Rettersburg
Dorf und seit 1972 ein Ortsteil der Gemeinde Berglen im baden-württembergischen Rems-Murr-Kreis
From Wikipedia, the free encyclopedia
Rettersburg ist ein Dorf und seit 1972 ein Ortsteil der Gemeinde Berglen im baden-württembergischen Rems-Murr-Kreis. Der Ort liegt vollständig im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald.
Rettersburg Gemeinde Berglen | |
|---|---|
| Koordinaten: | 48° 52′ N, 9° 28′ O |
| Höhe: | 308 m ü. NN |
| Eingemeindung: | 1. April 1972 |
| Eingemeindet nach: | Buchenberg |
| Postleitzahl: | 73663 |
| Vorwahl: | 07195 |
Lage von Rettersburg in Berglen
| |
Rettersburg im 17. Jahrhundert (Ansicht von Andreas Kieser) | |

Geographische Lage
Das kleine Dorf mit etwa einem Dutzend benannter Straßen liegt von Streuobstwiesen umgeben am Zusammenfluss des Auwiesenbach und dem Buchenbach. Letzterer mündet in der Gemeinde Burgstetten in die Murr.
Umliegende Ortschaften sind Öschelbronn mit dem Stöckenhof im Nordwesten, der Königsbronnhof im Nordosten, Rudersberg-Lindental im Osten, Necklinsberg im Südosten, Oppelsbohm im Süden, Birkmannsweiler und Bretzenacker im Südwesten, Baach und Höfen im Westen sowie Bürg im Nordwesten.
Zur Altgemeinde Rettersburg gehörten die Weiler Drexelhof, Kieselhof und Linsenhof.
Ortsname
Der Ortsname könnte auf eine mittelalterliche Burganlage hinweisen, die jedoch bisher nicht lokalisiert werden konnte. Ob der Flurname Bürkenzelg wirklich auf eine Burg deutet, ist unklar.[1] Ein Adelsgeschlecht aus Rettersburg ist ebenso nicht bekannt. Nach dem Historiker Lutz Reichardt könnte der Ortsname den germanischen Personennamen Rathari enthalten oder auch einen christlichen Ursprung haben (als Burg des Erretters, d. h. Jesus Christus), ähnlich wie bei Winterbach-Engelberg oder Mettelchristbach, einer Wüstung bei Kirchenkirnberg.[2]
Geschichte
Rettersburg
Wie der Nachbarort Bretzenacker wurde das Dorf erstmals am 22. Juli 1293 urkundlich erwähnt, als Graf Eberhard der Erlauchte zahlreiche Vogteirechte von der Benediktinerabtei Lorch erhielt und sich im Gegenzug verpflichtete, das Kloster zu beschützen. Seitdem gehörte Rettersburg zum Herrschaftsgebiet Altwürttemberg. Die Mönche besaßen noch im Jahre 1542 dreizehn kleinere Lehen im Ort. Rettersburg war dem Forstamt Reichenberg zugeteilt. Die Zehnten und andere Abgaben mussten an das Hofkameralamt in Winnenden abgegeben werden.
Im 19. Jahrhundert war die wirtschaftliche Lage von Rettersburg schwierig. Die Böden waren schlecht und teilweise sumpfig, daher wurde mehr Getreide eingeführt als ausgeführt. Es war eine Kelter vorhanden und es wurde Weinbau betrieben, allerdings war die Qualität des Rebensafts eher mittelmäßig; man lebte vom Viehhandel, der Bestand war jedoch unbedeutend. In Heimarbeit wurden Leinen gewebt und verkauft. Um 1850 lebten in Rettersburg acht Weber sowie einige Maurer und Schreiner.
Im Zuge der Gebietsreform in der NS-Zeit kam die Gemeinde Bretzenacker 1938 zu dem neu gebildeten Landkreis Waiblingen.
Im Rahmen der Gemeindegebietsreform von 1972 wurde die Gemeinde Rettersburg aufgelöst und der neu gegründeten Großgemeinde „Buchenberg“ zugeordnet. Buchenberg wurde am 27. Dezember 1972 in „Berglen“ umbenannt.
Geschichte der Ortsteile
Drexelhof
Der Weiler Drexelhof wurde 1344 als curia zu dem Drehsel erstmals genannt. 1442 wird der Hof zusammen mit dem Kieselhof als Hofstatt, genannt zum Drechsel bezeichnet. Der Ortsname verweist auf das Handwerk des Drechselns.[3]
Linsenhof
Der Weiler Linsenhof wurde 1536 erstmals als Zwerchenberg erwähnt. Später erscheint der Ort als Zwerenberg und Zwerenbergerhof. Im 17. Jahrhundert änderte sich der Ortsname nach dem dort angebauten landwirtschaftlichen Erzeugnis in Linsenhof.[4]
Kieselhof
Der Weiler Kieselhof wurde 1442 erstmals mit dem Drexelhof als Kysel erwähnt. Später (im 18. Jahrhundert) hieß der Ort auch Küßelhof.[5]
Einwohnerentwicklung
- 1828: 463 Einwohner[6]
- 1850: 554 (alle evangelischer Konfession)
- 1979: 490
Religion
Rettersburg hatte nie eine eigene Kirche und gehörte kirchlich stets zu Oppelsbohm. Mit der Einführung der Reformation unter Herzog Ulrich 1535 wurde Rettersburg evangelisch-lutherisch. Die evangelischen Einwohner besuchen seit dem 15. Jahrhundert die Kirche St. Mauritius in Oppelsbohm.
Durch Christoph Gottlob Müller aus Winnenden und andere Prediger entstanden im 19. Jahrhundert in Württemberg evangelisch-methodistische Gemeinden. Die Kapelle der Methodisten in Rettersburg wurde 1922 erbaut. Sie verfügt über einen schön gestalteten Türgiebel mit Inschrift.[7]
Die wenigen Katholiken sind zumeist nach dem Zweiten Weltkrieg zugezogen. Rettersburg verfügt über einen eigenen kleinen Friedhof an der Straße zum Kieselhof.
Politik
Schultheißen und Bürgermeister
Die Schultheißen waren zumeist wohlhabende und angesehene Landwirte, die man umgangssprachlich auch Bauraschultes (Bauernschultes) nannte. Erst 1930 wurde in Württemberg die Amtsbezeichnung Schultheiß durch Bürgermeister ersetzt.
Liste der Schultheißen (unvollständig, Amtszeiten teilweise unklar):
Wappen und Flagge

Die Altgemeinde Rettersburg führte ein eigenes Gemeindewappen sowie eine Hiss- und eine Bannerflagge.
Die Blasonierung des ehemaligen Gemeindewappens lautet: In goldenem (gelbem) Wappenschild ein sechsspeichiges rotes Rad.
Die Farben der Altgemeinde waren Gold-Rot (in der Heraldik dargestellt als Gelb-Rot).
Mit der Auflösung der Gemeinde am 1. April 1972 ist das Wappen erloschen. Es kann noch von Vereinen und Privatpersonen zur Traditionspflege, etwa als Abzeichen oder Wimpel verwendet werden.
Brauchtum
Ortsneckname
In früheren Zeiten wurden die Rettersburger in den umliegenden Orten die Schulmeischtermetzger (Schulmeister-Metzger) genannt. Der Grund dafür kann nicht ermittelt werden.
Ein weiterer Neckname lautete Kloi-Ägypte (Klein-Ägypten). Die Einwohner von Rettersburg störten sich offenbar nicht an dem Necknamen und nannten sich fortan selbst Ägypter, den Buchenbach Nil und ihren Schultheißen Pharao.[10]
Literatur
- Rudolph Friedrich von Moser: Beschreibung des Oberamts Waiblingen. Verlag J. G. Cotta, Stuttgart und Tübingen 1850, S. 192f.
- Ilse Böwing-Bauer: Die Berglen. Hopfer Verlag, Tübingen 1958.
- Horst Lässing (Hrsg.): Der Rems-Murr-Kreis. Verlag Konrad Theiss 1980, ISBN 3-8062-0243-5. S. 285.
- Waldemar Lutz, Erich Scheible (Hrsg.): Kennzeichen WN. Heimatkunde für den Rems-Murr-Kreis. Verlag Waldemar Lutz Lörrach und Ernst Klett Schulbuchverlag GmbH, Stuttgart 1990, ISBN 3-12-258290-2, S. 198.
- Lutz Reichardt: Ortsnamenbuch des Rems-Murr-Kreises. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 1993, ISBN 3-17011967-2.


