Postironie
differenzierte Haltung zur Figur der Ironie
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Der Begriff Postironie (lateinisch post: hinter, nach; griech. εἰρωνεία, eironeía: Täuschung, Verstellung) bezeichnet eine differenzierte Haltung zur Figur der Ironie, oder eine bestimmte Variante von ihr. Postironie beschreibt eine Aussage o. Ä., bei der nicht klar ist, ob es sich um Ironie handelt oder nicht.
Geschichte
1993 erschien David Foster Wallace’ Essay „E Unibus Pluram: Television and U.S Fiction“, in dem er sich mit der kritischen Funktion der Literatur bezogen auf die US-amerikanische Fernsehkultur beschäftigt. Obwohl die Literatur die damaligen Fernsehsendungen in vielerlei Hinsicht bemängeln könnte (vor allem, weil sie unrealistisch sei), träfe die Kritik nicht, da die Fernsehsendungen sich auf einer ironischen Weise derart vermitteln, dass es klar würde, dass sie sich nicht auf eine Realität beziehen[1]. Das Gemeinte kann durch ein Beispiel dargestellt werden: Eine Pepsiwerbung von 1985 beginnt mit der Ankunft eines Pepsi-gefüllten Vans auf einem vollen Strand. Der Strandverkäufer des Vans öffnet eine Pepsi-Cola-Dose vor einem Mikrophon, welches verstärkt wird. Sobald die Strandbesucher das Öffnen der Pepsi-Dose hören, strömen sie alle zu dem Van, als wären sie konditionierte Hunde. Am Ende erscheint der Slogan: „Pepsi: Die Wahl einer neuen Generation“[2]. Manch einer würde die Darstellung der Wahllosigkeit der Strandbesucher kritisieren: die Werbung führe dazu, das Produkt auf einer konditionierenden, nicht aber auf einer argumentativen Weise, die die Autonomie des Konsumenten untergrabe, zu bewerben. Doch nach Wallace spielt die Werbung ironisch mit dieser dargestellten Wahllosigkeit um. Der Fernsehzuschauer erkennt die dargestellte Wahllosigkeit, die nicht mit der Aussage des Slogans übereinstimmt, also die Ironie der Werbung, und dieses Erkennen ist vom Produzenten beabsichtigt[3]. Weil nun das Medium des Fernsehens sich selber nicht ernst nehme, könne es auch nicht auf eine ironische Weise durch die Literatur kritisiert werden, denn es gesteht die Kritik stillschweigend zu, und so verliert die kritische Ironie ihren Biss. Eine mögliche postironische Haltung – also eine Haltung, die jenseits der Ironie (post; danach) führt – könnte die Lösung zur Überwindung des Problems der amerikanischen Fernsehkultur sein. Wallace selbst gibt jedoch keine Angaben, was diese postironische Haltung (das Wort „postironisch“ fällt in seinem Kontext nicht) beinhaltet[4].
Begriff
Analog zur Dekonstruktion der „großen Erzählungen“ (z. B. Fortschritt, Vernunft, Kunst) der Moderne im Zuge postmoderner Diskurse, insbesondere mit Blick auf Jean-François Lyotards Bericht Das postmoderne Wissen[5], setzt sich die Form der Postironie kritisch mit den Implikationen eines relativierten Wahrheitsbegriffes auseinander. Während sich die traditionelle Figur der Ironie stets auf ein Positiv beziehen konnte, zieht dessen Relativierung unvermeidlich und folgerichtig auch Konsequenzen für sein ironisches Komplement nach sich: die Ironie verliert ihre ursprüngliche ambivalente Funktion und wird als bloße rhetorische Figur zur Immunisierung einzelner Sprechakte zunehmend zum trivialen Winkelzug: Unter Verweisung auf die Möglichkeit der Ironie kann Festlegung und Verantwortung für Gesagtes vermieden werden. Postironie sollte weder als Wunsch nach vor-ironischer Einfachheit noch als reine Anti-Ironie missverstanden werden. Sie legt vielmehr eine verantwortungsbewusste Haltung nahe, die Ironie ernst nimmt und verspricht, sie unter heutigen Bedingungen wieder produktiv zu nutzen. Ein Sinn für Humor bleibt dabei ausdrücklich erhalten.
Die Postironie ist eine Ausdrucksform, die Humor täuschend zur Konstruktion einer Aussage benutzt. Der Anwender dieses pseudo-rhetorischen Mittels versucht also eine Aussage zu formulieren ohne den dafür notwendigen Ernst. Humor unterscheidet sich im Kern dabei jedoch von der bloßen Aussage durch ihre charakteristische Überspitzung aus Zweifel. Es ist jedoch eine Art der Heuchelei, Zweifel nur vorzutäuschen und eine vage Aussage zu formulieren, um die Reaktion des Publikums zu testen. Die Postironie dient dem Zweck, dem Täuscher bei fehlender Aussagekraft seiner Verzerrung den Rückzug in die überspitzte Aussage des Humors zu ermöglichen, welche ihm oder ihr Schutz vor Häme bietet. Der Postironiker nimmt also in seiner Prämisse die Verzerrung von Tatsachen in Kauf. Der dafür aufgewendete zynische Humor ist für den Komiker eine Angriffsfläche, welchen er mit der Postironie zu lösen versucht. Durch die gezielte Täuschung kann man die Postironie zum dialektischen Sophismus zählen.
Beispiele
The Savage Girl (2001)
In Alex Shakars im Trendscout- und Werbemilieu angesiedelten Debüt-Roman The Savage Girl[6] aus dem Jahr 2001 wird das Zeitalter der Postironie verkündet, das sich durch das Phänomen des Zweifelns über Zweifel auszeichne. Die Ironie, seit jeher mächtigste Waffe der Gegenkultur, sei zum zentralen Stilmittel der Werbung degeneriert und habe so ihre oppositionelle Kraft verloren. Durch „ironischen Ernst“[7] könne der Lähmung durch den – teils sogar ins Zynische umschlagenden – allgegenwärtigen Zweifel begegnet werden. Shakar präsentiert mit seinem Konzept der Postironie eine mögliche Lösung des Dilemmas: „postirony, the whole new era to come. And if I'm right, everybody wins.“[8]
Com&Com (2008)
Das Schweizer Künstlerduo Com&Com publizierte im Jahr 2008 ein sogenanntes „Postironisches Manifest“[9].
Literatur
- Lukas Hoffmann: Postirony: The Nonfictional Literature of David Foster Wallace and Dave Eggers, transcript Verlag, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-8376-3661-1.
- Markus Heinzelmann, Stefanie Kreuzer (Hrsg.): Neues Rheinland. Die postironische Generation, Berlin 2010, ISBN 978-3-942405-20-1.
- Diana Porr: Postironie, in: Johannes M. Hedinger, Marcus Gossolt (Hrsg.): Lexikon zur Zeitgenössischen Kunst. La réalité dépasse la fiction, Sulgen/Zürich 2010, ISBN 978-3-7212-0734-7, S. 135.
- Sebastian Plönges: Postironie als Entfaltung, in: Torsten Meyer, Wey-Han Tan, Christina Schwalbe, Ralf Appelt (Hrsg.): Medien und Bildung. Institutionelle Kontexte und kultureller Wandel, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-17708-3, S. 438–446.
- Philipp Ohnesorge and Philipp Pabst: Postironie/New Sincerity: Eine Einführung, in: Sebastian Berlich, Holger Grevenbrock, Katharina Scheerer (Hrsg.): Where Are We Now? Orientierungen nach der Postmoderne, transcript Verlag, Bielefeld 2022, ISBN 978-3-8376-6256-6, S. 33–48,