Reduktionskastell
Ein- und Umbauten sowie Abrissarbeiten in in zahlreichen römischen Militärlagern bezeichnet
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Als Reduktionskastell oder Restkastell werden Ein- und Umbauten sowie Abrissarbeiten in zahlreichen römischen Militärlagern bezeichnet. Es handelt sich um eine Anpassung an die geringere Personalstärke der vor Ort befindlichen Militärkräfte. Aufgrund der Art der baulichen Maßnahmen sind zwei verschiedene Phasen zu unterscheiden, die man einerseits noch der Antike, andererseits schon der Spätantike zuordnen kann.[1]
Antike Reduktionsphase







Die Reduktionsphase in der ausgehenden Antike, im zweiten Drittel des dritten Jahrhunderts, war unmittelbare Folge der sogenannten Reichskrise des 3. Jahrhunderts. Die Auseinandersetzungen mit dem persischen Sassanidenreich sowie zahlreiche Usurpationen und der rasche Wechsel römischer Soldatenkaiser verursachten den Abzug militärischer Verbände von den Grenzen des römischen Reiches. Dies schwächte die Grenzverteidigung am Obergermanisch-Raetischen Limes. Nahezu zeitgleich mit großen Feldzügen im Osten gelang es germanischen Stammeskonföderationen in das Reich einzudringen, das Grenzland zu verheeren und seine Wirtschaftskraft zu schwächen. Der Personalmangel veranlasste die Grenztruppen an einzelnen Standorten, sich in einen Teilbereich, meist in ein Viertel, der bestehenden Kastelle zurückzuziehen. Den Bewohnern des Lagerdorfes (Vicus) wurde teilweise gestattet, sich im Kastellinneren niederzulassen. Verschiedene bauliche Strukturen wurden angepasst (Zumauern von Toren, Errichtung einer inneren Begrenzungsmauer, Verkleinerung des Kastellbads, Änderung der Kommandeurswohnung). Die bisherige Kastellumwehrung wurde dabei oft weiter instand gehalten. Im vormaligen Lagerdorf kam es bisweilen zur Ansiedlung von Germanen, die wahrscheinlich als kostengünstige Söldner Dienst taten.[2][3] Unterschiedliche Vorgehensweisen sowie alternative Anpassungen vor Ort, wie die Anlage eines Grabens um das Lagerdorf (Kastell Arnsburg und Kastell Ober-Florstadt), zeigen, dass die Reduktionsphase nicht alle Kastelle gleichermaßen betraf und dass die jeweiligen Aktivitäten wohl auf lokale oder regionale Initiative erfolgten.[4]
| Limes-Kastell | ORL | Hinweise auf eine antike Reduktionsphase an Kastellen des Obergermanisch-Raetischen Limes |
|---|---|---|
| Kleinkastell Anhausen | 1 | Späterer Einbau eines kleineren Lagers (28,7 × 23,6 Meter) in der Südwestecke des vorherigen Kastellgeländes[5] |
| Kleinkastell Hillscheid | 1 | Spätere Errichtung eines kleineren Wehrbaus (15,9 × 15,4 Meter) im Südosten des vorherigen Kastellgeländes[6] |
| Kleinkastell „Auf dem Dörsterberg“ | 2 | Späterer Errichtung eines Steingebäudes (17,6 × 15 Meter) innerhalb des vorherigen Kastellgeländes[7] |
| Kastell Zugmantel | 8 | Teile des Vicus durch Germanen bewohnt (3. Jahrhundert)[8][9] |
| Kastell Kleiner Feldberg | 10 | Fundament entlang der Querstraße, entweder nur zur Terrassierung oder zur Abtrennung des militärisch genutzten Bereiches[10] |
| Kastell Saalburg | 11 | Abbruch des Unterkunftshauses (Mansio) in den Außenanlagen. Aufgabe des zerstörten Kastelldorfs (ab 233)[11] |
| Kastell Kapersburg | 12 | Rückzug der Besatzung auf das nordöstliche Viertel, Errichtung einer neuen Mauer zum Nordtor, Neubau einer Kommandantenunterkunft[12] |
| Kastell Butzbach | 14 | Einbau von Trockenmauern nach Brand. Lagerdorf geringer besiedelt (nach 233)[13] |
| Kastell Wörth | 36 | Reduktionskastell in der Südostecke (20 × 40 Meter)[14] |
| Kastell Miltenberg-Ost | 38a | Nach Zerstörung durch Alamannen (233/235) Errichtung eines Reduktionskastells (ca. 34 × 35 Meter) im nordöstlichen Viertel. Die Umwehrung des Gesamtkastells bestand weiter, die Porta decumana wurde mit einer Trockenmauer verschlossen. Einbau einer massiven Quermauer von der Porta principalis dextra über die Via principalis. Neuerrichtung eines Bades im Kastellinnern[15] |
| Kastell Walldürn | 39 | Mängel und Provisorien am letzten Kastellbad[16] |
| Kastell Osterburken | 40 | Nachträgliche Vermauerung der Porta praetoria,[17] Verkleinerung des Bades im Annexkastell[18] |
| Kastell Unterböbingen | 65 | Zumauern des südlichen Durchgangs am Westtor (Porta principalis sinistra) |
| Kastell Schirenhof | 64 | Kastellbad verkleinert (nach 233)[19][20] |
| Kastell Buch | 67 | Verkleinerung des Kastellbades.[21] |
| Kastell Weißenburg (Biriciana) | 72 | Vicusbad beschädigt (um 233), andere Folgenutzung |
| Kastell Pfünz (Vetoniania) | 73 | Vermauerung der Porta principalis sinistra |
Spätantike Reduktionsphase
Als Restkastell oder Reduktionskastell bezeichnet man eine zentral gesteuerte Verkleinerung einer Vielzahl römischer Militärlager in der Spätantike. Diese Reduzierung ist insbesondere an den Kastellen entlang der Donau bis nach Pannonien ausgeprägt. Hintergrund war die römische Militärstrategie, die deutlich geringere Mannschaftsstärken grenznah vor Ort vorsah (Limitanei), bei gleichzeitiger Vergrößerung der mobilen Einsatzkräfte im Hinterland (Comitatenses). Zur Verbesserung der Verteidigungsfähigkeit wurden neue bauliche Strukturen in den Kastellen eingeführt. Kaiser Valentinian I. (364–375) konnte vorübergehend durch die Verstärkung der Verteidigungsanlagen, wie die Errichtung vorkragender Türme (Fächer- und Hufeisentürme) sowie verkürzte, stärkere und höhere Mauern, eine Stabilisierung der Flussgrenzen erreichen. Unter den Nachfolgern kam es jedoch aufgrund der weiteren Verringerung der Mannschaftsstärken zur Umwandlung von Kastellen zu Kleinkastellen sowie zum Einbau von turmartigen Befestigungen (Burgi). Neben der Reduzierung bestehender Kastelle an der Grenze wurden weitere Stützpunkte und Kleinkastelle im Hinterland errichtet.[22]
| Limes-Kastell | Limesabschnitt | Beispiele für die spätantike Reduktions- bzw. Restkastelle (Burgi) |
|---|---|---|
| Kastell Dormagen (Durnomagus) | Niedergermanischer Limes | Rückzug der Bevölkerung hinter die Mauern des Kastells in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts. Einbau eines Burgus (ca. 51 × 57 Meter) in der Nordostecke unter Valentinian I. (364–375)[23][24] |
| Kastell Eining (Abusina) | Raetischer Limes | Nutzung des Kastellgeländes auch durch die Zivilbevölkerung. Burgus in der Südwestecke (Ende 3./Anfang 4. Jahrhundert)[25][26] |
| Kleinkastell Großprüfening | Raetischer Limes | Vermutlich Einbau eines spätantiken Burgus in der Nordecke[27] |
| Kleinkastell Weltenburg-Frauenberg | Raetischer Limes | Aufgrund Fundmaterials vermutete spätantike Kleinfestung auf einer frühkaiserzeitlichem Vorgängeranlage ohne genaue Lokalisierung[28] |
| Castra Regina (Regensburg) | Raetischer Limes | Unterbringung von Zivilpersonen im Lager, militärische Konzentration in der Nordostecke des Lagerareals (nach 357) |
| Kastell Batavis (Altstadt von Passau) | Raetischer Limes | Neue Befestigung auf den Überresten des mittelkaiserzeitlichen Lagerdorfs von Kastell Boiodurum. Mauerumwehrte stadtähnliche Siedlung mit sektoralem Restkastell (nach 280). |
| Lauriacum (Enns) | Norischer Limes | Vermutlich Restkastell im Legionslager[29] |
| Kastell Wallsee | Norischer Limes | Spätantikes Restkastell mit einer Grundfläche von 26 × 29 Meter[30] |
| Kastell Favianis (Mautern) | Norischer Limes | Spätantikes Restkastell (Burgus) 30 × 21 Meter[31] |
| Kastell Traismauer | Norischer Limes | Burgus bzw. Restkastell aufgrund spätantikem Mauerwerk im Stadtschloss wahrscheinlich[32] |
| Kastell Zeiselmauer | Norischer Limes | Spätrömisches Restkastell (Burgus) von 20 × 21 Meter im Nordwesten des Kastells,[33] Kleinfestung (Körnerkasten) im Osttor (Porta Principalis Dextra). Restliche Kastellfläche von Zivilbevölkerung genutzt |
| Vindobona (Wien) | Pannonischer Limes | Die Vermutung eines spätrömischen Restkastells oder Burgus konnte bislang nicht nachgewiesen werden[34] |
| Carnuntum (Militärlager) | Pannonischer Limes | Restkastell (nach 380) im Legionslager, eventuell zusätzlicher Burgus |
| Kastell Gerulata (Rusovce/Bratislava) | Pannonischer Limes | Spätantike Reduzierung der Kastellfläche, Burgus von 30 × 29 Meter im vorderen Lagerbereich[35] |
| Kastell Almásfüzitő | Pannonischer Limes | Restkastell (nach 375) in der nordwestlichen Ecke, 32,8 × 32,5 Meter[36] |
| Kastell Dunabogdány (Cirpi) | Pannonischer Limes | Spätantikes Restkastell (Beginn des 5. Jahrhunderts) in der Kastellostecke des Vorderlagers, 17 × 16,5 Meter[37][38] |