Phajaan
Dressur-Methode
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Allgemeines
In der Geschichte der süd- und südost-asiatischen Länder wie Indien, Thailand, Sri Lanka u. a. wurden wilde Elefanten seit Jahrhunderten als Arbeits- und Reittiere, Bettelelefanten, Zeremonial- und Tempelelefanten, als Prestige-Objekte und auch als Kriegselefanten benutzt. Heutzutage (Stand 2024) arbeiten viele Elefanten in der Tourismusindustrie, beispielsweise für Elefanten-Reiten oder in Zirkussen und Shows, wo sie ein zahlungskräftiges Publikum mit dressierten Tricks unterhalten müssen; nicht zuletzt sind auch Elefanten in Zoos zu erwähnen, wenn sie nicht bereits in Gefangenschaft geboren wurden. Dies alles wäre nicht möglich ohne eine vorherige „Zähmung“, die häufig mittels des Phajaan geschieht.
Da Elefanten nie im eigentlichen Sinne gezähmt und in echte Haustiere verwandelt werden konnten,[5][6] werden sie meistens in der Wildnis gefangen. Die nach dem Fang angewendete „Zähmungs“-Methode namens Phajaan oder „Einbrechen“ war/ist dem allgemeinen Publikum lange Zeit nicht bekannt, sondern wurde/wird sozusagen hinter den Kulissen, in großer Heimlichkeit praktiziert, weil es derart „gewalttätig und verstörend für die normale menschliche Psyche“ ist (Suparna Ganguly).[7] Erst seit dem Ende des 20. Jahrhunderts wird es von Tierschützern, wie u. a. der thailändischen Elefantenschützerin Lek Chailert, mithilfe von Undercover-Filmen bekannt gemacht und als barbarische Tierquälerei angeprangert;[8] Lek Chailert bekam deswegen Morddrohungen.[9][10][11] Phajaan, wie es im Folgenden beschrieben wird, ist laut Suparna Ganguly in allen asiatischen Ländern, wo Elefanten gezielt in der Wildnis gefangen, „gezähmt“ und gehandelt werden, und selbst in den USA und anderswo auf internationaler Ebene, üblich;[12] bezeugt ist es für Indien,[13][14][4] Vietnam[15] und Myanmar (Burma)[4]. Es kommt hinzu, dass häufig illegaler Handel zwischen diversen Ländern stattfindet, so wurden/werden beispielsweise in der Wildnis Myanmars (und auch aus Laos und Kambodscha)[16] gefangene Elefantenbabys sehr häufig nach Thailand verkauft,[17][18][19] weil es in Thailand selber zumindest offiziell verboten ist, wilde Elefanten einzufangen, zu verletzen oder zu töten.[20] Einige Quellen, unter anderem Angela Stöger, meinen allerdings, Phajaan werde auch in Thailand durchgeführt.[4][21][8][22][23] Lair meinte 1997, besonders brutal seien illegale Elefanten-Fänge, besonders in der Grenzregion von Thailand und Myanmar.[24] In Indien gibt es offiziell gesetzliche Bestimmungen, die Kauf und Verkauf von Elefanten verbieten, trotzdem wurden bis in die Gegenwart (Stand 2024) aus der Wildnis gefangene Elefanten nicht nur in Indien selber illegal auf „Schwarzmärkten“ gehandelt (u. a. in Sonpur Mela), sondern auch in andere Länder wie Nepal verkauft.[25][26]
Der Fang
Der eigentliche Fang wilder Elefanten, die eine starke Bindung an ihre Mütter und Familienherden haben, kann nach verschiedenen Methoden erfolgen: bei der sogenannten Kheddah werden ganze Herden in eine Palisadeneinfriedung getrieben und einzelne Elefanten später gefesselt und abtransportiert;[27] als mela-shikar bezeichnet man eine Methode, bei der einzelne, ausgewählte Elefanten mit einem Lasso vom Rücken eines bereits gezähmten Elefanten (Kumkie) gefangen werden;[28] des Weiteren können mit Beruhigungsmittel (z. B. Rompun bzw. Xylazin) präparierte Pfeile gezielt auf einzelne Elefanten abgeschossen werden, was aber normalerweise nur bei erwachsenen oder zumindest jugendlichen Elefanten (d. h. nicht bei Babys bzw. Kälbern) gemacht wird.[29][30] Manche Völker (z. B. in Laos) benutzen auch Fallgruben („Pit-traps“) zum Elefantenfang, was per se eine hohe Sterblichkeitsrate habe und nach Meinung Lairs strafrechtlich verfolgt werden sollte.[31][32]
Mit Vorliebe werden kleine Elefantenkälber eingefangen, da sie später leichter zu „zähmen“ und zu dressieren sind, und heutzutage (Stand 2024) auch, weil sie „niedlich“ und daher besonders begehrt in der Tourismusindustrie sind (das betrifft besonders Thailand).[33] Die Elefantenbabys, häufig noch in einem Alter, wo sie von der Muttermilch abhängig sind, werden zunächst von ihren Müttern getrennt,[17] dabei können Feuerwerkskörper oder andere Methoden der „Panikmache“[14] benutzt werden, um die Mütter und die Herde der Kälber zu vertreiben. Wenn dies nicht gelingt, und die Mutter oder andere Herdenmitglieder dem Kleinen zu Hilfe kommen, kann es vorkommen, dass nicht nur die Mutter-Elefantin, sondern die ganze Herde umgebracht wird.[14][22][17][34][21]
Das Phajaan
Das eigentliche Phajaan oder „Einbrechen“ kann als eine Art „Folter“[1] verstanden werden, die eine dauerhafte „Angst-Psychose“ bei dem entsprechenden Elefanten bewirkt:[35] Dabei wird das durch die Trennung (und eventuelle Ermordung) der Mutter und Herde bereits traumatisierte Elefantenkalb in der Folge tage- oder wochenlang in eine Art enges Holzgatter oder Käfig gefesselt. Da die Kälber sich natürlicherweise wehren, werden sie mit Peitschen („whips“),[13] „Eisenstangen, Stöcken, Ketten und Elefantenhaken erbarmungslos geschlagen“,[14][21][36] gestochen[37][1] und heutzutage manchmal auch mit Elektroschockern malträtiert.[13] Gleichzeitig werden sie von den beteiligten Männern durch Geschrei und Lärm terrorisiert.[38][39][1] Die verletzten, meistens blutenden und seelisch traumatisierten Elefantenkälber werden außerdem tagelang ausgehungert, bekommen weder Nahrung noch Wasser, und werden daran gehindert zu schlafen;[14][13][21] dabei lässt man sie in ihren eigenen Exkrementen und Urin stehen.[13] Nicht selten sterben Elefanten bei dieser Prozedur.[14][40][17][41][24]
Erst wenn das Elefantenkalb völlig erschöpft, ausgehungert und „gebrochen“ ist, bekommt es eine erste Mahlzeit und Wasser von einem Mahut, der es auch befreit – daraus entsteht eine enge Bindung des Elefanten an den betreffenden Mahut, der von dem Elefanten als „Retter“ angesehen wird.[4][21][42][43] Laut Gröning und Saller würde der Elefant nicht unbedingt tagelang ausgehungert, sondern bekäme nachts vom Mahut etwas Nahrung und Wasser, und unter Umständen auch zwischendurch als Belohnung, falls er irgendeine „Besserung“ zeige, d. h. sich nicht mehr wehrt.[1]
Elefanten, die den Phajaan überleben, vergessen die Prozedur nie mehr – ihr sprichwörtlich gutes Gedächtnis ist ja seit langem bekannt – und können später mithilfe von Angst kontrolliert werden: bei Bedrohung oder Berührung mit dem Elefantenhaken oder einem Stock machen sie Alles, was der Mahut will.[8] Sie sind oft ihr Leben lang durch Narben an Kopf und Körper und/oder Löcher und Risse in den Ohren gezeichnet,[14] die ihnen allerdings häufig auch später noch in der Gefangenschaft von aggressiven oder brutalen Mahuts zugefügt werden.[13][21] Nach einigen Autoren könne allzu „rohe, brutale Gewalt“ während des Phajaan und später zu „dumpfem Gehorsam aus nackter Angst“ führen, und zu grob behandelte Elefanten könnten später „störrisch, hinterhältig und gefährlich“ werden.[1]
Eine einzelne Internet-Quelle behauptet, Phajaan sei eine in der Lan-Na-Region in Thailand praktizierte magisch-rituelle Trennungs-Zeremonie für Elefanten, wo man Mutter und Kind jeweils dreimal mit einem Stock auf Stirn oder Kopf schlage. Der Stock dürfe danach nicht mehr benutzt, sondern müsse verbrannt werden. Im dazu als Beleg angegebenen Video sieht man allerdings bereits in Gefangenschaft lebende Elefanten, wobei die Mutter (?)-Elefantin Symptome einer traumatischen Störung in Form von Hin-und-Her-Wippen (sogenanntes „Weben“) zeigt.[44]
Katti Adikkal
Ein ähnliches „Ritual“ ist das indische Katti Adikkal, das jedes Jahr regelmäßig bei bereits in Gefangenschaft lebenden, meist männlichen Elefanten durchgeführt wird. Erwachsene Elefantenbullen (z. B. Tempelelefanten), die während ihrer drei bis vier Monate dauernden Musth-Perioden einen erhöhten Bewegungsdrang und erhöhte Aggressionsbereitschaft haben, werden während dieser Zeit auf engstem Raum gefesselt und müssen ohne Bewegungsmöglichkeit monatelang stehen. Aufgrund der Befürchtung, dass sie nach dem Ende der Musth nicht mehr durch Menschen im selben Maße kontrollierbar wären wie zuvor (d. h. nach dem bereits in der Kindheit durchgeführten Phajaan), werden sie dem Katti Adikkal unterzogen. Dabei werden sie (ähnlich wie beim Phajaan) 48 bis 72 Stunden lang von einer Gruppe von Männern ununterbrochen geschlagen, um ihren Willen erneut zu brechen.[45][46]
Literatur
- Paul Christian: The Barbaric Tradition of ‘Breaking the Spirit’ of Elephants for Their Use in the Tourism Industry, Artikel auf: One Green Planet (Abruf am 19. Juli 2024)
- Claire Ellicott: Saving Anne the Elephant – the true story of the last British Circus Elephant, John Blake Publishing, London, 2016
- Stephanie Frank: The Dark Truth of the Elephant Phajaan, Artikel auf: Working abroad, 9. Juni 2021 (englisch; Abruf am 19. Juli 2024)
- Karl Gröning, Martin Saller: Der Elefant in Natur und Kulturgeschichte, Könemann, Köln, 1998
- Sangita Iyer: Think before you ride an elephant: What you need to know about the notorious Phajaan ceremony, Artikel auf: Voices for Asian Elephants, 5. November 2018 (Abruf am 19. Juli 2024)
- Sangita Iyer: Gods in Shackles – What elephants can teach us about empathy, resilience and freedom, Hay House, Carlsbad (California)/New York/London/Sydney/New Delhi, 2022
- Katrin Klaus: Das Tal der Elefanten, in: Weltseher – Magazin für Reportagen (Abruf am 19. Juli 2024)
- Richard C. Lair: Gone Astray - The Care and Management of the Asian Elephant in Domesticity. Food and Agriculture Organisation of the United Nations (FAO), Forestry Department, Rome, Italy and Forestry Department Group, Regional Office for Asia and the Pacific (RAP). Printed by Dharmasarn Co., Ltd., Bangkok, 1997 (englisch; Abruf am 23. Juli 2024)
- Horror für Asiatische Elefanten, auf der Website von: Save The Asian Elephants (STAE) (Abruf am 19. Juli 2024)
- Angela Stöger: Elefanten - Ihre Weisheit, ihre Sprache und ihr soziales Miteinander, Christian Brandstätter Verlag, Wien, 2023, S. 157
- Thailand, Artikel auf: Future for Elephants (Abruf am 19. Juli 2024)
- The Cruel Captive Elephant Industry, in: Peta Asia (englisch; Abruf am 19. Juli 2024)
- Pip Usher: „Sie leiden ihr Leben lang”: die Elefantenretterin von Thailand, Artikel über Lek Chailert und die Situation in Thailand, auf: Vice, 6. Mai 2016 (Abruf am 19. Juli 2024)
Weblinks
- Abschnitte Baby elephants are captured in the wild and „broken.“ und Here’s what goes into making an elephant „rideable“, in: Plight of Captive Elephants, auf der Website von: Wildlife SOS (Abruf am 19. Juli 2024)
- Charlie Campbell: Elephants Are Tortured and Trafficked to Entertain Tourists in Thailand, in: Time, 8. Juli 2014 (englisch; Abruf am 20. Juli 2024; der Begriff ‘Phajaan’ wird hier nicht verwendet!)
- Video über Phajaan , auf: Daily Mail (Abruf am 19. Juli 2024; Warnung: Nicht geeignet für sensible Gemüter !)