Ordo virtutum
From Wikipedia, the free encyclopedia
Der Ordo virtutum (lateinisch für „Ordnung der Tugenden“, in deutscher Übersetzung häufig „Reigen der Tugenden“) ist ein geistliches Singspiel bzw. allegorisches Tugendspiel der Benediktinerin Hildegard von Bingen. Das Werk entstand um 1152 im Umfeld des von Hildegard gegründeten Klosters Rupertsberg und geht auf eine Vision zurück, die im dritten Buch der Visionsschrift Scivias (III,13) überliefert ist.[1] In erweiterter Form ist der Ordo virtutum als eigenständiges Musikdrama in 87 kurzen Partien überliefert, von denen 82 mit Melodien versehen sind, überwiegend in Form von Antiphonen, und gilt in der Forschung als eines der frühesten geistlichen Spiele mit durchkomponierter Musik und als frühes Beispiel des mittelalterlichen Moralitätenspiels.[2]

Entstehung und Einordnung

Im Ordo virtutum gestaltet Hildegard eine der Schlussvisionen von Scivias zu einem eigenständigen geistlichen Tugendspiel aus. In der Forschung wird das Werk meist in die Zeit um 1152 datiert; häufig wird ein Zusammenhang mit der Übersiedlung Hildegards und ihrer Gemeinschaft vom Disibodenberg an den Rhein und mit der Weihe des Rupertsberger Klosters gesehen.[1][3]
Das Stück steht in engem Zusammenhang mit Hildegards visionären Hauptwerken. Inhaltlich knüpft es an die Tugend- und Lasterlehre des Liber vitae meritorum an, in dem die Auseinandersetzung zwischen Tugenden und Lastern in dialogisch aufgebauten Streitgesprächen durchgespielt wird.[3] Zugleich wird der Ordo virtutum in der Forschung als Bindeglied zwischen der visionären Prosa von Scivias und der Sammlung geistlicher Gesänge Symphonia harmoniae caelestium revelationum verstanden, in der das Spiel in einigen Handschriften als Teil von Hildegards Liedkorpus erscheint.[4]
In der Gattungsdiskussion wird der Ordo virtutum unterschiedlich beschrieben: als geistliches Tugendspiel, als Musikdrama oder als mittelalterliches geistliches Spiel mit allegorischer Besetzung. In Anschluss an die von Audrey Ekdahl Davidson angestoßene Forschung wird das Werk als Meisterstück des mittelalterlichen Musikdramas und als eines der frühesten erhaltenen Moralitätenspiele diskutiert, zugleich aber wegen seines ausschließlich visionären und nicht-biblischen Stoffes als singuläre Schöpfung innerhalb der mittelalterlichen Liturgik und Dramatik hervorgehoben.[5][6]
Inhalt und Aufbau
Der Ordo virtutum ist als allegorisches geistliches Spiel über den Kampf um die menschliche Seele konzipiert. Im Mittelpunkt steht die Anima, die von einem Chor der Seelen, von den Tugenden (Virtutes) und vom Teufel (Diabolus) umworben wird. Hildegard gestaltet den Stoff in einem Prolog und mehreren Abschnitten, die sich aus kurzen Gesängen und gesprochenen Partien zusammensetzen.
Der Prolog setzt mit der Frage Qui sunt hi, qui ut nubes? („Wer sind diese, die wie Wolken sind?“) ein und führt die Tugenden den Patriarchen und Propheten vor, die über ihr Wirken staunen. Es folgen Klagen der in den Körper gebannten Seelen; die zunächst zuversichtliche Anima tritt hervor, zeigt eine übersteigerte Sehnsucht nach der himmlischen Heimat und lässt sich vom Teufel zu einem weltzugewandten Leben verführen. In einem langen Mittelteil treten die einzelnen Tugenden in kurzen Gesängen nacheinander auf; der Teufel unterbricht sie immer wieder mit Spott und Einwänden.[6]
Im letzten Teil kehrt die Anima reuig zurück. Die Tugenden nehmen sie wieder auf, binden gemeinsam den Teufel und preisen schließlich Gott. Das Stück endet in einer Prozession aller Beteiligten und einem abschließenden Lobgesang. Die Handlung beruht damit weder auf biblischen Erzählstoffen noch auf einer Heiligenvita, sondern entfaltet in allegorischer Form den ständigen Kampf zwischen Tugenden und Versuchung, den Hildegard auch im Liber vitae meritorum theologisch reflektiert.[6]
Handschriftliche Überlieferung
Der Text des Ordo virtutum ist in mehreren Fassungen und Handschriften überliefert. Eine kürzere Fassung ohne musikalische Notation steht am Ende von Scivias III,13 und ist dort in die Handschriften der Visionsschrift eingebunden.[4]
Daneben existiert eine vollständig neumnierte Fassung im sogenannten Rupertsberger Riesenkodex (Wiesbaden, Hochschul- und Landesbibliothek RheinMain, Hs. 2), wo das Stück im Zusammenhang mit den Gesängen der Symphonia armonie celestium revelationum überliefert ist; diese Handschrift gilt als einzige authentische Quelle für die vollständig notierte Fassung.[7][5]
Eine weitere lateinische Fassung bietet eine spätmittelalterliche Sammelhandschrift der Londoner British Library (Add. 15102), die 1487 für Johannes Trithemius geschrieben wurde.[1] Auf der Grundlage von Michael Embach und Martina Wallner wird die Überlieferungslage in der neueren Forschung als mindestens dreizeugig beschrieben.[8]
Ausgaben und Übersetzungen
Eine frühe Edition des lateinischen Textes veröffentlichte Friedrich Wilhelm Emanuel Roth 1880 in seiner Sammlung Geschichtsquellen aus Nassau.[1] 1927 erschien im St.-Augustinus-Verlag die Ausgabe Der heiligen Hildegard von Bingen Reigen der Tugenden. Ordo virtutum, herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von der Abtei St. Hildegard in Eibingen (P. Barth, M. Böckeler u. a.).
Peter Dronke legte den Text in mehreren Studien und Editionen vor, darunter in Poetic Individuality in the Middle Ages. New Departures in Poetry 1000–1150 (zunächst Oxford 1970, 2. Auflage London 1986) sowie in der Sammlung Nine Medieval Latin Plays (Cambridge 1994) mit paralleler englischer Übersetzung.[1] Eine kritische Edition im Rahmen des Corpus Christianorum erschien 2007 in Hildegardis Bingensis opera minora (CCCM 226). Eine vergleichende Edition mit den Melodien legte Vincent Corrigan 2013 vor.[1]
Für den deutschsprachigen Raum sind neben der Eibinger Ausgabe von 1927 insbesondere eine dramaturgisch aufbereitete Fassung von Bernd Konermann (Ordo virtutum. Das Schau-Spiel vom Tanz der göttlichen Kräfte und der Sehnsucht des Menschen, Augsburg 1991) sowie die Übertragungen und Kommentare der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard und von Barbara Stühlmeyer im Rahmen der Edition der Lieder – Symphoniae verbreitet.[9]
Rezeption
Der Ordo virtutum hat seit dem späten 19. Jahrhundert in der Hildegard-Rezeption und in der Erforschung des mittelalterlichen geistlichen Spiels große Aufmerksamkeit gefunden. Besonders seit dem 20. Jahrhundert wurde das Stück mehrfach aufgeführt und aufgenommen; einen wichtigen Impuls setzte die szenische Realisierung des Stücks durch das Ensemble Sequentia unter der Leitung von Barbara Thornton und Benjamin Bagby, die 1982 im Rahmen eines vom Westdeutschen Rundfunk veranstalteten Kolloquiums zur Musik Hildegards in der romanischen Kirche Groß St. Martin in Köln aufgeführt und später auf Tonträgern veröffentlicht wurde.[2]
In der musikwissenschaftlichen Literatur wird der Ordo virtutum als Schlüsselwerk für das Verständnis von Hildegards Kompositionsweise und ihres theologischen Denkens interpretiert. Studien von u. a. Audrey Ekdahl Davidson, Gunilla Iversen, Roswitha Dabke, Margot Elsbeth Fassler und Michael C. Gardiner haben die allegorische Struktur, die Rollenverteilung, die Tonartenwahl, die Text-Musik-Beziehungen und die Einbindung des Spiels in Hildegards Gesamtwerk und ihren klösterlichen Kontext analysiert.[5][10][6][4]
Literatur
- The Ordo Virtutum of Hildegard of Bingen. Critical Studies. Hrsg. von Audrey Ekdahl Davidson (= Early Drama, Art, and Music Monograph Series, 18). Medieval Institute Publications, Western Michigan University, Kalamazoo 1992.
- Michael C. Gardiner: Hildegard von Bingen’s Ordo Virtutum. A Musical and Metaphysical Analysis. Routledge, Abingdon/New York 2019.
- Roswitha Dabke: The Hidden Scheme of the Virtues in Hildegard of Bingen’s Ordo Virtutum. In: Parergon 23 (2006), S. 11–46.
- Michael Embach: Der Glaube im geistlichen Tugendspiel. Hildegards von Bingen Ordo virtutum. In: Marco Forlivesi, Riccardo Quinto, Silvana Vecchio (Hrsg.): Fides Virtus. The Virtue of Faith from the Twelfth to the Early Sixteenth Century (= Archa Verbi. Subsidia, 12). Aschendorff, Münster 2014, S. 371–388.
- Margot E. Fassler: Allegorical Architecture in Scivias: Hildegard’s Setting for the Ordo Virtutum. In: Journal of the American Musicological Society 67 (2014), S. 317–378.
- Matthew Hoch: The Music of Hildegard von Bingen. A Categorical Overview of Her Complete Oeuvre. In: Choral Journal 60/10 (2020), S. 18–35.
- Gunilla Iversen: Réaliser une vision: la dernière vision de Scivias et le drame Ordo virtutum de Hildegarde de Bingen. In: Revue de musicologie 86 (2000), S. 37–63.
Weblinks
- Eintrag Ordo virtutum in den Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters