Polyzentrismus

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Die Bezeichnung Polyzentrismus wurde von Palmiro Togliatti geprägt. Togliatti verstand Polyzentrismus als Kennzeichnung einer relativen Autonomie der kommunistischen Parteien einzelner Länder gegenüber der Kommunistischen Partei der Sowjetunion nach der Entstalinisierung in der Sowjetunion 1956. Später wurde das Konzept erweitert als allgemeine Bezeichnung für ein System mit mehreren Zentren, als Einheit in der Vielfalt (u. a. Politikwissenschaft, Architektur und Stadtplanung).

Internationale Beziehungen

Zunächst wurde Polyzentrismus von westlichen Beobachtern verwendet, um Pluralisierungstendenzen in der kommunistischen Welt zu beschreiben, besonders die potenziellen und dann realen Folgen eines sino-sowjetischen Konflikts („spezifischer Polyzentrismus“). Im „weltpolitischen Denken“ wurde die Bezeichnung in den 1960er-Jahren für die Beschreibung paralleler Krisen und die versuchte Herausbildung selbstständiger Zentren im kommunistischen „Osten“ wie auch im Westen (Politik von Charles de Gaulle) verallgemeinert („analytischer Polyzentrismus“). In der Diskussion über die Folgen für die zukünftige internationale Ordnung wurde er zum allgemeinen Strukturbegriff für eine Welt mit mehreren Machtzentren („weltpolitischer Polyzentrismus“).[1] Dieser "weltpolitische Polyzentrismus" ging der ebenfalls in den 1960er-Jahren einsetzenden Rede von einer Multipolarität voraus und galt als Synonym.[2]

Politikwissenschaft

Michael Polanyi nutzte das Konzept der Ergründung der Relevanz von Selbstorganisation und dem Schutz von Grundrechten.[3][4] Aktuelle Vertreter des Konzepts in der Politikwissenschaft sind Simin Davoudi, Elinor und Vincent Ostrom. Arturo Escobar hebt indigene Perspektiven und Praktiken des Polyzentrismus mit dem Begriff des Pluriversums hervor.[5]

Interkulturelle Kompetenz

Im Bereich der interkulturellen Kompetenz wird Polyzentrismus verstanden als Einstellung beziehungsweise Geisteshaltung der Offenheit gegenüber anderen Kulturen, Ansichten und Lebensweisen: wenn interkulturelle Handlungszusammenhänge nicht nur vor dem Hintergrund eigener kultureller Erfahrungen interpretiert werden, sondern die Eigenständigkeit anderer Kulturen anerkannt wird und kulturspezifische Wertungen relativiert werden. Dies steht im Sinne von Non-Ethnozentrismus im Gegensatz zur Haltung des Ethnozentrismus.

Literatur

  • Hans Heinz Holz: Die Begründung der Lehre vom Polyzentrismus bei Gramsci und Togliatti, in: Ders., Strömungen und Tendenzen im Neomarxismus. Hanser Verlag, München 1972, S. 12–29.
  • Andreas Plöger: "Weltmacht China"? Die Volksrepublik China in westdeutschen Weltordnungsdiskursen der 1960er- und 1970er-Jahre. De Gruyter Brill, Berlin / Boston 2026.

Einzelnachweise

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