Česká strana pokroková
Politische Partei im Böhmischen Landtag und österreichischen Reichsrat
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Die Česká strana pokroková (Tschechische Fortschritspartei) auch Realisté (Realisten) genannt, war eine progressive Politische Partei im Böhmischen Landtag und österreichischen Reichsrat, die 1900 von Tomáš Garrigue Masaryk gegründet wurde. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 wurde sie verboten und 1917 wieder gegründet. Die Partei löste sich im Januar 1920 endgültig auf.
Vorgeschichte
In den 1880er Jahren waren drei führende Intellektuelle mit dem Zustand der tschechischen politischen Szene unzufrieden, mit der fruchtlosen Rivalität zwischen der Nationalpartei (den Alttschechen) und der Freisinnigen Nationalpartei (den Jungtschechen): die sogenannten Realisten Josef Kaizl, Karel Kramář und Tomáš Garrigue Masaryk. Ursprünglich wollten sie die Nationalpartei von innen verändern, aber nach dem Scheitern des Österreichisch-Tschechischen Ausgleichs und dem Wahlsieg der Jungtschechen 1891 schlossen sie sich diesen an.
1893[1] wurde Masaryk nach Konflikten mit Parteichef Julius Grégr aus der jungtschechischen Partei ausgeschlossen und er legte sein Mandat im österreichischen Reichsrat zurück, während Kaizl und Kramář ihr Mandat behielten. Kurz verließ er die Politik und er widmete sich seiner Tätigkeit als Professor an der Prager Universität und publizierte.
Gründung
1900 beschloss Masaryk, die politische Partei Česká strana lidová (Tschechische Volkspartei) zu gründen, die allgemein als die Realisten bezeichnet wurde. Einer der Hauptgründe für die Gründung einer eigenen Partei war seine ablehnende Haltung zum antisemitischen Gerichtsurteil in der sogenannten Hilsner-Affäre, dem sowohl die Alttschechen als auch die Jungtschechen damals zustimmten.[2] Der erste Parteitag fand vom 31. März bis zum 1. April 1900 statt. Masaryk entwarf in Zusammenarbeit mit Josef Gruber, František Drtina und Cyril Horáček das Parteiprogramm, das er anschließend in verschiedenen Städten auch außerhalb Prags intensiv propagierte. Das Presseorgan der Partei wurde die von Jan Herben herausgegebene Zeitschrift Čas. Die Realisten vertraten in Vergleich mit den Jungtschechen eine gemäßigtere Position im böhmischen Sprachenkonflikt und setzten sich für Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung der Frau und die Abschaffung der Todesstrafe ein.[3]
Am 16. Mai 1905 schloss sich eine Gruppe, die ursprünglich mit den Jungtschechen um die Zeitung Osvěta lidu (Aufklärung des Volkes) und deren Herausgeber Alois Hajn der Partei an und diese nannte sich fortan Česká strana pokroková.[4]
Nach 1914 war die Partei eine der wichtigsten politischen Kräfte des antiösterreichischen Widerstands im Exil.[5] Im Verlauf des Krieges wurde die Partei von den Behörden aufgelöst und viele ihrer Mitglieder wurden verurteilt.
Infolge der Versuche Kaiser Karls, den Ausgleich mit den Tschechen zu suchen und dank der Amnestie einer Reihe von Persönlichkeiten, wie beispielsweise der Freilassung von Karel Kramář im Juli 1917, kam es zu einer gewissen politischen Lockerung, die eine Wiederaufnahme der Parteitätigkeit ermöglichte. Im Dezember 1917 wurde die Vereinigung der tschechischen Bürgerparteien zur Česká státoprávní demokracie (Tschechische Staatsdemokratie) beschlossen.
Nach der Gründung der Tschechoslowakei beschloss der Parteitag am 6. Januar 1920 die Auflösung der Partei und den Zusammenschluss mit der Československá strana národně socialistická (Tschechoslowakische volkssozialistische Partei). Das historische Erbe der Bewegung wurde dann vom Verein Realistický klub (Realistischer Klub) verteidigt.[6]
Im Jahr 1925 versuchte Inocenc Arnošt Bláha vom Realistischen Klub eine Wiederbelebung der Partei.