Liste von Unfällen in kerntechnischen Anlagen

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Die Liste von Unfällen in kerntechnischen Anlagen enthält Ereignisse, die nach der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) als Unfall der Stufe 4 oder höher eingestuft wurden und sich in einer kerntechnischen Anlage ereigneten. Als kerntechnische Anlagen gelten dabei Kernkraftwerke, Forschungsreaktoren sowie Anlagen des nuklearen Brennstoffkreislaufs, etwa Urananreicherungs- oder Wiederaufarbeitungsanlagen. Weniger schwere Störfälle sind in der Liste meldepflichtiger Ereignisse in deutschen kerntechnischen Anlagen und in der Liste von Störfällen in europäischen kerntechnischen Anlagen erfasst.

Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse

Die INES-Skala wurde 1990 von der International Atomic Energy Agency (IAEA) und der Nuclear Energy Agency (NEA) eingeführt. Ereignisse, die sich zuvor ereigneten, besitzen daher keine zeitgenössische Einstufung; ihre Zuordnung zu einer INES-Stufe erfolgt auf Grundlage nachträglicher Bewertungen durch internationale Organisationen oder in der Fachliteratur. Frühere Ereignisse ohne INES-Einstufung werden in der Liste berücksichtigt, sofern sie Verletzungen oder Todesfälle infolge von Strahlenexposition verursachten.

Nicht enthalten sind radiologische Ereignisse außerhalb kerntechnischer Anlagen, etwa Unfälle mit Strahlenquellen in medizinischen oder industriellen Einrichtungen. Beispiele hierfür sind der Goiânia-Unfall in Brasilien (INES 5), ein Strahlenunfall in einer Bestrahlungsanlage bei Stambolijski im Jahr 2011 (INES 4)[1] oder der 1979 eingetretene Bruch eines Absetzsee-Dammes in den USA.

Die bekanntesten Unfälle in kerntechnischen Anlagen sind die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl vom 26. April 1986 und die Nuklearkatastrophe von Fukushima vom 11. März 2011. Neben diesen auslegungsüberschreitenden Unfällen (umgangssprachlich „Super-GAU“) gab es weitere Ereignisse, bei denen es zu erheblichen Freisetzungen radioaktiver Stoffe sowie zu Umwelt- und Gesundheitsschäden kam.

194019501960197019801990 20002010 • 2020

1940er Jahre

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21. Aug. 1945 Los Alamos (New Mexico)
Vereinigte Staaten 48 Vereinigte Staaten

Harry K. Daghlian Jr. arbeitete auf dem Omega-Gelände des Kernforschungszentrums von Los Alamos und erzeugte eine prompt überkritische Anordnung, als er versehentlich einen Wolframcarbid-Klotz auf einen etwa 6 kg schweren Plutonium-Kern fallen ließ. Obwohl er das Stück wegstieß, erhielt er bei dem Prompt Burst eine tödliche Strahlendosis von geschätzt ca. 5 Sievert (Sv) und starb am 15. September.[2]

21. Mai 1946 Los Alamos (New Mexico)
Vereinigte Staaten 48 Vereinigte Staaten

Im Kernforschungszentrum von Los Alamos experimentierte der kanadische Physiker Louis Slotin im Beisein mehrerer Wissenschaftler mit demselben Plutoniumkern, der in der Folge als „Demon Core“ bezeichnet wurde, und zwei Halbkugelschalen aus Beryllium, die als Neutronenreflektoren dienten. Slotin hielt die obere Halbkugel durch ein Daumenloch und benutzte, um sie kontrolliert abzusenken, einen Schraubendreher. Als der aus dem Spalt herausrutschte, riss Slotin die Halbkugel fort; er erhielt dabei eine Dosis von etwa 21 Sv, an der er bereits am 30. Mai verstarb.[2]

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1950er Jahre

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12. Dez. 1952 Chalk River Laboratories, Chalk River (Ontario)
Kanada Kanada
Beim Unfall im Forschungsreaktor NRX der Chalk River Laboratories kam es während eines Tests infolge von Fehlbedienungen, missverständlicher Kommunikation zwischen Operator und Bedienpersonal sowie fehlerhaften Statusanzeigen im Kontrollraum zu einer Leistungsüberhöhung. Der Reaktorkern wurde teilweise zerstört; eine Wasserstoffexplosion beschädigte das Reaktorgebäude und setzte radioaktive Spaltprodukte frei. Mehrere Millionen Liter radioaktiv kontaminierten Wassers sammelten sich im Reaktorgebäude und wurden in eine Sickergrube gepumpt, um eine Verunreinigung des nahegelegenen Ottawa River zu vermeiden. Der beschädigte Reaktorkern wurde anschließend entfernt und vergraben; der Reaktor ging nach umfangreichen Dekontaminations- und Reparaturarbeiten zwei Jahre später wieder in Betrieb. An den mehrere Monate dauernden Aufräumarbeiten waren über 1000 Personen beteiligt. Sie erhielten zusammen eine Kollektivdosis von etwa 26 Personen-Sievert; eine spätere Studie fand unter den beteiligten Arbeitern keine erhöhte Krebssterblichkeit.[3] 5[4]
29. Nov. 1955 Idaho Falls (Idaho)
Vereinigte Staaten 48 Vereinigte Staaten
Am 29. November 1955 erlitt der Forschungsreaktor EBR-I in der National Reactor Testing Station während eines Experiments mit rascher Leistungssteigerung eine partielle Kernschmelze. Eine verspätete Schnellabschaltung löste eine Leistungsspitze aus, die zu einer Teilkernschmelze führte, bei der etwa 40 bis 50 % des Reaktorkerns beschädigt wurden. Der Reaktor schaltete sich durch Verlust der Kritikalität selbst ab. Die Radioaktivität im Reaktorkühlsystem und an Lüftungseinrichtungen des Gebäudes stieg an, woraufhin das Personal vorsorglich evakuiert wurde. Personenschäden traten nicht auf, und in der Umgebung der Anlage wurde keine erhöhte Strahlenbelastung gemessen. Der Unfall wurde zunächst nicht öffentlich bekannt gegeben; erst mehrere Monate später bestätigte die damalige US-Atomenergiebehörde den Vorfall.[5.1] 4[6]
29. Sep. 1957 Kyschtym,
Sowjetunion 1955 Sowjetunion

Am 29. September 1957 kam es im Kerntechnikkomplex Majak nahe Kyschtym im südlichen Ural zu einem schweren Unfall. In einer Zisterne mit hochradioaktiven Abfällen fiel das Kühlsystem aus, ohne dass dies zunächst bemerkt wurde. Der Inhalt erhitzte sich dadurch immer weiter und explodierte schließlich bei etwa 350 °C. Die Explosion sprengte die rund 160 Tonnen schwere Betonabdeckung des Tanks und schleuderte etwa 20 Millionen Curie radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre. Der radioaktive Niederschlag wurde vom Wind über ein Gebiet von etwa 20.000 km2 verteilt, in dem rund 270.000 Menschen lebten. In den Tagen nach dem Unfall wurden mehr als 20 Dörfer mit über 11.000 Einwohnern evakuiert und anschließend vollständig zerstört. Offizielle Informationen über die Ursache der Maßnahmen erhielten die Bewohner nicht. Der Vorfall blieb lange geheim. Außerhalb der Sowjetunion wurde er erst 1976 bekannt, als der sowjetische Biochemiker Schores Alexandrowitsch Medwedew erste Informationen darüber veröffentlichte. Die sowjetischen Behörden bestätigten den Unfall offiziell erst 1989.[7]

6[1]
10. Okt. 1957 Windscale
Vereinigtes Konigreich Vereinigtes Königreich

Während Wartungsarbeiten zur Regeneration des Graphitmoderators kam es am 10. Oktober 1957 im Reaktorblock 1 der Anlage Windscale in Cumberland (später Sellafield) zu einem schweren Störfall. Beim Ausglühen der im Graphit gespeicherten Wigner-Energie geriet die Erwärmung außer Kontrolle. Teile des Moderators überhitzten so stark, dass Hüllrohre von Brennelementen beschädigt wurden und Spaltprodukte, insbesondere Iod-131, freigesetzt wurden. Insgesamt gelangten etwa 2 × 104 Curie Iod-131 in die Umgebung. In einem Gebiet von etwa 50 km Länge und 10 bis 15 km Breite wurde vom 12. Oktober bis zum 23. November 1957 eine Milchsperre verhängt; rund 3 Millionen Liter Milch mussten aus dem Verkehr gezogen und vernichtet werden. Menschen wurden nicht verletzt, jedoch wurde der Reaktor, der der Plutoniumproduktion für das britische Atomwaffenprogramm diente, durch den Unfall zerstört. Der luftgekühlte Natururan-Graphitreaktor gehörte zu einem speziellen britischen Reaktortyp, der außerhalb von Windscale nicht eingesetzt wurde. Die radioaktive Wolke zog über London und weiter über Belgien und die Niederlande bis nach Deutschland, Österreich und in die Tschechoslowakei, wobei die Aktivität rasch abnahm. Der Unfall führte in Europa erstmals zu einer von einem Kernreaktor ausgehenden radioaktiven Kontamination mit messbaren Auswirkungen auf die Bevölkerung.[5.2]

5[6]
16. Jun. 1958 Oak Ridge (Tennessee)
Vereinigte Staaten 48 Vereinigte Staaten
Im Y-12 National Security Complex in Oak Ridge ereignete sich am 16. Juni 1958 ein Kritikalitätsunfall in einer Anlage zur Verarbeitung von Uran. Durch ein Leck gelangte Uranylnitrat aus einer Leitung in Rohrsysteme der Anlage und sammelte sich dort unbemerkt an. Beim Entleeren der Leitungen erreichte die Lösung eine kritische Masse, wodurch eine kurzzeitige Kettenreaktion ausgelöst wurde. Mehrere Arbeiter wurden einer erhöhten Strahlung ausgesetzt. Einige der Betroffenen litten unter langfristigen gesundheitlichen Folgen der Strahlenexposition. Der Unfall führte zu strengeren Sicherheitsmaßnahmen bei der Handhabung und Kontrolle von uranhaltigen Lösungen in Prozessanlagen.[8]
15. Okt. 1958 Vinča
Jugoslawien
Im Boris Institut für Nuklearwissenschaften „Boris Kidrič“ kam es während eines Experiments mit einer aus Natururanstäben und schwerem Wasser bestehenden Versuchsanordnung zu einem Kritikalitätsunfall. Durch schrittweises Anheben des Schwerwasserstands sollte die Neutronenvermehrung erhöht werden, ohne einen kritischen Zustand zu erreichen. Mehrere Messgeräte zeigten jedoch wegen Überlastung falsche Werte an, sodass die steigende Leistung zunächst unbemerkt blieb. Erst als ein Experimentator Ozon bemerkte, wurde die Reaktion erkannt und durch Einfahren von Sicherheitsstäben gestoppt. Sechs Personen erhielten hohe Strahlendosen zwischen etwa 2 und 4 Sv; eine von ihnen starb später an den Folgen der Strahlenexposition, die übrigen fünf erholten sich nach schwerer Strahlenkrankheit. Die Versuchsanordnung selbst blieb weitgehend unbeschädigt.[9.1] 4[10]


30. Dez. 1958 Los Alamos (New Mexico)
Vereinigte Staaten 48 Vereinigte Staaten
Am 30. Dezember 1958 ereignete sich im Los Alamos Scientific Laboratory in New Mexico ein Kritikalitätsunfall in einer Anlage zur chemischen Aufarbeitung von Plutonium. In einem großen Mischbehälter, in dem Plutoniumverbindungen in Lösung gereinigt und konzentriert wurden, befand sich durch einen Fehler eine etwa 200-fach zu hohe Plutoniumkonzentration. Als der Operator den Rührer einschaltete, bildete sich ein Strudel, der die plutoniumhaltige obere Schicht aus organischem Lösungsmittel in der Mitte des Behälters konzentrierte. Dadurch wurde kurzfristig eine kritische Anordnung erreicht und eine rund 200 Mikrosekunden dauernde Kettenreaktion ausgelöst, bei der ein intensiver Puls von Neutronen- und Gammastrahlung frei wurde. Der unmittelbar am Behälter arbeitende Operator erhielt eine extrem hohe Strahlendosis und starb etwa 35 Stunden nach dem Vorfall an akuter Strahlenkrankheit. Der Unfall führte zu einer weiteren Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen bei Arbeiten mit kritischen Massen; insbesondere wurde der Einsatz von Fernmanipulatoren in den USA ausgeweitet.[11]
13. Juli 1959 Simi Valley (Kalifornien)
Vereinigte Staaten 49 Vereinigte Staaten
Am 13. Juli 1959 kam es im natriumgekühlten Forschungsreaktor Sodium Reactor Experiment auf dem Gelände des Santa Susana Field Laboratory in Kalifornien zu einer partiellen Kernschmelze. Zersetzungsprodukte des als Pumpenkühlmittel verwendeten Öls Tetralin gelangten in den Primärkreislauf und verstopften mehrere Kühlkanäle im Reaktorkern. Durch die unzureichende Kühlung überhitzten Brennelemente; in etwa 13 Brennelementbaugruppen kam es zu teilweisem Schmelzen des Brennstoffs. Die Zerstörung blieb zunächst unbemerkt und wurde erst am 26. Juli 1959 beim Zerlegen von Brennelementen am Ende des Betriebszyklus entdeckt. Die Freisetzung radioaktiver Stoffe blieb mit etwa 50 Curie relativ gering, Personen wurden nicht verletzt. Nach Reparaturarbeiten von rund 14 Monaten nahm der Reaktor im September 1960 den Betrieb wieder auf.[12.1] 5–6[6]
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1960er Jahre

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3. Jan. 1961 Idaho Falls (Idaho)
Vereinigte Staaten 49 Vereinigte Staaten
Der SL-1-Reaktor bei seiner Bergung

Im Prototypreaktor SL-1 (Stationary Low-Power Reactor No. 1) auf dem Gelände der National Reactor Testing Station in Idaho kam es am 3. Januar 1961 während Montagearbeiten zu einem explosionsartigen Anstieg der Reaktorleistung. Der von der United States Army betriebene Siedewasserreaktor mit einer thermischen Leistung von 3 MW war als Prototyp eines kleinen Kraftwerks für abgelegene militärische Standorte entwickelt worden. Vermutlich wurde ein Steuerstab zu weit herausgezogen, wodurch eine prompt kritische Leistungsexkursion ausgelöst wurde. Dabei wurden im zentralen Bereich des Reaktorkerns zahlreiche Brennelemente beschädigt und teilweise aufgeschmolzen. Die schlagartige Bildung von Hochdruckdampf im Kernbereich schleuderte das Wasser nach oben und hob den Reaktordruckbehälter an; Teile der Kontrollstabantriebe wurden herausgeschleudert. Die dreiköpfige Bedienmannschaft wurde durch die Explosion und die intensive Strahlenexposition getötet. Im Reaktorgebäude wurden sehr hohe Strahlungswerte von etwa 500 bis 1000 Röntgen pro Stunde (entsprechend etwa 5 bis 10 Sievert pro Stunde), während außerhalb der Anlage nur geringe radioaktive Freisetzungen festgestellt wurden. Der Unfall führte in den USA zu Forderungen nach technisch verbesserten und zuverlässigeren Schnellabschaltsystemen sowie nach einer Weiterentwicklung der Katastrophenschutzmaßnahmen.[5.3]

4[6]
4. Juli 1961 K-19 Sowjetunion 1955 Sowjetunion
Nordatlantik
Während einer Übung im Nordatlantik kam es am 4. Juli 1961 auf dem sowjetischen nuklearbetriebenen U-Boot K-19 zu einem schweren Reaktorunfall. Ein Leck in einem Drucksensorschlauch führte zu einem starken Druckabfall im Primärkühlkreislauf des Backbordreaktors, wodurch Kühlmittelpumpen ausfielen und der Reaktor ohne ausreichende Kühlung blieb. Die Kerntemperatur stieg stark an. Da eine Hilfe von außen zunächst nicht möglich war, installierten Besatzungsmitglieder unter hoher Strahlenbelastung eine improvisierte Ersatzleitung für das Kühlsystem und verhinderten so eine weitere Überhitzung des Reaktors. Insgesamt wurden 42 Seeleute erheblichen Strahlendosen ausgesetzt; 32 entwickelten Symptome der Strahlenkrankheit. Acht Besatzungsmitglieder starben innerhalb einer Woche an den Folgen der Strahlenexposition.[13]
24. Juli 1964 Wood River Junction
Vereinigte Staaten 49 Vereinigte Staaten
Am 24. Juli 1964 ereignete sich in der Uranrückgewinnungsanlage der United Nuclear Corporation in Wood River Junction ein Kritikalitätsunfall. In der Anlage wurden uranhaltige Abfälle chemisch aufgelöst, um angereichertes Uran zurückzugewinnen. Ein Mitarbeiter füllte eine hochkonzentrierte Lösung aus angereichertem Uran irrtümlich in einen Mischbehälter, in dem sie durch das Rühren geometrisch so konzentriert wurde, dass eine unkontrollierte Kettenreaktion einsetzte. Dabei kam es zu einem kurzen, intensiven Neutronen- und Gammastrahlenstoß, begleitet von einem blauen Lichtblitz, während die Kritikalitätsalarme auslösten. Der Operator wurde einer extrem hohen Strahlendosis ausgesetzt und starb etwa 49 Stunden später an akuter Strahlenkrankheit. Weitere Beschäftigte erhielten nur vergleichsweise geringe Dosen. Die Ursache des Unfalls lag in einer Fehlidentifikation eines Behälters mit hochkonzentrierter Uranlösung sowie in der Verwendung eines großen Mischbehälters, der keine kritikalitätssichere Geometrie aufwies.[14]
5. Okt. 1966 Monroe (Michigan)
Vereinigte Staaten 49 Vereinigte Staaten
Im schnellen Brutreaktor Enrico Fermi 1 kam es zu einer teilweisen Kernschmelze. Während des Betriebs wurden ungewöhnlich hohe Temperaturen einzelner Brennelemente und schwankende Neutronensignale beobachtet. Kurz darauf lösten Strahlungsdetektoren Alarm aus, worauf der Reaktor manuell abgeschaltet und das Gebäude isoliert wurde. Spätere Untersuchungen ergaben, dass eine lose Zirkalloy-Metallplatte im Kühlmittelstrom den Zufluss von Natrium zu einigen Brennelementen teilweise blockiert hatte. Dadurch überhitzten zwei Brennelemente und schmolzen teilweise. Personen kamen nicht zu Schaden, und es gelangte keine Radioaktivität in die Umwelt. Der Reaktor wurde repariert und nahm 1970 den Betrieb wieder auf.[12.2] 4[10]
5. Okt. 1966–67 Atomeisbrecher Lenin
Sowjetunion 1955 Sowjetunion
Beim nuklearen Eisbrecher Lenin kam es 1966 oder 1967 während eines Brennelementwechsels infolge eines Bedienfehlers zu einem Kühlmittelverlust, wodurch ein Reaktorkern zeitweise ohne Kühlung blieb und teilweise schmolz. Beschädigte Brennelemente konnten anschließend nur teilweise entfernt werden; der Reaktoreinsatz, bestehend aus der unteren Gitterplatte und dem zylindrischen Wärmeschild, wurde aus dem Reaktordruckbehälter entfernt und zusammen mit radioaktivem Material entsorgt. Nach westlichen Geheimdienstberichten sollen bis zu 30 Personen an den Folgen des Unfalls gestorben sein, was jedoch nicht gesichert ist.[15.1]
11. Mai 1967 Chapelcross, Schottland
Vereinigtes Konigreich Vereinigtes Königreich
Im Magnox-Reaktor Chapelcross 2 kam es am 11. Mai 1967 zu einer Überhitzung von Brennelementen, nachdem Graphittrümmer einen Kühlkanal teilweise blockiert hatten. Der dadurch gestörte Kohlendioxid-Kühlstrom führte zu steigenden Temperaturen, bis die Magnox-Ummantelung der Brennelemente versagte und radioaktive Spaltprodukte in den Reaktorkern freigesetzt wurden. Anschließend entzündete sich das Magnesium der Brennstoffhülle im blockierten Kanal. Der Reaktor wurde abgeschaltet; zur Sicherung der beschädigten Brennelemente führten Mitarbeiter unter Schutzmaßnahmen Arbeiten im Reaktorbehälter durch. Personen kamen nicht zu Schaden, die Freisetzung von Radioaktivität blieb auf das Innere des Reaktors beschränkt.[12.3] 4[10]
24. Mai 1968 K-27 Sowjetunion 1955 Sowjetunion, Arktischer Ozean Am 24. Mai 1968 kam es während einer Fahrt im Arktischen Ozean auf dem sowjetischen nuklearbetriebenen U-Boot K-27 zu einem schweren Reaktorunfall. Während Tests von Reaktorparametern am linken der beiden experimentellen Flüssigmetall-gekühlten Reaktoren kam es infolge einer kurzfristigen unbeabsichtigten Bewegung eines automatischen Steuerstabs zu Leistungsinstabilitäten und anschließend zu einem starken Leistungsabfall. Ursache war eine Beschädigung von Brennstoffelementen durch lokale Überhitzung im Reaktorkern; Schätzungen zufolge wurden etwa 20 % der Brennelemente des betroffenen Reaktors beschädigt. Radioaktive Stoffe gelangten in den Primärkreislauf und in das Reaktorabteil, wo sehr hohe Strahlungswerte gemessen wurden, und kontaminierten weitere Bereiche des U-Boots. Das Boot tauchte auf, um die Strahlenbelastung durch Belüftung zu verringern, und kehrte anschließend zu seinem Stützpunkt auf der Halbinsel Kola zurück. Zwölf Besatzungsmitglieder erhielten sehr hohe Strahlendosen; mindestens fünf von ihnen starben infolge der Strahlenexposition, wobei spätere Berichte auch höhere Todeszahlen nennen.[16]
21. Jan. 1969 Lucens,
Schweiz Schweiz
Beim Versagen des Kühlsystems eines experimentellen Reaktors im Versuchsatomkraftwerk Lucens (VAKL) im Kanton Waadt kam es im Reaktor (der ähnlich wie der NRX-Reaktor aufgebaut war) zu einer partiellen Kernschmelze. Anfang des Jahres 1968 wurde der Reaktor, der eine Leistung von 8 MW elektrischer Energie erzeugen sollte, getestet. Im April/Mai wurde er in Betrieb genommen, anschließend jedoch bis Januar des folgenden Jahres wieder abgeschaltet. Während dieses Stillstands drang über eine defekte Gebläse-Dichtung Wasser von außen in den Kühlkreislauf des Reaktors ein. Die aus Magnesium bestehenden Brennstab-Hüllrohre korrodierten dadurch. Als der Reaktor im Januar 1969 wieder angefahren wurde, behinderten die Korrosionsprodukte die Kühlung. Der Brennstoff überhitzte, und ein Brennelement schmolz teilweise. Es geriet in Brand und beschädigte das Reaktorsystem schwer. Dabei wurden 1100 kg Schweres Wasser (Moderator), geschmolzenes radioaktives Material und Kohlendioxid (Kühlmittel) in die Reaktorkaverne geschleudert.[17] Da erhöhte Radioaktivität bereits zuvor registriert worden war, konnte das Kraftwerk evakuiert und die Kaverne isoliert werden. In der Felskaverne wurde anfänglich eine Dosisleistung von etwa einem Sievert pro Stunde gemessen; eine geringe Menge Radioaktivität gelangte dabei durch undichte Stellen in die Umgebung. Einige Tage später wurde der Gasinhalt der Kaverne kontrolliert über Filter in die Umgebung abgegeben.[18] Die zusätzliche Strahlenbelastung der Bevölkerung betrug etwa 0,001 mSv und war damit sehr gering.[19] 4[12.4]
17. Okt. 1969 Saint-Laurent-des-Eaux,
Frankreich Frankreich
Im gasgekühlten, graphitmoderierten Reaktor A1 des Kernkraftwerks Saint-Laurent kam es während des Betriebs zu einem schweren Störfall. Beim Beladen eines Brennstoffkanals wurde durch einen Programm- bzw. Bedienfehler der Brennstoffwechselmaschine ein ungeeignetes Graphitelement eingesetzt, das den Durchfluss des Kohlendioxid-Kühlmittels stark verringerte. Der betroffene Kanal überhitzte innerhalb weniger Sekunden; die Magnesium-Aluminium-Hülle mehrerer Brennelemente schmolz und entzündete sich, anschließend schmolz auch der Uranbrennstoff. Der Reaktor wurde automatisch abgeschaltet. Insgesamt wurden fünf Brennelemente zerstört und etwa 50 kg geschmolzenes Material gebildet. Radioaktive Spaltprodukte kontaminierten Teile des Reaktorkerns, blieben jedoch weitgehend innerhalb der Anlage. Das Betriebspersonal erhielt nur geringe Strahlendosen.[12.5] 4[10]
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1970er Jahre

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18. Jan. 1970 Gorki
Sowjetunion 1955 Sowjetunion
Am 8. Januar 1970 ereignete sich während der Endphase des Baus des sowjetischen nuklear angetriebenen U-Boots K-320 in der Werft „Krasnoje Sormowo“ in Gorki (heute Nischni Nowgorod) ein schwerer Reaktorunfall. Der Reaktor war bereits mit Brennstoff beladen, jedoch waren nur provisorische Steuerstäbe installiert. Während hydraulischer Tests des Primärkreislaufs wurden diese durch die hohe Strömungsgeschwindigkeit des Kühlwassers aus dem Reaktorkern angehoben, wodurch eine unkontrollierte Reaktion einsetzte. Die Leistung des Reaktors stieg rasch an, Wasser im Reaktorkreislauf verdampfte teilweise und bildete radioaktiven Dampf.[15.2] Etwa 15 Minuten später kam es zu einer starken thermischen Explosion, die den Reaktordeckel aus dem Reaktor schleuderte und ein Loch in das Hallendach riss. Infolge des Unfalls gelangten radioaktiv kontaminiertes Wasser und Dampf in die Werkhalle und führten zu einer Kontamination des Werftgeländes. Mehrere Arbeiter wurden hohen Strahlendosen ausgesetzt.[20] Zur Zahl der Todesfälle existieren in der Literatur unterschiedliche Angaben.
26. Mai 1971 Moskau
Sowjetunion 1955 Sowjetunion
In der Versuchsanlage SF-3 des Kurtschatow-Instituts kam es am 26. Mai 1971 während eines Experiments mit angereichertem Uran zu einem Kritikalitätsunfall. Beim schnellen Ablassen des Wassers aus dem Versuchsbehälter verbog sich eine Plexiglas-Trägerplatte, wodurch Brennstäbe aus ihrer Halterung fielen und eine kritischere Geometrie bildeten. Die Anordnung wurde prompt kritisch und erzeugte einen starken Reaktorimpuls. Zwei Mitarbeiter starben an akuter Strahlenkrankheit, zwei weitere wurden schwer verletzt.[21] 4[10]
26. Sep. 1973 Windscale
Vereinigtes Konigreich Vereinigtes Königreich
In der Wiederaufarbeitungsanlage B204 am Standort Windscale (später Sellafield) kam es zu einem Unfall, bei dem Radioaktivität im Betriebsbereich freigesetzt wurde. Mehrere Mitarbeiter wurden kontaminiert. Die Anlage wurde daraufhin stillgelegt.[22] 4[10]
6. Feb. 1974 Sosnowy Bor (Leningrad),
Sowjetunion 1955 Sowjetunion
Am 6. Februar 1974 kam es im Block 1 des Leningrader Kernkraftwerks in Sosnowy Bor zu einem schweren Störfall, als der Zwischenkreislauf infolge von Siedevorgängen im Kühlmittel riss. Dabei wurden hochradioaktives Wasser sowie radioaktiver Filterschlamm aus dem Reinigungssystem in die Umgebung freigesetzt. Drei Mitarbeiter kamen bei dem Unfall ums Leben.[23] 4[10]
30. Nov 1975 Sosnowy Bor (Leningrad) (Leningrad),
Sowjetunion 1955 Sowjetunion
Am 30. November 1975[24.1] kam es im Block 1 des Leningrader Kernkraftwerks in Sosnowy Bor zu einem schweren Störfall mit einem RBMK-1000-Reaktor. Dabei wurde ein Teil des Reaktorkerns zerstört, woraufhin der Reaktor abgeschaltet wurde. Am folgenden Tag wurde der Kern durch Einblasen von Stickstoff aus einem Notfallsystem in den Reaktorkern und über den Abluftschornstein gereinigt, wobei Schätzungen zufolge etwa dabei etwa 1,5 Millionen Curie radioaktiver Substanzen in die Umwelt gelangten.[23] Untersuchungen kamen später zu dem Schluss, dass der Unfall wahrscheinlich mit konstruktiven Eigenschaften des RBMK-Reaktors zusammenhing, während die offiziell angegebene Ursache – die Zerstörung eines Brennstoffkanals infolge eines Fertigungsfehlers – von einigen Fachleuten als wenig überzeugend bewertet wurde.[24.1] 4[10]
1977 Belojarsk,
Sowjetunion 1955 Sowjetunion
Bei einem Unfall schmolzen 50 % der Brennstoffkanäle des Blocks 2 vom Belojarsker KKW, einem Druckröhrenreaktor ähnlich dem RBMK. Die Reparatur dauerte etwa ein Jahr. Das Personal wurde hohen Strahlenbelastungen ausgesetzt.[23] 5[10]
22. Feb. 1977 Jaslovské Bohunice,
Tschechoslowakei Tschechoslowakei
Am 22. Februar 1977 ereignete sich im Kernkraftwerk Bohunice A1 in der Tschechoslowakei ein schwerer Reaktorunfall. Ursache war der Einsatz von Brennstoff, der den Durchfluss des Kohlendioxid-Kühlmittels unzureichend zuließ, was zu einer lokalen Überhitzung und in der Folge zum teilweisen Schmelzen von Brennelementen führte. Das geschmolzene Material durchdrang ein Druckrohr und trat in Kontakt mit dem Schwerwasser im Moderatorbehälter, wodurch chemische Reaktionen begünstigt wurden, die weitere Schäden an Brennstoffhüllen und Anlagenteilen verursachten. Insgesamt wurden 132 Brennelemente teilweise zerstört. Dabei wurden der Primär- und Sekundärkreislauf sowie die Reaktorhalle kontaminiert. Aufgrund der erheblichen Schäden wurde der Reaktor 1979 endgültig stillgelegt.[12.6] 4[12.6]
28. März 1979 Three Mile Island (Pennsylvania)
Vereinigte Staaten 49 Vereinigte Staaten
Mitarbeiter vom Kernkraftwerk Three Mile Island bei Dekontaminationsarbeiten

Im Kernkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg kam es am 28. März 1979 zu einem schweren Reaktorunfall, der von einem zunächst geringfügigen Störfall im Kondensat-Reinigungssystem ausging und infolge von Systemfehlern, Komponentenversagen und Fehlhandlungen des Betriebspersonals eskalierte. Nach dem Ausfall der Speisewasserversorgung und einer automatisch ausgelösten Reaktorschnellabschaltung konnten die Notspeisewasserpumpen aufgrund geschlossener Ventile kein Wasser in die Dampferzeuger fördern, sodass die Wärmeabfuhr gestört war. In der Folge öffnete ein Abblaseventil im Primärkreislauf und blieb unbemerkt in offener Stellung, wodurch über Stunden große Mengen Kühlmittel verloren gingen. Eine Vielzahl gleichzeitig auftretender Alarme und unzureichende Anzeigen erschwerten die Diagnose, sodass die Operateure den Kühlmittelverlust nicht erkannten und teilweise fehlerhaft in die Notkühlsysteme eingriffen; zudem wurden Hauptkühlmittelpumpen abgeschaltet, was die Aufheizung weiter beschleunigte. In der Folge kam es zur Überhitzung und zum teilweisen Trockenfallen des Reaktorkerns, was schließlich in eine partielle Kernschmelze überging. Dabei wurden erhebliche Mengen Spaltprodukte und Wasserstoff in den Sicherheitsbehälter freigesetzt, der jedoch intakt blieb und eine weitgehende Rückhaltung der radioaktiven Stoffe bewirkte.[5.4] Geringe Mengen radioaktiver Gase wurden dennoch in die Umwelt abgegeben; die maximale individuelle Strahlenexposition wurde mit etwa 80 Millirem (ca. 0,8 Millisievert) angegeben, während die durchschnittliche Dosis für die nächstgelegenen Einwohner bei etwa 9 Millirem lag.[12.6]

5[10]
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1980er Jahre

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13. März 1980 Saint-Laurent-des-Eaux,
Frankreich Frankreich
Im UNGG-Reaktor A2 des Kernkraftwerks Saint-Laurent kam es am 13. März 1980 zu einem schweren Störfall, nachdem ein Anstieg der Radioaktivität im Kühlgas auf das Vorhandensein radioaktiver Gase aus dem Brennstoff hinwies. Der Reaktor wurde daraufhin abgeschaltet. Untersuchungen ergaben, dass sich infolge von Korrosion eine etwa 0,5 m2 große Halteplatte eines Drucksensors gelöst hatte und mehrere Kühlkanäle blockierte. Die dadurch verursachte Behinderung des Kühlmittelflusses führte in dem betroffenen Bereich zur Überhitzung und zum teilweisen Schmelzen von Brennelementen; wobei rund 20 kg Uran und Magnesium betroffen waren. Obwohl weniger Brennstoff schmolz als bei dem früheren Störfall im selben Kernkraftwerk, führte der Einsatz bereits stark abgebrannten und daher besonders radioaktiven Brennstoffs zu einer vergleichsweise stärkeren, insgesamt jedoch geringen Freisetzung von Radioaktivität. Im Oktober 1983 konnte der Reaktor wieder ans Netz gehen.[12.7] 4[10]
9. Sep. 1982 KKW Tschernobyl,
Sowjetunion Sowjetunion
Im Block 1 des Kernkraftwerks Tschernobyl wurde im September 1982 durch Fehler des Personals ein Brennstoffkanal in der Mitte des Reaktors zerstört. Eine große Menge radioaktiver Substanzen wurden über den industriellen Bereich der Kernkraftanlage und die Stadt Prypjat verteilt. Das Personal, das mit der Beseitigung der Konsequenzen dieses Unfalls beschäftigt war, erhielt hohe Strahlendosen.[23] 4[10]
23. Sep. 1983 Buenos Aires,
Argentinien Argentinien
Am 23. September 1983 kam es im experimentellen Reaktor RA-2 im Centro Atómico Constituyentes während einer Umgestaltung des Reaktorkerns zu einer unbeabsichtigten nuklearen Kettenreaktion. Dabei erhielt ein Bediener eine tödliche Strahlendosis und verstarb 48 Stunden später; weitere anwesende Personen im Kontrollraum und in benachbarten Laboren wurden geringeren Strahlendosen ausgesetzt.[25] 4[10]
10. Aug. 1985 Chasma-Bucht, Primorje
Sowjetunion 1955 Sowjetunion
Am 10. August 1985 ereignete sich in der sowjetischen Chasma-Bucht (Region Primorje) während Wartungsarbeiten an der nuklear angetriebenen U-Boot-Reaktoranlage des U-Boots K-431 ein schwerer Reaktorunfall. Beim Öffnen des Reaktordeckels während des Brennstoffwechsels kam es infolge von Bedienungsfehlern und unzureichender Sicherung der Steuerstäbe zu einer unkontrollierten kritischen Reaktion im Reaktorkern. Innerhalb von Millisekunden entwickelte sich eine starke Leistungssteigerung, die eine Dampf- bzw. thermische Explosion auslöste und den Reaktor zerstörte; der Reaktordeckel wurde dabei weggeschleudert und die Brennelemente stark beschädigt. Dabei wurden radioaktive Stoffe freigesetzt und ein lokaler radioaktiver Fallout entstand, der insbesondere das Werftgelände sowie Teile der Umgebung kontaminierte; auch das angrenzende Meeresgebiet wurde belastet. Die radioaktive Wolke zog in Richtung der Ussuri-Bucht und führte vor allem in küstennahen Bereichen zu messbarer Kontamination von Boden und Vegetation, während weiter entfernte Gebiete der Region Primorje nur geringe zusätzliche Strahlenexpositionen erfuhren. Die Strahlenbelastung der Bevölkerung blieb insgesamt relativ niedrig. Bei dem Unfall kamen zehn Arbeiter ums Leben, zahlreiche weitere Personen erhielten zum Teil erhebliche Strahlendosen.[26] 5[26]
4. Jan. 1986 Gore (Oklahoma)
Vereinigte Staaten 49 Vereinigte Staaten
In der Urankonversionsanlage Sequoyah von Kerr-McGee in Gore, Oklahoma kam es am 4. Januar 1986 zum Aufreißen eines überfüllten Zylinders mit Uranhexafluorid. Während des Abfüllens war aufgrund einer fehlerhaft kalibrierten Waage zu viel Uranhexafluorid eingefüllt worden. Nachdem der Fehler erkannt worden war, sollte der Überschuss entfernt werden, was jedoch misslang, da der Stoff im Zylinder teilweise erstarrte. Anschließend wurde der Zylinder entgegen den Betriebsvorschriften erhitzt, um das Material wieder zu verflüssigen. Dabei riss der Behälter auf; das Uranhexafluorid reagierte mit Feuchtigkeit und bildete unter anderem Uranylfluorid und Flusssäure, die als Gas freigesetzt wurden. Ein Arbeiter starb infolge des Einatmens der Flusssäure. Von den 42 anwesenden Beschäftigten mussten 37 ins Krankenhaus eingeliefert werden; zudem wurden bis zu 100 weitere Personen aus der Umgebung medizinisch untersucht, von denen 21 kurzzeitig stationär behandelt werden mussten.[27]
26. April 1986 KKW Tschernobyl,
Sowjetunion Sowjetunion
Luftaufnahme des zerstörten Reaktorgebäudes

Der folgenschwerste Unfall in der Geschichte der Kernenergie ereignete sich am 26. April 1986 während einer geplanten Revision des 4. Blocks im Kernkraftwerk Tschernobyl. Bei einem Inbetriebsetzungsversuch zur Überprüfung bestimmter Sicherheitseigenschaften des Not- und Nachkühlsystems kam es aufgrund unvorhergesehener Anlagenzustände zu einem unkontrollierten Anstieg der Leistung. Die Handabschaltung konnte aufgrund der Besonderheiten des RBMK-Kerns die rapide Freisetzung von Energie in den Brennelementen nicht kompensieren. Dies führte zur vollständigen Zerstörung des Reaktorkerns und des umgebenden Gebäudes durch einen extremen Druckanstieg im Reaktorkern. Infolge des Unfalls starben 31 Personen sofort durch akutes Strahlensyndrom und weitere bekamen langfristige Gesundheitsprobleme. Tausende Liquidatoren, die in den hochbelasteten Gebieten eingesetzt wurden, erlitten lebensgefährliche Strahlenexpositionen. Psychogene Erkrankungen waren bei den Betroffenen weit verbreitet. Evakuierungen und Umsiedlungen betrafen Hunderttausende Menschen. Große Landflächen wurden radioaktiv kontaminiert, und die Sperrzone von Tschernobyl bleibt unbewohnbar. Nach dem Tschernobyl-Unfall waren Informationen über die Folgen unvollständig, geschönt und verspätet. Die sowjetische Bevölkerung wurde unzureichend informiert, und die genauen Auswirkungen wurden erst im Laufe der Jahre sichtbar. Der Unfall hatte weltweit dramatische Auswirkungen auf die öffentliche Wahrnehmung von Kernenergie und das Verständnis von Reaktorsicherheit.[5.5] Die Abschätzung der durch den Unfall verursachten Todesfälle ist mit erheblichen Unsicherheiten behaftet, da zusätzliche Krebsfälle statistisch nur schwer von der hohen natürlichen Hintergrundrate zu unterscheiden sind. Entsprechend variieren die Angaben stark; internationale Expertengremien schätzen die Zahl der möglichen strahlenbedingten Todesfälle langfristig auf einige Tausend, wobei diese Einschätzungen weiterhin umstritten sind. Die am besten belegte gesundheitliche Folge des Reaktorunfalls ist ein deutlicher Anstieg von Schilddrüsenkrebs, insbesondere bei Personen, die im Kindesalter in stark kontaminierten Gebieten exponiert waren.[28]

7[1]
21. Jan. 1987 KKW Belojarsk
Sowjetunion Sowjetunion
Am 21. Januar 1987 kam es im schnellen Brutreaktor Kernkraftwerk Belojarsk (Block BN-600) zu einem Störfall, als infolge einer Überschreitung der zulässigen Betriebstemperaturen im Reaktorkern zahlreiche Brennstabhüllrohre ihre Dichtheit verloren. Dadurch wurden radioaktive Stoffe mit einer Gesamtaktivität von etwa 100.000 Curie freigesetzt.[29] 4[29]
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1990er Jahre

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6. April 1993 Sewersk,
Russland Russland
Am 6. April 1993 ereignete sich in einer Wiederaufarbeitungsanlage der kerntechnischen Anlage Tomsk ein schwerer Unfall, als in einem Tank mit Urannitratlösung ein Überdruck entstand und es zu einer Explosion kam. Dabei wurde der Deckel der Zelle weggeschleudert, und radioaktive Stoffe wurden sowohl direkt aus dem Gebäude als auch über ein Lüftungssystem mit einem 150 m hohen Schornstein freigesetzt. Die freigesetzte Aktivität betrug insgesamt etwa 1,5 Terabecquerel an Beta- und Gammastrahlern. Die Kontamination betraf zunächst ein etwa 1.500 m2 großes Areal in unmittelbarer Nähe der Anlage; eine Ausbreitung erfolgte vor allem in nordöstlicher Richtung über bewaldetes Gebiet bis in landwirtschaftlich genutzte und bewohnte Flächen. Günstige Wetterbedingungen wie geringer Wind und Schneefall begrenzten die weitere Ausbreitung. Die Strahlenbelastung blieb vergleichsweise gering; die höchste gemessene Dosis bei einem Arbeiter lag bei etwa 7 Millisievert, während Einsatzkräfte rund 2 Millisievert erhielten. Verletzte gab es nicht.[30] 4[10]
30. Sep. 1999 Tōkai-mura,
Japan Japan

In einer Anlage des japanischen Kernbrennstoff-Unternehmens JCO kam es am 30. September 1999 zu einem Kritikalitätsunfall. Dabei wurde eine Lösung aus angereichertem Uran in einer Menge, die den zulässigen Grenzwert um ein Vielfaches überschritt, unter Missachtung der vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen in einen Behälter zur Durchmischung eingefüllt, wodurch eine unkontrollierte nukleare Kettenreaktion ausgelöst wurde. Drei Arbeiter erlitten akute Strahlenkrankheit, während weitere Beschäftigte und Anwohner Strahlendosen erhielten. Rund 161 Personen im Umkreis von etwa 350 Metern wurden evakuiert; zusätzlich wurde etwa 310.000 Einwohnern der Region vorsorglich geraten, für mehrere Stunden in ihren Häusern zu bleiben.[31] Zwei der erkrankten Arbeiter erlitten ein schweres Knochenmarkversagen, mussten mit Stammzelltransplantationen behandelt werden und starben später nach Komplikationen wie Hautschäden, inneren Blutungen und Multiorganversagen, während der dritte Betroffene nach medizinischer Behandlung ohne größere Spätfolgen überlebte.[32]

4[10]
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2000er Jahre

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11. März 2006 Fleurus,
Belgien Belgien
Am 11. März 2006 betrat ein Arbeiter in einer Anlage zur Strahlensterilisation im Institut national des radioéléments (IRE) einen Bestrahlungsraum, ohne zu wissen, dass sich eine Cobalt-60-Quelle aufgrund eines Defekts im Hydrauliksystem teilweise außerhalb ihrer sicheren Abschirmposition befand. Während er ein Alarmsystem zurücksetzte, wurde er etwa 22 Sekunden lang einer sehr hohen Strahlung ausgesetzt und erhielt eine Ganzkörperdosis von etwa 4,2 bis 4,8 Gray. Innerhalb weniger Stunden traten erste Symptome wie Erbrechen auf, gefolgt von Durchfall, Kopfschmerzen und starkem Haarausfall in den folgenden Wochen. Es entwickelte sich eine schwere Form der akuten Strahlenkrankheit mit ausgeprägter Panzytopenie, die eine stationäre Behandlung erforderlich machte.[33] 4[34]
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2010er Jahre

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11. März 2011 Fukushima,
Japan Japan
Reaktorblock 3 des Kernkraftwerks Fukushima nach der Explosion

Im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi kam es am 11. März 2011 infolge des Tōhoku-Erdbebens zu einer Reaktorkatastrophe. Nach dem Erdbeben schalteten sich die in Betrieb befindlichen Blöcke 1 bis 3 zwar planmäßig ab, jedoch führte der kurz darauf eintreffende Tsunami mit Wellen von bis zu 15 m Höhe zum Ausfall nahezu aller Notstromdiesel und der Kühlungssysteme. Dadurch konnte die Nachzerfallswärme in den Reaktoren nicht mehr abgeführt werden. In den folgenden Stunden und Tagen kam es in den Blöcken 1 bis 3 zu Kernschäden bis hin zu Kernschmelzen. Wasserstoff, der bei den Reaktionen im überhitzten Kern entstand, führte am 12. und 14. März zu Explosionen in den Reaktorgebäuden der Blöcke 1 und 3 sowie am 15. März zu einer weiteren Explosion in Block 4. Parallel dazu wurden umfangreiche Notmaßnahmen wie Druckentlastungen (Venting) und provisorische Kühlversuche, unter anderem mit Meerwasser, durchgeführt. Bereits am 11. März wurde der nukleare Notstand ausgerufen und eine Evakuierung der Bevölkerung eingeleitet, die schrittweise auf einen Radius von 20 km ausgeweitet wurde und insgesamt rund 146.500 Menschen betraf.[35] Auf dem Anlagengelände wurden zunächst hohe Strahlungswerte gemessen, die den Einsatz nur unter strengen Schutzmaßnahmen ermöglichten. Radioaktive Stoffe gelangten sowohl über die Luft als auch über kontaminiertes Kühlwasser in die Umwelt, insbesondere in den Pazifik, wobei sich die Belastung später deutlich verringerte. Während keine unmittelbaren strahlenbedingten Todesfälle festgestellt wurden und gesundheitliche Folgen für die Bevölkerung nur schwer nachweisbar sind, führten Evakuierungen und deren Begleitumstände zu erheblichen indirekten Schäden; einige Studien gehen von mehreren Hundert Todesopfern infolge der Evakuierungsmaßnahmen aus.[36] Der Unfall führte dazu, dass die Sicherheit von Kernkraftwerken sowohl in Japan als auch international überprüft wurde und weltweit strengere Sicherheitsstandards eingeführt wurden.[37]

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194019501960197019801990 20002010 • 2020

Siehe auch

Literatur

  • Serge Marguet: A Brief History of Nuclear Reactor Accidents: From Leipzig to Fukushima. Springer, Cham 2023, ISBN 978-3-03110499-2.
  • Paul Laufs: Reaktorsicherheit für Leistungskernkraftwerke 1: Die Entwicklung im politischen und technischen Umfeld der Bundesrepublik Deutschland. Springer, Berlin, Heidelberg 2018, ISBN 978-3-662-53452-6.
  • P. L. Ølgaard: Accidents in Nuclear Ships (= Nordic Nuclear Safety Research [Hrsg.]: NKS Report. NKS-RAK-2(96)TR-C3). 1996 (dtu.dk).

Einzelnachweise

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