Liberales Judentum

Denomination innerhalb der jüdischen Religion From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Liberale Judentum (auch Progressives Judentum oder, besonders in Nordamerika, Reformjudentum) ist neben dem orthodoxen Judentum, dem konservativen Judentum und dem Rekonstruktionismus eine der vier heutigen jüdischen Haupt-Strömungen. Das liberale Judentum hebt die Bedeutung von ethischen gegenüber jener von zeremoniellen Aspekten sowie den Glauben an eine kontinuierliche Offenbarung, die eng mit der menschlichen Vernunft und dem Intellekt verbunden ist und sich nicht auf die Theophanie am Berg Sinai konzentriert, besonders hervor. Als liberaler Zweig des Judentums zeichnet es sich – besonders historisch – durch eine weniger ausgeprägte Betonung von Ritualen und der persönlichen Einhaltung der religiösen Ge- und Verbote des jüdischen Gesetzes aus, als es bei konservativeren jüdischen Strömungen der Fall ist, denn jeder einzelne Jude gilt im Liberalen Judentum als autonom. Es besteht eine große Offenheit gegenüber äußeren Einflüssen und fortschrittlichen Werten.

Innenansicht der Zentral-Synagoge[1] in Manhattan, New York City. Die zugehörige Reformgemeinde wird zu den wichtigsten Zentren des Liberalen Judentums der Stadt gerechnet.

Die Ursprünge des Reformjudentums liegen im Deutschland des 19. Jahrhunderts und gehen auf die Rabbiner Abraham Geiger, Samuel Holdheim, David Einhorn und andere zurück. Ein bedeutender Vertreter in Deutschland war Leo Baeck (1873–1956), der jahrelang die unbestrittene Führungsfigur und Repräsentant der deutschen Judenheit war. Seit den 1970er Jahren verfolgt die Bewegung eine Politik der Inklusivität und Akzeptanz, die so viele wie möglich einlädt, an ihren Gemeinschaften teilzunehmen, anstatt strenger theoretischer Klarheit. Es besteht eine starke Identifikation mit progressiven politischen und sozialen Programmen, hauptsächlich unter der traditionellen jüdischen Rubrik Tikun Olam oder „Reparatur der Welt“. Tikun Olam ist ein zentrales Motto des Reformjudentums, und das Handeln dafür ist einer der wichtigsten Wege der Mitglieder, ihre Zugehörigkeit auszudrücken. Das bedeutendste Zentrum der Bewegung liegt heute in Nordamerika.

Die meisten Gemeinden, die diese Überzeugungen teilen, sind in nationalen oder supra-nationalen Dachverbänden organisiert. Die meisten dieser Dachverbände, darunter die nordamerikanische Union for Reform-Judaism (URJ), die Movement for Reform Judaism (MRJ) sowie das Liberale Judentum in Großbritannien, das Israel Movement for Reform and Progressive Judaism und die Union Progressiver Juden in Deutschland sind wiederum in der World Union for Progressive Judaism organisiert. Diese 1926 gegründete Union (WUPJ) vertritt nach Schätzungen mindestens 1,8 Millionen Menschen in 50 Ländern: fast eine Million registrierte erwachsene Gemeindeglieder sowie fast ebenso viele Personen, die sich mit der Konfession identifizieren. Damit ist sie die zweitgrößte jüdische Konfession weltweit.

Das Liberale Judentum bildete in Deutschland bis zur Schoah die Mehrheit innerhalb der „Einheitsgemeinden“. Ab 1945 spielte das Liberale Judentum im Kontinentaleuropa zunächst kaum mehr eine Rolle, entwickelte sich aber in den folgenden Jahrzehten in einzelnen Ländern langsam aber stetig. Seit der Jahrtausendwende bestehen wieder ilberale Rabbinerseminare in Kontinentaleuropa; im deutschsprachigen Raum gewinnt das liberale Judentum seit den 1990er Jahren aufgrund starken Zuwachs von Juden im Land ebenfalls wieder vermehrt an Bedeutung.[2] In den USA ist das Reform-Judentum heute seit den 1990er Jahren die Richtung mit den meisten Mitgliedern.

Definition

Der Rabbiner Abraham Geiger

Entscheidend für diese Richtung ist die Aufteilung der jüdischen Gebote in ethische und rituelle Gesetze sowie die Auffassung, dass die ethischen Gesetze zeitlos und unveränderlich seien, die rituellen Gesetze hingegen verändert werden könnten, um sie dem jeweiligen Lebensumfeld anzupassen. Im Gegensatz zum orthodoxen Judentum geht das Reformjudentum von einer fortschreitenden Offenbarung Gottes in der Geschichte aus. Dabei wird die Offenbarung als ein von Gott ausgehender und durch Menschen vermittelter dynamischer und fortschreitender („progressiver“) Prozess begriffen und nicht als ein einmaliger Akt, bei dem Moses durch Gott wörtlich die Tora („schriftliche Lehre“) sowie alle Auslegungen („mündliche Lehre“, später im Talmud und der rabbinischen Literatur niedergeschrieben) erhalten hat. Daraus wird die Verpflichtung zur Bewahrung der jüdischen Tradition, aber auch zu ihrer beständigen Erneuerung abgeleitet. Die Texte des Tanachs sind einer historisch-kritischen Erforschung nicht entzogen. Statt auf das Kommen eines persönlichen Messias zu warten, hofft man auf das Anbrechen einer messianischen Zeit.[3]

Markante Unterschiede des Liberalen Judentums (unter anderem gegenüber dem orthodoxen Judentum) sind:

  • Besonderer Schwerpunkt auf den ethischen Aspekten des Judentums (auf Kosten der strengen Befolgung formaler Gebote).
  • Liturgie sowohl in Hebräisch als auch in der Landessprache.
  • Verwendung von Musikinstrumenten in der Liturgie.
  • Vermeidung von Gebeten, die aus historischen Gründen als nicht angemessen erscheinen und deren Inhalt der Betende heute eventuell nicht mehr teilt (zum Beispiel das Musaf-Gebet mit der Bitte um Wiedereinführung des Tieropfers, wie es im Tempel in Jerusalem bestand), und weitere Kürzungen des Gottesdienstes.
  • Gleichstellung von Frauen und Männern in allen religiösen Angelegenheiten, einschließlich der Ordination von Frauen zu Rabbinern. Gleichstellung aller Menschen unabhängig von ihrem Familienstand oder ihrer sexuellen Orientierung.
  • Vorrang des inhaltlichen Sinns der Gebote (Mitzwot) vor ihrer verbindlichen Festlegung als „Zeremonialgesetz“. Zum Beispiel sollte der Schabbat als Ruhetag gefeiert werden; das Schreiben oder das Fahren mit dem Auto zur Synagoge (nach orthodoxer Auffassung ist beides am Schabbat verboten) werden aber nicht als Entweihung des Feiertags betrachtet. Die Gebote sind also nicht aufgehoben, ihre Auslegung wird jedoch jedem Einzelnen überlassen.
  • Eine aktive Teilnahme am interreligiösen und interkulturellen Dialog.
  • In Nordamerika (USA und Kanada) in der Reformbewegung seit 1983 offizielle Anerkannung jüdischer Abstammung auch durch jüdischen Vater (traditionell: nur durch jüdische Mutter), sofern die Kinder jüdisch erzogen werden.[4]

Geschichte

Die Jüdische Emanzipation in Deutschland und Europa eröffnete den jüdischen Bürgern neue Möglichkeiten, und mit ihr begann die jüdische Aufklärung – die Haskala. Der Aufbruch in die Majoritätsgesellschaft hatte jedoch auch zur Folge, dass Juden nun zwischen jüdischer Tradition und angepasstem Leben in der Gesellschaft standen. Eine Verunsicherung setzte ein und in der Folge auch eine breite Bereitschaft zur Nichtbefolgung jüdischer Traditionen. Andererseits gab es auch Personen, welche ihr jüdisches Erbe mit den neuen Lebensbedingungen vereinbaren wollten. Sie passten das hergebrachte Judentum ihren Lebensumständen an. Aus diesen Einzelbemühungen erwuchs eine vollständige Bewegung.

Anfänge im frühen 19. Jahrhundert

Israel Jacobson

Die ersten Reformen zielten auf die äußere Gestalt des Ritus, die Literatur spricht vom Beginn der Reform als eine „liturgische Revolution“ (liturgical revolution)[5][6]: Die Liturgie wurde gekürzt, eine Predigt in Landessprache eingeführt, zusätzliche Gebete in Landessprache gesprochen und im Gottesdienst wurden Musikinstrumente, zum Beispiel Orgeln, sowie gemischte Chöre zugelassen. Die Gebete sollten sowohl im Judentum verankert sein, als auch für die nichtjüdische Umgebung ein würdiges Gesicht erhalten.[7] Vereinzelt wurde die Bar Mitzwa durch eine Art Konfirmation nach protestantischem Vorbild ersetzt. Die weltweit erste Reform-Synagoge, die diesen Forderungen entsprach, wurde 1810 in Seesen errichtet (Jacobstempel). Die Initiative dazu ging auf Israel Jacobson zurück. Der Bankier war Präsident des israelitischen Konsistoriums im kurzlebigen Königreich Westphalen, in dem die Juden von 1808 bis 1813 staatsbürgerlich gleichgestellt waren. Jacobsons religiöse Überzeugungen waren im Wesentlichen traditionell. Ihm kam es vor allem auf eine Umgestaltung der äußeren Formen des jüdischen Gottesdienstes an, um ihm das Element der Fremdheit zu nehmen, das er in den Augen der meisten Christen besaß. Er setzte sich für einen Dialog zwischen Juden und Nicht-Juden ein und nahm in seine Reformschule in Seesen auch christliche Schüler auf. Seine Bestrebungen, nach 1815 auch in Berlin Gottesdienste nach reformiertem Ritus abzuhalten, wurden von der jüdischen Orthodoxie jedoch bekämpft (obwohl die neu-Orthodoxen seine rituelle Reformen angenommen haben)[8] und 1823 von der preußischen Staatsregierung unterbunden.

Zum entscheidenden Vordenker der Reformbewegung wurde Abraham Geiger, der zunächst 1832 Rabbiner in Wiesbaden und 1839 in Breslau wurde. Anders als Israel Jacobson ging es ihm nicht nur um eine Neugestaltung von Ritus und Liturgie, sondern um eine Reform der jüdischen Theologie, die sowohl auf der Tradition als auch auf einem kritischen Studium der heiligen Schriften beruhen sollte. Bereits 1836 hatte Geiger die Errichtung einer jüdisch-theologischen Fakultät an einer Universität gefordert. Er gehörte sowohl 1854 zu den Initiatoren des Jüdisch-Theologischen Seminars in Breslau als auch 1872 zu den Gründern der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin.

Der Israelitische Tempel in der Hamburger Neustadt von 1844

Eduard Kley, einer der Prediger in Jacobsons Reformtempel in Berlin, gehörte zu den Initiatoren des Liberalen Neuen Israelitischen Tempel-Vereins, der später wiederum Reformgemeinden in den USA als Vorbild diente. Der Hamburger Tempelverein, im Dezember 1817 von 65 jüdischen Hausvätern gegründet, errichtete 1818 eine erste provisorische Synagoge in der südlichen Neustadt. Völliges Neuland betrat er mit seinem Gebet- und Gesangbuch: Texte aus der traditionellen Liturgie wurden geändert, gekürzt oder vollkommen ausgelassen, etwa die Gebete um eine Rückkehr nach Israel, um die Wiedereinführung des Tempeldienstes oder den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem. Das 1854 von Abraham Geiger veröffentlichte Gebetbuch sollte um einiges traditioneller ausfallen als sein Vorläufer. Die Zahl der Tempelbesucher in Hamburg wuchs und so wurde 1844 der Neue Israelitische Tempel in der Poolstraße eingeweiht. Dort wurden bis in die 1860er Jahre am Freitagabend zwei Gottesdienste abgehalten. Der erste war das übliche „Kabbalat Schabbat“ bei Einbruch der Dunkelheit. Der zweite war dagegen als Konzession an die Geschäftsleute auf eine späte Abendstunde gelegt worden.[9]

In Leipzig, wo sich zur Zeit der Messen Juden aus Deutschland und Österreich trafen, gestalteten Mitglieder des Tempelvereins 1820 einen Gottesdienst nach Hamburger Vorbild. Viele seiner Besucher nahmen die Idee des Reform-Gottesdienstes mit in ihre Heimatgemeinden. So wurde 1821 in Wien eine Gemeinde nach Hamburger Vorbild gebildet, in der auch das Hamburger Gebet- und Gesangbuch eingeführt wurde. Ihr Rabbiner war Isaak Mannheimer. Geboren 1793 in Kopenhagen, hatte er dort die Konfirmation eingeführt. Er kannte die private Reformgruppe in Berlin, den Hamburger Tempel sowie die Synagoge von Leipzig und war überzeugt, dass weitreichende Reformen nur möglich seien, wenn man die etablierten Gemeinden dafür gewinnen könne. Im 1826 eröffneten Tempel in Wien war die Liturgie daher weniger radikal verändert worden, sie sah jedoch Gottesdienste von höchstens zwei Stunden an Schabbaten und Festtagen vor, eine deutsche Predigt und die Konfirmation anstelle der Bar Mitzwa. Das Tragen des Sterbekleides am Neujahrs- und Versöhnungstag blieb auf diejenigen beschränkt, die Funktionen innerhalb des Gottesdienstes übernahmen.

Die Rabbinerkonferenzen

Entscheidende Impulse für die weitere Entwicklung des Reformjudentums gingen von einer ersten, 1837 von Geiger nach Wiesbaden einberufenen Rabbinerversammlung aus sowie von den Rabbinerkonferenzen, die 1844 in Braunschweig, 1845 in Frankfurt am Main und 1846 in Breslau stattfanden. Dort legten reformorientierte Rabbiner aus ganz Europa Prinzipien des reformjüdischen Selbstverständnisses fest, zum Teil unter heftigen Debatten. Abraham Geiger sprach sich zum Beispiel gegen die Beschneidung jüdischer Jungen aus. Mit Ausnahme der Reformgruppen in Berlin und Frankfurt folgten die meisten Gemeinden solchen radikalen Ansätzen jedoch nicht. Da viele reformorientierte Rabbiner in „Einheitsgemeinden“ tätig waren, konnten sie nicht jede Veränderung durchsetzen. Zudem traten Spannungen innerhalb der Reformbewegung auf. Im Jahr 1845 verließ Rabbiner Zacharias Frankel die Konferenz aus Protest gegen den Umgang mit der hebräischen Sprache in den Gottesdiensten. Frankel wurde später einer der Mitbegründer der konservativen Strömung. Nach den Rabbinerversammlungen der Jahre 1844–1846 wurde der Titel „Reform“ nur für die Radikalen benutzt, wie die „Reformfreunde“ in Frankfurt am Main und Breslau sowie Samuel Holdheims Berliner Reformgemeinde, die umfassendere Änderungen in der Liturgie durchgeführt hatte. Ansonsten bezeichnen sich die jüdischen Gemeinden, die im deutschsprachigen Raum dieser Richtung des Judentums angehören, als „liberal“, um ihren gemäßigteren Charakter zu betonen.[10]

Reformbewegung in den USA

Mit jüdischen Auswanderern aus Europa gelangten die Kernideen der Reformbewegung bereits in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts in die USA. Sie entwickelten sich dort jedoch völlig anders, da sich die Situation der Juden in Amerika grundsätzlich von der in Europa unterschied. So gab es in den USA keine Einheitsgemeinde, deren Existenz durch den Staat unterstützt oder gefordert wurde. Auch war der Assimilationsdruck geringer als in Europa. Nach Forschern wie Karlheinz Schneider nahmen sich amerikanische Juden das deutsche Reformjudentum zum Vorbild[11] und gründeten die neuen Gemeinden mit dem Gedankengut, das sie aus Mitteleuropa mitgebracht hatten. In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts emigrierten immer mehr deutschsprachige Juden in die USA und trafen hier auf offene Bedingungen für die Entfaltung ihrer religiösen Ansichten.

Kahal Kadosh Beth Elohim Synagogue (eingeweiht 1841), in den Folgejahren wurde der Ritus der Gemeinde zunehmend reformiert.

Bereits 1824 wurde eine erste Reformgemeinde in den USA ins Leben gerufen. Am 21. November 1824 gründeten ehemalige Mitglieder der Gemeinde „Beth Elohim“ in Charleston (South Carolina) eine eigene Gemeinde, die einem neuen Ritus folgte, die „Reformed Society of Israelites“. Diese publizierte auch das erste Reformgebetbuch der USA, „The Sabbath Service and Miscellaneous Prayers Adopted by the Reformed Society of Israelites“. 1833 verstarb einer der Wortführer der Gruppe und so schlossen sich die übrigen Gemeindemitglieder wieder der Gemeinde „Beth Elohim“ an. 1838 brannte die Charlestoner Synagoge ab. Im Laufe des Neubaus kam es zu Diskussion über eine möglichen Einbau einer Orgel in die neue Synagoge. Der seit 1836 in Charleston als Chasan tätige Gustavus Poznanski setzte sich für den Einbau einer Orgel ein. Bei einer folgenden Mitgliedervesammlung beschloss eine Mehrheit von 48 zu 40 Stimmen den Einbau einer Orgel. Einige Tradtionalisten verließen daraufhin die Gemeinde und gründeten eine eigene Gemeinde „Shearith Israel“. Am 19. März 1841 wurde der Neubau der Synagoge eingeweiht. In den folgenden Jahren wurden die traditionell in der jüdischen Diaspora abgehaltenen zweiten Festtage abgeschafft, ein Dreijahreszyklus der Toralesung eingeführt, die Haftara-Lesung abgeschafft und vermehrt Englisch als liturgische Sprache in den Gottesdienst eingeführt.[12]

Der Emanu-El-Tempel in San Francisco, nahe Presidio Terrace, einer der ältesten Synagogen Kaliforniens. Sie wurde 1926 im neo-byzantinischen Stil gebaut, der bis zum Zweiten Weltkrieg bei Neubauten von reformorientierten Gemeinden sehr beliebt war.

Auf die zunächst alleinstehende Entwicklung in Charleston in den 1820er Jahren folgten ab den 1840er Jahren weitere große Gemeindegründungen: 1842 der Tempel Har Sinai in Baltimore (heute im Vorort Owings Mills), der sich am Hamburger Tempel-Verein orientierte, 1845 der Temple Emanu-El in New York City. 1855 bestanden Gemeinden mit (unterschiedlich stark) reformierten Ritus in Charleston, Baltimore, New York, Albany und Cincinnati.[13] Hintergrund der Entwicklungen war der sprunghafte Zuzug von Juden in die USA aus Europa. Von 3000 Juden im Jahr 1820 vervierfachte sich die Zahl innerhalb von zwanzig Jahren bis 1840 auf 15.000, um sich innerhalb der folgenden zwanzig Jahre bis 1860 auf 150.000 nochmals zu verzehnfachen.[14]

Kaufmann Kohler, der Hauptautor der Pittsburgh Platform von 1885, die die theologischen Überzeugungen des amerikanischen Reformjudentums definierte.

Auch in den USA richteten Rabbiner der Reformbewegung regelmäßige Rabbinerkonferenzen ein. Auf der in Philadelphia von 1869 formulierten die Vordenker des amerikanischen Reformjudentums – David Einhorn, Samuel Hirsch und andere – erstmals ihre Prinzipien.[15] Da diese Resolution bald als nicht ausreichend empfunden wurde, fanden sich 1885 auf einer Konferenz in Pittsburgh 19 Rabbiner zusammen, die eine weitere, noch einflussreicheren Erklärung, die Declaration of Principles, allgemein als Pittsburgh Platform[16] bekannt, verabschiedeten. Hauptautor war der einflussreiche Rabinner Kaufmann Kohler. Das amerikanische Reformjudentum der Pittsburgh Platform wird gemeinhin als „klassisches Reformjudentum“ bezeichnet.[17][18][19] Diese Zeit des Reformjudentums ist geprägt von theologischer Einheitlichkeit, in in den folgenden Jahren bis heute immer mehr zu Gunsten einer theologischen Vielfalt innerhalb der Bewegung Platz gemacht hat.[20] Jüdische Rituale wurden weitgehend minimiert, Betonung wurde vor allem auf Ethik in einem universalistischen Kontext gelegt, bei gleichzeitiger Betonung der Bedeutung des jüdischen Partikularismus für die Bewegung. Die Platform sah das Reformjudentum als eine rationale und moderne Form der Religion, im Gegensatz sowohl zu traditionellem Judentum und universalistischer Ethik.[21]

Darüber hinaus wurde das amerikanische Reformjudentum auch von rationalistischen Einflüssen geprägt, darunter zum Beispiel die von Felix Adler begründete „Ethical Culture“. Zu den Organisationen, die die Stärke der Reformbewegung begründeten, zählten die „Union of American Hebrew Congregations“ (seit 1873), das Reform Union College/Jewish Institute of Religion (seit 1875) und die „Central Conference of American Rabbis“ (seit 1889).[22] Ein öffentliches Forum fand die Reformbewegung in der 1854 von Isaac Mayer Wise in Cincinnati begründeten Wochenzeitschrift „The Israelite“, die bald unter dem neuen Titel „The American Israelite“ erschien.[23] Weiter entwickelt wurde das Reformjudentum später von Persönlichkeiten wie zum Beispiel Judah Leon Magnes und Emil Gustav Hirsch.

Sozial gesehen bestand eine wesentliche Leistung des Reformjudentums in den USA in der weit reichenden Angleichung des jüdischen Alltagslebens und sogar der Liturgie an nichtjüdische – vor allem protestantische – Gepflogenheiten. Die Chancen amerikanischer Juden auf gesellschaftliche Integration stiegen damit drastisch.[24]

Das liberale Judentum nach dem Zweiten Weltkrieg

Entwicklungen in Nordamerika

Suburbanisierung und Hinwendung zur Mehrheitsgesellschaft (1945–späte 1960er Jahre)

Prägende Figur der Nachkriegsentwicklungen in den USA war der Rabbiner Maurice Eisendrath, der ab 1946 als Präsident der Union of American Hebrew Congegrations (UAHC, seit 2003 Union for Reform Judaism) zu einer Führungspersönlichkeit des amerikanischen Judentums wurde und, so der Historiker Michael Meyer „sowohl für die Juden als auch für die Nichtjuden zum Sprecher des Reformjudentums“ wurde.[25] Eisendrath baute die UAHC, die zuvor von Laien geführt worden war, zur wichtigsten Institution des amerikanischen Reformjudentums aus und verfolgte eine erfolgreiche Politik des Wachstums durch. Zwischen 1943 und 1964 stieg die Zahl der Gemeinden unter dem Dach der UAHC von 300 auf 656, die Zahl der Mitgliederfamilien stieg von 60.000 auf 200.000. Viele der neuen Gemeinden wurden in den Vororten der Großstädte gegründete, in die viele Juden in den Nachkriegsjahrzehnten zogen.[26] In der Geschichtswissenschaft werden die zwei Nachkriegsjahrzehnte daher auch als suburbanisation period bezeichnet.[27] Auch räumlich breitete sich das Reformjudentum in Nordamerika weiter aus. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bestanden in Kanada nur drei reformorientierte jüdische Gemeinden, die älteste war 1882 in Montreal gegründet worden. Zu einem starken Wachstum kam es ab den späten 1950er Jahren, die Zwahl der Reformgemeinden in Kanda wuchs schnell auf ein Dutzend Gemeinden mit über 5000 Mitgliedsfamilien an. Ein noch größerer Wachstum ging in Südkalifornien vonstatten, allen voran in Los Angeles. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg war die Zahl der Gemeinden seit Beginn des 20. Jahrhunderts von einer auf fünf Gemeinden in Südkaliforniern gewachsen. 1961 gehörten allerdings bereits 45 Gemeinden der UAHC an, in Los Angeles gab es nun mehr Reformrabbiner als in allen anderen Städten außer New York.[28]

Temple Emanu El an der Fifth Avenue in New York, eine der mitgliederstärksten und einflussreichsten Reformgemeinden in den USA, war in den 1960er Jahren einer der größten internen Kritiker des UAHC-Präsidenten Maurice Eisendraths. Unter seinem Einfluss hatte die UAHC ihre Zentrale bis 1996 auf der anderen Straßenseite eingerichtet.

Thematisch waren die Nachkriegsjahrzehnte der US-Reformbewegung bis in die späten 1960er Jahre durch eine Hinwendung zu Themen derr US-amerikanischen Mehrheitsgesellschaft geprägt. Bedeutende Themen, die das Reformudentum unter der Leitung Maurice Eisendrahts beschäftigten, waren bürgerliche Freiheiten wie die Redefreiheit in der Ära des McCarthyism, Unterstützung der Bürgerrechtsbewegung und Protest gegen das Vorgehen der Regierung im Vietnamkrieg. Eisendrath verglich Ende 1966 zum Chanukka-Fest den US-Präsidenten Lyndon B. Johnson aufgrund des Vietnamkriegs mit dem antiken Tyrannen Antiochus Epiphanes, dessen Überwindung beim Chanukka-Fest gefeiert wird. In Antwort auf die Vietnam-Politik Eisendraths beschloss die einflussreiche New Yorker Reform Gemeinde im Temple Emanu El, die auch schon den Führungsanspruch Eisendraths hinterfragt hatte, aus der UAHC auszusteigen. Ihr folgten insgesamt 25 Reformgemeinden, was vier Prozent der Gemeinden ausmachte, nach einem Jahr kehrte Temple Emanu El wieder in die UAHC zurück.[29]

Innerjüdische Debatten und Retraditionalisierung (späte 1960er Jahre bis heute)

Ein zentrales auf die eigene Gemeinschaft gerichtetes Thema innerhalb der Reformbewegung wurde ab den 1960er Jahren der Umgang mit interreligiösen Ehen. 1973 votierte die Central Conference of American Rabbis (CCAR) mit einer Mehrheit von etwa 60 Prozent gegen die Ausführung von interreligösen Ehen durch Mitglieds-Rabbiner. Allerdings drohten keine Sanktionen für Rabbiner, die interreligiöse Ehen schlossen. Die Zahl der Rabbiner, die solche Eheschließungen durchführten, stieg in den Folgejahren stetig an.[30]

Der Rabbiner und Professor Lance J. Sussman bezeichnet die Jahre der UAHC-Präsidentschaftn von Alexander Schindler (1972–1995) als „‚Big Tent‘ Years“ des nordamerikanischen Reform-Judentums, da die Poltiik der UAHC den Jahren darauf ausgerichtet war, möglichst viele Menschen unter dem „Zelt“ des Judentums zu vereinen.[31] Unter dem Einfluss Schindlers und seines großangelegten Outreach Programs versuchten Reformgemeinden ab den späten 1970er Jahren zunehmend, die immer häufiger werdendenden nicht-jüdische Ehepartner über das Judentum zu unterrichten und sie zu einer Konversion zu überzeugen. Nach starkem Einsatz Schindlers änderten die Reformgemeinden 1983 nach jahrenlangen Debatten der innerhalb der CCAR ihre Einstellung gegenüber von jüdischen Vätern abstammenden Personen. Entgegen der traditionellen Auslegung, nach der als Jude geboren wurde, dessen Mutter Jüdin ist, wurde nun auch die Abstammung von einem jüdischen Vater als ausreichend angesehen, um als religiös jüdisch zu gelten. Diese Änderung, die auf Ablehnung in orthodox- und konservativ-jüdischen Kreisen stieß, wurde dadurch legitimiert, da die zuvor vorherrschende matrilineare Abstammung nicht auf der hebräischen Bibel beruhe.[32]

Ebenfalls in die Jahre von Schindlers Präsidentschaft fiel die zunehmende Akzeptanz von homosexuellen Menschen im Reformjudentum sowie der zunehmende Einsatz der Bewegung für die Rechte von Homosexuellen. 1972 gründete eine Gruppe schwuler und lesbischer Juden den Metropolitan Community Temple (kurze Zeit später bis heute: Beth Chayim Chadashim) in Los Angeles. Die Gemeinde wurde bald von der UAHC aufgenommen, die darauf bestand, die Gemeinde nicht als schwul oder lesbisch zu bezeichnen, sondern ihr eine besondere Ausrichtung (special outreach) an die schwule und lesbische Community zuzuschreiben, um nicht-homosexuelle Menschen nicht von der Gemeinde auszuschließen. Die CCAR nahm 1977 eine Resolution an, die die politische Legislative dazu aufrief, homosexuelle einvernehmliche Handlungen zwischen Erwachsenen zu entkriminalisieren und Diskrimierung gegen Schwule und Lesben zu beenden. Im gleichen Jahr verpflichtete sich die UAHC, Gemeinden mit besonderer Ausrichtung zur schwulen und lesbischen Bevölkerung willkommen zu heißen und sie gleichwertig zu anderen Gemeinden zu unterstützen. 1978 wurde der Rabbiner Allen B. Bennett als erster offen schwule Rabbiner in den USA bekannt. Nach einem Bericht Bennetts sah UAHC-Präsident Alexander Schindler in der Gruppe homosexueller Juden eine zahlenmäßig große Gruppe, die am Reform-Judentum interessiert sein könnte.[33] Während sich die CCAR bereits inden 1970ern für Homosexuellen-Rechte einsetzt, beschloss das große reformorienterte Rabbiner-Seminar, Hebrew Union College, erst 1990, dass offen homosexuell lebende Juden zu Rabbiner ordniert werden sollten. Homosexualität wurde jedoch weiterhin nicht von allen Reform-Rabbinern akzeptiert, als Argument wurde angebracht, dass die jüdische textliche Tradition – Tora/Tanachund Talmud – Homosexualität einstimmig ablehne, was was das Thema von anderen kontrovers diskutierten Themen, wie etwa Schwangerschaftsabbrüche, stehe. Dennoch verabschiedete die CCAR 1996 eine Resolution, die das Recht von Homosexuellen auf eine Zivilehe unterstützte, die Generalversammlung der UAHC verabschiedete eine ähnliche Resolution im Folgejahr 1997. Erst drei Jahre später 2000 verabschiedete die CCAR eine neue Resolution, in der sie Rabbiner dazu aufforderte, gleichgeschlechtlichen Bindungszeremonien (commitment ceremonies) wohlwollend entgegenzutreten. Hatte eine frühere Fassung der Resolution noch vorgesehen, gleichgeschlechtlichen Bindungen gleichwertige Heiligkeit (Qiddusschin) zuzuschreiben, wurde dieser Passus kurz vor der Resolution noch gestrichen. So wurden gleichgeschlechtliche monogame Beziehungen zwar unterstützt, allerdings rituell-religiös nicht heterosexuellen jüdischen Eheschließungen gleichgestellt.[34] Dennoch schrieb der Rabbiner Dana Evan Kaplan 2003, die Akzeptanz von Schwulen und Lesben sei ein zentraler Wert in der Reform-Bewegung geworden.[35]

In den 1990er Jahren entwickelte sich das amerikanische Reform-Judentum zur zahlenmäßig größten Denomination der Juden in den USA. Bereits im 1990 durchgeführten National Jewish Population Survey identifizierten sich in etwa gleich viele Juden mit dem Reformjudentum wie mit dem konservativen Judentum. Jedoch gab es noch mehr konservative als reformorienterte Synagogenmitglieder. Beim Survey von 2000/01 hatte sich das Verhältnis aufgrund einer tendenziell jüngeren Demografie der Reform-Gemeinden gedreht, 39 Prozent waren Mitglieder von Reformgemeinden, 31 Prozent Mitglieder von konservativen Gemeinden.[36][37]

Während sich die Reformbewegung von der traditionellen Definition von Jüdisch-Sein entfernte, näherte sie sich in Fragen der rituellen Praxis wieder der Tradition an. Hebräisch wurde wieder häufiger als liturgische Sprache eingesetzt, Tallit und Kopfbedeckungen im Gottesdienst getragen. 1999 bekräfte die CCAR in einem Beschluss die grundlegende Bedeutung des jüdischen Rituals.[38] Während das Reformjudentum im 19. Jahrhundert und besonders in den USA auch im 20. Jahrhundert viele Traditionen des Judentums abschaffte, radikal veränderte oder in die Entscheidung der Individuen legte, ist seit dem Ende des 20. Jahrhunderts eine Bewegung zurück zu alten Traditionen zu beobachten. Der bekannte US-amerikanische Reform-Rabbiner Dana Evan Kaplan schrieb 2000, innerhalb einer Generation habe ein Wandel hin zu Traditionen stattgefunden, der zuvor aus seiner Sicht undenkbar gewesen sei. Während viele klassische Reformgemeinden in den USA Männern das Tragen einer Kippa untersagt hatten, wurde sie in vielen Gemeinden wieder zugelassen. In vielen jüngeren Vorort-Gemeinden sei die Tradition wieder zur Norm geworden, viele Gemeinden hielten zum ersten Mal Samstags-Vormittags-Gottesdienste ab und beinahe alle hatten Bar- oder Bat-Mitzwas neben einer Konfirmation eingeführt. Hebräisch werde im Gottesdienst mehr genutzt, der in der jüdischen Diaspora traditionelle zweite Feiertag an Rosch Ha-Schana werde wieder häufiger eingehalten und das Studium der Tora werde vermehrt durchgeführt.[39] Im 21. Jahrhunderten würden auch die rituellen Gegenstände Tallit und Tefillin wieder mehr getragen. Kaplan beobachtete eine Entwicklung, dass in manchen (amerikanischen) Synagogen vor allem Frauen Kippa und Tallit tragen, während viele Männer Kopf und Schulter unbedeckt lassen.[40]

Neubeginn in Europa nach dem Holocaust

Eines der Hauptziele der WUPJ nach der Zeit des Nationalsozialismus war der Wiederaufbau des liberalen Judentums in Europa, welches durch den millionenfachen Mord von Juden durch die Nationalsozialisten, wie das gesamte jüdische Leben in Europa, weitgehend verlorengegangen war.[41]

Deutschland
Die Synagoge an der Pestalozzistraße in Berlin-Charlottenburg gilt seit 1947 als wichtigste Gemeinde des Liberalen Judentums in Deutschland.

In Deutschland entstanden nach der weitgehenden Vernichtung und Ermordung des Judentums durch den Nationalsozialismus nach dem Krieg vor allem orthodox geprägte Gemeinden. Ein Großteil der in den westlichen Besatzungszonen lebenden Juden waren Displaced Persons, die erst durch Krieg und Verfolgung als Überlebende der Judenvernichtung zu Kriegsende nach Deutschland gekommen waren. In ihren Heimatländern im östlichen Europa gab es keine starke Tradition des liberalen Judentums. Daher entstanden in den westlichen Besatzungszonen beziehungsweise in der späteren westdeutschen Bundesrepublik vor allem Einheitsgemeinden, die allerdings dem orthodoxen Ritus folgten. Eine Ausnahme dazu war die liberal eingestellte jüdische Gemeinde in Berlin, die von einem liberalen Rabbiner betreut wurde[42], allerdings, so schreibt der Historiker Michael A. Meyer, „in sehr alter Form: Orgel und Anstand, getrennte Sitzordnung für Männer und Frauen.“[43]

In der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR wurden ebenfalls kleine jüdische Gemeinden neu begründet, allerdings war die Zahl der Gemeindemitglieder verschwindend gering. Liberale und orthodoxe Elemente blieben parallel in den Gemeinden bestehen. So wurden liberale Traditionen wie Chorgesang und Orgelbegleitung der Gottesdienste beibehalten, andererseits wurden die Gottesdienste vor allem auf Hebräisch durchgeführt und nur Männer konnten liturgische Aufgaben im Gottesdienst übernehmen.[42]

In den Jahrzehnten der deutschen Teilung stagnierte die Situation weitgehend, erst mit der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in den 1990er Jahren änderte sich die Situation. Infolgedessen wurden in Deutschland zunehmend auch liberale Gemeinden gegründet.[44][45] 1997 wurde der Dachverband Union progressiver Juden in Deutschland gegründet.[46] 2023 gründeten neun liberale Gemeinden in Ablehnung des Umgangs der UpJ mit Missbrauchsvorwürfen mit JLEV (Jüdischer Liberal-Egalitärer Verband) einen zweiten Verband liberal-jüdischer Gemeinden in Deutschland.[47]

Schweiz

In der Schweiz blickte das Judentum im Gegensatz zum deutschen Judentum auf keine Tradition einer kohärenten und institutionellen Reformbewegung der Vorkriegszeit zurück. Zwar gab es im 19. Jahrhundert und der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg eine Annäherung an die protestantische Mehrheitsreligion; so wurden Orgeln und Synagogenchor in den Synagogen eingeführt, auch wurde ab Ende des 19. Jahrhunderts deutschsprachiges Predigen Usus. Insgesamt hatte sich die Liturgie in den Gottesdiensten jedoch nicht nennenswert verändert. Insbesondere bestanden keine dezidiert liberalen Gemeinden oder Verbände. Eine institutionell getragene liberal-jüdische Bewegung zeichnete sich erst ab den 1950er Jahren ab.[48] 1957 gründete sich in Bern aus Mitgliedern bereits bestehende Schweizer Gemeinden die Vereinigung für religiös-liberales Judentum (VRLJ). Jedoch kam es in den darauffolgenden Jahren nicht zur Gründung eigenständiger liberaler Gemeinden. So wurde das Ansinnen einer Gruppe Luzerner Juden, als Ortsgruppe anerkannt und unterstützt zu werden, im Jahr der Gründung der Vereinigung von der VRLJ abgelehnt, da die Zeit für eigenständige liberale Gemeinden als für noch nicht reif angesehen wurde.[49]

Synagoge der Communauté Juive Libérale de Genève, erbaut 2010

Ab 1960 konstituierte sich in Genf, unabhängig von der VRLJ eine english-speaking group amerikanischer Juden, die reformjüdische Gottesdienste mit Fokus auf die hohen Feiertage (Rosch ha-Schana, Jom Kippur) und den Seder-Abend zu Pessach durchführte. Ab 1968 engagierte die Gruppe mit François Garaï fest einen Rabbiner, was sie zur ersten reformjüdischen Gemeinde mit einem aus der Reformbewegung stammenden Rabbiner in der Schweiz überhaupt machte. 1970 gründete Garaï innerhalb der Communauté Israélite de Genève eine religiös liberal gesinnte Gruppe (Groupe Israélite Libérale, GIL). Obwohl Garaï 1970 in der english-speaking group durch den Rabbiner Harry Brandt abgelöst wurde, kam es zu Kooperationen zwischen den beiden Gruppen. Die GIL betreute Garaï bis in die 2010er Jahre. Während die english-speaking group sich im Laufe der 1970er Jahre auflöste, gewann die GIL zunehmend an Zulauf. 1985 wurde ein Gemeindezentrum mit Synagoge, Sekretariat, Rabbiner-Büro, Schulraum und Mikwe im Erdgeschoss eines Hochhauses eingerichtet. 2010, bei einem Stand von etwa 1000 Gemeindemitgliedern, wurde ein eigenes Gemeindezentrum gegründet, inklusive dem ersten eigenständigen Synagogen-Neubau in der Schweiz seit fünfzig Jahren.[50]

In Zürich bestand nach Etablierung der VRLJ zunächst eine informelle liberale Gruppe innerhalb der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), ab den späten 1960er Jahren bis zur Eigenstädigkeit ab 1977 fanden liberale Gottesdienste in den Räumlichkeiten der ICZ statt. Als der Rabbiner Lothar Rothschild verstarb, der bis dahin liberale Gottesdienste unter dem Dach der ICZ geleitet hatte, wurde der ehemalige Rabbiner der english-speaking group aus Genf, Henry Brandt als Nachfolge engagiert. Unter seiner Leitung kam es im Dezember 1977 bei einer Generalversammlung der ICZ zum Bruch zwischen der Mehrheit der Gemeindemitglieder und der liberalen Gruppe, weshalb am 28. Januar 1978 etwa hundert Personen die Jüdische Liberale Gemeinde (Or Chadasch) gründeten. In Basel gründete eine international jüdische Gruppe Migwan, zunächst als „Forum für progressives Judentum“, seit 2010 als „Liberale Jüdische Gemeinde“. Zudem bestanden und bestehen in Basel weitere kleinere liberal-jüdisch gesinnte Gruppen innerhalb und außerhalb der Israelitischen Gemeinde Basel.[51]

Österreich

1991 wurde mit Or Chadasch (neues Licht) die erste liberale jüdische Gemeinde in Österreich seit dem Holocaust gegründet. Im Februar 2004 wurde im traditionell jüdisch geprägten Zweiten Bezirk im Gebäude einer frühere Druckerei eine eigene Synagoge eingeweiht. 2016 wurde die Zahl der Mitglieder auf etwa 100 beziffert.[52]

Niederlande

In den Niederlanden kamen durch den Holocaust beinahe drei Viertel der Juden ums Leben. Die Rabbiner der beiden Vorkriegs-Gemeinden in Den Haag und Amsterdam waren starben im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Zunächst organisierte die WUPJ deutschsprachige Rabbiner für eine kleine Gemeinschaft aus Nazi-Deutschland geflohener Juden. Allerdings wurde in den Nachkriegsjahren deutlich, dass auch Bedarf für einen niederländischsprachigen Rabbiner bestand. 1955 wurde schileßlich der in Amsterdam geborene und frisch in London von Leo Baeck ordinierte Jacob Soetendorp Rabbiner der Gemeinde. Unter seiner Leitung erlebte die Gemeinde ein stetiges Wachstum. Soetendorp unterstützte auch den Wiederaufbau der Vorkriegsgemeinde in Den Haag (1958) und bei der Neugründung einer liberalen Gemeinde in Arnhem (1965). 1966 wurde in Amsterdam die erste Synagoge in den Niederlanden nach dem Holocaust eröffnet. Trotz geringer Zahlen niederländischer Juden füllten niederländische Juden in den folgenden Jahrzehnten oft hohe Posten in liberal-jüdischen Organisationen, etwa in der WUPJ. 2002 wurde mit dem Levisson Institute eine Ausbildungsstätte für Rabbiner und Rabbinerinnen gegründet. Letztere finden sich unter den Absolventen in deutlicher Überzahl. 2016 bestanden zehn liberal-jüdische Gemeinden in den Niederlanden, die größten davon mit mehreren Hundert Mitgliedern in den drei größten Städten des Landes, Den Haag, Rotterdam und allen voran Amsterdam mit 1050 Familien in der Gemeinde. Insgesamt wurde von 3100 liberalen Juden in den Niederlanden ausgegangen, gegenüber 4000 orthodoxen Gemeindemitgliedern. Der Großteil der halachisch als Juden geltenden Menschen (d. h.: von einer jüdischen Mutter abstammend) in den Niederlanden (etwa 45.000) galt jedoch als säkular und weitgehend assimiliert und gehörte keiner religiösen Gemeinschaft an.[53]

Die Synagoge in der Rue Copernic (Paris) beherbergt die älteste, seit 1907 bestehende, liberal-jüdische Gemeinde in Frankreich.
Frankreich

In Frankreich war die erste liberale jüdische Gemeinde 1907 in Paris als Union Libérale Israélite de France (ULIF) gegründet und in der Synagoge der Rue Copernic ansässig geworden. Nach Ende der deutschen Besatzung wurde die Gemeinde wiederbelebt.[54] Unter starker (unter anderem finanzieller) Unterstützung der WUPJ wurde 1955 in Paris das Institut Internaional d'Études Hébraiques mit sieben Studenten gegründet, mit dem Ziel einen Ersatz für die zerstörten liberalen Rabbiner-Seminare in Europa aufzubauen. Der ersten Ordinierung 1960 folgten zwar noch einige andere, Ende der 60er und zu Beginn der 70er Jahre entwickelte sich das Institut jedoch zu einer Erwachsenen- und Lehrerbildungsstätte.[55] 1977 gründeten einige Geistliche und etwa 50 Familien der ULIF mit der Mouvement Juif Libéral de France (MJLF) eine zweite liberale Gemeinde in Paris. 1983 gründete MJLF eine zweite Gemeinde und eröffnete eine jüdisch-religiöse Schule. In den 1980er und -90er Jahren kam es zu weiteren Gemeindegründungen in Marseille, Lyon, Straßburg und Grenoble sowie zu zwei weiteren liberalen Gemeinden in Paris. 1990 wurde mit Pauline Bebe die erste Frau als Rabbinerin in Frankreich ordiniert. Mitte der 2010er Jahre emigrierten viele französische Juden nach Israel und Nordamerika. Dieser Trend war jedoch kaum unter den liberalen Gemeinden bemerkbar.[56]

Progressives Judentum in Israel

Gründung und langsames Wachstum
Der 1935 aus Deutschland ins britische Mandatsgebiet Palästina ausgewanderte Schalom Ben-Chorin (1975) gilt als Galionsfigur der frühen Bewegung des liberalen Judentums in Israel und war einer der MIitbegründer der ersten liberalen Gemeinde Israels, Har-El, in Jerusalem.

Das Jahr 1958 gilt als Beginn des liberalen Judentums in Israel. Die Gründung einer Gemeinde, die seit 1962 den Namen Har-El trägt, war der erste erfolgreiche Versuch einer Gemeindegründung, nachdem bereits seit den 30er Jahren mehrere Versuche einer Gründung gescheitert waren. Inspiriert durch einen Besuch des Rabbiners Herbert Weiner aus New Jersey in Jerusalem, begann eine Gruppe von etwa 20 Gläubigen, die sich zunächst „Zirkel für die Erneuerung des religiösen Lebbens“ bezeichnete, ab dem 24. Januar 1958 in Wohnräumen liberale Gottesdienste abzuhalten. Der ursprünglich aus München stammende Rabbiner Schalom Ben-Chorin, leitete bis 1962 als Prediger die Treffen der Gemeinde, die sich anfangs aufgrund fehender fester Räumlichkeiten auf Freitagabends-Gottesdienste begrenzten. Sein Sohn, Tovia Ben-Chorin, wurde früh als Chasan für die Gemeinde tätig. Wichtig für den Erfolg der Gemeinde waren dabei auch Schalom Ben-Chorins Kontakte zur WUPJ, die sich zunehmend von ihrer antizionistischen Einstellung entfernte. 1962 bezog die Gemeinde mit finanzieller Unterstützung der WUPJ eigene Räume.[57]

In den 1960er Jahren entstanden unter dem Einfluss der Har-El-Gemeinde und dem persönlichen Einsatz Schalom Ben-Chorins weitere Reformgemeinden, die sich 1965 zum Israel Moement for Progressive Judaism zusammenschlossen[58], die 1971 nach israelischem Recht eingetragen wurde. Die führenden Persönlichkeiten der Bewegung entschieden sich gegen die Benennung als Reform-Judentum, um keine negativen Assoziationen zu der nordamerikanischen Reform-Bewegung aufkommen zu lassen, die in Israel sehr unbeliebt war.[59] Die WUPJ rückte ab den 1960er Jahren zunehmend von ihrer antizionistischen Haltung ab; durch den Sechstagekrieg 1967 zwischen Israel und Ägypten, Jordanien und Syrien war der Staat Israel auch zunehmend in den Fokus des weltweiten liberalen Judentums gerückt. 1968 hielt die WUPJ ihre alle zwei Jahre stattfindede Versammlung zum ersten Mal in Jerusalem ab, 1973 siedelte die Verwaltung von New York nach Jerusalem über. 1975 schloss sich die Union schließlich formell der World Zionist Organization an. 1983 bestanden fünfzehn progressive Gemeinden in Israel, von denen die meisten Gottesdienste vor allem an den hohen Feiertagen abhielten und denen insgesamt etwa 800 Familien angehörten. Eine 1978 durchgeführte Untersuchung zeigte auf, dass die Mitglieder im Schnitt älter waren als die Gesamtbevölkerung, knapp die Hälfte waren Einwanderer aus Europa, nur 11 Prozent waren selbst in Israel geboren.[60]

Rechtliche und gesellschaftliche Stellung

Ab 1989 erhielten Juden, die konservativ oder liberal außerhalb Israels zum Judentum konvertiert waren, durch Entscheidung des obersten Gerichts des Staates Israels, das Recht ihre Alija durchzuführen und in Israel auf Grundlage ihrer Konversion und dem Rückkehrgesetz von 1950, das Jüdinnen und Juden die israelische Staatsbürgerschrift zuspricht, israelische Staatsbürger zu werden. Menschen, die in Israel von konversativen und liberalen Rabbinern konvertiert worden waren, blieb dieses Recht aber zunächst vorenthalten. Es folgten mehrere Klagen durch in Israel konvertierte Juden sowie politisch-legislative Versuche, die jedoch in den folgenden Jahrzehten immer wieder scheiterten.[61] Seit 2012 werden auch nicht-orthodoxe Vorsteher von jüdischen Gemeinden als Rabbiner anerkannt. 15 „Rabbiner einer nichtorthodoxen Gemeinschaft“ erhielten ihren Lohn vom Kulturministerium. Eheschließungen, Abdankungen und Lehrentscheide über die Thora blieben den rund 4000 orthodoxen Rabbinern vorbehalten. Da es Israel gibt es keine Standesämter gibt, gab es für liberale Juden weiterhin keine Möglichkeit, sich bei einem liberalen Rabbiner verheiraten zu lassen.[62] Am 1. März 2021 beschloss das Oberste Gericht, dass auch bei konservativen und liberalen Rabbinern in Israel konvertierte Juden sofort die israelische Staatsbürgerschaft erhalten sollten. Die Entscheidung wurde von einem großen Teil der orthodoxen israelischen Gemeinschaft abgelehnt.[63]

Wenngleich einige Beobachter konstatierten, dass die religiöse Praxis vieler Juden in Israel dem liberalen Judentum entspreche, insbesondere in der Befolgung der Gesetze der Halacha, identifiziert sich jedoch nur ein sehr geringer Teil mit dem Label des Reformjudentums.[64] Bei vielen Israelis trifft das progressive Judentum auf starke Ablehnung. Anat Hoffman, die Geschäftsführerin des progressiven Israel Religious Action Center am Jerusalemer Campus des Hebrew Union College, wurde 2002 in einer Ausgabe der New Yorker jüdischen Zeitung The Forward zitiert, die Aufstachelung gegen das progressive Judentum sei so stark, dass bei man bei einer Explosion einer ihrer Synagogen nicht wüsste, ob ein Palästinenser oder orthodoxe Jude die Tat zu verantworten hätte.[65]

Rabbinerinnen

Regina Jonas

Die weltweit erste ordinierte Rabbinerin war die in mehreren Berliner Synagogen und auch nach ihrer Deportation im Ghetto Theresienstadt wirkende Berlinerin Regina Jonas, die 1935 durch den Offenbacher Reform-Rabbiner Max Dienemann ordiniert wurde.[66][67] 1944 wurde sie im KZ Auschwitz ermordet.

Die erste Rabbinerin in den USA und zweite ordinierte Rabbinerin überhaupt wurde 1972 Sally Priesand. 2001 war Angela Warnick Buchdahl die erste ostasiatische Amerikanerin, die zur Rabbinerin geweiht wurde.

In den frühen 1990er Jahren erreichte die Zahl der Ordinationen von Frauen als Rabbinerinnen das gleiche Maß wie das der männlichen Rabbiner, jedoch stellten Rabbinerinnen aufgrund einer großen Zahl älterer männlicher Rabbiner 2018 etwa ein Drittel der lebenden ordinierten liberalen Rabbinerinnen und Rabbinern. 2021 gab es 835 Reform- und liberale Rabbinerinnen weltweit.[68]

Organisation und Struktur

Verbände

Die meisten jüdischen reformorientierten, liberalen und progressiven Gemeinden sind in der 1926 unter maßgeblicher Mitwirkung von Rabbiner Leo Baeck gegründeten World Union for Progressive Judaism (WUPJ) organisiert. Nach eigenen Angaben vertritt die WUPJ (Stand: Dezember 2025) 1.800.000 Menschen in 50 Ländern und 1.250 Gemeinden, wozu auch Gemeinden des rekonstruktionistischen Judentums zählen.[69]

Der nationale Zweig der WUPJ in Deutschland ist die 1997 gegründete[70] Union progressiver Juden in Deutschland (UpJ), der (Stand: Januar 2026) 20 liberale jüdische Gemeinden und einige liberal-jüdische Organisationen wie etwa das Rabbinerseminar Abraham Geiger Kolleg und arzenu Deutschland (Bund progressiver Zionisten) angehören. Einige deutschsprachige liberale Gemeinden außerhalb Deutschlands (in Österreich Or Chadasch in Wien, in der Schweiz Or Chadasch in Zürich sowie die Liberale Jüdische Gemeinde im Großherzogtum Luxemburg) sind assoziierte Mitglieder der UpJ.[71] 2023 gründete sich unter Beteiligung von neun liberalen Gemeinden in Deutschland in Ablehnung der UpJ ein zweiter jüdisch-liberaler Verband, der sich Jüdischer Liberal-Egalitärer Verband (JLEV) nannte[72], allerdings nicht Teil der WUPJ ist.

Rabbinische Ausbildung

Das 1912 fertiggestellte[73] Hauptgebäude des Hebrew Union College in Cincinnati, Ohio.

Als einziges Rabbiner-Seminar aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg besteht heute noch das 1875 gegründete Hebrew Union College in Cincinnati mit Ausbidungsstätten in New York, Los Angeles und Jerusalem. Seit 1956 besteht in London das Leo Baeck College in London.[74] 1999 wurde als erstes in Deutschland bestehende Ausbildungsstätte für Rabbiner in Deutschland seit dem Holocaust das Abraham-Geiger-Kolleg gegründet[75], ein An-Institut an der Universität Potsdam, das lange von Rabbiner Walter Homolka geführt wurde. Seit 2002 besteht in Amsterdam das Levisson Institute.[76] 2015 wurde an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität in Moskau ein vom Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam vermittelter Studiengang eingericht, desen Absolveten sich dann in Potsdam zu Rabinnern ausbilden lassen können.[77] 2017 gründete die WUPJ The Ibero American Institute for Rabbinical Education in Buenos Aires, zur Ausbildung spanisch- und portugiesischsprachiger Rabbiner für Gemeinden in Südamerika und der iberischen Halbinsel.[78] 2020 wurde in Paris die École Rabbinique de Paris eröffnet, in der Rabbiner und Chasane ausgebildet werden.[79]

In Zusammenhang mit Vorwürfen von Machtmissbrauch gegen Homolka gründete der Zentralrat der Juden in Deutschland 2024 die Nathan-Peter-Levison-Stiftung als neuen Träger der Rabbinatsausbildung in Potsdam. Die künftig zuständige Einrichtung für die Rabbinatsausbildung wurde Regina-Jonas-Seminar benannt. Die Jüdische Gemeinde Berlin, die seit 2023 die Trägerschaft des Abraham-Geiger-Kollegs (und des konservativen Zacharias-Frankel-Colleges) innehatte, lehnte die Neu-Ausrichtung der liberalen Rabbinatsausbildung ab.[80][81] So bestehen seit 2024 zwei parallele und konkurrierende Strukturen der Rabbinatsausbildung an der Universität Potsdam.

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

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