Palazzo Montecitorio

Palast in Rom, Sitz der Abgeordnetenkammer des italienischen Parlaments From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Palazzo Montecitorio [paˈlatt͡so montet͡ʃiˈtɔːrjo] (oder Palazzo di Montecitorio) ist ein Palast in Rom und seit 1871 Sitz der Abgeordnetenkammer des italienischen Parlaments.

Palazzo Montecitorio
Der zur Piazza del Parlamento gelegene Neubau im Norden
Der Palazzo Montecitorio im 18. Jahrhundert
Der Plenarsaal von 1871

Metonymisch ist in der italienischen Presse oft nur von Montecitorio die Rede, wenn die Abgeordnetenkammer (als Organ) gemeint ist.

Lage

Der Palazzo befindet sich inmitten der Altstadt zwischen der Piazza Montecitorio im Süden und der Piazza del Parlamento im Norden, etwa 300 m westlich des Trevi-Brunnens und rund 300 m nordöstlich des Pantheons. Östlich grenzt an den Palazzo Montecitorio der Palazzo Chigi an, in dem sich der Amtssitz des italienischen Ministerpräsidenten befindet.

Auf der Piazza Montecitorio wurde vor der barocken Hauptfassade im Jahr 1792 der Obelisco di Montecitorio aufgestellt, der in der Antike zu dem in der Nähe gelegenen Horologium Augusti gehörte.[1] Die Piazza Montecitorio wird im Osten durch den Palazzo Wedekind von der Piazza Colonna getrennt, auf der vor dem Palazzo Chigi die Mark-Aurel-Säule steht. Dieses Ensemble bildet heute das politische Zentrum Italiens.

Geschichte

Die vom Palazzo Montecitorio eingenommene Fläche lag in der Antike auf dem Campus Martius in der regio IX. Der Palast erhebt sich an dem zu einem Denkmal gestalteten Ort des Ustrinums des Kaisers Mark Aurel und weiterer Mitglieder seiner Familie.[2]

Die Etymologie des Palazzo Montecitorio ist bis heute unklar. Möglicherweise wurden in der Antike auf einem kleinen Hügel, dem mons citatorius, Wahlversammlungen abgehalten. Einer anderen Erklärung zufolge wurde auf dem mons acceptorius Bauschutt abgeladen.

Der Palast wurde seit dem Jahr 1650 nach einem Entwurf von Gian Lorenzo Bernini gebaut. Auftraggeber war Papst Innozenz X. 1694 wurde das Gebäude von Carlo Fontana im Stil des Barock vollendet.

Im Jahr 1696 wurde der Palazzo Montecitorio zum Sitz der päpstlichen Gerichtshöfe (Curia apostolica). Zeitweise waren darin auch andere Behörden untergebracht.

Im September 1870 beseitigte das Königreich Italien den restlichen Kirchenstaat und erklärte Rom zur Hauptstadt des im Risorgimento vereinten Landes. Nachdem man unter anderem die Paläste auf dem Kapitol und den Palazzo Venezia geprüft und als künftigen Sitz des Parlaments ausgeschlossen hatte, wählte man den Palazzo Montecitorio als neuen Sitz der Abgeordnetenkammer aus. Der in einem Innenhof relativ rasch erbaute und am 27. November 1871 eingeweihte Plenarsaal[3] erwies sich insbesondere in den Bereichen Akustik und Raumklima als ungeeignet, weswegen man ihn im Jahr 1900, auch wegen Baufälligkeit, ganz aufgab. Der von etlichen Parlamentariern geforderte Bau eines neuen, monumentalen Parlamentsgebäudes wurde aus Zeit- und Kostengründen abgelehnt. Wegen der anstehenden Um- und Ausbauten des Palazzo Montecitorio musste die Abgeordnetenkammer bis zum Ende des Ersten Weltkriegs einen provisorischen Sitzungssaal in der Via della Missione nutzen.[4]

Mit der Neugestaltung des Palazzo Montecitorio wurde im Jahr 1902 Ernesto Basile beauftragt, einer der führenden italienischen Architekten der als Liberty bezeichneten italienischen Variante des Jugendstils.[5] Basile ließ die barocke Hauptfassade Berninis im Süden unangetastet, riss jedoch 1906 die hinteren Flügel und Gebäudeteile ab. An ihrer Stelle entstand ein Liberty-Bau mit quadratischem Grundriss und vier markanten Türmen. In der Mitte des Anbaus errichtete man den neuen, am 20. November 1918 eröffneten Plenarsaal.

Inneres

Der Plenarsaal bei der Vereidigung von Staatspräsident Mattarella (gemeinsame Sitzung von Abgeordneten, Senatoren und Vertretern der Regionen)
Sala del Mappamondo
Büsten-Korridor

Das Innere des halbkreisförmigen, rund 780 m² großen und 26 m hohen Plenarsaals wurde im genannten Liberty-Stil mit Eichenholz aus Slawonien ausgestattet. Im nördlichen Halbrund befinden sich die Abgeordnetensitze, an der südlichen Front das Präsidium und davor, ebenfalls mittig, die Regierungsbank. Ein separates Rednerpult gibt es nicht, alle Abgeordneten und Regierungsmitglieder sprechen stehend von ihren Plätzen aus. Umlaufend und erhöht befinden sich unter großen Bögen die Besucherplätze, mit denen sich die Fläche des Plenarsaals auf 1.090 m² erweitert.[6] Darüber befindet sich ein 105 m langer umlaufender Fries mit Malereien von Giulio Aristide Sartorio über die Geschichte des italienischen Volkes.[7] Den Abschluss bildet ein von Giovanni Beltrami gestaltetes Dachfenster. An der Wand hinter dem Präsidium ist ein großes Bronzerelief von Davide Calandra zu sehen, das die Geschichte des Königshauses Savoyen von Humbert I. bis Viktor Emanuel III. allegorisch darstellt, wobei mittig eine Frau die konstitutionelle Monarchie verkörpert und die Verfassung von 1848 ausrollt; trotz Ausrufung der Republik wurde das Relief an seinem Platz belassen.[8]

Hinter der 34 m langen Wand mit Calandras Bronzerelief verläuft parallel die von Basile entworfene 55 m lange Wandelhalle, die bis heute allgemein als Transatlantico bezeichnet wird, weil deren Innenausstattung eine Baufirma aus Palermo übernahm, die unter anderem Passagierschiffe ausstattete.[9] Der Transatlantico, der für informelle politische Gespräche und Abkommen bekannt geworden ist, bildet im Erdgeschoss die Verbindung zum Altbau Berninis und dessen durch den Anbau verkleinerten Innenhof. In den beiden Obergeschossen über der Wandelhalle befinden sich zwei weitere Säle: die 26 m lange Sala della Regina, die bei Thronreden des Königs der Königin als Salon diente, mit direktem Zugang zur königlichen Besuchertribüne im Plenarsaal;[10] und die Sala del Mappamondo, benannt nach einem Globus Dietrich Reimers, die als Bibliothek und Konferenzsaal dient. Die anderen drei Flügel des Neubaus, die den Plenarsaal im Westen, Norden und Osten umgeben, beherbergen auf vier Stockwerken unter anderem Sitzungssäle von Fachausschüssen der Abgeordnetenkammer und verschiedene Verwaltungs- und Unterstützungseinrichtungen. Beim nördlichen Haupteingang des Neubaus liegt die sogenannte „Präsidentengalerie“, eine weitere Wandelhalle mit Porträts aller ehemaligen Präsidenten der Abgeordnetenkammer.[11]

In Berninis Altbau im Süden befinden sich im Piano nobile die bedeutendsten Räumlichkeiten, die vom südlichen Haupteingang über die Ehrentreppe zu erreichen sind. Erwähnenswert sind unter anderem die Amtsräume des Präsidenten der Abgeordnetenkammer, in dessen Bibliothek er die Konferenz der Fraktionsvorsitzenden und anderer Gremien leitet. Historisch besonders bedeutsam ist die Sala della Lupa, benannt nach einer dort stehenden Kopie der Kapitolinischen Wölfin: hier versammelten sich 1924 nach der Ermordung des Abgeordneten Giacomo Matteotti die sogenannten Aventinianer, die sodann aus Protest gegen die faschistische Gewalt aus dem Parlament auszogen. Am 10. Juni 1946 wurde in diesem Saal das Ergebnis des Referendums über die Staatsform Italiens verkündet und die Republik ausgerufen. An diese Ereignisse von 1924 und 1946 erinnern heute in der Sala della Lupa zwei Marmortafeln.[12] Noch im Juni 1946 konstituierte sich im Palazzo Montecitorio die Assemblea Costituente, die Verfassunggebende Versammlung der Republik. Die repräsentativen Säle im Altbau werden entlang des Innenhofs durch den „Korridor der Büsten“ verbunden, die an historisch bedeutende verstorbene Abgeordnete erinnern. Im Palazzo Montecitorio befinden sich darüber hinaus zahllose Gemälde, Stiche, Statuen und andere Kunstwerke.[13]

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

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