

Am 19. Mai 1923 heiratete Norbert Tugendhat Anna Tugendhat. Das Ehepaar lebte zunächst in Hamburg.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurden Norbert und Anna Tugendhat trotz ihrer katholischen Konfession als Juden verfolgt. Um der zunehmenden Entrechtung und Verfolgung zu entgehen, emigrierten sie am 1. Januar 1939 nach Frankreich, wo sie vermutlich in Paris lebten.

Dort wurde Norbert Tugendhat verhaftet und am 31. Juli 1944 mit dem Konvoi 77 vom Sammellager Drancy nach Auschwitz deportiert. Am 3. August 1944 erhielt er dort die Häftlingsnummer B 3941. Seine Ehefrau Anna wurde in Auschwitz ermordet.

Deportation und Tod

Am 28. Oktober 1944 wurde Tugendhat in das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig überstellt (Registrierungsnummer 100353). Im November 1944 folgte seine Verlegung in das Außenlager Hailfingen/Tailfingen bei Rottenburg, ein Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof (Registrierungsnummer 40967).

Norbert Tugendhat wurde dort am 2. Dezember 1944 ermordet. Als Todesursache wurde offiziell „Herzmuskelschwäche“ angegeben; tatsächlich wurde er erschossen. Sein Leichnam wurde im Krematorium des Reutlinger Friedhofs eingeäschert. Er war 48 Jahre alt.

Gedenken

Stolperstein

Zum Gedenken an Norbert Tugendhat widmete ihm die Stolperstein Initiative Aalen einen Stolperstein. Er wurde am 3. Juli 2019 vor dem Schubert Gymnasium in Aalen verlegt.[1]

Quellen

Einzelnachweise

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