Offenborn-Prozess
Serie von politischen Strafverfahren
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Der Offenborn-Prozess und andere bezeichnet eine Serie von politischen Strafverfahren vor dem Kammergericht in Berlin und weiteren Gerichten des nationalsozialistischen Justizsystems in den Jahren 1935 bis 1938. In diesen Verfahren wurden mehrere Hundert Sozialdemokraten, Kommunisten und parteiunabhängige Regimegegner aus dem Raum Hamburg, Schleswig-Holstein und dem Kreis Pinneberg wegen angeblicher „Vorbereitung zum Hochverrat“ angeklagt und verurteilt.
Die Prozesse gelten als eines der umfangreichsten Justizverfahren gegen den organisierten Arbeiterwiderstand im norddeutschen Raum.
Hintergrund
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 wurden SPD und KPD verboten, ihre Organisationen zerschlagen und führende Funktionäre verhaftet. Trotz der massiven Repression bildeten sich in zahlreichen Städten und Gemeinden illegale Widerstandsgruppen, die Flugblätter herstellten, Informationen austauschten und Kontakte unterhielten.
Im Raum Hamburg, Uetersen, Elmshorn und Barmstedt bestanden besonders enge persönliche Netzwerke zwischen sozialdemokratischen und kommunistischen Widerstandskämpfern. Diese Zusammenarbeit bildete einen Schwerpunkt der Verfolgung durch Gestapo und Justiz.
Ermittlungen
Ab Ende 1934 führte die Gestapo umfangreiche Ermittlungen gegen mutmaßliche Widerstandsstrukturen durch. Ausgangspunkt waren Verhaftungen einzelner KPD-Mitglieder, deren unter Folter erzwungene Aussagen zur Identifikation weiterer Beteiligter genutzt wurden.
Die Ermittlungen mündeten in einer groß angelegten Verhaftungswelle im Dezember 1934 und im Frühjahr 1935. Betroffen waren insbesondere Arbeiter, Gewerkschafter und frühere Funktionäre von SPD, KPD und dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold.
Die Prozesse
Die Verfahren wurden unter der Sammelbezeichnung „Offenborn-Prozess und andere“ geführt, benannt nach Johannes Dietrich Offenborn, einem der Hauptangeklagten. Sie fanden überwiegend vor dem 3. Strafsenat des Kammergerichts Berlin statt.
In mehreren Teilprozessen wurden insgesamt mehrere Hundert Angeklagte abgeurteilt. Die Anklagen lauteten in der Regel auf „Vorbereitung zum Hochverrat“ gemäß § 83 des Reichsstrafgesetzbuches. Grundlage war die nationalsozialistische Rechtsauffassung, nach der bereits das Festhalten an sozialistischen oder kommunistischen Zielen als staatsfeindlich galt.
Die Urteile umfassten:
- mehrjährige Zuchthaus- und Gefängnisstrafen
- Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte
- anschließende Polizeiaufsicht
- Überstellung in Konzentrations- und Straflager
Die folgende Liste der Verurteilten im Offenborn-Prozess gibt einen Überblick über bekannte Personen, die im Rahmen der Strafverfahren gegen „Offenborn und andere“ wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ vor dem Kammergericht Berlin verurteilt wurden. Die Prozesse fanden zwischen 1935 und 1938 statt und richteten sich vor allem gegen Angehörige der KPD, der SPD sowie weiterer antifaschistischer Gruppen im Raum Hamburg, Schleswig-Holstein und dem Kreis Pinneberg. Insgesamt waren in den Prozessen mehrere Hundert Angeklagte beteiligt, von denen 261 verurteilt wurden zu Zuchthaus- und Gefängnisstrafen mit insgesamt mehr als 661 Jahren Haft.[1]
Verurteilte Personen
| Name | Geburtsjahr | Todesjahr | Wohnort/Partei | Verurteilung (Strafe) | Bemerkungen |
|---|---|---|---|---|---|
| Johannes Dietrich Offenborn | 1902 | – | Elmshorn / KPD | 8 Jahre Zuchthaus, 10 Jahre Ehrverlust | Hauptangeklagter im ersten Teilprozess[2] |
| Heinrich Lohmann | 1902 | 1979 | Tornesch | 2 ½ Jahre Zuchthaus | Unterstützte die „Rote Hilfe“ |
| Theodor Lohmann | 1904 | 1970 | Tornesch | Zuchthaus & Haftlager | Bruder von Heinrich Lohmann; Zwangsarbeit in KZ Esterwegen |
| Victor Andersen | 1908 | 1995 | Uetersen / SPD | 4 Jahre Zuchthaus | Widerstandskämpfer im Kreis Pinneberg |
| Arthur Sorg | 1901 | 1937 | Moorrege | 3 Jahre Zuchthaus | Gestorben im Emslandlager Aschendorfer Moor |
| Wilhelm Vollstedt | 1888 | 1942 | Uetersen | 3 Jahre Zuchthaus | Gestorben im KZ Neuengamme |
| Johann Britten | 1904 | 1945 | Uetersen / KPD | Verurteilt (Jahrgangsangaben variieren) | Mit einem Flüchtlingsschiff in der Ostsee untergegangen |
| Josef Kristen | 1903 | 1988 | Uetersen / KPD | 4 ½ Jahre Zuchthaus | Strafdivision 999 |
| Karl Christian Haase | 1893 | 1968 | Uetersen / KPD | 4 Jahre Zuchthaus, 4 Jahre Ehrverlust | Waffen des Arbeiterrats Uetersen |
| Heinrich Groth | 1902 | 1974 | Horst / RGO | 2 ½ Jahre Zuchthaus | Lederarbeiter, RGO-Mitglied |
| Karl Jürs | 1902 | – | Uetersen / KPD | 3 Jahre Zuchthaus | Kurier im Untergrund |
| Hans Peter Due | 1904 | – | Uetersen / KPD | 3 Jahre Zuchthaus | Mitglied der Roten Hilfe |
| Heinrich Carsten Behrs | 1892 | – | Heidgraben / KPD | 3 Jahre Zuchthaus | Arbeiter |
| Franz Josef Kristen | 1900 | 1971 | Handorf / KPD | 6 Jahre Zuchthaus, 6 Jahre Ehrverlust | Kommunistischer Leiter |
Hinweise
- Die Tabelle enthält belegte Daten für Personen, die in verschiedenen Teilprozessen angeklagt wurden.
- Insgesamt wurden in den Prozessen 261 Angeklagte verurteilt; die obige Liste enthält nur jene, für die hinreichend belegbare Angaben vorliegen.
- Frauen, die ebenfalls verurteilt wurden, sind in gesonderten Beiträgen dokumentiert, jedoch hier nicht einzeln aufgelistet, da ihre individuellen Daten zurzeit noch nicht vollständig für eigene Artikel aufgearbeitet sind.
Haftfolgen
Viele der Verurteilten verbüßten ihre Strafen in Zuchthäusern wie Rendsburg oder wurden in Lager wie das Polizeigefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel (KoLaFu) eingeliefert. Ein erheblicher Teil kam anschließend in Konzentrations- oder Straflager der Emslandlager, darunter das Emslandlager Aschendorfermoor und das KZ Esterwegen.
Mehrere der Verurteilten überlebten die Haft nicht. Andere wurden nach Verbüßung ihrer Strafen als politisch „wehrunwürdig“ in die Strafdivision 999 eingezogen.
Historische Bedeutung
Der Offenborn-Komplex steht exemplarisch für die systematische Kriminalisierung politischer Opposition durch die nationalsozialistische Justiz. Die Verfahren dienten nicht der individuellen Schuldklärung, sondern der Zerschlagung sozialer Netzwerke und der Abschreckung der Bevölkerung.
Historiker bewerten die Prozesse als Teil eines repressiven Zusammenspiels von Gestapo und Justiz, bei dem rechtsstaatliche Prinzipien bewusst außer Kraft gesetzt wurden.
Erinnerung
Die Verfolgung im Zusammenhang mit dem Offenborn-Prozess ist heute Teil der regionalen Erinnerungskultur im Kreis Pinneberg. Gedenksteine, Stolpersteine und Dokumentationen erinnern an die Betroffenen, unter anderem in Uetersen und Elmshorn.
Literatur
- Herbert Diercks: Die Freiheit lebt! Widerstand und Verfolgung im Kreis Pinneberg 1933–1945. Hamburg 1983.
- Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein (AKENS): Dokumentationen zum Widerstand im Kreis Pinneberg.
- Spurensuche Kreis Pinneberg und Umgebung: Beiträge zum Widerstand und zur politischen Verfolgung 1933–1945.