Renate Fueß

deutsche Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Renate Fueß (* 16. August 1946 in Egelsbach/Hessen als Renate Liebmann) ist eine deutsche Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin. Sie schreibt Gedichte, Prosa und Essays.

Renate Fueß, 1983

Leben und Werdegang

Renate Fueß wurde als Tochter des Ingenieurs Alois Liebmann[1] und der Kauffrau Elisabeth Schneider in Egelsbach/Hessen geboren. Die Eltern leiteten eine alteingesessene Baufirma in Frankfurt am Main.[2] Sie selbst heiratete nach dem Abitur 1966 den Chemiker Hartmut Fueß[3], den sie 1968 auf seinem beruflichen Werdegang nach Grenoble (Frankreich) und Oxford (England) begleitete,[4] wo die gemeinsamen Söhne, der Ostasienwissenschaftler Harald Fuess und der Islamwissenschaftler Albrecht Fuess, ihre Kindheit verbrachten.

Im Herbst 1975 kehrte Fueß mit ihrer Familie nach Frankfurt zurück, studierte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Germanistik und Romanistik und promovierte 1982 bei Norbert Altenhofer mit einer Arbeit über das frühe Werk Thomas Bernhards. Gleichzeitig erschienen erste literarische Veröffentlichungen. Schon in ihrer Dissertation hatte sich Fueß intensiv mit zeitgenössischer österreichischer Literatur befasst, auch mit den Autoren um das Forum Stadtpark Graz und der Zeitschrift manuskripte. Hier wurden frühe Gedichte der Autorin publiziert,[5] weitere Lyrik und Prosa sollten in den kommenden Jahren folgen. Veröffentlichungen in den Akzenten[6], der Neuen Rundschau[7] und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung[8] schlossen sich an. 1981 erhielt Fueß den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis für Lyrik des Literarischen März der Stadt Darmstadt und den Kurzgeschichtenpreis der Stadt Arnsberg.

1984 erschien der Lyrikband Am Eingang von Kotor. Kotor, die montenegrinische Hafenstadt, die im Jahr 1979 durch ein schweres Erdbeben zu großen Teilen zerstört wurde, steht hier als Sinnbild für das, was Fueß beschreibt: Unerwartete Risse und Verwerfungen im Privaten und in der Welt. 1985 folgten die Erzählungen Kein Brief aus Amerika, in denen oft Frauen im Mittelpunkt stehen. Den scheinbaren sozialen Verletzungen und unerfüllten Träumen tritt die Erzählerin, wie Heiner Boehncke es nennt, mit „geschliffenen Sätzen, die funkeln und schneiden“, entgegen.[9] Sowohl die Lyrik als auch die Prosa von Fueß sind sehr rhythmisch und leben von einer ausgeprägten Bildsprache zwischen Alltag und Kunst, zart, genau, trotzig, in der Prosa zuweilen grotesk. Was Fueß beim Schreiben inhaltlich interessiert, so die Autorin selbst, ist das, was in „Beziehungen zwischen Menschen stört“[10] und dass nichts in der Welt so ist und bleibt, wie es scheint. Wichtige Elemente sind die Auslotung der Ränder von Liebe und Tod. Steht in der Lyrik oft das Überraschende am Schluss, so werden in der Prosa häufig zwei oder drei Geschichten in einer erzählt.[10]

Während einer zweijährigen Zeit als Stadtliteratin in Bocholt arbeitete sie an dem längeren Text Shirleys Fest, dessen Eingangspassage 1988 in den manuskripten erschien.[11] Eine Wende in Fueß’ literarischem Schaffen bahnte sich an, als die Mutter der Autorin starb. Das Gedicht atmen, hören, sehen[12] und der Text Kühle Mutter[13] sind von unterschiedlichen Varianten der Trauer geprägt. Der Vater erkrankte wenige Jahre später. Fueß übernahm die Geschäftsführung des mittelständischen Unternehmens in Frankfurt, in und mit dem sie aufgewachsen war.

Werke (Auswahl)

  • Nicht fragen. Zum Double–bind in Interaktionsformen und Werkstruktur bei Thomas Bernhard. Bernd Urban, Wolfram Mauser (Hrsg.): Literatur und Psychologie, Bd. 11, Lang, Frankfurt / Bern / New York 1983, ISBN 978-3-8204-7416-9.
  • Am Eingang von Kotor. Gedichte, rororo 5391, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1984, ISBN 3-499-15391-2.
  • Kein Brief aus Amerika. Erzählungen, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1985, ISBN 3-498-0205-1-X.

Essays und andere Beiträge:

  • „Wo hab ich jemals einen Kontakt wollen?“ (Thomas Bernhard). Vom Mythos des „Einsamen in der Bergwelt“ und seinem Ausverkauf. In: Günter Kunert u. a. (Hrsg.): Die Literatur blüht im Tal, Literaturmagazin 14. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1981, ISBN 978-3-499-25156-6, S. 78–92.
  • „Tu felix Austria, juble und jodle!“. Aspekte des Double-bind in der zeitgenössischen Lyrik Österreichs. In: Johannes Cremerius u. a. (Hrsg.): Freiburger literaturpsychologische Gespräche, Bd. 4, Königshausen + Neumann, Würzburg 1985, ISBN 3-88479-207-5, S. 123–138.
  • Die geflügelte Welt mit Vogelkrallen. Friederike Mayröcker: ein Leben im Poesiereservat. In: Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, Fachbereich Buch (Hrsg.): Gep-Buch-Magazin 3, Frankfurt 1986, zdb-katalog.de, ISSN 0176-9219, S. 24–25.
  • Die ganze Welt steht dir offen. In: Kulturamt der Stadt Aachen (Hrsg.): Grenzgänge. Aachener Literaturpreis Anthologie 1986. Alano, Aachen 1986, S. 7–14.
  • Darf ich auf Deinem Schulhof spielen? Notizen einer Stadtliteratin. In: Theodor Tauchel (Hrsg.): Der Literat. Zeitschrift für Literatur und Kunst, 31. Jg., Nr. 6, Frankfurt 1989, zdb-katalog.de, ISSN 0024-4627, S. 178–179.
  • Eine ganz neue Sphäre. Mme de Staëls enthusiastische Kulturgeschichte „De l’Allemagne“ (1810/1814). In: Harro Kieser, Gerlinde Schlenker (Hrsg.): Mitteldeutsches Jahrbuch für Kultur und Geschichte. Bd. 17, Monumente Publikationen, Bonn 2010, ISBN 978-3-86795-034-3, S. 86–98.
  • Melencolia, rastlos. Zum Tode Helga M. Novaks (1935–2013). In: Mitteldeutsches Jahrbuch, Bd. 23, Monumente Publikationen, Bonn 2016, ISBN 978-3-86795-116-6, S. 214–218.
  • Elie Kedourie (Hrsg.): Die Jüdische Welt: Offenbarung, Prophetie und Geschichte, dt. Neubearbeitung von Karl Erich Grözinger, Lyrik-Übersetzungen aus dem Englischen von Renate Fuess. S. Fischer, Frankfurt 1980, ISBN 978-3-10-038903-9, S. 266–270.

Auszeichnungen

Literatur (Auswahl)

  • Jürgen Jacobs: Die Frau aus der Baukastenwelt. „Am Eingang von Kotor“, der erste Gedichtband von Renate Fueß. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. August 1984, S. 22.
  • Agnes Hüfner: Eine schwebende Dame. Erzählungen von Renate Fuess. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. November 1985, S. 26.
  • Wolfgang Müller-Funk: Innenräume. Erster Erzählband von Renate Fuess. In: Neue Zürcher Zeitung vom 19. Februar 1986, zdb-katalog.de, ISSN 0376-6829, S. 40.
  • Heiner Boehncke: Renate Fueß: Kein Brief aus Amerika. Rezension. Manuskript in: Kallias, Online-Katalog des Deutschen Literaturarchivs Marbach, S. 1–5.
  • Hans Rüdiger Schwab: Renate Fueß. In: Dietz-Rüdiger Moser (Hrsg.): Neues Handbuch der deutschen Gegenwartsliteratur seit 1945. Nymphenburger, München 1990, ISBN 3-485-03550-5, S. 213.

Einzelnachweise

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