Riparo Gaban

archäologische Stätte im Trentino, Italien From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Riparo Gaban (ital. riparo = dt. Abri) ist ein in Piazzina di Martignano bei Trient gelegener Felsüberhang, an dem sich im Mesolithikum, Neolithikum und bis in die mittlere Bronzezeit Menschengruppen aufgehalten haben. Er ist eine der bedeutendsten archäologischen Fundstellen für die Erforschung der Neolithisierung des mittleren Alpenraums am Ende des 6. Jahrtausend v. Chr. Er ist eponymer Fundort der frühneolithischen Gaban-Gruppen.

Schnelle Fakten
Riparo Gaban
Riparo Gaban
Riparo Gaban
Riparo Gaban
Lage: Piazzina di Martignano bei Trient, Trentino, Italien
Höhe: 270 m s.l.m.
Geographische
Lage:
46° 5′ 35,4″ N, 11° 7′ 27,5″ O
Riparo Gaban (Trentino-Südtirol)
Riparo Gaban (Trentino-Südtirol)
Geologie Rosso Ammonitico Veronese
Typ Abri
Entdeckung 1970
Beleuchtung elektrisch
Website www.archeotrentino.it
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Sektor IV mit dem bis in 3 m Tiefe reichenden Profilblock

Lage und Topographie

Der Riparo Gaban liegt in einem kleinen, nur etwa 50 m breiten Trockental, das am Fuß des Monte Calisio parallel zum linken Hang des Etschtals verläuft. Es wurde im Spätglazial durch einen Gletscherstrom ausgewaschen, wobei am Westrand das Felsmassiv Dos Castellet mit dem Abri stehen blieb. Er ist 29 m breit, bis zu 6 m hoch und windgeschützt nach Osten gerichtet. Sein Überhang betrug im Mesolithikum bis zu 4 m. Die Seehöhe beläuft sich auf 270 m s.l.m., das Flussbett der Etsch befindet sich 80 m tiefer. Das Grundstück, Maso Pasquali genannt, ist umringt von Weinbauflächen und befindet sich heute in Besitz der Autonomen Provinz Trient. Die gesamte Fundstelle ist seit 1971 eingehaust. Benannt ist sie nach dem Spitznamen des ehemaligen Besitzers[1] bzw. Pächters[2] Richetto Gaban Pasquali, der häufig einen Gaban (Poncho oder Filzmantel) trug.[3]

Forschung

Forschungsgeschichte

Erste Sondagen wurden unter dem Felsdach Anfang der 1960er Jahre durchgeführt, nachdem Giuseppe Šebesta (1919–2005) auf dem angrenzenden Feld größere Mengen Keramik aufgelesen hatte. Die Untersuchungen erbrachten jedoch keine Erkenntnisse. Zwischen 1970 und 1981 leitete Bernardino Bagolini (1938–1995) jährlich archäologische Ausgrabungen. Bohrungen und geoseismische Untersuchungen hatten gezeigt, dass sich fundführende Schichten über die gesamte Breite des Abris erstrecken. Die unteren, mesolithischen Straten wurden unter der Leitung von Bagolini, Alberto Broglio und Stefan Kozłowski zwischen 1982 und 1985 ergraben. Seit 2007 werden interdisziplinäre Forschungsprojekte von Mitarbeitenden der Universität in Trient weitergeführt, in Kooperation mit lokalen Institutionen wie dem MUSE – Museo delle Scienze, der Europäischen Akademie Bozen und den Universitäten in Mailand, Ferrara, Wien und Tübingen.[2][4][5]

Stratigraphie und Funde

Die Grabungsfläche hat eine Größe von rund 60 m² (Stand 2019). Sie ist eingeteilt in die Sektoren I bis V, nummeriert in Reihenfolge der Ausgrabungen. In Sektor IV ist an der Felswand ein 2 m² großer Profilblock als Referenz erhalten. Die bis in 7 m Tiefe reichenden Ablagerungen waren stellenweise durch 3 im Mittelalter ausgehobene Gruben gestört.

Die Schichtenfolge lässt sich in folgende archäologische Straten gliedern (in Klammern exemplarische Radiokarbonalter):

  • FC, FB: Frühmesolithikum, Sauveterrien
  • FA, E: Spätmesolithikum, Castelnovien, (Schicht E: 6968 ± 41 BP)
  • D1–D10: Frühneolithische Gaban-Gruppen, (Schicht D2: 6030 ± 45 BP, Schicht D8: 5990 ± 45 BP), VBQ-Kultur (linear-geometrischer Stil), Mittelneolithikum
  • C6–C4: Kupferzeit (Schicht C5: 3950 ± 50 BP)
  • C3–C1: späte Kupferzeit, frühe Bronzezeit
  • B6–B1: frühe Bronzezeit, Polada-Kultur, (Schicht B5: 3880 ± 60 BP)
  • A10–A6: frühe Bronzezeit, die Kulturschichten sind vergleichbar mit Fiavé 3
  • A5–A1: mittlere Bronzezeit, (Schicht A5: 3410 ± 45 BP)
Im Gegensatz zu der stark stilisierten Frauenfigur des Neolithikums (links), sind die anatomischen Details an der älteren, mesolithische Darstellung deutlich herausgearbeitet
Im Gegensatz zu der stark stilisierten Frauenfigur des Neolithikums (links), sind die anatomischen Details an der älteren, mesolithische Darstellung deutlich herausgearbeitet
Im Gegensatz zu der stark stilisierten Frauenfigur des Neolithikums (links), sind die anatomischen Details an der älteren, mesolithische Darstellung deutlich herausgearbeitet

Zahlreiche Tierreste im früh- und spätmesolithischen Inventar der Fundstelle zeugen von den raschen klimatischen Veränderungen, die mit Ende des Pleistozäns auch im Alpenraum eintraten: Während Hirsch, Reh und Wildschwein in den borealen Wäldern als Jagdwild dominierten, verloren kälteangepasste Tierarten wie Gämse und Steinbock zunehmend an Bedeutung. Neben den für die Zeitstellung typischen dreieckigen bzw. später trapezförmigen mikrolithischen Steinartefakten traten auch einige verzierte Kunst- und Gebrauchsgegenstände zutage. So zeigt eine 10,2 cm hohe, aus Hirschgeweih gearbeitete Frauenfigur stilistisch noch deutlich jungpaläolithische Einflüsse, wohingegen ein spatelförmiger Schaber aus dem gleichen Material mehrere Reihen gravierter Zickzack-Muster aufweist. Aus dem Mittelmeerraum importierte Schalen und Gehäuse von Muscheln, Schnecken und Kahnfüßern dienten gelocht wohl als Schmuckstücke oder Kleidungsbesatz, auch Teile eines Schildkrötenpanzers wurden gefunden.

Um etwa 5300 v. Chr. gingen im Trentino die ersten Menschen aus den nomadisierenden Jäger-und-Sammler-Gruppen zur Sesshaftigkeit mit Ackerbau und Viehzucht als neuer Subsistenzstrategie über. Auch in den neolithischen Schichten fand sich eine Vielzahl aus Geweih, Knochen, Zahn oder Stein hergestellter Gegenstände, die als Werkzeuge oder mobile Kunstwerke bzw. Schmuckstücke angesprochen werden. Zum Teil sind sie anthropomorph (Frauenfigurine) oder zoomorph (Fischfigur, Hirschkopf) geformt oder tragen derartige bzw. geometrische Darstellungen. Gefäßscherben mit den für die frühen Gaban-Gruppen charakteristischen geprägten Verzierungen sind ebenso erhalten wie solche mit eingeritzten Ornamenten.

Anhand von Schlacken lassen sich die ersten Kupferverhüttungen am Riparo Gaban auf etwa 3400 v. Chr. datieren.[1][2][6]

Siehe auch

Literatur

  • Annaluisa Pedrotti: Il riparo Gaban (Trento) e la neolitizzazione della valle dell’Adige In: Antenate di Venere – 27.000–4.000 a.C., Mailand 2010, S. 39–47.
  • Stefan Karol Kozlowski, Giampaolo Dalmeri: Riparo Gaban – the Mesolithic layers In: Preistoria Alpina, N. 36, Trento 2002, ISSN 0393-0157, S. 3–42.
  • Riparo Gaban (loc. Piazzina di Martignano, Trento) In: Guide Archeologiche, Preistoria e Protostoria in Italia, N. 4, Paleolitico, Mesolitico e Neolitico dell’Italia nord-orientale. Forlì 1995, ISBN 88-86712-07-3, S. 118–129.
Commons: Riparo Gaban – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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