Philippus Baldaeus

niederländischer Prediger, Schriftsteller, Proto-Indologe und -Ethnologe From Wikipedia, the free encyclopedia

Philippus Baldaeus (* 24. Oktober 1632 in Delft[1]; † zwischen dem 15. August und dem 27. September 1671 in Geervliet, südlich von Rotterdam) war ein niederländischer reformierter Geistlicher, Schriftsteller, Proto-Indologe und -Ethnologe. Der Name ist latinisiert aus Philips Baelde oder Balde.

Philippus Baldaeus, im Jahr 1671

Leben und Werk

Schule und Studium

Sein Vater war der Kaufmann Jan Baelde. Die Mutter war Maria de Jonge (Junius), Tochter von Isaac Junius, einem Prediger in Delft. Das Paar hatte sich 1629 verheiratet. Bereits mit vier Jahren Vollwaise, wurde Baldaeus vom Großvater großgezogen[2] und folgte dem Vorbild seines Onkels mütterlicherseits, Robert Junius, des „Reformators von Formosa“. Die Insel Formosa, das heutige Taiwan, war von 1624 bis 1662 niederländische Kolonie. Robert Junius hatte 1629 bis 1643 an der Expedition und den verlustreichen Kämpfen mit Portugiesen, Chinesen und Ureinwohnern Formosas teilgenommen und hatte nach seiner Rückkehr (1645) darüber einen ausführlichen Bericht verfasst.[3] Nach dem Besuch des Gymnasiums in Delft und dem Studium der Philosophie in Groningen (1649) und der Theologie in Leiden (1650–1654) wurde auch Philippus Baldaeus calvinistischer Prediger.

Prediger der Ostindischen Kompanie in Südostasien

Nach Abschluss seiner Studien eignete er sich in Leiden Malaiisch- und Formosanisch-Kenntnisse (wohl ein Hakka-Dialekt) an und bewarb sich mit Erfolg um eine Predigerstelle bei der Vereinigten Ostindischen Kompanie, der V.O.C. Baldaeus – inzwischen verheiratet – reiste 1654 als Prediger nach Batavia (heute Jakarta), dem Sitz des Generalgouverneurs und Hauptsitz der Gesellschaft, wo er 1655 eintraf. Damals war der Kampf um die Vorherrschaft über die Gewürzregionen Süd- und Südostasiens zwischen Portugal und den Niederlanden voll entbrannt.

Seine Kenntnis des Malaiischen führte ihn in diplomatischer Mission nach Makassar. Unmittelbar nach der Einnahme von Colombo wurde er jedoch – gegen seine Absicht – auf die von den Portugiesen neu eroberte Insel Ceylon (heute Sri Lanka) versetzt. Nach einem Zwischenaufenthalt in Malakka blieb er zunächst in Galle, dann in Colombo und Jaffna, obwohl er sich auf einen Einsatz in Formosa vorbereitet hatte. Seine Beschwerde hatte keinen Erfolg, seine Kenntnisse des Malaiischen und Formosanischen waren damit wertlos geworden. Nachdem seine erste Frau in Batavia, das wegen seiner ungesunden Lage als das „Grab der Europäer“ galt, gestorben war, heiratete er 1656 an Bord des Schiffs, das ihn nach Ceylon brachte, zum zweiten Mal.

Missionar und Ethnologe in Südindien und Sri Lanka

Baldaeus hatte in Ceylon sowohl die niederländische reformierte Gemeinde zu betreuen als auch die einheimischen, ehemals katholischen Christen, denen er die neue Glaubensrichtung nahezubringen hatte. In den Reihen der Soldaten im Dienst der VOC gab es außerdem zahlreiche Lutheraner, vor allem Deutsche, die von den Pastoren als Glaubensrivalen betrachtet und oftmals in Predigten scharf angegriffen wurden, u. a. Johann Jacob Saar; auch für diese Gruppe war er seelsorgerisch zuständig. Als Feldprediger begleitete er den niederländischen General Rijklof van Goens bei seinem Feldzug gegen die Portugiesen (1658), der mit der Einnahme von Jaffna und Mannar auf Sri Lanka sowie Tuticorin und Nagapattinam in Südindien endete. Das gebirgige Inland von Sri Lanka mit dem tamilisch-buddhistischen Königreich Kandy blieb dagegen bis zur englischen Eroberung 1796 unabhängig, war vom Meer abgeschnitten und gänzlich isoliert. Es blieb ein ständiger Stachel im Fleisch der niederländischen Besitzungen.[4]

In Nagapattinam, dem Hauptsitz der Kompanie auf dem indischen Festland, hielt sich Baldaeus über ein Jahr lang auf. Über den Alltag und den gemächlichen Gang der Geschäfte, der an der Koromandelküste herrschte, sind wir durch einen Brief aus seiner Hand nach Hause an einen jungen Amtsanwärter informiert.[5] Auch an Goens’ erfolgreichem Feldzug gegen die verbliebenen portugiesischen Besitzungen an der südindischen Malabarküste – Quilon 1661, Cochin und Cranganore 1662 – war Baldaeus beteiligt. Van Goens scheint mit seiner Amtsführung zufrieden gewesen zu sein, denn er vertraute ihm 1659 bis 1660 seinen Sohn zur Erziehung an. Weitere Dienst- und Gesandtschaftsreisen führten ihn nach Cannanur (=Kannur) und zum König von Perkatti (=Purakkad/Kerala)[6].

Die Quirlung des Milchmeers durch Götter und Asuras in Baldaeus' „Abgotterey“

Baldaeus’ Pfarrsprengel umfasste das ganze Küstengebiet Sri Lankas mitsamt den vorgelagerten Inseln und dem tamilischen Südzipfel Indiens. Unter den Portugiesen war das Gebiet in 32 Pfarreien mit jeweils einer Kirche und einer Schule aufgeteilt und von zahlreichen Ordensbrüdern sowie einem Jesuitenkollegien betreut worden. Alleine beim Abzug der Portugiesen aus Jaffna befanden sich trotz vorheriger Verluste immer noch 40 bis 50 Geistliche unter den Überlebenden. Die katholische Jesuitenmission in Madura auf dem indischen Festland hatte auf lebenslang tätige Ordensbrüder zurückgreifen können (Francisco de Xavier, Roberto de Nobili, Joseph Constant Beschi, Johannes de Britto), die auf keine Familie Rücksicht nehmen mussten. Für nur vier niederländische Prediger war dies dagegen eine herkulische Aufgabe. Baldaeus schätze die Ordensbrüder wegen ihres Einsatzes und ihrer Kenntnisse sehr – selten in dieser Zeit[7] – und studierte ihre Schriften und Methoden. Er musste alleine von Kirche zu Kirche reisen und die einheimischen Katholiken „umtaufen“ – alleine im Jahr 1663 waren dies 12.387 Personen. Auch die Ausbildung lag ihm am Herzen, denn zu seinem Leidwesen fand er die religiöse Bildung der Einheimischen sehr oberflächlich. Viele waren bloße „Namens-“ oder sog. „Reis-Christen“ (nach der Quantität Reis, die sie für ihre Konversion erhielten).

Philippus Baldaeus
Rijksmuseum Amsterdam
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Ein erst 1999 identifiziertes Doppelportrait im Rijksmuseum Amsterdam zeigt den jungen Missionar in einheimischer Tracht mit seinem tamilischen Dolmetscher in tropischer Landschaft mit seiner singhalesischen Pfarrkirche im Hintergrund.[8]

Baldaeus war am Verständnis der Kultur und Religion der Singhalesen und Südinder zwar vor allem interessiert, um missionieren zu können, setzte sich aber auch für eine bessere Schulbildung der Einheimischen ein; bei seiner Abreise zählte man 18.000 Schulkinder. Mit seinem Eifer geriet er jedoch in Konflikt mit der Kompanie, die zusätzliche Ausgaben scheute und der kirchlich-schulischen Betreuung der Einheimischen gleichgültig gegenüberstand. In ihrem Herrschaftsgebiet beanspruchte sie ohnehin die Oberhoheit auch in kirchlichen Fragen („gewinzucht over godsvrucht“, „Gewinnsucht über Gottesfurcht“)[9]; zudem hatte die Hoffnung, dass durch das von der V.O.C. in Leiden eingerichtete Collegium Indicum besonders dienstwillige Missionare heranwachsen würden, getrogen: „mit diesen jungen Fanten haben wir mehr Verdruss als mit anderen Predigern und Untergebenen“, klagte ein Generalgouverneur. Die Prediger ihrerseits mussten über allerhand Missstände – Trunksucht, Bestechlichkeit, laxe Moral, Sklavenhandel und -haltung, Amtsmissbrauch u. v. m. – hinwegsehen und waren zudem von ihren kirchlichen Vorgesetzten in Batavia abhängig, die sie bei Beschwerden der Obrigkeit jederzeit versetzen konnten.

Von Amtskollegen wurde seine seelsorgerische Arbeit in Ceylon noch lange Zeit danach als vorbildlich eingestuft.

Rückkehr in die Niederlande

Titelbild der deutschen Ausgabe

1665 bis 1666 kehrte Baldaeus über das Kap der Guten Hoffnung in die Niederlande zurück; offenbar hatte er sich 1654 für zehn Jahre Auslandsdienst verpflichtet.[10] 1667 brachte er seine Beschwerden über die kirchlichen Belange in Ceylon in einer Eingabe an die Regierung in Den Haag zum Ausdruck. Statt einer Stelle am Collegium Indicum musste er sich seit 1669 als Prediger in der kleinen Gemeinde Geervliet südlich von Rotterdam begnügen. Hier schloss er seine Beschreibung der Ostindischen Kusten Malabar und Coromandel ab. Noch im Jahr der Veröffentlichung verstarb er, erst 39-jährig,

Die Wahrhaftige Beschreibung

Sein Hauptwerk verfasste er bald nach der Rückkehr in die Niederlande. Es enthält neben ausführlichen Beschreibungen von Religion, Mythologie, Sitten und Gebräuchen Südindiens und Sri Lankas zahlreiche, detaillierte und sorgfältig ausgeführte Kupferstiche und wurde noch im selben Jahr ins Deutsche übersetzt.

Gliederung

Das Buch gliedert sich in folgende Abschnitte:

  • „Ausführliche Beschreibung der ostindischen Küsten oder Ansee-Gegenden Malabar und Coromandel“ (enthält: „Kurtze Anleitung zu der malabarischen Sprachkunst“)
  • „Beschreibung der großen und berühmten Insel Zeylon“
  • „Abgotterey der ost-indischen Heyden. Das ist wahrhaftige und ausführliche Verhandlung von dem Gottesdienst der indostanschen, coromandelschen, malabarischen und zeylonschen Heyden, wie derselben Götzen abgebildet und geehret werden.“

Inhalt

Unter ethnologischen, historischen, geographischen und theologischen Gesichtspunkten verzeichnete Baldaeus alles, was er selbst oder von Gewährsleuten (z. B. einem getauften Brahmanen), von Dolmetschern, aus den Beständen der Jesuitenbibliotheken in Ceylon und Südindien und später aus der in den Niederlanden zugänglichen Literatur über diesen Teil Südasiens in Erfahrung bringen konnte. Dabei kamen ihm seine Kenntnisse des Sanskrit sowie des als Lingua franca weit verbreiteten Portugiesisch zugute; darüber hinaus zitierte er in Hebräisch, Griechisch, Latein, Englisch, Französisch und Italienisch. Seine Schilderung der tamilischen Sprache war bei allen Mängeln wegweisend, wenn er auch nach eigener Aussage darin nur Grundkenntnisse besaß („er kannte wohl nicht viel mehr als das Alphabet“[11]), ganz anders als die Jesuiten, die das Tamil so gut beherrschten, dass sie sogar die Brahmanen bei Sprachwettbewerben mit ihrer Sprachfertigkeit beschämten.[12]

Baldaeus’ Buch prägte lange Zeit die Vorstellungen, die man sich in Europa vom Hinduismus und vom Buddhismus machte. Er war der Erste, der den Hauptinhalt der Krishna-Mythologie sowie der Epen des Ramayana und Mahabharata einem größeren Publikum mitteilte.

Das Porträt von 1671

Der im Jahr 1671 entstandene Titel-Kupferstich seines Werkes zeigt ihn im Halbporträt im Jahr vor seinem Tod als einen in der Blüte seiner Jahre stehenden Mann mit offenem Haar im Stil Ludwigs XIII. (d. h. ohne Perücke) im Prädikantenhabit der Zeit, d. h. in schwarzem, vorn geknöpftem Rock mit Beffchen (zweigeteilter weißer Halsbinde) und schwarzem Pileolus[13] sowie der lateinisch-niederländischen Unterschrift:

  • PHILIPPUS BALDAEUS DELPHENSIS V.D.M.
    PRIMO ANNUM IN PUNTE GALE, POSTEA
    IN REGNO JAFFNAPATNAM IN INSULA CEY=
    LON 8 Annos, Iam in Geervliet 2. AEtatis 38. A.1671.
    Dit is Baldaeus self, die t'Blinde Heydendom
    Door Leven en door Leer bracht tot het Christendom
    .
  • Philipp Baldaeus aus Delft, Prediger[14]
    Er war zuerst ein Jahr in Galle[15], danach
    8 Jahre im Königreich Jaffna auf der Insel Cey=
    lon; [er ist] nun schon 2 Jahre in Geervliet, 38 Jahre alt, im Jahr 1671.
    Dies ist Baldeaus selbst, der das blinde Heidentum
    durch [sein] Leben und durch Lehre zum Christentum brachte
    .

Anmerkungen

Werke

Literatur

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