Regionale Lebensmittel

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Lokale bzw. regionale Lebensmittel sind Lebensmittel, die in derselben Region erzeugt und verbraucht werden. Dabei ist der Begriff „Region“ als solcher weder geschützt noch gibt es eine allgemein verbindliche bzw. von Wissenschaftlern vorgegebene Definition oder Norm.[1] Das Thema wird nicht nur in Untersuchungen über Verbraucherpräferenzen gegenüber regionalen Produkten, sondern auch als Marketingkonzept, in der regionalen Strukturpolitik und unter ökologischen Aspekten diskutiert.

Regionale Verteilung der Weizenproduktion weltweit

Historisches

1826 begründete Johann Heinrich von Thünen die landwirtschaftliche Regionalökonomie mit den sog. Thünenschen Ringen, welche die maximale Marktentfernung für bestimmte Agrarprodukte regional festlegten, wobei alle Lebensmitteltransporte seinerzeit zu Fuß oder per Pferdefuhrwerk und ohne Kühlmöglichkeit durchgeführt werden mussten. Diese technischen Begrenzungen existieren heute nicht mehr, so dass sich regionale Lebensmittel im Wettbewerb mit nationalen, kontinentalen und globalen Angeboten befinden.

Die im Jahr 2020 ins Leben gerufene Initiative „Österreich isst regional“ sieht vor, dass der Bund künftig bei öffentlichen Beschaffungen, regionalen und saisonalen Produkten den Vorzug gibt. Als Nächstes soll es bei der Bundesbeschaffung ähnliche Initiativen geben.[2]

Ökonomie

Konsumentenpräferenzen

Die Produktherkunft hat tatsächlich empirisch nachweisbar auf die Käuferpräferenzen einen deutlichen Einfluss. Dies gilt sowohl für den Absatz auf dem regionalen Markt (das Thema dieses Artikels) als auch den überregionalen Absatz (siehe hierzu Herkunftsbezeichnung).

In seinem „Ernährungsbericht 2025“ führte das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) im November 2025 ein Ranking der Kriterien an, die befragte Konsumenten angaben, als sie nach der Wichtigkeit von Eigenschaften von Lebensmitteln im Hinblick auf ihre Kaufentscheidung gefragt wurden. Demnach sei „[b]ei der Auswahl von Lebensmitteln […] der Geschmack entscheidend: Dass sie kaufen, was schmeckt, trifft auf 93 Prozent der Befragten voll und ganz oder eher zu. 79 Prozent achten darauf, dass Gemüse und Obst saisonal sind. 77 Prozent geben an, es treffe voll und ganz oder eher zu, dass sie darauf achten, wie das Tier gehalten wurde, von dem das Lebensmittel stammt. Bei ebenfalls 77 Prozent liegt der Wert für die Aussage, dass die Produkte aus ihrer Region kommen. 74 Prozent achten auf Angebote und 59 Prozent darauf, dass es preiswert ist. Vom Jahr 2015 (58 Prozent) bis 2020 (46 Prozent) sank dieser Anteil, seit 2021 (48 Prozent) steigt er wieder deutlich.“[3] Aus dieser Befragung geht hervor, dass die Herkunft eines Lebensmittels in Deutschland zwar nicht das wichtigste Kriterium bei der Entscheidung für den Kauf eines bestimmten Produkts ist, dass aber seine Herkunft für die meisten Käufer ein wichtiges Kriterium (unter anderen) ist.

Die Gruppe PricewaterhouseCoopers International gab im Juni 2025 die deutschen Ergebnisse ihrer „Voice of the Consumer“-Befragung 2025 zu den folgenden Fragen bekannt: „Was darf Essen kosten?“, „Wie gesund soll es sein?“ und „Wie nachhaltig ist es?“. Es gebe ein „Spannungsfeld“ bei täglichen Kaufentscheidungen zwischen der finanziellen Belastung und dem Preisbewusstsein, dem Wunsch nach gesunder Ernährung sowie dem Umweltbewusstsein und dem klimafreundlichen Konsum.[4] Die Konsumforscher fanden heraus, dass 61 Prozent der Menschen in Deutschland beim Lebensmitteleinkauf vor allem auf den Preis achteten, sich 48 Prozent Sorgen über den Einsatz von Pestiziden machten und der Klimawandel für 75 Prozent ein Thema sei; jedoch würden nur 31 Prozent einen Aufpreis für Nachhaltigkeit zahlen. Zur Bedeutung des Faktors Regionalität schrieb die pwc: „Für ein Drittel der Konsument[…]en spielt Regionalität beim Kauf von Lebensmitteln eine Rolle. Konsument[…]en, die angeben lokal einzukaufen, möchten dabei die Hersteller und Händler aus der Region unterstützen (53 Prozent) und einen Beitrag zur Wirtschaft vor Ort leisten (48 Prozent). Wer keine lokal hergestellten Produkte kauft, ist häufig (60 Prozent) der Meinung, dass diese teurer sind als andere Waren.“[5]

Eine Konsumentenbefragung des Lehrstuhls für Agrarmarketing der Universität Kiel 1998 ergab, dass Verbraucher vor allem bei Frischwaren eine regionale Herkunft wertschätzen. Auf einer 5-stelligen Skala (1 = sehr wichtig; 5 = völlig unwichtig) beurteilten die Befragten die Wichtigkeit der regionalen Herkunft bei Eiern (1,6), Fleisch (1,7) und Milch(produkten) (1,8) als besonders wichtig. Bei Konserven, Fertiggerichten oder Nudeln (3,6) wurde die Wichtigkeit hingegen niedriger beurteilt. Die Herkunft des Produktes ist ein Entscheidungsfaktor neben anderen. In der Konsumentenbefragung wurden Geschmack, Gesundheit, Aussehen und Freiheit von Gentechnik wichtiger, Markenname, Verpackung oder ökologisches Produktionsverfahren als weniger wichtig als die regionale Herkunft bewertet.[6]

Marketingstrategien

Entsprechend nutzen der Lebensmitteleinzelhandel und die Lebensmittelhersteller die regionale Herkunft als Marketinginstrument. Dies wird unterstützt durch die Bemühungen des Regionalmarketings, Regionen als Marken zu etablieren.[7] Eine Reihe von öffentlichen Förderprogrammen soll die Regionalvermarktung verbessern.[8] Damit werden sowohl regionalpolitische, ökologische als auch ökonomische Ziele verfolgt.[9]

Gelegentlich reagieren Produzenten und Handelsketten auf aus ihrer Sicht unbefriedigende Versuche, an die „Heimatliebe“ von Verbrauchern anzuknüpfen, mit Änderungen ihrer Marketingstrategie. So soll etwa die 2021 eingeführte Eigenmarke „Heimatliebe für regionales Obst und Gemüse“ der EDEKA-internen „Region Hannover-Minden“[10] in der genannten Region im Frühjahr 2026 vom Markt genommen werden.[11]

Wer darüber hinaus nicht von starkem Lokalpatriotismus gekennzeichnet ist, erkennt z. B. schnell, dass, abgesehen von dem im Abschnitt „Food-Miles-Theorie“ genannten Zusammenhängen, lange Transportwege nicht die Qualität jedes Lebensmittels verschlechtern. Sie erkennen z. B., dass ein Wein, der in der eigenen Region hergestellt wurde, nicht der am besten schmeckende (empirisch nachgewiesene Top-Präferenz!) und höchstwertige sein muss und es meistens auch objektiv nicht ist, denn in jedem Ranking gibt es nur eine Nr. 1. Wer auch im Winter regional nicht verfügbare frische Lebensmittel verzehren will (ebenfalls eine häufig vorkommende Käuferpräferenz), muss entweder auf Importware oder auf Tiefkühlprodukte zurückgreifen.[12]

Regionalisierung der Lebensmittelbranche im Spannungsfeld von Wirtschafts-, Verkehrs-, Umwelt-, Gesundheits- und Kulturpolitik

Bezüglich einer Regionalisierung der Lebensmittelbranche werden eine Reihe von Zielen und erwünschten und unerwünschten Wirkungen diskutiert.[13]

Weitere Informationen Ziel, Beschreibung ...
ZielBeschreibungpositive Wirkungennegative Wirkungen
Wirtschaftspolitik: Erhöhung regionaler WertschöpfungDie Wertschöpfung findet in der Region selbst stattHöheres „Bruttoregionsprodukt“ durch Wertschöpfung in der RegionGeringeres „Bruttoregionsprodukt“ durch komparative Kostennachteile
regionale ArbeitsplatzsicherungSicherung der Arbeitsplätze in der regionalen Landwirtschaft und LebensmittelverarbeitungAnsiedelung von dezentralen Vermarktungs- und VerarbeitungsbetriebenVerlust von Beschäftigungschancen in aus der Region „exportierenden“ Betrieben. Fördern alle Regionen regionale Lebensmittel, kommt es zum Konkurrenzparadoxon
Erhöhung der ProduktqualitätInsbesondere die Frische von Lebensmitteln soll durch regionale Wirtschaft gefördert werdenFrische, soziale Kontrolle der (bekannten) lokalen Erzeuger, Vielfalt lokal unterschiedlicher SortenSchlechteres Qualitätsmanagement durch kleinere, weniger industrialisierte Betriebe, geringere Produktvielfalt durch regionale Beschränkung
Verkehrspolitik: VerkehrsvermeidungDie Verteilung der landwirtschaftlichen Produkte verursacht Verkehr. Dieser verursacht ökonomische und ökologische KostenDie Verkürzung der Wege zwischen Produzent und Verbraucher kann den Güterverkehr verringernEine schlechtere Auslastung von Verkehrsmitteln, die Verlagerung auf kleinere Transportmittel und der Wegfall von logistischen Bündelungseffekten kann den Güterverkehr vergrößern
Umweltpolitik: Umweltschonende ProduktionUmweltschonende Produktiondezentrale Rohstoff- und Abfallverwertung, standortangepasste ProduktionHöherer Energie- und Flächenverbrauch durch kleinere, ineffektivere Anlagen
Gesundheitspolitik: LebensmittelsicherheitLebensmittelsicherheitgeringeres Risiko der Ausbreitung von Krankheitserregern durch regionale BegrenzungSchlechteres Qualitätsmanagement durch kleinere, weniger industrialisierte Betriebe
Kulturpolitik: Kulturelle IdentitätBezug auf die eigene regionale Kultur und TraditionIdentifizierung mit der Region, Stärkung der regionalen TraditionenKirchturmdenken, Fremdenfeindlichkeit, Autarkiedenken, Regionalismus
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In der Diskussion werden, die oben genannten Aussagen vertiefend, folgende Argumente genannt: Die Ungleichverteilung von Produktion und Konsum stelle ein regionalökonomisches Problem dar. So komme es in Ländern des Globalen Südens trotz guter Produktion zu Unterversorgung im Land, wenn Export einträglicher sei, weil die Industrienationen höhere Preise zahlten. Auch das Bauernsterben Mitteleuropas trotz hohen Lebensmittelkonsums, die Lebensmittelspekulation und das Auslagern zahlreicher negativer Folgen intensiver Bewirtschaftung in andere Weltgegenden (Landrodungen, Übernutzung, Pestizideinsatz, Arbeitbedingen usw.) werden als Argumente für die Notwendigkeit einer regionalisierten Lebensmittelproduktion genannt.
Auch gesundheitlich-ökologische Aspekte, wie unter dem Schlagwort „Denaturierung“ zusammengefasst, Aspekte der Qualität der Lebensmittel (wie unreife Ernte und Nachreife während des Transports mit Hilfe gewisser Chemikalien), aber auch die Gefahr von Störungen endemischer Ökosysteme durch Neophyten in Folge der Verlagerung einer Wirtschaftsweise in andere Regionen der Welt werden genannt.
Dazu kommen ethisch-psychologische Bedenken wie schlechte Bedingungen beim Tiertransport oder Vorbehalte gegen die jahreszeitenunabhängige permanente Verfügbarkeit beliebiger Produkte.
Zuletzt kommt ein auch rechtlicher Aspekt dazu, weil die Standards und Vorschriften – und damit verbundene Erwartungen an Qualität und Konsumentenschutz – weltweit durchaus unterschiedlich sind (einschließlich der Gentechnik-Frage). Damit verbunden entsteht ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Stationen und Akteuren der Lebensmittelproduktion, über die man keine Kenntnis, geschweige denn persönliche Kontrolle hat.[14]

Nachhaltigkeit

Video: Einfluss von Lebensmitteln auf unser Klima

Historisch geht die Annahme, regionale Lebensmittel seien ökologischer, auf Studien aus den 90ern zurück, in denen die Transportwege von Lebensmitteln betrachtet wurden. Erst in den 2000ern fing man an, die gesamte Umweltbilanz von Lebensmitteln zu untersuchen. Der Transport stellte sich nun nur noch als kleiner Teil der Gesamtumweltwirkung dar.[15]

Die Produktion regionaler Lebensmittel ist zunächst einmal von der Frage einer nachhaltigen oder ökologischen Wirtschaftsführung getrennt. Industrielle Landwirtschaft kann regional sein, ökologische Landwirtschaft weltweit exportieren. Langjährige Untersuchungen der Arbeitsgruppe von Elmar Schlich an der Justus-Liebig-Universität Gießen haben empirisch nachgewiesen, dass die Betriebsgröße entscheidenden Einfluss auf die Umweltwirkung hat. Nach der wissenschaftlichen Theorie der Ecology of Scale[16] verursachen größere Betriebe grundsätzlich geringere Umweltwirkungen pro Produktionseinheit als kleinere Betriebe, dies wegen der besseren Auslastung und höheren Effizienz der Produktions- und Transportmittel. Die reine Marktentfernung ist nur eine von vielen Einflussgrößen auf die Umweltwirkung.

Dennoch sind die Aspekte in der öffentlichen Diskussion vielfach verbunden. In diesem Kontext sind modernere Konzepte wie small is beautiful, Nachhaltigkeit oder der Begriff des ökologischen Fußabdrucks aufgegriffen worden, aber auch eine regionalisierte Version des – ursprünglich im Welthandel angedachten – Fair-trade-Gedankens, der auch auf die Bauernschaft der Industrienationen angewandt wird, um sie in der Konkurrenz mit internationalen Lebensmittelkonzernen zu stärken. Diese Modelle rühren teils schon aus den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts her.[17] Die Förderung von regionaler Produktion wird damit vielfach als Teil einer ökologischen Agrarwende verstanden, insbesondere dann, wenn es in der betreffenden Region eine industrialisierte Landwirtschaft allenfalls in Ansätzen gibt. So setzt beispielsweise die Verwendung der „Dachmarke Allgäu“ auf das Wissen der Kunden, dass die dort anzutreffende Alpwirtschaft nicht durch eine Massentierhaltung ersetzt werden kann. Ein verwandtes Konzept sind Regionalwährungen wie der Chiemgauer zur Förderung regionaler Produktion.

Lokale respektive regionale land- und ernährungswirtschaftliche Produktion und Verarbeitung ist einer der Basissektoren des Konzepts von Planern einer regionalen Wirtschaft, die in Konkurrenz zu einer globalisierten Marktwirtschaft tritt. Sie soll die eigene Region stärken, also eine Basis einer nachhaltigen Regionalentwicklung darstellen, aber nach Möglichkeit andere Regionen nicht unangemessen belasten.[18] Die Definition von „regional“ kann sich dabei sowohl auf die geographische Entfernung vom Produzenten zum Konsumenten beziehen als auch die Anzahl der Stationen in der Lieferkette.

Treibhausgasemissionen

Der Transport macht nur einen geringen Anteil der Treibhausgasemissionen von Lebensmitteln aus
Vergleich der Ernährungsweisen und Anteil des Transportweges am CO2-Fußabdruck

2019 konnte das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in einer Studie zeigen, dass eine optimierte lokale Produktion die Emissionen weltweit aus dem Lebensmitteltransport um den Faktor zehn reduzieren könnte. Der CO2-Fußabdruck würde sich verringern und zum Klimaschutz beitragen.[19] Allerdings macht der Transport nur einen geringen Teil der Emissionen von Lebensmitteln aus.[20] So verursachen insgesamt tierische Lebensmittel sehr viel höhere Treibhausgasemissionen als pflanzliche. Bei den meisten Produkten macht der Transport nur 10 % der Emissionen aus. Bei Rindfleisch sind es sogar nur 0,5 % der anfallenden Emissionen.[20] Es zeigt sich, dass in der EU der Transport nur rund 6 % der Emissionen ausmacht, während Milchprodukte, Fleisch und Eier 83 % der Emissionen verursachen.[20][21] Daher kommt es für Verbraucher, die ihren ökologischen Fußabdruck verringern wollen, eher darauf an, was sie essen und trinken, als wo eine bestimmte Lebensmittel-Charge herkommt.[22]

Gleichwohl glauben beispielsweise rund 2/3 der Amerikaner, dass regionale Lebensmittel besser für die Umwelt seien.[23]

„Food-Miles-Theorie“

Die These, dass jede „unnötig gefahrene Meile“ (von der Quelle „food miles“ genannt) zu einer Qualitätsminderung und zum vorzeitigen Verderb von Lebensmitteln beitrage, wurde vom ESG-Report im Januar 2025 bestätigt.[24] Demnach legen in den USA Lebensmittel durchschnittlich eine Strecke von 1500 Meilen (= 2400 km) von der Produktionsstätte bis zu den Esstellern der Endverbraucher zurück. Die Qualität der Lebensmittel nehme durch lange Transportwege und -zeiten ab. Teile der betreffenden Chargen verdürben dabei. Nährwert und Geschmack der Waren nähmen durch eine hohe Zahl von „food miles“ ab, vor allem dann, wenn die Kühlkette unterbrochen und/oder Lebensmittel falsch verpackt würden. Durch die genannten Umstände entstünden auch Risiken für die Gesundheit von Verbrauchern.

Umsetzungen

Bauernmärkte bieten lokale Produkte ohne große Umwege über Verarbeitung und Vertrieb an

Die klassische Formen des regionalen Lebensmittelvertriebs sind die Direktvermarktung (Ab-Hof-Verkauf), also die Abnahme beim Erzeuger selbst, und die Bauernläden und Bauernmärkte, die die traditionellen Form des Wochenmarktes und des Gemischtwarenladens (Tante-Emma-Ladens) wieder aufgreifen. Neuerdings beginnt auch ein Lieferservice seitens der Erzeuger an Verbraucher etwa in der Gastronomie, zunehmend auch an Endverbraucher (Ins-Haus-Liefern als „Essenskorb“), der sich insbesondere durch den Online-Handel als neue Form der Direktvermarktung ergibt.

Seit einigen Jahren sind auch Supermarktketten dazu übergegangen, „regionale Ecken“ einzurichten, die vorzugsweise Lebensmittel aus der umgebenden Region zum Verkauf anbieten. Die Stiftung Warentest fand 2013 bei Stichproben heraus, dass bei Herkunftsangaben nicht „geschummelt werde“ (vgl. aber das u. a. Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster), dass aber der Eindruck nicht immer zutreffe, „um die Ecke erzeugte“ Lebensmittel seien immer hinsichtlich der Warenqualität und den Produktionsbedingungen besonders gut, so dass der Käufer beim Kauf ein gutes Gewissen haben dürfe.[25] Der 2014 in der Schweiz gegründete Online-Supermarkt Farmy.ch bietet überwiegend regionale Lebensmittel an und konnte 2018 ein überdurchschnittlich starkes Umsatzwachstum von 40 Prozent verzeichnen.[26]

Eine besondere Bedeutung hat die Regionalisierung in der gehobenen Gastronomie, für hochpreisige Hotels wie Restaurants ist lokale Küche für eine Profilierung im inzwischen weltweiten Konkurrenzkampf im Destinationsmarketing des Tourismus heute ein wichtiges Standbein.

Verwandte neuere Konzept zur Regionalisierungsbewegung sind beispielsweise Selbsternteflächen, die Landwirte zur Verfügung stellen, auch urbane Landwirtschaft, das die Produktion direkt in die Städte verlagert, oder Gemeinschaftsgärten (von Agrar-Fachleuten betreute Mithilfe in der Produktion oder finanzielle Beteiligung gegen Anteilsrechte an der Ernte). Diese greifen auch die in der Zeit der Industrialisierung entwickelte Form des Kleingartens (Schrebergartens) für die Eigenversorgung der städtischen Arbeiterschaft mit Frischkost wieder auf und übertragen sie in die zeitgenössische Stadtsoziologie.[27]

Vereine und Institutionen, die für die Idee der lokalen Produktion und eintreten, sind beispielsweise die Slow Food-Bewegung und die zahlreichen Verbände aus der Öko-/Bio-Landwirtschaft in ihren vielfältigen Strömungen – obschon der Begriff der Ökologisierung der Landwirtschaft mit der Regionalisierung nicht zusammenhängt (regional wirtschaften kann auch die konventionelle Landwirtschaft, und ökologische Gedanken sind auch für den Welthandel relevant). Diese Organisationen fördern, nicht zuletzt aus Eigeninteresse an ihrem direkten Lebensumfeld, auch die Regionalisierung. Die erste Regionalwert AG wurde 2006 in Eichstetten am Kaiserstuhl für den Regierungsbezirk Freiburg gegründet.[28]

Rechtliche Bedeutung von Herkunftsbezeichnungen

Der Begriff „Region“ ist gesetzlich nicht geschützt. Seit 2014 gibt es allerdings ein „Regionalfenster“ genanntes Siegel. Als Aufdruck auf Verpackungen oder Hinweisschild für lose Waren soll es Auskunft darüber geben, woher die Zutaten des Produkts stammen und wo sie verarbeitet wurden. Mit dem Regionalfenster verspricht das Bundesernährungsministerium ein Siegel, das die Region „eindeutig und nachprüfbar“ festlegt.[29]

Die Kennzeichnung der Regionalität ist ansonsten bei verpackten Lebensmitteln in Europa nicht einheitlich, derzeit existieren neben vielen Herkunftsbezeichnungen drei verschiedene EU-Gütesiegel.[30]

Die missbräuchliche Verwendung nicht zutreffender Herkunftsbezeichnungen kann weitreichende Konsequenzen für einen Händler haben. So verweigerte das Oberverwaltungsgericht Münster einem Händler die Lizenz für den Wochenmarkt in Münster u. a. deshalb, weil dieser Erdbeeren aus dem Raum Vechta (gelegen im Oldenburger Münsterland) als „Münsterländer“ beworben hatte. Das sei, so das Gericht, eine grobe Irreführung der Käufer auf dem Wochenmarkt. Diese müssten nicht damit rechnen, dass die Ware nicht aus dem „richtigen“ Münsterland stamme, also aus dem nordrhein-westfälischen Regierungsbezirk Münster. Vechta liegt ca. 110 km von Münster entfernt in Niedersachsen, war aber bis 1803 eine Stadt im Niederstift Münster.[31]

Siehe auch

Literatur

  • Ulrich Ermann: Regionalprodukte: Vernetzungen und Grenzziehungen bei der Regionalisierung von Nahrungsmitteln, Band 3 von Sozialgeographische Bibliothek, 2005, ISBN 978-3-515-08699-8, Teildigitalisat
  • Ulrich Karpenstein, Bettina Werres: Staatliche Unterstützung für regionale Produkte. Eine rechtliche Analyse. Forschungsbericht 20218149. Umweltbundesamt, 2004

Einzelnachweise

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