Olam Haba
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Der Begriff Olam Haba (hebräisch עוֹלָם הַבָּא) bzw. Ha'olam Ha-Bah (hebräisch העולם הבא) bedeutet wörtlich „kommende Welt“ bzw. „die kommende Welt“, d. h. das Jenseits. Der Ausdruck „Olam ha-bah“ selbst kommt in der hebräischen Bibel nicht vor. Er stammt aus dem Talmud, einem der wichtigsten Schriftwerke des Judentums, genauer entstammte der Begriff aus der rabbinischen Literatur.[1]
Begriffe und Abgrenzungen
Mit Olam ha-zeh (hebräisch עולם הזה) wird die „gegenwärtige Welt“, das Leben, wie es unmittelbar erlebbar wird, also materiell, vergänglich, geprägt von Prüfungen, Leid, aber auch von der Möglichkeit zur Teschuwa (Umkehr), Mizwa (guten Taten) und spirituellem Wachstum bzw. Transformation, beschrieben. Die gegenwärtige Welt, ist die, wie sie jetzt existiert, zeitlich begrenzt, materiell und unvollkommen.
Olam ha-emet (hebräisch עולם האמת) bezeichnet im rabbinischen Judentum die jenseitige Wirklichkeit, in der alle Illusionen des Diesseits wegfallen und die Wahrheit über das Leben und die Taten des Menschen vollständig offenbar wird.
Olam ha-bah (hebräisch עולם הבא) beschreibt, die „kommende Welt“, das Jenseits oder die Welt nach dem Tod, in vielen jüdischen Traditionen verstanden als der Ort, an dem die Seelen nach dem Tod verweilen oder belohnt werden. In manchen Auslegungen ist dies auch die Welt nach der Auferstehung der Toten und der Ankunft des Messias.[2]
Olam ha-emet bezeichnet das unmittelbare Jenseits, in dem die Seele nach dem Tod existiert, also die individuelle jenseitige Existenz der Seele, während Olam ha-bah die zukünftige Welt nach der Auferstehung der Toten oder im messianischen Zeitalter meint. Oft werden die Begriffe verwechselt, sind aber inhaltlich unterschiedlich. Wie Pirkei Avot (4:16) sagt: (…) Diese Welt ist nur ein Vorraum zur kommenden Welt (Olam ha-bah), auf die man sich vorbereiten soll. (…).
Im Judentum nimmt die Eschatologie im Vergleich zu anderen monotheistischen Religionen eine eher zurückhaltende Rolle ein.[3] Der Schwerpunkt liegt nicht auf spekulativen Jenseitsvorstellungen, sondern auf dem verantwortungsvollen Handeln im Hier und Jetzt. Im Zentrum steht die Verwirklichung von göttlichen Geboten (Mitzwot), ethischem Verhalten und sozialer Gerechtigkeit innerhalb der diesseitigen Welt (Olam ha-zeh). Die rabbinische Literatur betont wiederholt, dass das irdische Leben die entscheidende Bühne für moralisches Wachstum und spirituelle Verwirklichung darstellt. So heißt es in Awot de-Rabbi Natan: „(…) Ein einziger Moment von Umkehr und guten Taten in dieser Welt ist mehr wert als das ganze Leben in der kommenden Welt. (…)“ (Awot de-Rabbi Natan 29). Die Bedeutungseben oder Interpretationsschichten sind:
- Rabbinisches Judentum, entweder das Jenseits nach dem Tod oder die messianische Endzeit;
- Jüdische Philosophie, z. B. Maimonides, ein Zustand der reinen Seele, die nach dem Tod in der Nähe Gottes existiert.
- Jüdische Mystik (Kabbala), tiefer verwoben mit der spirituellen Struktur des Kosmos. So ist in der (späteren)[4] Kabbala das Olam ha-bah nicht bloß das Jenseits, sondern der endgültige Zustand spiritueller Vollendung, in dem die Seele nach Läuterung und Tikkun in die Einheit mit dem göttlichen Ursprung (Ein Sof) zurückkehrt.
| Merkmale | rabbinische Sicht | kabbalistische Sicht |
|---|---|---|
| Olam ha-bah | Zeit nach dem Tod oder Messias | Transzendente Seinsstufe jenseits der gegenwärtigen Welt (hebräisch עולם הזה) wird |
| Zugang | durch Tora, Mizwa, Glauben, Keduscha, (hebräisch קְדוּשָּׁה) | durch spirituelle Läuterung, Tikkun, mystische Einheit, Hitbodedut, (hebräisch הִתְבּוֹדְדוּת) |
| Qualität | Belohnung (hebräisch שָׂכָר sachar), spirituelle Nähe zu Gott[5] | Rückkehr zur Einheit mit Ein Sof |
| Ziel | Nähe zu JHWH | Auflösung des Selbst in göttlichem Licht, (hebräisch אוֹר אֵינְסוֹף or ein sof) durch die Devekut, (hebräisch דְּבֵקוּת) |
Begriffsgeschichte
Der Tanach befasst sich hauptsächlich mit dem Leben im Diesseits, und so finden sich hier nur wenige Textzeilen, die sich mit dem Leben nach dem Tod befassen. So wird im Buch Daniel 12,2 EU davon berichtet, dass viele unter der Erde schlafen liegen. Sie würden aufwachen, etliche zum ewigen Leben, andere aber zu ewiger Schmach und Schande.
Im Traktat Avot der Mischna (Kapitel 4, Vers 16) wird die jetzige Welt (hebräisch עולם הזה Olam HaSeh „diese Welt“) nur als Vorhalle der künftigen Welt beschrieben. Die Mischna bildet die Basis des Talmud, sie wurde im Umkreis des Rabbi Jehuda ha-Nasi Anfang des 3. Jahrhunderts aus Galiläa verfasst.
Um die Zeitenwende gab es große Differenzen zwischen den Peruschim (Pharisäer), den Zadokim[6] (Sadduzäer) und den Jachad (Essenern), so dass der Glaube an ein Jenseits erst spät in der jüdischen Geschichte entwickelt wurde.
Mit Olam Haba wird eine jenseitige ‚Existenzform‘ verstanden. Der Begriff verweist auf das spirituelle Jenseits. Der Glaube an die Auferstehung ist zwar kein Dogma, gehört allerdings zu den 13 Glaubenssätzen des Maimonides und steht mit der messianischen Zeit in Verbindung. Mit ihrem Anbruch wird eine vollkommene Welt des Friedens und des Wohlergehens eingeleitet, dann würden die Gerechten wieder zum Leben erweckt werden. Ihnen würde dann die Möglichkeit gegeben, eine Welt zu erfahren, die sie durch ihre Gerechtigkeit zu vervollkommnen halfen.[7] Damit bezieht sich das Olam Haba auf zwei unterschiedliche Konzepte:
- Einer Welt der Seelen (hebräisch עולם הנשמות olam haneshamot), in der die Seele des Menschen nach dem Tod von seinem Körper getrennt wird und Vergeltung für sein Handeln in der Welt der Lebenden erfährt;
- Einer Welt, die nach dem Kommen des Messias am Ende der Tage in ihrer Fülle angekommen sein wird (vgl. Eschatologie).
Zur Zeit der Mischna und des Talmud lag die Bedeutung im ersten Konzept, das zweite Konzept entspricht der rabbinischen Tradition.
Literatur
- Yujin Nagasawa, Mohammad Saleh Zarepour (Hrsg.): Global Dialogues in the Philosophy of Religion. From Religious Experience to the Afterlife. Oxford University Press, 2024, ISBN 978-0-19-286549-6.
- Josef Stern: A guide to the After Death: Maimonides on olam ha-ba’. Religious Studies. (2024) 60 (S1): S. 74–90, doi:10.1017/S003441252300001X, auf cambridge.com
- Tyron Goldschmidt, Aaron Segal: Judaism. In: Yujin Nagasawa, Benjamin Matheson (Hrsg.): The Palgrave Handbook of the Afterlife. (Palgrave Frontiers in Philosophy of Religion), Palgrave Macmillan, London 2017, ISBN 978-1-137-48608-0, S. 107–127.