Rietenau

Ortsteil der Gemeinde Aspach im baden-württembergischen Rems-Murr-Kreis From Wikipedia, the free encyclopedia

Rietenau ist ein Pfarrdorf und ein Ortsteil der Gemeinde Aspach im baden-württembergischen Rems-Murr-Kreis. Der Ort gehört zur Region Stuttgart und liegt vollständig im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald.

Schnelle Fakten Gemeinde Aspach ...
Rietenau
Gemeinde Aspach
Wappen von Rietenau
Koordinaten: 48° 59′ N,  24′ O
Eingemeindung: 1. Februar 1972
Postleitzahl: 71546
Vorwahl: 07191
Ansicht von Rietenau
Ansicht von Rietenau
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Geographie

Zur Altgemeinde Rietenau gehören das Dorf Rietenau, der Weiler Nonnenäcker, das Gehöft Schönenbühl sowie die Wüstungen Katzenhof (auch Katzenbachhof genannt) und Mönchshaus.

Umliegende Ortschaften sind der Warthof im Norden, Oppenweiler im Osten, Schloss Katharinenhof und Strümpfelbach im Südosten, Großaspach mit der Stegmühle im Süden und Allmersbach am Weinberg im Nordwesten.

Geschichte

Mittelalter

Rietenau wurde in einer Urkunde aus dem Jahre 1103 erstmals als Rietenouwe erwähnt. Zu dieser Zeit gehörte das kleine Dorf den adligen Herren von Röttingen aus dem Taubergrund. Ritter Diemar von Röttingen, der zeitweise auf der Reichsburg Trifels in der Pfalz wohnte, trat 1103 als Mönch in das Kloster Hirsau ein. Mit seinem ganzen Besitz kam auch Rietenau mit zwanzig Huben und viel Wald an das Kloster. 1262 veräußerte der Abt des Klosters Hirsau das Dorf Rietenau (villa Rietinowe) an das Dominikanerinnen-Kloster Mariental zu Steinheim an der Murr. Die Dorfbewohner waren mit dem Eigentümerwechsel jedoch nicht einverstanden und protestierten vehement dagegen. Erst am 6. Mai 1350 konnte der Streit zwischen der Gemeinde und den Nonnen beigelegt werden. Der Gemeinde wurde fortan erlaubt, ihre Schultheißen und den Holzwart frei zu wählen.

Rietenau im 17. Jahrhundert (Ansicht von Andreas Kieser)

Die Mineralquellen in Rietenau sind seit dem 15. Jahrhundert bekannt, als die Nonnen aus Mariental ein Badehaus im Dorf errichten ließen. Im 16. Jahrhundert (1524) verkauften die Klosterfrauen das Badehaus an den Bürger Michael Sattler aus Waiblingen und an Konrad Minner den Älteren, Schultheiß von Kornwestheim. In der Folgezeit gelang es der Familie Minner, den Anteil Sattlers ebenfalls zu erwerben. Rietenau erlebte durch das Heilbad einen erheblichen wirtschaftlichen Aufschwung und bescherte der Familie Minner ein überaus großes Vermögen. Konrad Minner der Ältere starb 1560 und wurde in der Rietenauer Dorfkirche beigesetzt. Konrad Minner der Jüngere wurde vermutlich mit dem Prädikat von Rietenau in den Adelsstand erhoben, was jedoch nicht bewiesen ist. In Johann Siebmachers Wappenbuch erscheint das Wappen der Minner unter der Überschrift Geadelte. Angehörige der Familie kämpften im Dreißigjährigen Krieg unter dem Grafen Johann von Tilly und wurden von Kaiser Ferdinand II. für Tapferkeit geehrt. Danach verliert sich ihre Spur. Epitaphien der Familie sind in der Dorfkirche erhalten.

Neuzeit

Mit der Reformation kam es erneut zu großen Veränderungen in der Gemeinde. 1559 erging Befehl des Herzogs von Württemberg an das Kloster Mariental, alle Altäre in der Dorfkirche St. Ulrich bis auf einen abzubauen und den Tabernakel zuzumauern. Trotz Proteste der Priorin musste sich das Kloster schließlich 1560 dem Befehl des Herzogs unterwerfen. Im November 1560 wurden auch noch alle Heiligenbilder aus der Kirche entfernt und nach Marbach am Neckar überführt. 1564 musste die Dorfbevölkerung schließlich Herzog Christoph von Württemberg als einzigen Landesfürsten huldigen.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bestand in Rietenau eine Wiedertäufer-Gemeinde.[1]

Im Dreißigjährigen Krieg hatte Rietenau schwer unter den Folgen des Krieges (Plünderungen, Vertreibungen, Einquartierungen) zu leiden; das Dorf war zeitweise vollständig verlassen. 1639 lebten nur noch aus sechs Bürger in Rietenau, die sich zumeist in Backnang aufhalten mussten, da im Dorf selber kein Haus mehr bewohnbar war. Die Rietenauer mussten auch die Gottesdienste in Backnang besuchen, da es im Dorf keinen Pfarrer mehr gab. Erst als gegen Kriegsende die geflohenen Einwohner allmählich zurückkehrten, wurde auch die vakante Pfarrstelle wieder besetzt.

1686 erschien der Ort als Ridena im Forstlagerbuch von Andreas Kieser.

Rietenau war von 1806 bis 1918 Bestandteil des Königreichs Württemberg, seit 1918 des freien Volksstaates Württemberg.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verurteilte ein Standgericht drei junge Wehrmachtssoldaten in Rietenau wegen „Feigheit vor dem Feind“ zum Tode.

1945 wurde Rietenau von der US-Armee besetzt und lag nach dem Krieg in der Amerikanischen Besatzungszone. Dementsprechend gehörte die Gemeinde von 1945 bis 1952 zu Württemberg-Baden.

Im Zuge der Gemeindereform in Baden-Württemberg wurde die Gemeinde Rietenau 1972 aufgelöst.

Einwohnerentwicklung

  • 1639: 6 Einwohner
  • 1824: 504[2]
  • 1871: 537
  • 1873: 523[3]
  • 1894: 522 (521 Protestanten und 1 Katholik)[4]

Wirtschaft

Mineralwasser

In Rietenau sind insgesamt fünf Mineralquellen gefasst und drei als Heilquellen staatlich anerkannt.[5] Die Quellen sind überregional bekannt und wurden schon im 15. Jahrhundert als Heilquellen geschätzt, der Kurbetrieb jedoch in den 1950er Jahren eingestellt. Seit dieser Zeit wird das Rietenauer Mineralwasser nur noch abgefüllt verkauft.

Weinbau

Der Weinbau war in Rietenau in früheren Zeiten sehr bedeutend, ging aber durch die Reblaus und andere Schädlinge im 19. Jahrhundert ständig zurück, während der Obstbau an Bedeutung gewann. Der Wein wurde hauptsächlich nach Backnang und Sulzbach abgesetzt. Während des Ersten Weltkriegs verschwand der Weinbau fast völlig auf der Gemarkung Rietenaus. Lediglich auf der FlurGüldenkern“, der besten Weinlage Rietenaus, wird noch Weinbau betrieben.[6]

Politik

Schultheißen und Bürgermeister

  • 1824: Krautter[2]
  • 1873: Weigel[3]
  • 1894: Kreeb[4]

Wappen und Flagge

Ehemaliges Gemeindewappen

Die Altgemeinde Rietenau führte ein Gemeindewappen und eine Flagge.

Die Blasonierung des ehemaligen Gemeindewappens lautet: „In silbernem (weißen) Wappenschild ein roter Apfel mit schwarzem Butzen am grünen Stiel mit zwei grünen Blättern.“

Wappenbegründung: Das Wappen weist auf den weit verbreiteten Obstbau.

Die Gemeindewarben waren Rot-Weiß.

Mit der Auflösung der Gemeinde Rietenau im Zuge der baden-württembergischen Gemeindegebietsreform ist das Wappen 1972 erloschen. Es kann jedoch weiterhin von ortsansässigen Vereinen und Privatpersonen zur Traditionspflege benutzt werden, etwa als Abzeichen, Autoaufkleber oder als Wimpel.

Kirche

Seit der Einführung der Reformation unter Herzog Ulrich ist Rietenau wie ganz Alt-Württemberg evangelisch-lutherisch geprägt. Die evangelische Pfarrkirche ist nach dem Heiligen Ulrich von Augsburg benannt und stammt in ihren ältesten Gebäudeteilen aus dem 13. Jahrhundert. Die wenigen Katholiken sind nach Oppenweiler eingepfarrt.

Gebäude

  • Schlössle Rietenau, ehemaliger Adelssitz der Herren Minner von Rietenau (August-Lämmle-Straße 18).

Bilder aus Rietenau

Vereinsleben

  • Musikverein Rietenau
  • Turn- und Sportverein (TSV) Bad Rietenau

Literatur

  • Karl Eduard Paulus: Beschreibung des Oberamts Backnang. Verlag H. Lindemann, Stuttgart 1871, S. 293f.
  • Horst Lässing (Hrsg.): Der Rems-Murr-Kreis. Konrad-Theiss-Verlag, Aalen 1980, ISBN 3-8062-0243-5.
  • Waldemar Lutz, Erich Scheible: Kennzeichen WN. Heimatkunde für den Rems-Murr-Kreis. Verlag Waldemar Lutz und Ernst Klett Schulbuchverlag, Lörrach und Stuttgart 1990, ISBN 3-12-258290-2, S. 194.
  • Bernhard Trefz: Das Bad in Rietenau – ein kleines Heilbad mit einer Blütezeit im 16. Jahrhundert. In: Schwäbische Heimat, 2004, S. 431–437.
Commons: Rietenau – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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