Rafael Seligmann
deutsch-israelischer Schriftsteller, Publizist, Politologe und Zeithistoriker
From Wikipedia, the free encyclopedia
Rafael Seligmann (hebräisch רפאל זליגמן; geboren 13. Oktober 1947 in Tel Aviv, Britisches Mandatsgebiet Palästina) ist ein deutscher Schriftsteller, Publizist, Politologe und Zeithistoriker.

Familie
Rafael Seligmann ist der Sohn von Ludwig Seligmann, der 1934 aus Ichenhausen (Bayern) nach Tel Aviv emigrierte. Er selbst hat drei Kinder.[1]
Leben
Seligmann wanderte 1957 mit seinen Eltern aus Israel nach Westdeutschland ein. Nach einer Lehre[1] studierte er Politikwissenschaft und Geschichte in München und Tel Aviv. Er promovierte 1982 über Israels Sicherheitspolitik.
Seit 1978 schreibt Seligmann Essays, Kommentare und Kolumnen unter anderem für das Magazin Der Spiegel und die Tages- bzw. Wochenzeitungen B.Z., Bild, Die Welt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, taz und Jüdische Allgemeine.
1981/82 war er außenpolitischer Berater in der CDU-Bundesgeschäftsstelle in Bonn, von 1985 bis 1991 Dozent für Internationale Beziehungen an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1985 gründete Seligmann die kurzlebige Jüdische Zeitung und war zwei Jahre ihr Chefredakteur.
Von Oktober 2004 bis 2009 war er Chefredakteur der in Deutschland und den USA erscheinenden englischsprachigen Monatszeitung The Atlantic Times. Von 2012 bis 2019 gab er die vier Mal im Jahr erscheinende englischsprachige Zeitschrift Jewish Voice from Germany heraus.
Von 2008 bis 2012 befragte Seligmann im Rahmen des „Talk im Elysée“ im Hamburger Hotel Grand Elysée jeweils eine Person des öffentlichen Lebens zu persönlichen und politischen Themen. Gäste waren unter anderem Maybrit Illner, Huub Stevens, Hildegard Müller, Michel Friedman, Mario Adorf und Guido Westerwelle.
Seligmann kritisierte, dass im Streit um die Mohammed-Karikaturen die Pressefreiheit in Europa nicht offensiver verteidigt wurde; stattdessen entschuldige man sich bei Islamisten. Gleiches habe für eine islamkritische Aussage in einer Papstrede gegolten. Durch diese Unterwerfung seien die europäischen Werte der Freiheit auf Dauer gefährdet und der radikale Islamismus gewinne.
Seligmann ist Vorstandsmitglied des Vereins „GesichtZeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“, der sich gegen Rassismus und Antisemitismus einsetzt.[2]
Seligmann lebt als freier Journalist, Publizist und Autor in Berlin.
Grundtendenz seines Werks
In seinen Romanen und Sachbüchern schreibt Seligmann provokant und schonungslos über das deutsch-jüdische Verhältnis. Dieses Verhältnis sei „seine Lebensmelodie, Aufklärung, seine Mission“. Für ihn bedeute das: Kritik in alle Richtungen. Seine Hauptintention sei „mehr Normalität“ im Zusammenleben von nicht-jüdischen und jüdischen Menschen in Deutschland. Dafür lohne es sich, bis an die Schmerzgrenze zu gehen. Entsprechend bemerkte er in einem Spiegel-Essay mit dem Titel Die Juden leben: „Die ‚Freunde‘ rauben den Juden den seelischen Atem“,[3] und in der Rheinischen Post erklärte er: „Nach Auschwitz sind bei den Überlebenden, den Angehörigen und Nachkommen der Opfer und Täter tiefe seelische Verletzungen zurückgeblieben. Diese lassen sich nicht allein durch akademische Debatten heilen. Da braucht es viel Verständnis, aber auch Streit – Streit wie in der Judenschule.“
Sein Werk polarisiert ebenso wie seine Person: Den einen gilt er als „Nestbeschmutzer“ (Jüdische Allgemeine), den anderen als „Aufklärer“ (Die Zeit). Seligmann selbst sieht sich vor allem als „deutschen Juden“.
Belletristisches Schaffen
Sein Romandebüt, Rubinsteins Versteigerung (1988), galt als das erste von einem Juden verfasste Werk der deutschen Gegenwartsliteratur. Es wurde teils begeistert, teils ablehnend aufgenommen. In dem 1997 erschienenen Roman Der Musterjude persifliert Seligmann die Medienwelt und die schwierigen deutsch-jüdischen Beziehungen, indem er den Aufstieg eines jüdischen Jeansverkäufers zum gefeierten tabubrechenden Starjournalisten in absurde Höhen treibt.
Ende 2006 erschien Die Kohle-Saga, eine Familiensaga über eine polnische Einwandererfamilie, in deren Schicksal sich über Jahrzehnte hinweg die Geschichte des deutschen Steinkohlebergbaus widerspiegelt. Die Ruhrkohle AG schenkte jedem ihrer Mitarbeiter ein Exemplar des Romans.
2017 erschien Seligmanns Roman Deutsch meschugge, eine Satire über die Auswirkungen des Populismus in der deutschen Politik.
Seligmanns Hauptwerk ist die Familien-Trilogie Lauf Ludwig, lauf (2019), Hannah und Ludwig (2020) und Rafi, Judenbub (2022). Es ist die literarisch erzählte Geschichte seiner Eltern von 1907, dem Geburtsjahr des Vaters, bis zum Todesjahr der Mutter, 1990. Im letzten Band erzählt der Autor seine eigene Geschichte, den Aufstieg vom Lehrling zum Akademischen Rat an der Universität München.[4] „Wie die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts Familiengeschichten bestimmt, hat der Historiker und Schriftsteller Rafael Seligmann auf einzigartige Weise sichtbar gemacht“, hieß es im Deutschlandfunk zu Seligmanns Trilogie.
Sachliteratur
Seligmanns Dissertation aus dem Jahr 1982 mit dem Titel Israels Sicherheitspolitik. Zwischen Selbstbehauptung und Präventivschlag – Eine Fallstudie über Grundlagen und Motive behandelt den Sechstagekrieg von 1967. Der Autor betrachtet darin die Vorgeschichte des Konflikts, analysiert wichtige Determinanten der israelischen Sicherheitspolitik und durchleuchtet das vielfältige Spektrum des politischen und militärischen Systems des Staates Israel in den beiden ersten Jahrzehnten seines Bestehens. Das Werk zeichnet den Entscheidungsprozess auf israelischer Seite während der einzelnen Krisen- und Kriegsphasen im Mai/Juni 1967 minutiös nach. Seligmann untersucht die Rationalität der israelischen Sicherheitspolitik mit dem Instrument der politisch-strategischen Lehre von Carl von Clausewitz.
In seinem Sachbuch Mit beschränkter Hoffnung setzte sich Seligmann 1991, kurz nach der deutschen Wiedervereinigung, mit der Situation der deutschen Juden und der Juden in Deutschland auseinander.
Im Frühjahr 2004 erschien der Essay Hitler. Die Deutschen und ihr Führer. Darin behandelte Seligmann die Frage, warum die Mehrheit der Deutschen so lange loyal zu Hitler gestanden hatte. Seine Kernthese ist, dass Hitler die unter Deutschen verbreitete Angst vor der Moderne, als deren Vertreter die Juden gegolten hätten, geteilt habe. Diese These stieß auf heftige Kritik und wurde z. B. in einer Besprechung in der Frankfurter Allgemeine Zeitung als „bloßes Psychologisieren bei erheblich gestörten Bezügen zur historischen Realität“ bezeichnet. Der Tenor der Rezension lautete, dass Seligmanns Abhandlung über die Deutschen und Hitler ein leicht lesbares Buch mit „viel Effekthascherei“, aber wenig neuen Erkenntnissen sei.
Seligmanns Sachbücher gaben oft Anlass zu Diskussionen – zum einen über politische Intentionen, zum anderen über geschichtliche Interpretationen.
Seine Zeitschrift Jewish Voice from Germany
Anfang 2012 gründete Seligmann die Vierteljahresschrift Jewish Voice from Germany – Die englischsprachige Brücke zwischen Deutschland und den Juden in aller Welt. Sie bestand bis 2019 und richtete sich vorwiegend an ein amerikanisches, später auch an ein deutsches Publikum. Sie wurde allen Abgeordneten des U.S.-Congresses, der israelischen Knesset sowie dem kanadischen und australischen Parlament zugestellt und verfolgte das Ziel, über das jüdische Leben in Deutschland zu informieren. Sie war in englischer Sprache und wurde überwiegend durch Werbung finanziert.
Seligmann war der Herausgeber; Redakteure waren Hartmut Bomhoff, Michael S. Cullen, Sabine Dultz, Siegfried Guterman, Susanne Mauss (†) und Elisabeth Neu. Zu den Autoren zählten Moshe Zimmermann, Heribert Prantl, Uwe-Karsten Heye und Heiko Maas. Die Startauflage betrug 50.000 Exemplare, davon wurden 7.000 in Deutschland verteilt. Später soll sich die Gesamtauflage auf mehr als 100.000 Exemplare belaufen haben.[5]
Die erste Ausgabe erschien am 2. Januar 2012,[6][7] ab 2015 erschien parallel zur englischen Ausgabe eine deutsche. Diese war Teil der Tageszeitung Die Welt.
Ehrungen
Am 7. Mai 2021 erfolgte die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande an Seligmann, zusammen mit seiner Frau Elisabeth, neben vier weiteren Personen (darunter der Musiker Django Heinrich Reinhardt), für seinen Beitrag zur Erinnerungsarbeit sowie die Gründung und Leitung der Zeitung Jewish Voice from Germany.[8][9]
Werke

- Israels Sicherheitspolitik. Zwischen Selbstbehauptung und Präventivschlag – Eine Fallstudie über Grundlagen und Motive. München 1982, ISBN 3-7637-5331-1.
- Rubinsteins Versteigerung. Roman, Wunder, München 1988, ISBN 3-423-11381-2.
- Die jiddische Mamme. Roman, Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 1990, ISBN 3-423-12172-6.
- Mit beschränkter Hoffnung. Juden, Deutsche, Israelis. Sachbuch, Hoffmann und Campe, Hamburg 1991, ISBN 3-426-80017-9.
- Drehbuch zum Film Schalom Deutschland, 1995–1997
- Der Musterjude. Roman, Claassen-Verlag, Hildesheim 1997, ISBN 3-423-12646-9.
- Schalom meine Liebe. Roman, Dtv, München 1998, ISBN 3-423-20173-8.
- Der Milchmann. Roman, dtv, München 1999, ISBN 3-423-24177-2.
- Hitler. Die Deutschen und ihr Führer. Ullstein, München 2004, ISBN 3-550-07589-8.
- Die Kohle-Saga. Der Tatsachenroman aus dem Revier. Hoffmann und Campe, Hamburg 2006, ISBN 3-455-50030-7.
- Revier im Wandel. Die Kohle-Saga geht weiter. Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, ISBN 978-3-455-50048-6.
- Deutschland wird dir gefallen. Autobiographie, Aufbau Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-351-02721-6.
- zusammen mit Charlotte Knobloch: In Deutschland angekommen. Erinnerungen. Deutsche Verlagsanstalt, München 2012, ISBN 978-3-421-04477-8.
- Deutsch meschugge. Roman, Transit-Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-88747-347-1.
- Lauf, Ludwig, lauf! Eine Jugend zwischen Synagoge und Fußball. Roman, Langen Müller, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-7844-3466-7. Hörbuch, gelesen von Axel Milberg: USM Audio, München 2019, ISBN 978-3-8032-9218-6.
- Hannah und Ludwig – Heimatlos in Tel Aviv. Roman, LangenMüller, München 2020, ISBN 978-3-7844-3569-5. (Hörbuch: USM Audio, München 2020, ISBN 978-3-8032-9238-4, gelesen von Axel Milberg).
- Brandstifter und ihre Mitläufer: Putin – Trump – Netanyahu. Herder Verlag, Freiburg 2024, ISBN 978-3-451-39607-6.
- Keine Schonzeit für Juden: Die Antwort eines Betroffenen. Herder Verlag, Freiburg 2025, ISBN 978-3-451-39607-6.
Literatur
- Helene Schruff, Hans-Joachim Hahn: Seligmann, Rafael. In: Andreas B. Kilcher (Hrsg.): Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2012, ISBN 978-3-476-02457-2, S. 461–463.
Weblinks
- Literatur von und über Rafael Seligmann im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Rafael Seligmann bei IMDb
- Nichts Neues über Hitler. Rezension von Klaus Hildebrand zu Hitler. Die Deutschen und ihr Führer auf zeit.de, 15. April 2004
- Rezensionensammlung zu Hitler. Die Deutschen und ihr Führer auf perlentaucher.de
- Rafael Seligmann: Versiegelter Stein, Artikel über das Holocaust-Mahnmal in Berlin in der Welt am Sonntag
- Wer hat Israel gegründet? Interview mit Rafael Seligmann in der Berliner Zeitung
- Jewish Voice from Germany