Postfaschismus

ultrarechte politische Strömung From Wikipedia, the free encyclopedia

Als Postfaschismus wurde ursprünglich eine politische Strömung in Italien bezeichnet, die aus dem überwundenen historischen italienischen Faschismus hervorging und ihre Wurzeln in diesem Erbe sieht, ohne aber die existierende demokratische Ordnung umstoßen zu wollen.[1] Der Begriff kam insbesondere im Zuge der italienischen Fratelli d’Italia auf.[2][3] In Spanien wurde der Vorläufer der heutigen Partido Popular, die Alianza Popular, als „post-faschistisch“[4] beziehungsweise als „post-franquistisch“[5] beschrieben.

Spätestens seit 2025 wird der Begriff „Postfaschismus“ von der vergleichenden Faschismusforschung auch als ideologischer Oberbegriff für bestimmte ultrarechte Politiker und Parteien der Gegenwart diskutiert, etwa die zweite US-Regierung unter Donald Trump.

Historischer Hintergrund in Italien

Mit dem Movimento Sociale Italiano (MSI) entstand in Italien bereits 1946 eine von ehemaligen Funktionären der faschistischen Sozialrepublik (RSI) um Giorgio Almirante gegründete politische Partei, die sich anfangs verhalten, später offensichtlicher zum Neofaschismus bekannte. Unter dem in der Partei als moderat geltenden Generalsekretär Gianfranco Fini öffnete sich der MSI Anfang der 1990er Jahre für bürgerliche Wählerschichten und konnte damit, insbesondere nach Aufdeckung des Tangentopoli-Skandals, Erfolge erzielen. So trat der MSI bei den Wahlen 1994 erstmals unter der Bezeichnung Alleanza Nazionale (AN) an und war im Folgenden im Kabinett Berlusconi I erstmals an der Regierung beteiligt, womit die jahrzehntelange Ausgrenzung der Neofaschisten in Italien endete, und konnte nach dem Untergang der Democrazia Cristiana monarchistische, rechtsliberale und rechtskonservative Wähler an sich binden. Nach Auffassung von Piero Ignazi war diese Öffnung eher strategisch und weniger inhaltlich geprägt.[6]

1995 ging der MSI in der Alleanza Nazionale auf. Fini erhob den Anspruch, die neofaschistische in eine „nationalpatriotische“ Partei umzuwandeln. Piero Ignazi attestiert der Partei in den 1990er Jahren eine Kombination aus neo- und postfaschistischen Elementen. Wolfgang Merkel sieht im Übergang vom MSI zur AN eine personelle und programmatische Kontinuität im Rahmen des Neofaschismus.[6] Im weiteren Verlauf der 1990er-Jahre hat sich die AN dann zu einer rechtskonservativen Partei gewandelt.[7] Nach dieser Wandlung wird der AN sowie weitere, aus diesem hervorgegangene Parteien vielfach als postfaschistisch klassifiziert.[8]

„Postfaschismus“ als Konzept in der modernen Faschismusforschung

Seit Januar 2025 schlagen Historiker aus der vergleichenden Faschismusforschung (Comparative Fascist Studies) wie Enzo Traverso oder Sven Reichardt vor, den Begriff „Postfaschismus“ zur Beschreibung von gegenwärtigen Phänomenen populistischer ultrarechter Politik zu nutzen. Politiker wie Donald Trump, Viktor Orbán, Marine Le Pen oder Matteo Salvini und ihre Parteien seien einerseits „nicht umstandslos mit dem historischen Faschismus gleichzusetzen“, und „zugleich seien Momente der Kontinuität und Verweise auf die Vergangenheit nicht zu übersehen“.[9] Im April 2025 ordnete Sven Reichardt in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung das Wirken des zweiten Kabinetts Trumps in den USA als „postfaschistisch“ ein.[10] Zum Verhältnis zwischen Faschismus und Postfaschismus führt Reichardt an:

„Der Postfaschismus bezieht sich trotz aller Koketterie mit dem symbolischen und rhetorischen Arsenal des historischen Faschismus nicht mehr direkt auf diesen als sein Originalvorbild. Anders als Skins oder NPD-Neofaschisten der Nachkriegsjahrzehnte wollen die Postfaschisten die nationalsozialistische Zeit nicht gänzlich rehabilitieren. Stattdessen verkleinern sie den Nationalsozialismus zum ‚Vogelschiss‘ der deutschen Geschichte. Ihnen geht es darum, die Erinnerung an den Nationalsozialismus zu verbannen und die ‚Denkmäler der Schande‘ auszuradieren. Von Björn Höcke vielleicht abgesehen, will selbst Giorgia Meloni als Postfaschistin den Faschismus erneuern und verändern. Im Januar 2025 erklärte die ehemalige Neofaschistin – zum Erstaunen ihrer eigenen Partei – am Gedenktag 80 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor dem Parlament, dass die Tragödie der Shoah, die in der Geschichte ihresgleichen suche, zwar vom Hitler-Regime verwirklicht worden sei, aber ‚in Italien die Komplizenschaft des faschistischen Regimes gefunden habe, angesichts der Schande der Rassengesetze und der Beteiligung an Razzien und Deportationen‘.“[11]

Der argentinische Historiker und Faschismusexperte Federico Finchelstein beschrieb bereits 2017 einen „populistischen Postfaschismus“ als die praktische Ausprägung einer Politik, bei der fremdenfeindliche Nationalisten auf autoritäre Weise demokratische Politik machen, und dabei „der Populismus in einem Staat zur Herrschaftsform wird“.[12]

Kritische Rezeption in der politischen Linken

2001 kam die der deutschen PDS nahestehende Rosa-Luxemburg-Stiftung zu der Auffassung, dass die Bezeichnung Postfaschismus eine kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaftspolitik der Alleanza Nazionale verhindere.[8] Auch die SPÖ-nahe österreichische Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl kritisiert den Begriff als „Wunsch zur Verharmlosung“ und betont die Gemeinsamkeiten und die Kontinuität vom historischen Faschismus zu den heutigen Fratelli d’Italia.[13] Wieder andere, wie beispielsweise die Künstlerin Miriam Cahn, verwenden den Begriff über Italien hinausgehend für jegliche Rechts-außen, die offensichtliche Kontinuitäten zu faschistischem Gedankengut aufweisen.

Siehe auch

Anhang

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