Petrus Chrysologus
Bischof und Kirchenlehrer
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Petrus I. Chrysologus (* um 380 in Forum Cornelii (Imola); † 3. Dezember nach 451 und vor 458 in Ravenna) war von 425/431 bis zu seinem Tod Bischof von Ravenna, der seinerzeitigen Hauptstadt des Weströmischen Reiches. Er wird in der katholischen Kirche als Heiliger und Kirchenlehrer verehrt.


Beiname
Im 9. Jahrhundert erhielt er den Beinamen Chrysologus („Goldredner“) durch Agnellus von Ravenna, der den Liber Pontificalis Ecclesiae Ravennatis verfasste. Der Beiname geht vermutlich auf den Vergleich mit dem Prediger der Ostkirche, Johannes Chrysostomus („Goldmund“) zurück, zu dem man in der westlichen Kirche einen Gegenpol suchte. Schon das Martyrologivm von 1573 vermerkt, er sei im Jahr 430 zum Bischof erhoben worden. Zudem heißt es dort: „Ward von wegen seiner fürtreflichen kunst und wolredenheit/CHRYSOLOGUS/das ist/ein guldiner redner genannt“ und „Zog endtlich gen Jmola/da er geborn.“[1]
Leben
Imola
Über das Leben des Petrus ist nur wenig Verlässliches bekannt, die Chronologie ist unsicher.[2] Seine rund vier Jahrhunderte später von Agnellus berichtete Herkunft aus Imola und seine Ausbildung unter der Leitung des dortigen Bischofs Cornelius („Natione ex Corneliense territorio, nutritus et doctus a Cornelio illius sedis antistes“[3]) könnte in der Predigt begründet sein, die derselbe Bischof von Ravenna anlässlich der Weihe des neuen Bischofs von Forum Cornelii hielt. Im Incipit drückt er eine besondere Verehrung für die Kirche von Imola aus und erkennt Cornelius als seinen (geistlichen) Vater an: „pater mihi fuit“.[4]
Bischofswahl
Zwischen 425 und 431 wurde er nach einer häufig vertretenen Annahme zum Bischof von Ravenna erhoben; nach der Erhebung Ravennas zur Metropole wurde er damit auch Metropolit. In Ravenna befand sich Petrus im Zentrum der politischen Macht des Weströmischen Reiches, denn der kaiserliche Hof befand sich dort, und er hatte unmittelbaren Zugang zu den höchsten Kreisen und zur Herrscherfamilie selbst.
Der römische Liber Pontificalis, nicht zu verwechseln mit dem Werk des Agnellus, behauptet über die Bischofswahl, der Diakon Petrus habe zusammen mit Cornelius selbst an der Delegation teilgenommen, die nach Rom reiste, um den neuen Bischof zu weihen, der nach dem Tod des Ursus († 424–429?) in Ravenna gewählt worden war. Die Episode greift den hagiographischen Topos einer nächtlichen Vision auf, die in diesem Fall Papst Sixtus III. (432–440) zugeschrieben wird. Diesem war demnach Petrus in einem Traum zusammen mit den Heiligen Petrus und Apollinaris erschienen, letzter galt als Gründer des Bistums Ravenna. Der Apostel Petrus habe jenen anderen Petrus als den einzigen bezeichnet, der die Kirche von Ravenna mit seiner Lehre erleuchten könne. Nach dieser Vision habe sich der Papst geweigert, den in Ravenna Gewählten oder irgendeinen anderen Kandidaten zu weihen, bis er Petrus unter den Mitgliedern der Delegation erblicke. Die Wahl dieses Mannes, die zunächst von einem Teil der Anwesenden abgelehnt wurde, endete mit der Ernennung durch den Papst.[5] Die Quelle wird jedoch durch die Chronologie der Predigtsammlung des Petrus Chrysologus wiederum in Frage gestellt, die den Beginn seiner Tätigkeit zwischen 425, nachdem Valentinian III. Kaiser geworden war, und kurz vor 431, als Ravenna zum Metropolitansitz erhoben wurde, vorwegnimmt.
Sermones
Während seines Episkopats hielt der Bischof zahlreiche Predigten, die erstmals von seinem Nachfolger Felix (um 708–724) gesammelt wurden. Die 168 Predigten, zu denen noch 15 „extravagantes“ hinzukommen, stellen eine wichtige Quelle für die Stellung seiner Kirche im Rahmen der Hierarchie der Bischofssitze sowie für die Liturgie von Ravenna und die Ordnung der Evangelienlesungen dar, aber auch für christologische Fragen. Die Erinnerung an den Tod und die Beisetzung des Bistumsgründers Apollinaris in der Predigt 128 ist einer der ersten Belege für die Verehrung des Heiligen.[6] Die Predigten dokumentieren nicht nur die Haltung des Bischofs bei den Lehrstreitigkeiten, insbesondere zur christologischen Kontroverse über die göttliche Mutterschaft Mariens[7] seine harte Ablehnung des Judentums[8] und der Häresie[9] sowie zum Fortbestehen heidnischer Rituale[10].
Bautätigkeit
Gemeinsam mit Kaiserin Galla Placidia, die er in einer Predigt in Anwesenheit der Herrscherfamilie mit dem Beinamen „mater christiani perennis et fidelis imperii“ ansprach,[11] errichtete er die Basilika Petriana in Classe, die im 8. Jahrhundert einem Erdbeben zum Opfer fiel.
Auch die Basilika San Giovanni Evangelista (420–430) geht auf die beiden zurück. Das älteste Gotteshaus in Ravenna geht dabei auf Galla Placidias Initiative zurück, die 424 während einer Schiffsreise von Konstantinopel nach Ravenna von einem Sturm in der Adria überrascht wurde und Johannes den Täufer, den Schutzpatron der Seefahrer, um Rettung anrief. Nachdem sie der Gefahr entronnen war, ließ Galla, die im Namen ihres noch minderjährigen Sohnes Valentinian (III.) die Regierungsgeschäfte führte, wahrscheinlich zwei Jahre später diese Basilika errichten, und zwar auf dem Gelände des Kaiserpalastes und des Hafens. In deren Apsis über dem Bischofsstuhl wollte sie das Bildnis des Bischofs darstellen lassen, flankiert von einem Engel und mit langem Bart und ausgestreckten Händen in der Geste der Messfeier.[12]
Die Nachricht des Agnellus über die Weihe der Basilika Santi Giovanni e Barbaziano durch Petrus[13] wird hingegen nicht als zuverlässig angesehen.
Germanus von Auxerre, Eutyches
Petrus empfing im Jahr 448 den siebzigjährigen Bischof Germanus von Auxerre (378–448), der nach Ravenna gekommen war, um bei Kaiser Valentinian für die Bewohner der Aremorica Gnade zu erbitten, die sich unter einem Tibatto gegen Rom erhoben hatten. Stilicho hatte diesen Bagaudenaufstand von Alanen gewaltsam niederwerfen lassen. Doch nach siebentägiger Krankheit starb der Bischof in der Hauptstadt, ohne etwas erreicht zu haben. Petrus behielt dessen Kukulle und Bußgewand, während Kaiserin Galla Placidia, die sich persönlich um den Sterbenden gekümmert hatte, die Kapsel mit einigen Reliquien erhielt.[14]
Im nächsten Jahr erhielt Petrus Besuch von dem monophysitischen Priester und Archimandriten Eutyches aus Konstantinopel. Dieser war während der Synode von Konstantinopel (448) unter dem Vorsitz des Patriarchen Flavianus (Patriarch von 446–449) wegen dieser monophysitischen Haltung verurteilt worden. Petrus bekräftigte seine Lehrmeinung zur christologischen Frage und hielt sich mangels einer schriftlichen Stellungnahme durch Flavianus aus der Kontroverse heraus. Er forderte Eutyches auf, sich den Entscheidungen Papst Leos I. zu unterwerfen.[15] Petrus gilt daher als Vertrauter des Papstes.
Tod und Beisetzung in Imola

Das Todesjahr Petri ist nicht überliefert. Er starb wohl zwischen 451 und 458, dem Jahr, in dem sein Nachfolger, Bischof Neon, bereits sein Amt ausübte.
Nach Agnellus betrat er zuvor die Basilika San Cassiano in Imola, überreichte dem Märtyrer kostbare Geschenke – „cratere aureo uno e patera argentea altera et diademata aurea magna preciosissimis gemmis ornata“ –, die durch die Berührung mit den Reliquien selbst geheiligt wurden („omnia a sancti Cassiani corpore imbuit“), und legte sie daraufhin auf den Altar. Petrus habe danach die Zuhörer gesegnet und ein langes Abschiedsgebet gesprochen. Nachdem er an seine Zeit in der Kirche von Imola erinnert habe, habe er seine Seele Gott und seinen Körper dem Heiligen anvertraut. So sei er unter den Tränen der Anwesenden am 3. Dezember gestorben. Er wurde auf seinen Wunsch hin hinter der Kirche an einem von ihm angegebenen Ort beigesetzt.[16]
Rezeption der Predigten, Kirchenlehrer (1729)
Von Petrus Chrysologus sind 168 Predigten erhalten (sermones). In diesen legt er die Evangelientexte, die Psalmen, die Paulus-Briefe und das Vater unser aus. Außerdem widmet er sich den Heiligen der damaligen Zeit. Aus theologischer Sicht stehen sie im Zeichen des Konzils von Ephesus (431).
1729 erfolgte die Ernennung zum Kirchenlehrer durch Papst Benedikt XIII. Gedenktag ist der 30. Juli.[17] Viele Texte von Petrus haben heute noch ihren festen Platz im Lektionar und im Stundenbuch der katholischen Kirche. Außerdem erschienen immer wieder Sammlungen zu bestimmten Themen.[18] Im Dom von Ravenna trägt eine der Kapellen seinen Namen.
Quellenlage
Liber Pontificalis Ecclesiae Ravennatis
Ausgerechnet der Liber pontificalis ecclesiae Ravennatis, der im 9. Jahrhundert entstand, und damit die älteste Quelle zum Leben des Petrus darstellt, weist an mehreren Stellen Verwechslungen auf. Ein erheblicher Teil der ihn betreffenden Erzählungen wird vom Verfasser im Leben von Petrus II. verortet[19], während es sich um Petrus (I.) antistes handeln dürfte.[20] Petrus I. wird außerdem zu Unrecht der Bau des Baptisteriums der Petersbasilika in Classe und eines Gebäudes namens Tricoli zugeschrieben, die unter Petrus II. errichtet wurden, während die Angaben zu seinem Tod und seiner Bestattung sich auf Petrus (III.) senior beziehen, der von 569 bis 578 Erzbischof war.[21]
Editionen
- Benedetto Bacchini (Hrsg.): Agnelli Liber Pontificalis, sive; Vitæ Pontificum Ravennatum, Typis Antonii Capponii, Modena 1708 (3 Bde., Digitalisat).
- Oswald Holder-Egger (Hrsg.): Agnelli qui et Andreas Liber pontificalis ecclesiae Ravennatis (= Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Langobardorum), Hahn, Hannover 1878, S. 265–391 (Digitalisat).
- Alexandre Olivar (Hrsg.): Sancti Petri Chrysologi Collectio sermonum a Felice episcopo parata, sermonibus extravagantibus adiectis, in: Corpus Christianorum, Series Latina, 24–24A, Turnhout 1975–1981.
- Gabriele Banterle, R. Benericetti, G. Biffi, G. Scimè, C. Truzzi (Hrsg.): Opere di San Pier Crisologo,
- Sermoni [1–62bis], Bd. I, Mailand/Rom 1996.
- Sermoni [63–124], Bd. II, Mailand/Rom 1997.
- Sermoni [125–179] e Lettera a Eutiche, Bd. III, Mailand/Rom 1997.
- Deborah Mauskopf Deliyannis (Hrsg.): Agnelli Ravennatis Liber pontificalis Ecclesiae Ravennatis (= Corpus Christianorum Continuatio Mediaevalis, 199), Brepols, Turnhout 2006.
- René Borius (Hrsg.): Constance de Lyon, Vie de Saint Germain d’Auxerre, Paris 1965 (vgl. Germanus von Auxerre).
- Eduard Schwartz (Hrsg.): Acta conciliorum oecomenicorum, Bd. II, Berlin/Leipzig 1932.
- William B. Palardy (Übers.): St Peter Chrysologus. Selected Sermons (= The Faters of the Church, A new Translation, 110), 3 Bde., Catholic University of America Press, New York 2005.
- Sebastiano Paoli, Giuseppe Luigi Amadesi: Sancti Petri Chrysologi Archiepiscopi Ravennatis Sermones Veith, Augsburg 1758. (Digitalisat beim MDZ)
- Sancti Petri Chrysologi archiepiscopi Ravennatis opera omnia (= Patrologia Latina, 52), Migne, Paris 1864. (Digitalisat beim MDZ)
Literatur
- Francesca Fiori: Pietro Crisologo, santo, in: Dizionario Biografico degli Italiani 83 (2015).
- Charles Pietri, Luce Pietri: Prosopographie de l’Italie chrétienne (313–604), 2 Bde., Bd. II (L–Z), Rom 2000, S. 1728–1730.
- Ruggero Benericetti: Il Cristo nei sermoni di S. Pier Crisologo, Cesena 1995, S. 57–66 (Christologie des Bischofs nach den Sermones)
- Friedrich Wilhelm Bautz: Chrysologus, Petrus, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 1, Bautz, Hamm 1975. 2., unveränderte Auflage, Hamm 1990, Sp. 1017 f.
- Jean-Charles Picard: Le souvenir des évêques. Sépultures, listes épiscopales et culte des évêques en Italie du Nord des origines au Xe siècle, Rom 1988, S. 146 (Petrus Chrysologus inhumé à Forum Cornelii (Imola)), 177 f. (Basilica petriana), 484 (zur Frage der Chronologie der Petrus-Bischöfe bei Agnellus). (online)
- Deborah Mauskopf Deliyannis: Ravenna in late antiquity, Cambridge 2010, S. 68 f. (San Giovanni Evangelista), 84–86 (Aufstieg der Ravennater Kirche), 196 f. (Kirchen in Classe).
- Giuseppe Scimé: Giudei e cristiani nei sermoni di San Pietro Crisologo, Institutum Patristicum Augustinianum, Rom 2003.
- Boguslaw Kochaniewicz: La Vergine Maria nei sermoni di San Pietro Crisologo, Rom 1998.
- Franco Sottocornola: L‘anno liturgico nei sermoni di Pietro Crisologo, Cesena 1973.
- Florian von Stablewski: Der h. Kirchenvater Petrus von Ravenna Chrysologus, nach den neuesten Quellen dargestellt, Leitgeber & Comp., Posen 1871. (Digitalisat beim MDZ)
- Hermann Dapper: Der heilige Petrus Chrysologus, erster Erzbischof von Ravenna, Schwann’sche Verlagsbuchhandlung, Köln/Neuß 1867. (Digitalisat beim MDZ)
Weblinks
- Literatur von und über Petrus Chrysologus im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- 6 Dokumente (PDF), Documenta catholica omnia
- Ausgewählte Predigten, archive.org, 18. März 2016