Patrice Talon
beninischer Politiker und Staatspräsident
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Leben
Patrice Talon kam 1958 in der Küstenstadt Ouidah zur Welt. Talon erlangte das Abitur in Dakar, Senegal, und studierte anschließend an der Université Cheikh Anta Diop de Dakar. Später wechselte er nach Paris, wo er Zugang zur Agrarwirtschaft fand. Er kehrte 1985 zurück und gründete die Societé de Distribution Intercontinentale (SDI), die sich als Zulieferer der Baumwollindustrie etablierte. Mit Beginn der Privatisierung der Industrie Anfang der 1990er Jahre baute Talon seine Stellung so weit aus, dass er den Spitznamen King of Cotton (deutsch Baumwollkönig) erhielt. Im Zuge einer Privatisierungswelle 2008 und 2009 erwarb er Benins größte Baumwollgesellschaft Sodeco und übernahm 2011 das Importmanagement am Hafen von Cotonou sowie die wichtigste Importkontrollgesellschaft des Landes, wodurch er seine wirtschaftliche Macht weiter ausbauen konnte.[1] Bis zu seiner ersten Wahl zum Präsidenten 2016 galt Talon als reichster Geschäftsmann des Landes und stieg auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen Afrikas bis 2015 auf Platz 15.[1]
Bei den Präsidentschaftswahlen 2006 und 2011 unterstützte er Boni Yayi, dessen Wahlkämpfe er finanziell maßgeblich mittrug.[1] Im Jahr 2012 musste Talon nach Frankreich fliehen, nachdem Yayi ihn der Beteiligung an einem mutmaßlichen Giftmordkomplott gegen ihn beschuldigt hatte.[1] 2014 wurden die Vorwürfe gegen ihn aber fallengelassen, so dass Talon zurückkehren konnte.[2]
Bei der Präsidentschaftswahl in Benin 2016 setzte sich Talon am 20. März in einer Stichwahl gegen Lionel Zinsou durch.[3] Er folgte Thomas Boni Yayi im Amt des Präsidenten am 6. April 2016. Nach seiner Wahl stellte er am 6. April 2016 sein Kabinett vor, das am 27. Oktober 2017 in mehreren Positionen umgebildet und erweitert wurde.[2][4] Nach seiner Wiederwahl 2021 führt er sein zweites Kabinett.
Talon hat zwei Kinder. Er stammt aus dem Fon-Volk.
Präsidentschaft
Nach der Präsidentschaftswahl 2016 entwickelte der neue Präsident Talon u. a. ein 45-Punkte-Programm (französisch Programme d’actions du gouvernement, PAG), dessen Umsetzung innerhalb der Amtsperiode anvisiert wurde. Acht dieser Vorzeigeprojekte bezogen sich konkret auf Infrastrukturmaßnahmen, darunter der Bau des internationalen Flughafens Glo-Djigbé.[5] Um speziell die Finanzierung dieses Projekts sicherzustellen, war Talon zuvor im September 2016 erstmals in die Volksrepublik China gereist.[6]
Nach seiner Amtsübernahme kündigte Talon an, mit dem als ineffizient kritisierten Regierungsstil seines Vorgängers zu brechen und Benin nach unternehmerischen Prinzipien mit klaren Regeln und ehrgeizigen Zielvorgaben zu führen.[1] Er ließ Staatsbedienstete entlassen, denen wiederholtes Zuspätkommen oder die Forderung von Schmiergeld vorgeworfen wurde, und erschien unangekündigt in Ministerialbüros, um die Arbeit der Verwaltung zu kontrollieren.[1] Als Vorbild nannte Talon wiederholt Ruanda und dessen Präsidenten Paul Kagame, dessen autoritär geprägtes Modernisierungsprogramm mit strengen Ordnungs- und Sauberkeitsvorgaben er als Orientierung für Benin hervorhob.[1] Der neue Kurs spiegelte sich in Wirtschaftsreformen, weiteren Privatisierungen, einer teils als brachial kritisierten Stadtsanierung sowie in einer zunehmend restriktiven Innenpolitik wider.[1]
Bei den Parlamentswahlen 2019 wurden in Benin nur noch Parteien zur Wahl zugelassen, die der Regierung nahestanden, wodurch die politische Opposition weitgehend aus der Nationalversammlung gedrängt wurde.[1] Bei der Präsidentschaftswahl im April 2021 wurde Talon wiedergewählt, wobei Betrugsvorwürfe aufkamen.[7] Die Oppositionspolitiker Joël Aïvo und Reckya Madougou wurden nicht zur Wahl zugelassen und stattdessen zu Haft- und Geldstrafen verurteilt.[8] Talon trat bei der Wahl als parteiloser Kandidat an und erhielt nach offiziellen Angaben 87 Prozent der Stimmen.[1] Internationale Medien bewerteten die Abstimmung wegen der weitgehenden Ausschaltung der Opposition als politisch wenig kompetitiv.[1]
Im September 2021 trafen sich Patrice Talon und Thomas Boni Yayi, politische Verbündete, die zu engen Freunden geworden sind, im Marina Palace in Cotonou. Während dieses Tête-à-Tête präsentierte Thomas Boni Yayi Patrice Talon eine Reihe von Vorschlägen und Anträgen, insbesondere in Bezug auf die Freilassung von „politischen Häftlingen“.[9]
Im regionalen Kontext positionierte sich Talon in seiner zweiten Amtszeit ausdrücklich gegen die Militärputsche in den Nachbarstaaten Niger und Burkina Faso und bemühte sich, Benin international als demokratischen Gegenpol in Westafrika darzustellen.[1] Diese Haltung trug dazu bei, dass Benin militärische Unterstützung aus Frankreich und den Vereinigten Staaten im Kampf gegen grenzüberschreitende islamistische Gruppen erhielt.[1]
Talon erklärte öffentlich, die in der Verfassung vorgesehene Begrenzung auf zwei Amtszeiten zu respektieren und bei der für April 2026 geplanten Präsidentschaftswahl nicht erneut zu kandidieren.[1] Beobachter sehen in Finanzminister Romuald Wadagni seinen bevorzugten Nachfolgekandidaten, dem er sein politisches Erbe anvertrauen möchte.[1]
Am 7. Dezember 2025 überstand Talon einen Putschversuch von Teilen der Streitkräfte, bei dem eine Gruppe von Militärangehörigen im Fernsehen die Machtübernahme durch eine Junta verkündete.[1] Der Staatsstreich scheiterte noch am selben Tag, Talon blieb im Amt; die Bilder bewaffneter Soldaten in den Straßen von Cotonou wurden jedoch als Hinweis auf die politische Fragilität des Landes gewertet.[1] Nach Darstellung der taz war dieser Putschversuch nicht der erste Destabilisierungsversuch in Benin, hinter denen in der politischen Öffentlichkeit häufig der frühere Präsident Boni Yayi vermutet wird.[1]
