Operation Laus

deutsche nachrichtendienstliche Operation des Bundesnachrichtendienstes (BND) From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Operation Laus war eine deutsche nachrichtendienstliche Operation des Bundesnachrichtendienstes (BND) zur Erfassung nicht verschlüsselter Verkehre aus dem Richtfunknetz der Partei (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, SED) in der DDR von 1967 bis 1982 und gilt als eine der erfolgreichsten BND-Operationen im Kalten Krieg.

Beschreibung

Ab Mitte der 1950er Jahre wurde ein von den Verbindungen der Deutschen Post der DDR unabhängiges Richtfunk-Netz zwischen der SED-Zentrale in Ost-Berlin sowie den Bezirks- und Kreisleitungen aufgebaut.[1.1] Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 war die Beschaffung von Informationen über die DDR mittels menschlicher Quellen durch den BND stark erschwert. In den 1960er Jahren baute der BND die Fernmelde- und Elektronische Aufklärung daher erheblich aus.[1.2] 1967 konnte der BND erstmals Ferngespräche und Fernschreiben aus dem Richtfunk-Netz des Zentralkomitees der SED auffassen, die an die Bezirksleitung in Erfurt und die nachgeordneten Kreisleitungen gerichtet waren. Im BND erhielten die aus dieser Erfassung gewonnenen Informationen die Tarnbezeichnung Laus.[1.1] Die Auswertung nutzte die Informationen erstmals im Frühjahr 1968 im Rahmen ihrer Berichterstattung. Ort der ersten Erfassung war die Fernmeldeanlage im Camp Foch im französischen Sektor von West-Berlin, die der BND unter dem Decknamen Sandwüste mitnutzte. Der BND stockte das Personal im Objekt Sandwüste mehrfach auf und ging 1971 in den 24-Stunden-Betrieb über.[1.1] Er begann ab 1972 auch Aufklärungstürme der Bundeswehr an der innerdeutschen Grenze für die Operation Laus mitzunutzen. Die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr hatte die BND-interne Tarnbezeichnung Concordia. Ab spätestens 1969 erhielt der BND auch SED-Richtfunk-Erfassungen von den Vereinigten Staaten, die diese durch ihre Fernmeldeanlage auf dem Berliner Teufelsberg erfasste. Letzteres Informationsaufkommen wurde BND-intern als BM-Hortensie und später Thepsis bezeichnet.[1.3]

Von 1969 bis 1974 steigerten sich die in der Auswertung eingehenden Rohmeldungen aus der Laus-Erfassung von jährlich 1500 auf 21.500.[1.4] 1972 beruhten 80 Prozent der Ausgangsberichterstattung der politischen DDR-Auswertung des BND (Referat III B 3) auf dem SED-Richtfunk, 1974 circa 90 Prozent der eingehenden Meldungen sowie etwa 60 bis 70 Prozent der Ausgangsberichterstattung.[1.4] Um das Aufkommen zu bewältigen, wuchs das Referat bis 1976 auf 25 Dienstposten an und gehörte damit zu den größten Referaten der politischen Auswertung (Unterabteilung III B).[1.4] Die SED-Fernschreiben enthielten Informationen, Direktiven und Agitationsmaterialien aus der SED-Zentrale an die regionalen und lokalen Parteistellen sowie die entsprechenden Reaktionen in umgekehrter Richtung.[1.5] Zum Quellen- und Methodenschutz trugen Meldungen aus der Operation Laus grundsätzlich den Geheimhaltungsgrad GEHEIM, auch wenn ihr Inhalt nicht sicherheitsrelevant erschien. Rohmaterial wurde nach der Auswertung bis auf wenige Ausnahmen vernichtet.[1.6] Die sogenannte BM-Mappe, die bei den Treffen des BND-Präsidenten mit dem Chef des Bundeskanzleramtes im Anschluss an die wöchentliche ND-Lage übergeben wurde, enthielt Mitte der 1970er Jahre häufig Abschriften von Gesprächen aus der Operation Laus.[2]

Die Funkabwehr (Linie III) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) war sich spätestens ab 1967 über die Abschöpfbarkeit des SED-Richtfunknetzes bewusst. Sehr wahrscheinlich verriet Alfred Spuhler, Doppelagent des MfS im BND, in den 1970er Jahren die Operation Laus an den Osten. Wenige Wochen nachdem Spuhler erste Informationen aus dem BND an die DDR verraten hatte, berichtete die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (ZIAG) des MfS hausintern über das „Abschöpfen von Klartextfunksprüchen durch den Gegner“.[1.7] Dennoch konnte das MfS das Eindringen des BND nicht verhindern. Die Verschlüsselung des Netzes schritt nur langsam voran und erreichte erst Mitte der 1980er Jahre gerade einmal 50 Prozent. Zudem hielten lokale Parteifunktionäre oft keine Sprechdisziplin ein und besprachen über offene Leitungen die Inhalte kryptierter Fernschreiben.[1.8]

Die Operation Laus endete, als der Zentralkomitee-Apparat der SED 1982 an das drahtgebundene Sondernetz 1 der bewaffneten Organe angeschlossen wurde.[1.8]

Bewertung

Der BND erhielt mit dem Eindringen in die parteiinterne Kommunikation der SED einen Einblick in „die zuvor verschlossene Arkanwelt des Parteiapparats der SED, dem zentralen Herrschafts- und Lenkungsinstrument der DDR.“[1.5] Aus den Fernschreiben ließen sich Erkenntnisse über Aufbau, Arbeitsweise und Reaktionsschnelligkeit der SED, ihre ideologisch-programmatische Aufstellung sowie strategische und agitatorische Erwägungen gewinnen ebenso wie Personenerkenntnisse zum Funktionärskorps der Kaderpartei. Aus dem Fernsprechverkehr zwischen Parteifunktionären ergänzten und kontrastierten die ritualisierten Schriftnachrichten, gaben Zwischentöne und ließen abweichende Meinungen erkennen.[1.5] Die Operation Laus lieferte überwiegend Informationen aus der Innenpolitik, weniger jedoch zur Außenpolitik der DDR und zur Deutschlandpolitik. Informationen zur DDR-Außenpolitik und auch zur DDR-Wirtschaftspolitik konnten hingegen mit der Operation Vogelkäfig gewonnen werden.[3] Die oberste Staatsführung der DDR nutzte das SED-Richtfunknetz nur ausnahmsweise, sondern bediente sich dem drahtgebundenen WTsch-Netz.[1.5]

Durch die schiere Masse an Einzelinformationen konnte die Auswertung, unter Kontextualisierung durch ergänzende Erkenntnisse, in einer „Mosaikmethode“ ein stimmiges Lagebild zusammensetzen.[1.9] Seitens der Auswertung wurde der „unübertroffene Zuverlässigkeitsgrad“ der Meldungen aus der Operation Laus gelobt.[1.4] Sie erwies sich insbesondere in der Phase der deutsch-deutschen Verhandlungsdiplomatie Anfang der 1970er Jahre als zentral.[1.8] Von 1967 bis 1982 war die Aufklärung des SED-Richtfunknetzes das wichtigste nachrichtendienstliche Aufkommen des BND in der DDR.[1.8]

Einzelnachweise

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