Robert Graham Knight

britischer Historiker und Hochschullehrer From Wikipedia, the free encyclopedia

Robert Graham Knight (* 18. Dezember 1952 in Stoke-on-Trent) ist ein britischer Historiker und Hochschullehrer mit österreichischen Wurzeln.[1][2]

Robert Graham Knight in der Trinity College Chapel der University of Cambridge, September 2016

Leben und Wirken

Robert G. Knight absolvierte im Rahmen seiner Ausbildung Universitätsstudien am Trinity College der University of Cambridge und an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, bevor er an der Universität London (London School of Economics) in Geschichte (International History) promovierte.[3]

Sein erster Forschungsschwerpunkt lag auf der britischen Außenpolitik zu Beginn des Kalten Krieges, speziell in Hinblick auf das besetzte Nachkriegsösterreich. Später beschäftigte er sich mit den inneren Dynamiken Österreichs im Zusammenhang mit dem Vermächtnis des Nationalsozialismus. 1988 veröffentlichte er Wortprotokolle der Österreichischen Bundesregierung, die sich mit der Entschädigungsfragen von „arisiertem“ jüdischen Vermögen befassten. Der Titel „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen“ bezieht sich auf eine Wortmeldung des damaligen Innenministers Oskar Helmer und entsprach der Einstellung der meisten damaligen Politiker.[4]

Während der Waldheim-Affäre veröffentlichte er am 3. Oktober 1986 einen Beitrag in The Times Literary Supplement mit dem Titel „The Waldheim context: Austria and Nazism“, in dem er argumentierte, dass die Festigung des nationalen Grundkonsens (national consensus) in Österreich nach dem Krieg nur durch die Vermeidung einer ernsthaften Entnazifizierung und Aufarbeitung der Vergangenheit erreicht werden konnte. Die Regierungen wären stets eher bereit gewesen, ehemalige Nazis für Verluste durch die Entnazifizierung zu entschädigen als jüdische Opfer.[5] Der damalige Außenminister Peter Jankowitsch nannte diese Thesen „haarsträubend“ und appellierte – vergeblich – an 16 österreichische Historiker, sie zu widerlegen.[4]

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt war die britische Übergabe von Kosakenverbänden an sowjetische Truppen 1945. Er kritisierte in dem Themenbereich ein Werk seines Historikerkollegen Nikolai Tolstoy. Bei dem Verleumdungsprozess, den Baron Aldington 1989 gegen jenen anstrengte, lieferte Knight ein Sachverständigengutachten.

Von 1998 bis 2003 war Knight Mitglied der Historikerkommission der Republik Österreich zur Aufarbeitung der „Arisierungen“ während der Zeit des Nationalsozialismus und zur Untersuchung der bisherigen Entschädigungen.

2006 hielt er Vorlesungen an der University of Glasgow. Von 2010 bis 2024 war Knight Mitglied des Internationalen Wissenschaftlichen Beirats des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien.[6] Er war Senior Lecturer in International History an der Loughborough University[4] und honorary research fellow am Institute of Advanced Studies des University College London.

Robert Graham Knight während der Zeit seiner Sir-Peter-Ustinov-Gastprofessor, Graz, Mai 2019

Im Sommersemester 2019 war Knight Sir-Peter-Ustinov-Gastprofessor am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.[7][8] Während dieser Zeit stellte er in einem Interview mit dem Standard fest, es gäbe Anzeichen dafür, dass einiges in der österreichischen Nachkriegsgeschichte nicht aufgearbeitet wurde. Eine normative Abgrenzung zwischen Rechtskonservativen und Rechtsextremismus habe es hier nicht im selben Ausmaß gegeben wie in Westdeutschland. Weiters diagnostizierte er: „Die Rhetorik des Populismus und Rassismus scheint generell auf dem Vormarsch zu sein, das ist beängstigend.“ und kritisierte in diesem Zusammenhang: „Die Historikerkommission der FPÖ ist ein Witz. Der Vorsitzende Wilhelm Brauneder ist doch ein ehemaliger FPÖ-Nationalratspräsident? Und er soll eine objektive Kommission leiten?“ Knight äußerte, er habe diesbezüglich große, berechtigte Zweifel.[9]

Neben Artikeln in Fachzeitschriften veröffentlichte er auch Beiträge in The Guardian und der Süddeutschen Zeitung.[4]

Familiengeschichte

Am 23. Februar 2017 präsentierte Robert Graham Knight im Dachfoyer des Haus-, Hof- und Staatsarchivs am Minoritenplatz in Wien im Rahmen einer Simon Wiesenthal Lecture des Wiener Wiesenthal-Instituts für Holocaust-Studien (VWI) unter dem Titel „Wer waren Heinrich und Alice Scheuer? Erkund(ig)ungen eines Enkelkindes“ seine wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zur eigenen Familiengeschichte.[1][2] Der gesamte Vortrag Knights wurde vom VWI veröffentlicht[10][11] und auf YouTube online gestellt.[12]

Alice-und-Heinrich-Scheuer-Hof, Eingangsbereich

Knights Großeltern lebten bis 1942 in Wien. Sein Großvater Heinrich Scheuer (1885–1942),[13] ehemals Redakteur der Amtlichen Nachrichtenstelle (ANA) sowie kurzzeitig Sekretär von Stefan Zweig, und seine Großmutter Alice Scheuer (auch Alice-Netty Scheuer; 1889–1942),[13] geborene Leimdörfer, wurden 1942 von den Nationalsozialisten in das Vernichtungslager Maly Trostinez deportiert und dort am 26. Mai 1942 ermordet.[13] Zur Erinnerung an sie wurde die im Modenapark-Viertel gelegene Wohnhausanlage der Stadt Wien in der Neulinggasse 39 (erbaut in den 1930er Jahren, Architekt Armand Weiser) – im Rahmen der Aktion Steine des Gedenkens – im Sommer 2008 in Alice-und-Heinrich-Scheuer-Hof umbenannt.[14]

Knights Mutter Rose Scheuer (auch Rosa Scheuer, verh. Rose Knight; 1919–2013),[15] konnte 1938 nach Großbritannien emigrieren, heiratete dort und kehrte erst nach 1945 für einige kurze Besuche wieder in ihre Heimatstadt Wien zurück.[10] Knights Onkel Georg Scheuer (1915–1996), der Bruder seiner Mutter, war Mitbegründer der Revolutionären Kommunisten Österreichs und bekannter Widerstandskämpfer gegen den Austrofaschismus sowie Nationalsozialismus, Journalist und Publizist.[10]

Publikationen

  • „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen“. Wortprotokolle der Österreichischen Bundesregierung von 1945–52 über die Entschädigung der Juden. Athenäum, Frankfurt 1988, ISBN 3-610-08499-5 (2. Auflage bei Böhlau, Wien / Köln / Weimar 2000, ISBN 978-3-205-99147-2.)
  • als Herausgeber: Ethnicity, Nationalism and the European Cold War. Continuum, London / New York 2012, ISBN 978-1-4411-5027-1.
  • Wer waren Heinrich und Alice Scheuer? Erkund(ig)ungen eines Enkelkindes. In: S:I.M.O.N. – Shoah: Intervention. Methods. Documentation, 2017/2, ISSN 2408-9192. S. 69–87. (pdf)
  • Slavs in Post-Nazi Austria: Carinthian Slovenes and the Politics of Assimilation, 1945–1960. Bloomsbury Academic, London 2017, ISBN 978-1-4742-5890-6 (englisch).
    • deutsche, erweiterte Ausgabe: Politik der Assimilation. Österreich und die Kärntner Slowenen nach der NS-Herrschaft. Übersetzt von Peter Pirker. new academic press, Wien 2020, ISBN 978-3-7003-2175-0.

Einzelnachweise

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