Ortwin Schultz

österreichischer Paläontologe From Wikipedia, the free encyclopedia

Ortwin Schultz (* 5. April 1944 in Schärding, Landkreis Schärding, Reichsgau Oberdonau, Großdeutsches Reich) ist ein österreichischer Paläontologe.

Schultz gilt bis heute als einer der führenden Spezialisten für neogene Fossilien Österreichs und ist insbesondere auf dem Gebiet fossile Fische tätig. Nach seiner Promotion 1969 an der Universität Wien arbeitete er über 38 Jahre als Kurator der Geologisch-Paläontologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien, wo er umfangreiche Sammlungen fossiler Fische und Mollusken (Weichtiere) systematisch bearbeitete. Seine wissenschaftlichen Verdienste umfassen mehr als 100 Publikationen, darunter den dreibändigen Catalogus Fossilium Austriae über neogene Bivalven (Muscheln) und ein 576-seitiges Werk über fossile Fische des Phanerozoikums in Österreich, sowie zahlreiche internationale Kooperationen zur Erforschung der Paratethys-Fauna.

Akademische Laufbahn

Nach seiner Matura begann Ortwin Schultz 1962 ein Studium der Geologie an der Universität Wien. Bereits während des Studiums erkannte er jedoch, dass sein wissenschaftliches Interesse stärker den Fossilien galt, weshalb er 1967 auf das Hauptfach Paläontologie wechselte. Seine Dissertation verfasste er unter der Betreuung von Universitätsprofessor Eberhard Thenius und Dozent Fritz F. Steininger über das Thema Die Vertreter der Gattung Diloma (Paroxystele nov. subgen.) (Trochidae, Gastropoda) aus dem Jungtertiär Europas mit besonderer Berücksichtigung des Auftretens in Österreich. Diese umfangreiche Arbeit umfasste 222 Seiten mit 35 Abbildungen, 4 Tabellen, 21 Karten, 38 Diagrammen und 10 Tafeln. Mit dieser minutiösen Studie über fossile Gastropoden (Schnecken) der Gattung Diloma wurde er 1969 zum Dr. phil. promoviert. Bereits während seiner Studienzeit war Schultz von 1965 bis 1966 und später von 1967 bis 1969 als wissenschaftliche Hilfskraft am Paläontologischen Institut der Universität Wien tätig.[1][2]

Berufliche Laufbahn

Im Jahr 1967, noch während seiner Studienzeit, erhielt Schultz eine Anstellung in der Geologisch-Paläontologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien. Nach seinem Promotionsabschluss 1969 wurde er zum Kurator ernannt und war ab diesem Zeitpunkt hauptberuflich am Museum tätig. Seine Sammelleidenschaft kam dem Museum unmittelbar zugute, da er eine über 15 Jahre hinweg systematisch aufgebaute regionale Fossiliensammlung aus der Molassezone Oberösterreichs in die Museumsbestände einbrachte. Als Kurator war Schultz für die Sammlung fossiler Fische zuständig und führte systematische Neubearbeitungen von Fischfunden aus dem Neogen Österreichs durch. Sein Forschungsschwerpunkt lag insbesondere auf Funden aus dem Mittelmiozän des Wiener Beckens und von St. Margarethen im Burgenland. Seine Expertise erstreckte sich jedoch nicht nur auf Fische, sondern auch auf Mollusken (Weichtiere), wobei er sich dabei besonders den Bivalven (Muscheln) widmete.[2][1]

Wissenschaftliche Tätigkeiten

Schultz entwickelte sich zu einem der führenden Experten für die neogene Fauna Österreichs. Seine wissenschaftlichen Arbeiten zeichneten sich durch außergewöhnliche Präzision und methodische Gründlichkeit aus. Er beschäftigte sich intensiv mit der systematischen Erfassung und Neubearbeitung fossiler Organismen, wobei er sowohl taxonomische als auch paläogeographische Fragestellungen verfolgte.[2] Ein besonderer Verdienst Schultz liegt in der Erforschung fossiler Fische des österreichischen Tertiärs. Er beschrieb zahlreiche neue Arten und lieferte wichtige Erkenntnisse zur Paläoökologie und Biostratigraphie der Region. Seine Studien zu Haien und Rochen aus dem Miozän trugen wesentlich zum Verständnis der Entwicklung der Ichthyofauna in der Zentralen Paratethys bei.[3][4][5] Neben seiner Forschung über Fischfossilien leistete Schultz bedeutende Beiträge zur Molluskenkunde, insbesondere im Bereich der neogenen Bivalven. Seine detaillierten systematischen Arbeiten beschreiben taxonomische Erkenntnisse dieser Fossilgruppe in Österreich.[6][2]

Erstbeschreibungen

  • Untergattung † Diloma (Paroxystele) O. Schultz, 1970; heute als GattungParoxystele O. Schultz, 1970 akzeptiert
  • Calotomus preisli Bellwood & Schultz, 1991
  • Trigonodon jugleri Schultz & Bellwood, 2004; Revision
  • Ostarriraja parva Marramà, Schultz & Kriwet, 2018

Publikationstätigkeit

Autorschaft

Schultz verfasste während seiner Laufbahn über 100 wissenschaftliche Publikationen, die in bedeutenden nationalen und internationalen Fachzeitschriften erschienen. Ein Höhepunkt seiner Forschungstätigkeit war die Erstellung des dreibändigen, über 1000 Seiten umfassenden Catalogus Fossilium Austriae über neogene Bivalven, der in der Publikationsreihe der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erschien. Dieses bedeutende Werk stellt eine systematische Erfassung aller auf österreichischem Gebiet gefundenen Fossilien dar und gilt als Standardwerk für weiterführende Studien.[6][2]

Ein weiteres bedeutendes Werk war sein 2013 erschienener Band Pisces als Teil des Catalogus Fossilium Austriae, der die fossilen Fische des gesamten Phanerozoikums in Österreich behandelt. Dieses umfassende Verzeichnis umfasst 576 Seiten mit 96 Tafeln und 62 Abbildungen.[7][1]

Für ein breiteres Publikum verfasste Schultz 1998 das Buch Tertiärfossilien Österreichs, das sich sowohl an Sammler und Hobby-Paläontologen richtete, als auch bei Fachkollegen große Anerkennung fand. Das Werk umfasst 159 Seiten mit 66 Tafeln, 4 paläogeographischen Karten und 3 Rekonstruktionen und stellt eine Bilddokumentation der schönsten und wichtigsten Fossilien aus mehr als 60 Millionen Jahren österreichischer Erdgeschichte dar.[8][2]

Werke (Auswahl)

  • Die Vertreter der Gattung Diloma (Paroxystele nov. subgen.) (Trochidae, Gastropoda) aus dem Jungtertiär Europas mit besonderer Berücksichtigung des Auftretens in Österreich. Wien 1969 (222 S.).
  • Tertiärfossilien Österreichs – Wirbellose und Wirbeltiere. Jungbrunnen, Wien 1998 (159 S.).
  • Catalogus Fossilium Austriae: Systematisches Verzeichnis aller auf österreichischem Gebiet festgestellten Fossilien. Bivalvia. 3 Bde. Wien 2000–2007.
  • Trigonodon oweni and Asima jugleri are different parts of the same species Trigonodon jugleri, a Chiseltooth Wrasse from the Lower and Middle Miocene in Central Europe (Osteichthyes, Labridae, Trigonodontinae). In: Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien, Serie A. Band 105. Wien 2003, S. 287–305, JSTOR:41702061.
  • Oligodiodon, ein Igelfisch aus dem Mittel-Miozän (Badenium) der Steiermark, Österreich (Diodontidae, Osteichthyes): Oligodiodon, a Porcupinefish from the Middle Miocene (Badenian) of Styria, Austria (Diodontidae, Osteichthyes). In: Joannea. Geologie und Paläontologie. Jg. 8. Graz 2006, S. 25–46 (zobodat.at [PDF]).
  • Catalogus Fossilium Austriae: Pisces. Wien 2013 (576 S.).

Herausgeberschaft

Schultz übernahm während seiner Laufbahn zahlreiche administrative Aufgaben im Zusammenhang mit der österreichischen Paläontologie. Seit 1971 fungierte er als Kassier der Österreichischen Paläontologischen Gesellschaft und war über 35 Jahre als Herausgeber verschiedener Publikationsreihen des Naturhistorischen Museums tätig. Zu diesen gehörten die Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien (Serie A), die Neuen Denkschriften des Naturhistorischen Museums in Wien und die Kataloge der wissenschaftlichen Sammlungen des Naturhistorischen Museums in Wien. Seine editorischen Tätigkeiten erstreckten sich über mehrere Jahrzehnte und umfassten die Betreuung von über einem Dutzend verschiedener Publikationsreihen. Besonders hervorzuheben ist seine Arbeit als Mitherausgeber des zweibändigen Werks Erdöl und Erdgas in Österreich, das sowohl 1980 als auch in einer zweiten Auflage 1993 erschien.[2]

Auszeichnungen

Flügel eines ausgegrabenen, nach Schultz benannten Seetauchers der Art Gavia schultzi

Die außergewöhnlichen Verdienste von Ortwin Schultz um die Paläontologie und Österreich wurden mit mehreren bedeutenden Auszeichnungen gewürdigt. Bereits 1976 erhielt er den Förderungspreis des Theodor-Körner-Stiftungsfonds zur Förderung von Wissenschaft und Kunst, eine Ehre, die ihm 1987 ein zweites Mal zuteilwurde. Im Jahr 1978 wurde ihm das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich verliehen, eine der höchsten Auszeichnungen des Landes für Verdienste um Wissenschaft und Kultur.[2]

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften ehrte Schultz 1990 mit dem Erich-Thenius-Stipendium, das nach einem bedeutenden Wiener Paläontologen benannt ist. Die Freunde des Naturhistorischen Museums Wien verliehen ihm 2004 die Goldene Ehrennadel als Anerkennung für seine langjährigen Verdienste um das Museum. Besondere Ehre wurde Schultz durch die Benennung zahlreicher fossiler Arten zu seinen Ehren zuteil. Zwölf verschiedene Zootaxa aus unterschiedlichen geologischen Zeiträumen tragen seinen Namen, darunter Gastropoden, Krebse, Insekten, Seeigel, Fische, Vögel und Säugetiere. Diese Ehrungen erstrecken sich von der Kreidezeit bis ins Neogen und spiegeln die Breite seiner wissenschaftlichen Interessen wider.[2]

Internationale Kooperationen

Schultz pflegte intensive wissenschaftliche Kontakte zu Kollegen in ganz Europa und darüber hinaus. Seine Publikationen entstanden häufig in Zusammenarbeit mit Forschern aus Deutschland, Tschechien, Griechenland, Frankreich und anderen Ländern. Besonders hervorzuheben sind seine langjährigen Kooperationen mit Rostislav Brzobohatý aus Tschechien bei der Erforschung neogener Fischfaunen sowie mit Giuseppe Marramà und Jürgen Kriwet bei der Beschreibung fossiler Knorpelfische.[9][10][11] Seine internationale Ausstrahlung zeigt sich auch daran, dass zu seinen Ehren benannte Arten aus verschiedenen europäischen Ländern stammen, von den Solnhofener Plattenkalken Bayerns bis zu Funden aus dem Baltischen Bernstein.[2]

Ruhestand

Ende 2007 trat Ortwin Schultz nach einer 38-jährigen Dienstzeit am Naturhistorischen Museum in den Ruhestand. An der praktischen Durchführung seiner wissenschaftlichen Arbeit änderte sich jedoch wenig, da er weiterhin fast täglich am Museum anzutreffen ist und seine Forschungen fortsetzt. Als Assoziierter Wissenschafter ist er dem Institut verbunden und arbeitet weiter an der Vollendung seiner Projekte, insbesondere des umfassenden Katalogs fossiler Fische Österreichs.[12][2]

Literatur

Einzelnachweise

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