Tötung von Richard Epple
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Bei der Tötung von Richard Epple starb 1972 der 17-jährige deutsche Mechaniker-Lehrling Richard Epple (* 2. August 1954 in Breitenholz, heute Ammerbuch, im Landkreis Tübingen; † 1. März 1972 in Herrenberg-Affstätt). Er wurde von der Polizei nach deren Angaben irrtümlicherweise für einen RAF-Terroristen gehalten und im Laufe einer Verfolgungsjagd erschossen.[1] Heute ist in Tübingen das Epplehaus nach ihm benannt.
Familie und Hintergrund
„Seit Generationen lebte die Familie Epple im ältesten Haus des kleinen Ortes Breitenholz im Tübinger Landkreis. Mit drei Kühen, zwei Schweinen und zehn Hühnern auf dem Hof sowie etwas Landbesitz waren es kleinbäuerliche Verhältnisse, in die Richard Epple am 2. August 1954 hineingeboren wurde. Sein Vater starb, als er zwölf Jahre alt war. Seitdem musste die Mutter Maria ihn und seinen älteren Bruder Erich allein aufziehen. Der pubertierende Jugendliche wuchs im Spannungsfeld zwischen 68er-Revolte und RAF-Hysterie auf, wobei er von beidem eher wenig mitbekam und sich vornehmlich dem Schrauben an Autos widmete. […] Posthum wurde Richard Epple diffamiert, um ihm so eine (stärkere) Mitschuld an seinem Tod zu geben.“
Tod nach Verfolgungsjagd
Der 17-jährige Lehrling Richard Epple befand sich 1972 in seiner Ausbildung zum Mechaniker und schraubte in seiner Freizeit gern an Autos, hatte aber keinen Führerschein. Am Abend des 1. März 1972 fuhr er mit einem Ford Taunus 12M der Familie auf der Tübinger Wilhelmstraße. Zudem war Epple mit 2,3 Promille betrunken. Er fiel einer Polizeistreife wegen einer Ordnungswidrigkeit auf: Einer seiner Blinker war defekt. Die Streife forderte Epple um 20:43 Uhr zum Anhalten auf, der beschleunigte jedoch und versuchte zu flüchten. Es folgte eine Verfolgungsjagd durch Tübingen und über die Bundesstraße 28 in Richtung Herrenberg, bei der Epple mehrfach das Polizeifahrzeug abdrängte und den Gegenverkehr gefährdete. Unterwegs übernahm eine Herrenberger Polizeistreife die Verfolgung. Epples Wagen durchbrach drei Straßensperren. Die Herrenberger Polizei hatte am Ortseingang eine Straßensperre errichtet. Epple durchbrach diese und gefährdete dabei einen Polizisten.[1][2]
Epple fuhr weiter in Richtung Calw. Über Funk bekamen die Polizisten die Genehmigung zum Schusswaffengebrauch. Ein junger Polizeimeister namens Hans-Jörg Geigis schoss daraufhin zunächst sein gesamtes Pistolenmagazin von zwölf Schuss in Richtung des Fluchtfahrzeugs, bewirkte damit jedoch nichts.
„Anschließend zog der 26-jährige Geigis eine Beretta-Maschinenpistole und lehnte sich aus dem Seitenfenster seines Polizeiwagens. Mitten im kleinen Örtchen Affstätt entleert er das gesamte Magazin seiner MP auf Epples Fahrzeug. Dessen Wagen kam ins Schleudern und rammte einen Eisenstab. Richard Epple wurde von sieben Kugeln durchsiebt und war sofort tot. […] Den Flüchtenden traf ein Schuss in den Brustkorb, zwei in die linke Schulter, zwei in die Nackenpartie, einen in die linke Wange und einen in den Ellenbogen.“
In der Kuppinger Straße im Herrenberger Ortsteil Affstätt kam der Wagen auf Höhe der Gaststätte Die Linde zum Stehen. Kurz darauf trafen sein Bruder Erich Epple und sein Lehrmeister Georg Bahlinger dort ein. Bahlinger wurde gebeten, den Toten zu identifizieren, während der damals knapp 20-jährige Erich Epple damit beauftragt wurde, den Tod seines Bruders seiner Mutter Maria Epple mitzuteilen:[1][2]
„Meiner Mutter zu sagen, dass ihr Sohn nicht mehr lebt, das hat man einem jungen Seicher wie mir überlassen. Bis zu ihrem Tod war von der Polizei niemand bei ihr, um ihr zu sagen: „Wir haben Ihren Buben erschossen, es tut uns leid.““
Reaktionen
In Tübingen folgten in der Zeit nach Epples Tod Demonstrationen und Proteste gegen Polizeigewalt. Es wurde ein „Solidaritätskomitee Richard Epple“ gebildet, das 2000 Mark an Spenden für die Beerdigung sammelte.[2]
„Der lokal bekannte Ali Schmeißner organisierte in der Tübinger Innenstadt ein Solidaritäts-Konzert mit den Politrockern "Ton Steine Scherben" […]. Das Konzert wurde jedoch wegen fehlender Anmeldung nach wenigen Songs von der Polizei aufgelöst. "Ton Steine Scherben" sollten wenige Monate danach noch eine größere Rolle bei der Besetzung eines leerstehenden Hauses spielen, welches später nach Richard Epple benannt werden wird.“
Die Presse der radikalen Linken nahm den Tod Epples wie schon bei ähnlichen Vorfällen zum Anlass, den Staatsorganen und der die Staatsorgane unterstützenden Presse die Verantwortung für die Eskalation der Gewalt anzulasten. Der Tod Epples sei angesichts etlicher vergleichbarer Fälle eine Folge des Versuches, Massenhysterie zu erzeugen und Bevölkerung und Polizei aufzuhetzen.[3] Eine eingesetzte Untersuchungskommission kam zu dem Schluss, das Verhalten der Beamten sei unter den Umständen verhältnismäßig gewesen.[2] Der Todesschütze Geigis nahm sich 1975 mit seiner Dienstwaffe selbst das Leben.[1]
Weil der Jugendliche Bernd Melchert in einem Leserbrief im Schwäbischen Tagblatt am 24. Januar 1973 in Bezug auf Epples Tod den Begriff "ermordet" nutze, wurde er von Dietrich Siemann, dem Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei von Baden-Württemberg, wegen übler Nachrede und Verleumdung zum Nachteil der Polizeivollzugsbeamten angezeigt.[1]
Gedenken

Nachdem im April 1972 das Jugendzentrum Schwabenhaus in Tübingen unter ungeklärten Umständen abgebrannt war und Tübinger Jugendliche vergeblich ein neues Jugendhaus gefordert hatten, wurde am 23. Juni 1972 nach einem Konzert der Band Ton Steine Scherben ein Haus in der Karlstr. 13 besetzt. Dieses Haus, das bis heute als selbstverwaltetes Jugendhaus existiert, wird in Erinnerung an Richard Epple „Epplehaus“ genannt.[1][4]
Der Name „Richard-Epple-Haus“ wurde bereits direkt nach der Hausbesetzung in einer Vollversammlung der Jugendlichen bestimmt. Die Benennung wurde von der kommunalen Verwaltung und der Polizei als Provokation verstanden und war Inhalt jahrelanger Streitigkeiten zwischen den Jugendlichen im neuen selbstverwalteten Jugendzentrum und der Stadt.[1]
Weblinks
- Die Geschichte des Richard Epple, der am 1. März 1972 auf der Flucht erschossen wurde ( vom 25. Januar 2010 im Internet Archive). Artikel im Schwäbischen Tagblatt vom 1. März 2002 zu Epples 30. Todestag.
- Herrenberg: Die Erschießung von Richard Epple am 1. März 1972 im Spiegel der radikalen Linken (mao-projekt.de)