Pentachronon

lateinische Kompilation apokalyptischer Visionen und Briefe der heiligen Hildegard von Bingen From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Pentachronon (vollständiger lateinischer Titel: Speculum futurorum temporum sive Pentachronon sanctae Hildegardis) ist eine um 1220 entstandene lateinische Kompilation apokalyptischer Visionen und Briefe der heiligen Hildegard von Bingen. Der Zisterzienserprior Gebeno von Eberbach stellte darin Auszüge aus Hildegards Visionsschriften und Briefen zusammen und ordnete sie zu einer heilsgeschichtlichen Übersicht der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kirche.

Entstehung und Inhalt

Gebeno verfasste das Pentachronon während seiner Amtszeit als Prior der Zisterzienserabtei Eberbach im Rheingau. In seinem Widmungsbrief datiert er das Werk auf das Jahr 1220 und richtet es an die Mainzer Kanoniker Raimund und Rainer von St. Stephan.[1][2] Gebeno versteht sein Werk als „Spiegel der künftigen Zeiten“ und zugleich als kürzere, besser zugängliche Fassung der umfangreichen Visionsschriften Hildegards.[2]

Die Kompilation beruht vor allem auf längeren Zitaten aus Scivias, dem Liber vitae meritorum, dem Liber divinorum operum sowie auf Hildegards Briefen. Gebeno ordnet diese Exzerpte zu einer zusammenhängenden apokalyptischen Erzählung, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kirche deutet und in mehreren – von der Forschung unterschiedlich gezählten – Textblöcken gegliedert ist.[3][4] In mehreren Einschüben kommentiert Gebeno die Visionen und wendet sie auf die Situation seiner Gegenwart an, insbesondere auf Häresien und innerkirchliche Konflikte.[2][3]

Hintergrund des Werkes ist die im frühen 13. Jahrhundert verbreitete Erwartung einer angebrochenen letzten Weltzeit, die unter dem Einfluss Joachim von Fiores auch im Zisterzienserorden diskutiert wurde. Gebeno deutet Hildegards Aussagen so, dass vor der Ankunft des Antichristen noch mehrere von Gott gesetzte Epochen der Kirchengeschichte folgen, die zur inneren Einkehr und zur kirchlichen Reform genutzt werden sollen; zugleich will er joachimitische Endzeitspekulationen begrenzen und Fehlinterpretationen der hildegardischen Prophetie korrigieren.[2][4]

Überlieferung

Das Pentachronon ist in einer großen Zahl mittelalterlicher Handschriften überliefert. Arno Borst ging in seinen Studien von rund sechzig teils deutlich voneinander abweichenden Codices aus.[2] Ein jüngerer Conspectus der Hildegard-Handschriften von Michael Embach und Martina Wallner verzeichnet 102 Handschriften des Pentachronon.[1] Die Überlieferung zeigt, dass der Text früh gekürzt, umgruppiert und mit weiteren Berechnungen und Exzerpten kombiniert wurde; die Forschung unterscheidet daher mehrere Fassungen des Pentachronon sowie eine Reihe abgeleiteter Exzerptsammlungen.[3][5]

Die kritische Edition von José Carlos Santos Paz bietet den Text in zwei Fassungen, wobei der editorische Kommentar die komplexe Überlieferung, die Beziehungen zu Hildegards Originalschriften und die Stellung der verschiedenen Bearbeitungen im Umfeld der spätmittelalterlichen Prophetienkompilationen analysiert.[6]

Wirkungsgeschichte

Die breite Handschriftenüberlieferung und die weite Verbreitung machen das Pentachronon zu einem der wichtigsten Vermittlungsmedien für Hildegards Prophetinnenbild im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit. Arno Borst und Magda Hayton betonen, dass viele Leser Hildegards apokalyptische Visionen und ihr heilsgeschichtliches Deutungsmodell vor allem in der von Gebeno zusammengestellten Form kannten und dass die Anthologie vom 13. bis zum 17. Jahrhundert in weiten Teilen Europas rezipiert wurde.[2][4][5]

Auszüge aus dem Pentachronon flossen in eigenständige Prophetienkompendien ein, etwa in die französische Epistola de futuris periculis ecclesiae ex dictis sanctae Hildegardis, und wurden im Umfeld des Großen Schismas wie auch in lateinischen und volkssprachlichen Texten des 14. bis 16. Jahrhunderts in unterschiedlichen kirchenpolitischen Kontexten herangezogen; sie dienten Reformern, Ordenskritikern und lutherischen Theologen gleichermaßen als Autoritätsbeleg für Kritik an kirchlichen Missständen und für Forderungen nach Erneuerung.[1][7][5]

In der Hildegard-Rezeption der Neuzeit spielte das Pentachronon zunächst eine ambivalente Rolle: Einerseits bewahrte die Kompilation wesentliche Teile der Visionsschriften und trug zu Hildegards anhaltendem Ruf als Prophetin bei, andererseits wirkte die einseitige Konzentration auf apokalyptische Motive – verstärkt durch frühneuzeitliche Drucke und Sammlungen – lange Zeit verzerrend auf das Bild ihres Gesamtwerks.[3]

Ausgaben

  • Jean-Baptiste Pitra (Hrsg.): Analecta sacra Spicilegio Solesmensi parata. Band 8. Monte Cassino 1882, S. 483–488 (Teilausgabe).
  • José Carlos Santos Paz (Hrsg.): La obra de Gebenón de Eberbach. (= Millennio medievale. 46). SISMEL – Edizioni del Galluzzo, Firenze 2004, S. 3–81 (erste Fassung) und 115–124 (abweichende Passagen der zweiten Fassung).
  • Speculum futurorum temporum sive Pentachronon sanctae Hildegardis. In: Corpus Corporum. Universität Zürich. (online)

Literatur

  • Arno Borst: Gebeno von Eberbach. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 6. Duncker & Humblot, Berlin 1964, ISBN 3-428-00187-7, S. 113 (deutsche-biographie.de).
  • Hans Christoph Stoodt: Am Ende der Geschichte? Zum Problem der Gegenwartsbestimmung am Beispiel eines mittelalterlichen Handbuchs über das Ende der Welt: Gebeno von Eberbachs „Pentachronon sive Speculum futurorum temporum“. In: Dieter Georgi, Hans Günter Heimbrock, Michael Moxter (Hrsg.): Religion und Gestaltung der Zeit. Kampen o. J. [1994], S. 160–177.
  • Michael Embach: Die Schriften Hildegards von Bingen. Studien zu ihrer Überlieferung und Rezeption im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. (= Erudiri sapientia. 4). Akademie Verlag, Berlin 2003, bes. S. 17–19.
  • Elisabeth Stein: Das Pentachronon Gebenos von Eberbach. Das Fortleben der Visionstexte Hildegards von Bingen bis ins 15. Jahrhundert. In: Rainer Berndt (Hrsg.): „Im Angesicht Gottes suche der Mensch sich selbst“. Hildegard von Bingen (1098–1179). (= Erudiri sapientia. 2). De Gruyter, Berlin / München 2001, S. 577–591.
  • Magda Hayton: Prophets, Prophecy, and Cistercians. A Study of the Most Popular Version of the Hildegardian Pentachronon. In: Journal of Medieval Latin. Band 29 (2019), S. 123–162.
  • Magda Hayton: The Pentachronon and Hildegard of Bingen’s Reputation as a Prophet. In: Jennifer Bain (Hrsg.): The Cambridge Companion to Hildegard of Bingen. Cambridge University Press, Cambridge 2021, S. 170–188.

Einzelnachweise

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