Pinhas Delougaz

US-amerikanischer vorderasiatischer Archäologe französisch-russischer Herkunft From Wikipedia, the free encyclopedia

Pinhas Pierre Delougaz (* 30. Juni 1901 in Kiew, Russisches Kaiserreich; † 10. Januar 1975 in Tschogha Misch, Iran) war ein US-amerikanischer vorderasiatischer Archäologe französisch-russischer Herkunft. Er war bekannt für seine architektonischen Analysen und akribischen Ausgrabungen in der Diyala-Region im Irak, die halfen, eine grundlegende chronologische und typologische Abfolge für Mesopotamien im dritten Jahrtausend v. Chr. zu erstellen.

Leben und Karriere

Delougaz wurde als Sohn von Simon and Zipporah Silverman in eine jüdische Familie geboren.[1] Seine Mutter war Französin, sein Vater Russe.[2] 1913 wurde er auf das hebräische Herzlia-Gymnasium im damaligen osmanischen Palästina geschickt, wo er Mathematik und Naturwissenschaften lernte. Bedingt durch den Ersten Weltkrieg und die Oktoberrevolution war er die nächsten Jahre hier gestrandet und musste schon früh Selbstständigkeit lernen. Die Jahre in Palästina brachten ihm auch die Kultur des Nahen Ostens näher, so dass er auch Arabisch lernte. Seine Familie floh später nach Istanbul und von dort dann zusammen 1922 nach Paris. Delougaz studierte zwischen 1922 und 1926 Mathematik und Physik an der Sorbonne.[1] 1923 emigrierte er in die Vereinigten Staaten, wo er später eingebürgert wurde. Hier schloss er 1928 sein Architekturstudium an der University of California, Berkeley ab.[2][1] Ursprünglich wollte er sich auf das Theater spezialisieren, wurde aber durch einen Vortrag des Ägyptologen Herbert E. Winlock für die Archäologie begeistert.[1] Ein Stipendium ermöglichte ihm 1930 die Teilnahme an den Ausgrabungen in Tell Billah (bei Baschiqa) im Irak, wo er den Direktor des Projekts, Henri Frankfort, mit seinen zeichnerischen Fähigkeiten beeindruckte. Frankfort holte ihn daraufhin 1931 als Architekten und Surveyor zu den bahnbrechenden Iraq Expedition (OI Chicago) des Oriental Institute der University of Chicago im Diyala-Gebiet.[2][1] Diese Arbeit bildete die Grundlage für seine lebenslange Forschung zur frühen Urbanisierung und Architektur Mesopotamiens.

Während des Zweiten Weltkriegs diente Delougaz in der U.S. Army und war unter anderem für die Erstellung von Geländemodellen für die Invasion in der Normandie verantwortlich.[1] Nach dem Krieg kehrte er zum Oriental Institute zurück. 1955 wurde er dort Assistenzprofessor und später Associate Professor. 1965 wechselte er an das Department of Near Eastern Languages and Cultures der University of California, Los Angeles (UCLA), wo er bis an sein Lebensende lehrte und forschte.[1] Delougaz erlitt 1975 einen tödlichen Herzinfarkt als er sich wieder auf einer Kampagne im iranischen Tschogha Misch aufhielt.[2]

Archäologische Arbeit und Bedeutung

Delougaz’ größter Beitrag zur Vorderasiatischen Archäologie war die Verbindung seiner architektonischen Expertise mit der archäologischen Feldarbeit. Seine Ausbildung ermöglichte es ihm, detaillierte und genaue Rekonstruktionen antiker Gebäude aus ihren oft fragmentarischen Grundrissen zu erstellen. Er legte Wert auf Präzision, vollständige Dokumentation und die Publikation der Grabungsergebnisse.[1]

Als rechte Hand von Henri Frankfort war Delougaz für die gesamte architektonische Aufnahme der Fundorte Tell Asmar (Ešnunna), Ḫafāǧī und Tell Agreb verantwortlich. Seine stratigraphischen Beobachtungen und die minutiöse Dokumentation von Architektur und Keramik waren entscheidend für die Etablierung der frühdynastischen Abfolge I–III in Mesopotamien.[1] Sein Buch Pottery from the Diyala Region von 1952 wurde ein Standardwerk für die Keramiktypologie Nordmesopotamiens.

Gemeinsam mit Thorkild Jacobsen führte er den ersten systematischen, archäologischen Survey im Irak durch. Diese Studie, die Siedlungsmuster einer gesamten Region über Jahrtausende hinweg erfasste, wurde zum Vorbild für viele spätere landschaftsarchäologische Projekte.[2]

Seine Arbeiten zur mesopotamischen Architektur gelten als sein Hauptwerk. In The Temple Oval at Khafajah (1940) analysierte er einen der besterhaltenen frühdynastischen Tempelkomplexe. Sein monumentales, zweibändiges Werk The Architecture of the Diyala Region (1967–68) bietet eine umfassende typologische und historische Analyse der ausgegrabenen Bauwerke und ist ein Referenzwerk.[2][1]

In seinen späteren Jahren widmete er sich der Publikation der Tontafeln aus Tell Asmar und leitete Ausgrabungen in Tell al-Wilaya. An der UCLA beeinflusste er eine neue Generation von Archäologen durch seine akribische Lehre und forderte seine Studenten stets zu höchster Genauigkeit und klarer Argumentation auf.[1]

Darüber hinaus erforschte er in seinen letzten Jahren noch mit Helene J. Kantor die elamisch-sumerische Fundstätte Tschogha Misch.

Schriften (Auswahl)

  • Pinhas Delougaz: The Temple Oval at Khafājah (= Oriental Institute Publications 53). Chicago: Chicago University Press, 1940. (online)
  • Pinhas Pierre Delougaz & Helene J. Kantor: Chogha Mish. Volume I. The First Five Seasons of Excavations 1961–1971. (= Oriental Institute Publications Bd. 101). Oriental Institute of the University of Chicago, Chicago 1996 Text, PDF Plates, PDF
  • Pinhas Delougaz: Pottery from the Diyala Region (Oriental Institute Publications 63), Chicago: University of Chicago Press, 1952.
  • Pinhas Delougaz & Seton Lloyd: Pre-Sargonid Temples in the Diyala Region (Oriental Institute Publications 58), Chicago: University of Chicago Press, 1942.
  • Pinhas Delougaz & Thorkild Jacobsen: The Reconnaissance of the Central Diyala Basin, Chicago: University of Chicago Press, 1960.
  • Pinhas Delougaz: The Architecture of the Diyala Region (2 Bände), Chicago: University of Chicago Press, 1967–1968.

Einzelnachweise

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