Pescetarismus
Ernährungsweise, bei der auf den Verzehr von Fleisch, nicht jedoch auf Fisch verzichtet wird
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Pescetarismus (; von italienisch pesce „Fisch“) ist eine Ernährungsweise, bei der der Verzehr von Fleisch, nicht jedoch der von Fisch und Meeresfrüchten gemieden wird. Der Verzehr anderer Tierprodukte wie Eier und Milchprodukte ist optional. Laut Studien von 2017 bis 2018 ernähren sich weltweit etwa 3 % der Erwachsenen pescetarisch.
Begriff und Begriffsgeschichte
Pescetarismus wird gelegentlich als Variante des Vegetarismus bezeichnet, bei der zusätzlich zu Pflanzen sowie häufig Eiern und Milch (Ovo-Lacto-Vegetarismus) auch Fisch verzehrt wird.[1] Die meisten Definitionen des Wortes „Vegetarismus“ zeigen jedoch, dass Pescetarismus als eine separate Ernährungsweise anzusehen ist. Die seit 1847 bestehende britische Vegetarian Society legt beispielsweise fest, dass der Verzehr von Fisch, Schalen- und Krustentieren mit einer vegetarischen Ernährung nicht vereinbar sei.[2]
Pescetarier ist ein Neologismus, der als Kofferwort aus dem italienischen Wort pesce („Fisch“) und dem deutschen Wort Vegetarier gebildet wurde und laut Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary 1993 erstmals auftauchte.[3] Der synonyme Begriff „Pesko-Vegetarier“ wird außerhalb der wissenschaftlichen Forschung selten verwendet, erschien aber bereits seit mindestens 1980 in amerikanischen Publikationen.[4]
Die Abgrenzung zum Flexitarismus besteht in der Art der Restriktion des Speiseplans: Flexitarier essen „möglichst wenig, nur selten oder nur bestimmte Qualitäten von Fleisch“, wohingegen der Speiseplan von Pescetariern „pflanzliche Lebensmittel, zusätzlich Fisch und Meeresfrüchte“ umfasst.[5] Damit ist zwar noch keine Aussage über die Häufigkeit oder andere Kriterien gemacht, aber empirische Befunde zeigen, dass bei der Wahl der pescetarischen Ernährungsweise ethische Motive eine Rolle spielen.
Geschichte
Frühe Geschichte
Im Jahr 675 wurde in Japan der Verzehr von Nutztieren durch Kaiser Temmu aufgrund des Einflusses des Buddhismus und des Mangels an Ackerland verboten. Kaiser Tenmu verbot jedoch nicht den Verzehr von Hirschen oder Wildschweinen. Später, im Jahr 737 der Nara-Zeit, genehmigte Kaiser Shōmu den Verzehr von Fisch und Schalentieren. Während der 1200 Jahre von der Nara-Zeit bis zur Meiji-Restauration in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aßen die Japaner vegetarisch orientierte Mahlzeiten, und zu besonderen Anlässen wurden Meeresfrüchte serviert.[6]
Mehrere Mönchsorden im mittelalterlichen Europa beschränkten oder verboten den Fleischkonsum aus asketischen Gründen, aber keiner von ihnen verzichtete auf den Konsum von Fisch; diese Mönche waren keine Vegetarier, aber einige waren Pescetarier.[7]
19. Jahrhundert bis heute
Francis William Newman, der von 1873 bis 1883 Präsident der Vegetarian Society war, machte eine assoziierte Mitgliedschaft für Personen möglich, die nicht vollständig vegetarisch lebten, wie Pescetarier.[8] Schließlich wechselte Newman selbst in den 1890er Jahren von einer ovo-lacto-vegetarischen zu einer pescetarischen Ernährung.
Trends und Demografie
Seit 2020 wird Pescetarismus als eine pflanzenbasierte Ernährung beschrieben.[9] Regelmäßiger Fischkonsum und verringerter Rotfleischkonsum werden als Ernährungspraktiken anerkannt, die die Gesundheit fördern können.[10] Studien zeigen, dass Pescetarismus bei Frauen beliebter ist als bei Männern.
Global
2018 berichtete Ipsos MORI (eine Tochtergesellschaft von Ipsos), dass 73 % der Menschen weltweit einer Ernährung folgten, bei der sowohl Fleisch als auch nicht-tierische Produkte regelmäßig konsumiert wurden, mit 14 % als Flexitariern, 5 % Vegetariern, 3 % Veganern und 3 % Pescetariern.[11]
Deutschland
Spezifische Zahlen für Deutschland sind in den internationalen Studien oft in die europäischen Gesamtwerte eingerechnet. Eine 2020 durchgeführte Umfrage in sieben europäischen Ländern ergab, dass der Pescetarismus etwa 3 % der EU-Bevölkerung ausmachte, mit etwas höherem Vorkommen in Deutschland und Belgien.[12]
Motivationen und Begründungen
Tierschutzbedenken
Pescetarismus kann als ethischere Wahl wahrgenommen werden, da Fisch und Schalentiere möglicherweise nicht die gleiche Angst, den gleichen Schmerz und das gleiche Leiden erfahren wie komplexere Tiere wie Säugetiere.[13] Allerdings ist dies eine laufende Debatte, da andere Studien darauf hinweisen, dass Fische durchaus Schmerz empfinden können.[14]
Nachhaltigkeit und Umweltbedenken
Viele Fleisch-Abstinenzler nehmen an der „grünen Bewegung“ teil und sind sich der globalen Nachhaltigkeit von Lebensmitteln und des Umweltbewusstseins bewusst. Der Wechsel zu einer pescetarischen Ernährung kann sich positiv auf beide Aspekte auswirken. Eine 2014 durchgeführte Lebenszyklusanalyse von Treibhausgasemissionen schätzte, dass eine pescetarische Ernährung eine 45%ige Reduktion der Emissionen im Vergleich zu einer omnivoren Ernährung bieten würde.[15]
Gesundheitliche Aspekte
Gegenüber einer rein vegetarischen Ernährungsweise liefert der zusätzliche Konsum von Fisch dem Körper Proteine, Omega-3-Fettsäuren und Aminosäuren, deren pflanzliche Pendants schwerer zu verarbeiten bzw. geringwertiger sind.[16] Nachteilig gegenüber einer vegetarischen Ernährung wirkt sich die Belastung von Speisefischen mit Umweltgiften aus, wie mit Methylquecksilberverbindungen.
Ein häufiger Grund für die Übernahme des Pescetarismus können gesundheitsbezogene Faktoren sein, wie der Konsum von Fisch und pflanzlichen Lebensmitteln als Teil der Mittelmeerdiät, die mit einem verringerten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht wird.[17]
Im Rahmen einer 2013 im Journal of the American Medical Association publizierten über einen Zeitraum von sechs Jahren durchgeführten Studie an 73.000 Menschen untersuchten Forscher der kalifornischen Loma Linda University die Auswirkungen unterschiedlicher Ernährungsweisen. Während der Laufzeit der Studie lag die Sterbequote der Pescetarier unter den Teilnehmern 19 % unter der der Fleischesser, während die Sterbequote von Vegetariern 12 % unter der der Fleischesser lag.[18] Studienleiter Michael J. Orlich wies darauf hin, dass die ermittelten Zahlen für einen allgemeingültigen Vergleich vegetarischer Ernährungsweisen zu nahe beieinander lägen. Das Darmkrebsrisiko war laut Studiendaten bei pescetarischer Ernährung gegenüber dem Risiko bei anderen Formen des Vegetarismus signifikant geringer.[19]
In Religionen
Christentum
In der römisch-katholischen und orthodoxen Tradition wird Pescetarismus als eine Form der Abstinenz bezeichnet. Während der Fastenzeiten verzichten orthodoxe Christen oft auf Fleisch, Milchprodukte, Eier und Fisch, aber an Feiertagen, die auf Fastentage fallen, ist Fisch erlaubt, während Fleisch und Milchprodukte weiterhin verboten bleiben.[20]
Judentum
Pescetarismus (vorausgesetzt, der Fisch ist koscher) entspricht den jüdischen Speisegesetzen. Fisch und alle anderen Meerestiere müssen sowohl Flossen als auch Schuppen haben, um als koscher zu gelten. Wassersäugetiere wie Delfine und Wale sind nicht koscher, ebenso wenig wie Knorpelfische wie Haie und Rochen. Der Mangel an Flossen und Schuppen macht auch Krustentiere und Weichtiere zu „treif“ – nicht-koscher.[21]
Hinduismus
Einige Hindus folgen einer strengen lakto-vegetarischen Ernährung, aber es gibt Hindus, die Fisch konsumieren. Sie stammen hauptsächlich aus den Küstenregionen Südwestindiens. Diese Gemeinschaft betrachtet Meeresfrüchte im Allgemeinen als „Gemüse aus dem Meer“ und verzichtet auf den Verzehr von landbasierten Tieren.[22]