Rodobrana

Erster Wehrverband der Ludaken (1923–1929), faschistische Bewegung (1926–1929), Teilorganisation der Hlinka-Garde (1938–1940) From Wikipedia, the free encyclopedia

Die slowakische Rodobrana war von 1923 bis 1929 der erste Wehrverband der katholisch-nationalistischen Hlinka-Partei in der Tschechoslowakischen Republik, gleichzeitig ab 1926 die historisch erste faschistische Massenorganisation der Slowakei. Nach ihrer Auflösung engagierten sich ihre Anhänger, die Rodobrantzen, weiterhin innerhalb des rechtsradikalen Parteiflügels, ehe sie die Rodobrana von 1938 bis 1940 als nationalsozialistische Eliteeinheit innerhalb der Hlinka-Garde, der zweiten Wehrorganisation der Hlinka-Partei, erneuerten.

Abzeichen der Rodobrana: Ein slowakisches Doppelkreuz, eingeflochten in einer Dornenkrone

Gegründet am 31. Januar 1923 als Ordnertruppe, wurde die Rodobrana unter der politischen und ideologischen Führung von Vojtech Tuka und Alexander Mach zur ersten innerparteilichen Lobbygruppe des rechtsradikalen Flügels. Einhergehend mit ihrem Aufstieg zur Massenbewegung, die schließlich bis zu 30.000 Mitglieder zählte, entwarf die Rodobrana ab Anfang 1926 auch ihre eigene faschistische Weltanschauung. Diese war gekennzeichnet durch eine Mischung aus revolutionärem slowakischen Ultranationalismus einerseits sowie einem militanten, esoterisch-katholischen Mystizismus andererseits. Aus Rodobraner Sicht war die slowakische Nation im Niedergang begriffen und von apokalyptischen Verschwörungen bedroht, die tschechoslowakische Demokratie mit ihrem parlamentarischen System in Wirklichkeit nur eine von feindlichen Interessen gesteuerte „Diktatur“. Die einzige Möglichkeit zur „nationalen Erlösung“ sahen sie in einer politisch-spirituellen Erneuerung der Slowaken als utopische „Krieger Christi“, wobei die Rodobrantzen sich selbst als auserwählte Vorreiter und Märtyrer dieser „Wahrheit“ verstanden.

Realisiert werden sollte diese „nationale Revolution“ einerseits durch eine radikaleSäuberung“ der Nation von allen angeblichen „Staats- und Volksfeinden“ sowie „ausbeuterischen Kapitalisten“, womit die Rodobrana insbesondere Juden, Tschechen, Ungarn, Freimaurer, Liberale, Sozialisten, Säkulare und Protestanten meinte. Andererseits sollte auch das politische System umgebaut werden zu einer angeblich „wahren Volksherrschaft“ nach dem Vorbild des faschistischen Italien, womit sich die Bewegung auch vom traditionellen Konservatismus absetzte. Aufgrund ihrer gewaltsamen Ausschreitungen gegen politische Gegner wurde die Rodobrana von den tschechoslowakischen Behörden verboten, löste sich jedoch erst am 3. Januar 1929 auf, nachdem ihre politischen Führer wegen Hochverrats angeklagt und inhaftiert worden waren. Die Veteranen blieben jedoch in inoffiziellen Zirkeln lose organisiert, ihre antisemitischen und totalitären Ideen im rechtsradikalen Flügel der Hlinka-Partei weiterhin von Bedeutung. In der neueren Forschung gilt diese erste Rodobrana (1923–1929) als Begründerin eines eigenständigen slowakischen Faschismus.

Im Jahr 1938 waren die Rodobrana-Veteranen federführend bei der Gründung der paramilitärischen Hlinka-Garde und erneuerten die Rodobrana als deren elitäre Teilorganisation. Im von NS-Deutschland abhängigen Slowakischen Staat nahmen dann die Mitglieder der zweiten Rodobrana (1938–1940) zahlreiche führende politische Positionen ein. Dabei verwarfen sie ihre ursprüngliche faschistische Ideologie und erklärten stattdessen den deutschen Nationalsozialismus und die SS zu ihren Vorbildern. Als „harter Kern“ des nationalsozialistischen Flügels der Hlinka-Partei waren sie maßgeblich verantwortlich für den Holocaust in der Slowakei und beteiligten sich auch an der Niederschlagung des Slowakischen Nationalaufstands. In der heutigen Slowakei stellt die historische Rodobrana eine Inspiration für Aktivisten der rechtsextremen Szene dar. Experten werfen der von 2016 bis 2023 im slowakischen Parlament vertretenen neonazistischen Kotleba-Partei vor, an die paramilitärischen Traditionen der Rodobrana anzuknüpfen.

Bezeichnung

Der slowakische Begriff Rodobrana hat keine eindeutige Entsprechung in der deutschen oder englischen Sprache. Das Wort rod kann abhängig vom Kontext verschieden übersetzt werden, zum Beispiel mit Herkunft/Geburt/Geschlecht/Clan/Stamm u. ä. Das Wort obrana wiederum entspricht einer Wehr/Verteidigung.[1] Laut dem slowakischen Historiker Anton Hruboň (2021, 2023) haben sich die Begründer der Organisation ganz bewusst für diesen Namen entschieden: Im Gegensatz zum Begriff Domobrana („Heimwehr“) betone das Wort rod im Kontext der historischen Rodobrana nicht den Verweis auf ein Heimatland, sondern auf eine Abstammungslinie bzw. Blutlinie.[2] In diesem Zusammenhang könne man rod laut Hruboň daher auch mit „Rasse“ übersetzen.[3] In der Fachliteratur gibt es jedenfalls keine einheitliche Übersetzung für den slowakischen Namen des Wehrverbands, auch nicht von slowakischen Wissenschaftlern, die Studien in deutscher oder englischer Sprache verfasst haben. Am blutbezogenen Verständnis orientieren sich Übersetzungen wie Sippenwehr[4] oder Stammwehr[5] in der deutschsprachigen Forschung und Racial Defence,[6] Strain defence[7] oder The Kin Defenders[8] in der englischsprachigen Forschung.

Darüber hinaus wurden und werden aber auch verschiedene landesbezogene Übersetzungen verwendet, so Vaterlandswehr,[9] Heimwehr,[10] Heimatwehr,[11] Heimatverteidigung[12] oder Landesverteidigung[13] im deutschsprachigen Forschungsdiskurs und Home Defence,[14] Nation’s Defence,[15] Home Guard,[16] home defence guard[17] oder Fatherland Guard[18] im englischsprachigen Forschungsdiskurs. Die Mitglieder der Rodobrana wurden auf Slowakisch als Rodobranci[19] bezeichnet, in der deutschsprachigen Fachliteratur werden auch die eingedeutschten Formen Rodobrantzen,[20] oder seltener Rodobrancen[21] verwendet.

Die erste Rodobrana (1923–1929)

Gründung als Ordnertruppe der Hlinka-Partei

Für die Aufstellung der Rodobrana als paramilitärische Organisation von Andrej Hlinkas Slowakischer Volkspartei (deren Mitglieder Ludaken genannt wurden) sehen Historiker mehrere Gründe: Zum einen kam es in den Jahren 1920 bis 1922 immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen bei Parteiversammlungen der Ludaken, insbesondere mit Angehörigen der tschechoslowakischen Agrarier und der Sozialdemokraten. 1921 wurde dabei ein Sympathisant der Hlinka-Partei getötet, und auch Parteichef Hlinka wurde zum Ziel von Attentatsversuchen linker Aktivisten. Im Zusammenhang mit den näherrückenden Regionalwahlen 1923 befürchtete die Partei vorzeitige Auflösungen ihrer Parteiveranstaltungen, wie sie in der Vergangenheit wiederholt aufgrund gewalttätiger Eskalationen erfolgten. Gleichzeitig war die Sicherheitslage in der Slowakei zur Jahreswende 1922/1923 nicht besonders kritisch: Gelegentliche Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten politischen Parteien stellten keine Seltenheit dar, waren jedoch weit entfernt von den blutigen Zusammenstößen in Italien und Deutschland.[22] Zweitens geriet die Führung der Hlinka-Partei zu der Überzeugung, dass eine eigene Wehrorganisation ein effizientes Machtmittel darstellen würde, um politischen Einfluss zu demonstrieren und den öffentlichen Raum zu beherrschen. Eine weitere Motivation für die Aufstellung der Rodobrana ergab sich aus Gründen der politischen Konkurrenz. So hatte die Slowakische Nationalpartei (SNS) im Dezember 1922 bereits ihre eigene paramilitärische Truppe, die Junobrana, gegründet. Sie stand allen ethnischen Slowaken mit Ausnahme der Kommunisten offen, weshalb auch junge Ludaken in sie einzutreten begannen. Somit stieg für die Hlinka-Partei die Notwendigkeit, der Junobrana einen eigenen Verband gegenüber zustellen.[23]

Vojtech Tuka, oberster Führer und Ideologe der Rodobrana, hier im Schwarzhemd seiner Organisation (1929)

Einen vierten Faktor stellte schließlich der Marsch auf Rom und der Regierungseintritt der italienischen Faschisten unter Benito Mussolini im Oktober 1922 dar. Während die konservative Führung der Slowakischen Volkspartei aus taktischen Gründen auf Abstand zum Faschismus bedacht war, betrachtete ihn Vojtech Tuka (1880–1946) als eine „progressive nationalistische Kraft“, die für eine Ausweitung des Parteieinflusses genutzt werden konnte. Tuka spielte eine Schlüsselrolle bei der Organisierung der Rodobrana, mit der er das rechtsradikale politische Spektrum der Slowakei in der Hlinka-Partei verankern wollte.[24] Am 13. Januar 1923 nahm der Rechtsausschuss der Slowakischen Volkspartei den Antrag zur Gründung der Rodobrana an, der den Namen „Regelung für Veranstalter bei Versammlungen, Sitzungen und Feierlichkeiten“ trug. Am 31. Januar 1923 wurde die Regelung von Parteichef Andrej Hlinka unterzeichnet, wodurch die Rodobrana den Status einer der Partei untergeordneten Organisation erhielt.[25] Zu ihrem ersten offiziellen Leiter wurde im März 1923 auf Vorschlag Tukas der junge Bratislavaer Jusstudent Vojtech Hudec ernannt, im Hintergrund war jedoch Tuka der eigentliche Führer der Rodobrana. Alle Untergruppen der Slowakischen Volkspartei sollten ihre jeweils eigenen Rodobrana-Einheiten einrichten. Zur Osterzeit 1923 entstand die erste örtliche Einheit in Žarnovica. Dank einer intensiven Kampagne in den Presseorganen der Ludaken wuchs die Rodobrana im Laufe der folgenden Monate auf 3.000 bis 5.000 Mitglieder an.[26]

Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte die Rodobrana mit 50 Mann am 1. Mai 1923 bei einer Parteiveranstaltung der Ludaken in Bratislava.[27] Von da an traten die Rodobrantzen bei öffentlichen Versammlungen und kirchlichen Prozessionen auf, sie fungierten als Ehrenwache, schützten die Rednerbühnen der Ludaken und isolierten Personen bei Versammlungen, die einer beabsichtigten Störung bezichtigt wurden.[28] Gleichzeitig gingen schon im Sommer 1923 die Aktivitäten der Rodobrana über ihren ursprünglichen Handlungsrahmen als Schutztruppe der Ludaken hinaus. Dazu zählten Überwachungsversuche von Vertretern und Organisationen der politischen Konkurrenz, sowie zielgerichtete Störungen von deren Tätigkeiten, wobei es auch zu blutigen Auseinandersetzungen kam. Als Waffen wurden unter anderem Schlagstöcke, Schäferäxte und Gegenstände aus Eisen eingesetzt. Darüber hinaus nahm die Rhetorik der Rodobrana auch zunehmend antitschechische Töne an, welche die Aufmerksamkeit des tschechoslowakischen Innenministeriums weckte.[29]

Erstes Verbot, Illegalität und Stagnation

Insbesondere wegen ihrer gegen Tschechen gerichteten Agitation löste das tschechoslowakischen Ministerium für die Slowakei am 30. August 1923 die Rodobrana auf. Das Verbot wurde von den tschechoslowakischen Zentralorganen dabei auch als Schlag gegen die slowakische Autonomiebewegung ausgenutzt.[30] Auf das angeordnete Verbot folgte eine intensive Kampagne in der Parteizeitung Slovák, in welcher die Rodobrana in Schutz genommen wurde. Besonders aktiv dabei war ihr Redakteur Karol Sidor, aber auch die Parteiführung der Ludaken protestierte gegen die Entscheidung. Sie verstand das Verbot als einen Affront gegen die Bürgerfreiheit, kritisierte die Nichtanhörung von rechtlichen Vertretern der Hlinka-Partei sowie die im September 1923 durchgeführten Hausdurchsuchungen bei und Anklagen von Rodobrantzen.[31] Die Rodobrana blieb unter den Ludaken weiterhin lebendig, ihre Mitglieder arbeiteten vor allem innerhalb der katholischen Sportvereine und religiösen Vereinigungen der Hlinka-Partei. Auch die Parteiführung dachte nicht daran, von ihren „Ordnungswachen“ abzulassen, und gab zu diesem Zweck im Januar 1924 die Regelung für Veranstalter bei Versammlungen, Sitzungen und Feierlichkeiten (Úprava pre poriadateľov na zhromaždeniach, poradách a slávnostiach) heraus. Das Dokument ordnete erneut allen örtlichen Parteisektionen die Schaffung eigener Ordnertrupps an, wobei betont wurde, dass diese nichts mit der verbotenen Rodobrana zu tun hätten. Diese Ansicht wurde von tschechoslowakischen Polizeiorganen jedoch nicht geteilt, die eine verstärkte Tätigkeit der Rodobrantzen verzeichneten. Zu ihren aktivsten Organisatoren zählten neben Vojtech Hudec die beiden Slovák-Redakteure Karol Sidor und Augustín Način sowie ab 1925 der neu hinzugestoßene Alexander Mach.[32]

Alexander Mach (1940), der Kommunikator von Tukas Ideen innerhalb der Rodobrana ab 1925/26, hier als späterer Oberkommandant der Hlinka-Garde

Dennoch hatte das Verbot einen spürbar negativen Einfluss auf die Organisation: Vojtech Hudec steckte in einem sich von 1923 bis 1926 schleppenden Gerichtsverfahren, welches ihm seine koordinatorischen Aktivitäten massiv erschwerte. Darüber hinaus verunmöglichte die umfassende Überwachung von lokalen Rodobrana-Führern durch die tschechoslowakische Polizei 1924 und 1925 wirkliche Mobilisierungserfolge im Rahmen ihrer geheimen, halblegalen Tätigkeiten. Eine größere Reaktivierung erlebte die Rodobrana erst im Zuge der Wahl zum tschechoslowakischen Abgeordnetenhaus im November 1925, wobei der junge Journalist und Ludaken-Redner Alexander Mach zu ihrem neuen Hauptorganisator aufstieg. Bis Ende 1925 blieb die Rodobrana im Wesentlichen eine Schlägertruppe, die Auseinandersetzungen provozierte: in der Nacht vom 16. zum 17. November kam es im Bratislavaer Ballsaal zu stundenlangen Wortgefechten, als eine bis zu 140 Mann zählende Abordnung der Rodobrantzen unter Mach und Ján Farkaš gegen einen politischen Opponenten vorging. In der Nacht vom 13. zum 14. Dezember wiederum riss ein Trupp von etwa 100 Rodobrantzen in Bratislava Tafeln mit nichtslowakischen Aufschriften ab, wobei das Ausmaß des Vandalismus die Bevölkerung schockierte.[33]

Nach den für die Ludaken erfolgreichen Parlamentswahlen, bei denen sie klar als stärkste Partei der Slowakei hervorgingen, schlitterte die Rodobrana zum Jahreswechsel 1925/1926 in eine Sinnkrise. Die verringerten Aktivitäten der politischen Konkurrenz und die damit rückfällige Anzahl von Ausschreitungen bei Parteiveranstaltungen machten ihre Schutzdienste zunehmend überflüssig. Um dem Wehrverband eine neue Zielsetzung und damit auch Existenzberechtigung zu verschaffen, entschied sich Vojtech Tuka für eine strategische Neuausrichtung der Rodobrana, die fortan einem konsequenten ideologischen Faschisierungsprozess unterzogen werden sollte. In der realpolitischen Führung etablierte sich dabei eine Arbeitsteilung zwischen Tuka und Alexander Mach. Während Tuka als Spiritus rector die Befehle erteilte, agierte Mach im Sinne eines spiritus movens als sein „Manager“, der für die Weitergabe der Anweisungen Tukas an die lokalen Führer der Rodobrana und die Funktionäre der Hlinka-Partei verantwortlich war. Außerdem kam Mach die Aufgabe zu, Tukas komplexe philosophische Ideen in einer für die breite Masse der Rodobrantzen verständlichen Sprache zu kommunizieren.[34]

Legalisierung und Aufstieg zur Massenbewegung

Zur Jahreswende 1925/26, kurz vor ihrer erneuten Legalisierung, verfügte die Rodobrana über etwa 20.000 aktive männliche Mitglieder im Untergrund.[35] Zwischen 1926 und 1929 folgte dann der Aufstieg der Rodobrana zur Massenorganisation. Ihren Anteil an dieser Entwicklung hatten auch slowakische Studenten, die die Rodobraner Propaganda mit Erfolg an ihre jüngeren Kollegen weitertrugen. Zeitgleich mit dem Anstieg ihrer Mitglieder trat auch eine Radikalisierung des Wehrverbandes ein. Die Veranstaltungen der Rodobrana nahmen einen immer stärkeren paramilitärischen Charakter an.[36] Schätzungen zufolge erreichten die Rodobrantzen in dieser Zeit schließlich eine maximale Mitgliederzahl von 25.000[37] bis 60.000.[38] Umso größer gestaltete sich die Enttäuschung der Rodobrantzen über den Eintritt der Hlinka-Partei in die tschechoslowakische Regierung unter Ministerpräsident Antonín Švehla. Der Wehrverband konnte nun nicht mehr Propaganda gegen die Zentralregierung verbreiten, ohne der eigenen Partei zu schaden. Andrej Hlinka ermunterte zwar Tuka dazu, die Rodobrana solle an ihrer Radikalität festhalten. Gleichzeitig bereitete die Parteiführung die Reorganisation der Organisation vor, durch welche sie unter die Kontrolle der Konservativen gebracht werden sollte. Am 27. Januar 1927, dem Tag des Regierungsbeitritts der Ludaken, fand der erste landesweite Kongress der Rodobrana statt. Bei diesem wurde die Gründung von zwei Aufsichtsorganen beschlossen, wobei in beiden der konservative Parteiflügel dominierte.[39]

Soziale Struktur

Die Anhängerschaft der Rodobrana gehörte vor allem dem Kleinbürgertum an.[40] Für die Tatsache, dass sich die Rodobrantzen insbesondere aus jungen slowakischen Katholiken zusammensetzten, war der 1919 gegründete Pfadfinderverband Orol („Der Adler“) von Bedeutung, der Hlinkas Slowakischer Volkspartei nahestand. Ursprünglich aus Mähren stammend, entstand der Verband als Reaktion auf seinen säkularen Gegenpol, dem Pfadfinderverband Sokol („Der Falke“), der als Repräsentant der „fortschrittlichen Tschechen“ galt. Der säkulare Sokol versuchte organisatorisch und ideell den katholischen Orol zu übernehmen, was zur Radikalisierung von dessen katholisch-slowakischer Anhängerschaft beitrug. Aus dem Umfeld des Orol entstammten die Führungsriegen aller rechtsradikalen Gruppen, die sich im Laufe der Zeit innerhalb der Slowakischen Volkspartei bildeten.[41]

Daneben bestanden die Rekruten der Rodobrana – wie auch bei anderen faschistischen Bewegungen in Europa während der Zwischenkriegszeit – in großem Maße aus jungen, desorientierten Veteranen des Ersten Weltkriegs.[42] Nicht zuletzt lag ihre Anziehungskraft auf junge Menschen auch in ihrer Selbstpräsentation als mythischer Geheimgesellschaft,[43] die einen sektiererischen Charakter hatte.[44] Typisch für die Rodobrana war auch ihr konfessioneller und ethnischer Charakter. Während beispielsweise der Wehrverband der Slowakischen Nationalpartei mit Ausnahme von Juden und Kommunisten allen tschechoslowakischen Staatsbürgern eine Mitgliedschaft ermöglichte, stand die Rodobrana ausschließlich katholischen Slowaken offen.[45] In der slowakischen Gesellschaft verhalf der Rodobrana insbesondere ihr sakralisierter Bezug auf das Christentum zur Beliebtheit, mit dem sie auch Priester, Lehrer und autonomistische Aktivisten anzuwerben versuchte.[46]

Organisatorischer Aufbau

Die Mitgliedschaft der Rodobrantzen wurde nicht durch spezielle Ausweise festgehalten, sondern funktionierte auf freiwilliger Basis und gefühlter Zugehörigkeit.[47] Bei ihrer Organisationsstruktur kultivierte die Rodobrana von Beginn an den Militarismus und das Führerprinzip.[48] Als ein wichtiges Vorbild diente ihr der Squadrismus (die paramilitärischen Einheiten der italienischen Faschisten). Nach ihrer Gründung im Januar 1923 wurde die Rodobrana zunächst einheitlich von einem Hauptquartier in Bratislava geführt, mit Vojtech Tuka als oberster Führungsfigur. Zusätzlich unterstanden Tuka die Juristen Vojtech Hudec (1902–1959) und Ferdinand Čimo (1902–?) sowie der Mediziner Jozef Španka (1895–1977) als die drei wichtigsten Organisatoren der Rodobrana. Ab Sommer 1923 folgte eine Organisationsreform, in deren Rahmen das Hauptquartier nach Ružomberok verlegt und die Rodobrantzen auf slowakischer Landesebene in drei Gruppen unterteilt wurden:[49]

  1. die westslowakische Gruppe (západoslovenská skupina) mit Sitz in Bratislava unter Führung von Vojtech Hudec,
  2. die mittelslowakische Gruppe (stredoslovenská skupina) mit Sitz in Ružomberok unter Führung von Michal Samuhel,
  3. die ostslowakische Gruppe (východoslovenská skupina) mit Sitz in Košice unter Führung von Jozef Joštiak.

Eine Landesgruppe bestand aus mehreren „Rodobrana-Trupps“ (rodobranecká tlupa) eines Bezirks, an deren Spitze ein „Oberhaupt“ (náčelník) stand. Ein Trupp setzte sich wiederum aus mehreren, auf örtlicher Ebene organisierten „Rodobrana-Flügeln“ (rodobranecké krídlo) zusammen. Diese zählten 20 bis 25 (möglichst unverheiratete) Männer.[49]

Im August 1926 kam es im Zuge des großen Zuwachses an Mitgliedern zu einer Reform der Organisation. Fortan bestanden nur noch zwei Gruppen: die westliche Gruppe unter Führung von Anton Snaczký mit Sitz in Bratislava, und die östliche Gruppe unter Führung von Karol Belanský mit Sitz in Košice. Die kleinste Einheit bildete nun ein Schwarm (roj), bestehend aus sechs Rodobrantzen und einem Anführer (veliteľ). Drei Schwärme bildeten einen Zug (čata), der von einem Zugleiter (veliaci čatár) befehligt wurde. Vier Züge eines Bezirks bildeten eine Kompanie (rota), an deren Spitze ein Kapitän (kapitán) stand.[50][51] An der Spitze der Hierarchie stand Vojtech Tuka als „Landesbefehlshaber“ (krajinský veliteľ).[52] Auch die Namensgebung der einzelnen Rodobrana-Einheiten erhielt eine einheitliche Regelung: Die Rodobrana-Schwärme erhielten arabische Bezeichnungen, die Rodobrana-Züge erhielten römische Bezeichnungen und die Kompanien wurden nach den Bezirken benannt, in denen sie organisiert waren. Während ihrer Dienstzeit wurde zwischen Rodobrantzen geduzt und gegenseitig die Anrede „Bruder“ (brat) verwendet.[53]

Verhältnis zur Gesamtpartei

Von bedeutenden Rodobrantzen wie Karol Sidor wurde zwar beteuert, dass der Wehrverband „das schwarze Heer Andrej Hlinkas“ sei. Dennoch gestaltete sich das Verhältnis zwischen den politischen Führungen von Hlinka-Partei und Rodobrana immer wieder auch als problematisch. Selbst Parteichef Hlinka, der ihre Sicherheitsaufgaben befürwortete, verhielt sich ihr gegenüber oftmals misstrauisch. Zwar unterstand die Rodobrana formal der Kontrolle der Partei, welche seit 1923 Regeln und Vorgaben für den Wehrverband festlegte. Dennoch blieben einige ihrer Aktivitäten nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch der Partei verborgen.[54] Die Tätigkeiten des Rodobraner Flügels um Tuka führten insbesondere 1926/1927 zu innerparteilichen Auseinandersetzungen. Während die Mehrheit der Ludaken sich für Verhandlungen in Richtung eines Eintritts in die tschechoslowakische Regierung entschied, propagierten die Rodobrantzen das Motto „Erst die Autonomie, dann der Regierungseintritt“. In den Augen der anderen tschechoslowakischen Parteien konterkarierte die Propaganda des Tuka-Flügels den von der Hlinka-Partei angestrebten Ruf einer seriösen, staatstragenden Partei. Der Vize-Vorsitzende der Ludaken, Jozef Buday, kritisierte die Rodobrana in dieser Hinsicht als „ein nichtslowakisches Element“, welches die Existenz der gesamten Partei gefährde. Innerhalb des klerikalen Parteiflügels galten Ferdinand Juriga und Florián Tománek als die härtesten Kritiker der Rodobrantzen. Beide bestanden auf ihrer Loyalität zur Tschechoslowakischen Republik und wollten die slowakische Autonomie mit demokratischen Mitteln erreichen.[55]

Die Rodobrantzen um Alexander Mach, Karol Murgaš und den Chefredakteur der radikalen Zeitschrift Autonómia, Anton Sznacký, planten wiederum für den 9. April 1928 in Žilina die Gründung einer eigenen, radikal-autonomistischen Partei. Für die Finanzierung ihres politischen Projektes suchten sie dabei beim ungarischen Konsulat um Unterstützung an. Die konstituierende Sitzung der neuen „Partei der slowakischen Autonomisten“ (Strana slovenských autonomistov) wurde jedoch von etwa dreißig Ludaken gestürmt, wobei es zu einer Saalschlacht kam, die erst von der tschechoslowakischen Polizei aufgelöst wurde. Die Führungsspitze der neuen Partei mit Anton Sznacký der Spitze wurde verhaftet.[56] Nichtsdestotrotz blieb die Rodobrana als Organisation ein fester Bestandteil der Hlinka-Partei. Die Parteiführung hatte ein Interesse daran, das in der Slowakei vorhandene Potenzial an faschistischen Wählern und Aktivisten innerhalb der Rodobrana zu halten, um es nicht an die tschechischen Faschisten des NOF zu verlieren. Auch wenn einige führende Konservative in der Partei gegenüber der Rodobrana Vorbehalte hegten, war der Faschismus parteiintern damit zumindest „salonfähig“,[57] auch wenn die Hlinka-Partei der Zwischenkriegszeit von Historikern nicht als faschistisch eingestuft wird.[58]

Verhältnis zum tschechischen Faschismus

Parteiemblem der NOF

Nach ihrer erneuten Zulassung 1926 knüpfte die Rodobrana auch Kontakte zu den tschechischen Faschisten, die im gleichen Jahr die Národní obec fašistická („Faschistische Volks-Gemeinschaft“, kurz NOF) gegründet hatten. Zwar hatte das Parteipräsidium der Ludaken noch vor der Auslandsreise Andrej Hlinkas in die USA 1926 beschlossen, dass die einzige Plattform für den Faschismus in der Slowakei die Rodobrana sein dürfe (den Rodobrantzen wurde auch ein Eintritt in die NOF untersagt). Jedoch nutzte der radikale Parteiflügel Hlinkas Abwesenheit, um mit den tschechischen Faschisten Gespräche aufzunehmen. Für die Rodobrantzen stellte die NOF einen möglichen Partner auf gesamtstaatlicher Ebene dar, mit dessen Hilfe sie sich die Durchsetzung ihrer politischen Forderungen erhofften.[59] Die Verhandlungen führten dabei neben Vojtech Tuka auch Alexander Mach, der die NOF als „ordentliche Tschechen“ lobte,[60] sowie später Jan Farkaš. Zwischen 1926 und 1928 verhandelten sie mit NOF-Funktionären u. a. über die Möglichkeit eines gemeinsamen faschistischen Putsches gegen die Republik.[61] Die Zusammenarbeit zwischen beiden Gruppierungen stand jedoch vor machtpolitischen, ideologischen und persönlichen Hindernissen.[62]

Zum einen war die NOF keine reine Wehrorganisation wie die Rodobrana, sondern trat von Anfang an als politische Partei auf, die sich in der gesamten Tschechoslowakischen Republik etablieren wollte. Daher konkurrierte der slowakische Ableger der NOF mit Hlinkas Slowakischer Volkspartei um das rechtsradikale Wählerpotenzial in der Slowakei, welches die Ludaken bereits weitgehend mit der Rodobrana abdeckten.[63] Als „tschechischer Import“ rekrutierte die NOF ihre slowakische Wählerschaft daraufhin vor allem aus den tschechischen Angestellten in Bratislava, konnte aber auch Wähler aus der ungarischen Minderheit der Slowakei mobilisieren.[64] Ein weiteres Problem für die beiderseitige Kooperation stellte das schlechte persönliche Verhältnis Andrej Hlinkas zum Führer der tschechischen Faschisten Radola Gajda dar, den Hlinka für völlig unfähig hielt.[65]

Den entscheidenden Punkt zum Scheitern der Verhandlungen lieferte schließlich die Uneinigkeit bei der „slowakischen Frage“. Die tschechischen Faschisten hielten zunächst am zentralistischen Staatsmodell fest und wurden von der staatsfeindlichen Rhetorik der Rodobrana abgestoßen. Später erkannte die NOF die slowakischen Autonomiebestrebungen zwar grundsätzlich an und war auch bereit, die Slowaken als separate Nation im gemeinsamen tschechoslowakischen Staat zu akzeptieren. Die politischen Forderungen der Rodobrana gingen ihr jedoch zu weit. In den Verhandlungen mit der Rodobrana versuchten die tschechischen Faschisten 1928 schließlich diese aus der Hlinka-Partei herauszulösen und stattdessen in die NOF einzugliedern.[66] Die Bemühen der NOF, einen auf „slawischer Wechselseitigkeit“ basierenden, gemeinsamen „tschechoslowakischen Faschismus“ durchzusetzen, liefen jedoch ins Leere.[67] Bei den tschechoslowakischen Parlamentswahlen 1935 erreichte die NOF in der Slowakei gerade einmal 2 Prozent der Wählerstimmen.[68]

Tukas Außenkontakte

Während die innerorganisatorischen Aspekte das Kernelement von Machs Aufgabenbereich darstellte, lag das Knüpfen von außenpolitischen Kontakten ausschließlich bei Tuka. Seit 1923 pflegte Tuka einen engen Kontakt mit dem italienischen Faschisten Attilo Tamaro, der als Vorsitzender der Fasci italiani all’estero eine führende Rolle bei der Propaganda des faschistischen Regimes im Ausland einnahm. Tuka und Tamaro trafen sich bis 1927 in Wiener oder Bratislavaer Cafés, wobei Tuka über ihn auch die Aufmerksamkeit Mussolinis auf sich zog. Tukas Ansuchen von 1927, in dem er um konkrete Unterstützung für einen politischen Umsturz in der Slowakei bat, blieb jedoch unbeantwortet. Das faschistische Italien strebte zwar nach einem Ausbau seines machtpolitischen Einflusses in Mitteleuropa, sah jedoch von einem offenen Eingriff in die tschechoslowakische Innenpolitik ab.[69] Im Rahmen seiner Arbeitsbesuche in Italien 1926 und 1927, die mit dem angespannten diplomatischen Verhältnis zwischen der Tschechoslowakei und dem Vatikan zusammenhingen, traf Tuka ebenfalls mit Vertretern der faschistischen Auslandsorganisation zusammen, jedoch blieben ihm die von ihm gewünschten „vertraulicheren Gespräche“ mit höheren faschistischen Parteifunktionären verwehrt. Er erhielt ausschließlich allgemeine Ratschläge, wie eine Indoktrination der Rodobrana mit faschistischer Ideologie bewerkstelligt werden könne, darüber hinaus jedoch keinerlei Zusagen.[70] Ratschläge erhielt Tuka auch von den deutschen Nationalsozialisten, mit denen er im Herbst 1923 in München Gespräche führte. Ein Zusammentreffen mit Adolf Hitler gelang ihm während seines einwöchigen Aufenthalts zwar nicht. Jedoch stellten deutsche Parteifunktionäre ihm einen Militärexperten in Aussicht, für den Fall, dass ihr für November 1923 geplanter Putsch gegen die deutsche Regierung erfolgreich verlaufen würde.[71]

Die wichtigste Motivation hinter Tukas außenpolitischen Aktivitäten war die Suche nach Unterstützern, welche die Rodobrana mit finanziellen Mitteln, militärischen Ausbildern und Waffen versorgen konnten. Zu seinen wichtigsten Kontakten zählten Angehörige des ungarischen Irredentismus. Tuka, der sich vor 1918 in nationalkonservativen Kreisen Ungarns bewegt hatte, wurde frühzeitig zu einem Agenten des ungarischen Horthy-Regimes, das ihm weiterhin seine ungarische Staatsbürgerschaft garantierte. Spätestens seit 1920 verfasste er regelmäßig Berichte über die politische Lage in der Slowakei für die Regierung in Budapest. In der Tschechoslowakei hatte Tuka zunächst eine Zusammenarbeit zwischen den Ludaken und der christdemokratischen Partei der ungarischen Minderheit in einem gemeinsamen „autonomistischen Block“ angestrebt, ließ diese Idee aber frühzeitig fallen. Dennoch ließ sich Tuka weiterhin als Spion von der ungarischen Regierung bezahlen und traf allein im Jahr 1926 mindestens zehnmal mit Ungarns Geheimdienstchef zusammen. Gleichzeitig versicherte Tuka gegenüber der Parteiführung der Ludaken, er habe alle Verbindungen zu Ungarns Regierung gekappt. Ebenfalls knüpfte er zusammen mit seinem engen Mitarbeiter Ján Farkaš Kontakte zu kroatischen Exil-Generälen, die sich später der Terrororganisation Ustascha anschlossen. Tuka und Farkaš verhandelten dabei mit ihren kroatischen Kontaktpersonen über die Zusendung von Bombenexperten sowie einer größeren Menge von Sprengstoff und Gewehren. Weitere Verbindungen umfassten auch polnische Autoritäten, Mitglieder der russischen Weißen Armee oder bulgarische Terroristen. Schließlich bemühte sich Tuka in Wien auch um Kontakte zur Botschaft der Sowjetunion, und führte Sondierungsgespräche nicht nur mit den tschechischen Faschisten, sondern traf sich auch mit dem Kommunisten Klement Gottwald.[72]

Zweites Verbot, Tuka-Prozess und Auflösung

Im Jahr 1927 wurde das Verbot der Rodobrana von 1923 wegen ihrer „Staatsgefährdung“ von der tschechoslowakischen Regierung Švehla erneuert, und die Organisation offiziell aufgelöst. Die Rodobrantzen blieben jedoch weiterhin aktiv.[73] Zu Neujahr 1928 sorgte Vojtech Tuka für einen politischen Skandal, als er in einem Aufsatz in der Parteizeitung Slovák die These aufstellte, dass das slowakische Bekenntnis zum gemeinsamen tschechoslowakischen Staat, wie es 1918 in der Martiner Deklaration verkündet wurde, am 31. Oktober 1928 auslaufen würde. Tukas Annahme basierte auf einer Verschwörungstheorie, der zufolge es bei der Deklaration einen geheimen Zusatz gegeben hätte, der ihre Gültigkeit auf zehn Jahre beschränkt. Dabei unterschlug er, dass selbst Parteichef Hlinka als einer der Mitunterzeichner der Deklaration nichts von einem derartigen Zusatz wusste. Die zentralistischen Parteien griffen Tuka daraufhin scharf an und warfen ihm öffentlich Staatsverrat vor. Im Mai 1928 wurde eine Strafanzeige gegen Tuka eingereicht, und am 3. Januar 1929 wurde er von der tschechoslowakischen Polizei verhaftet. Es folgte die Festnahme des hochrangigen Rodobrana-Funktionärs Anton Snaczký, und am 2. März wurde auch Alexander Mach festgesetzt. Ende 1929 ging der Prozess zu Ende: Tuka wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt, Snaczký zu 5 Jahren und Mach wurde freigesprochen. Als Reaktion auf das Urteil verließ die Hlinka-Partei die tschechoslowakische Regierung und ging wieder in die Opposition.[74] Die Rodobrana hingegen, die neben drei ihrer höchsten Funktionäre mit Tuka auch ihre ideologische Führungsfigur verloren hatte, löste sich nach dem 3. Januar 1929 auf – knapp sechs Jahre nach ihrer Gründung.[75]

Ideologie

Programmatische Schriften

Titelseite der Parteizeitung Slovák („Der Slowake“). Unter Tukas Redaktion glorifizierte die Zeitung ab 1922/23 den italienischen Faschismus und diente seit 1926 auch als Sprachrohr des eigenen slowakischen Faschismus der Rodobrana

Zwischen 1923 und 1925 verfügten die Rodobrantzen noch über keine klar definierte Ideologie.[76] Ihr erstes offizielles Programm – die am 31. Januar 1923 bei ihrer Gründung in Kraft getretene „Regelung für Veranstalter bei Versammlungen, Sitzungen und Feierlichkeiten“ (Úprava pre poriadateľov na zhromaždeniach, poradách a slávnostiach)[77] – legte die Aufgaben des Wehrverbandes nur in Form von kurzen „Zehn Geboten“ (Desatoro prikázaní) fest,[78] zu deren Einhaltung jedes Mitglied verpflichtet wurde:

  1. Sei treu deiner slowakischen Nation
  2. Halte dich an deine slowakischen Prinzipien
  3. Bekenne dich öffentlich zu deiner slowakischen und christlichen Überzeugung
  4. Ehre die Gesetze und die öffentliche Ordnung und halte sie ein
  5. Schütze jeden vor Gewalt
  6. Sei deinen Mitbrüdern ergeben
  7. Halte die Disziplin ein
  8. Verhalte dich schweigsam
  9. Gewinne neue Rodobrantzen
  10. Ehre die Freiheit anderer Überzeugungen[79]

Damit standen zunächst christliche und nationale Aspekte im Zentrum des Programms, mit denen man sich vor allem gegenüber den Tschechen abgrenzen wollte.[80] Auch wenn die Gebote Nr. 7, 8 und 9 andeuteten, dass die Aktivitäten der Rodobrana über eine bloße Ordnertätigkeit hinausgehen sollten,[81] zog das Programm keinerlei Verbindung zwischen dem politischen Katholizismus der Hlinka-Partei und der Rodobrana auf der einen und dem Faschismus auf der anderen Seite. Ebenso enthielten die „Zehn Gebote“ auch keine für faschistische Bewegungen typische Forderungen (aus Sicht der Comparative Fascist Studies) nach einer Erlösung und Wiedergeburt der eigenen Nation. Nur bei ihren alltäglichen Aktionen orientierten sich die Rodobrantzen an der faschistischen Praxis der italienischen Schwarzhemden. Deren Nachahmung erfolgte zunächst nur oberflächlich und beschränkte sich auf das Tragen von schwarzen Hemden, das Salutieren mit erhobenem rechten Arm, Straßenschlägereien und Vandalismus. Eine tiefergehende ideologische Indoktrinierung der Rodobrana mit faschistischem Gedankengut blieb zunächst aus. Dies änderte sich erst Anfang 1926, als Tuka damit begann, die Rodobrantzen systematisch von einer einfachen Schlägertruppe zu einer Bewegung der „politisch bewussten revolutionären Faschisten“ zu transformieren.[82] Als erste mediale Plattform diente ihm dabei die Parteizeitung Slovák, deren Chefredakteur er seit 1921 war. Erste den italienischen Faschismus verherrlichende Artikel hatte die Zeitung unter Tukas Leitung bereits um die Jahreswende 1922/23 abgedruckt. Ab Neujahr 1926 starteten Tuka und seine Gefolgsleute im Slovák jedoch eine Pressekampagne, in deren Rahmen sie ihre Leserschaft schrittweise an faschistische Ideen heranführen wollten.[83]

Logo der Zeitschrift Rodobrana (1926–1929), dem ersten faschistischen Printmedium der Slowakei

Eine entscheidende Rolle bei der programmatischen Neuausrichtung kam der seit 25. Juli 1926 erscheinenden Zeitschrift Rodobrana[84] zu. Dieses Printmedium war die historisch erste faschistische Zeitschrift, die in der Slowakei herausgegeben wurde, und galt bis 1927 als „politische Bibel“ der Bewegung.[85] Schon in ihrer ersten Nummer veröffentlichte die Zeitschrift für die Rodobrantzen ein „Programm der slowakischen Rodobrana“ (Program slovenskej Rodobrany). In den Punkten 4 und 5 des Programmes bekannten sich ihre Mitglieder nun offen dazu, den „faschistischen Gedanken“ in der Slowakei verwirklichen zu wollen.[86] Der führende Kopf hinter der Rodobrana war Alexander Mach, ein ehemaliger Student am katholischen Priesterseminar und junger Aktivist der Hlinka-Partei. Gerade er wurde von Tuka als Schlüsselfigur für die faschistische Reorganisation seiner Bewegung ausgewählt. Mach fungierte als Herausgeber und Chefredakteur, hatte in Absprache mit Tuka die Richtlinien der Zeitschrift festgelegt, und lieferte selbst den größten Teil der veröffentlichten Beiträge. Damit beteiligte sich Mach in den betreffenden Jahren maßgeblich an der Entwicklung der Rodobraner Ideologie.[87] Weitere wichtige Mitarbeiter der Zeitschrift waren der Redakteur Peter Pridávok (1902–1966), der als Autor von slowakischen Märchen und Lesebüchern hervorgetreten war, der slowakische Mediziner und Dichter Andrej Žarnov (1903–1982)[88] und der katholische Priester Karol Körper (1894–1969), ein führender Organisator der slowakischen Katholischen Aktion und Redakteur der vom „Verein des Heiligen Adalbert“ (Spolok svätého Vojtecha) herausgegebenen Zeitschrift Kultúra.[89]

Das Projekt feierte zunächst Erfolge: die Auflage stieg von 6.000 auf 30.000 Stück an. Nachdem ihre ersten beiden Ausgaben vollständig erscheinen konnten, wurde die Rodobrana jedoch aufgrund ihrer radikalen Autonomieforderungen sowie ihrer Kritik am tschechoslowakischen Staat bald zu einer der am meisten zensierten Publikationen in der Slowakei. Beschlagnahmungen von tschechoslowakischen Behörden setzten der Zeitschrift zusätzlich zu. Die ursprünglich als Wochenblatt konzipierte Rodobrana konnte daher nur noch unregelmäßig erscheinen, und Ende 1928 waren ihre finanziellen Mittel erschöpft. Ihre letzte Nummer wurde am 1. Januar 1929 veröffentlicht, danach verhinderten die Festnahmen Tukas und Machs ein weiteres Erscheinen der Zeitschrift.[90] Allerdings hatte schon im Frühjahr 1928 eine von Vojtech Tuka veröffentlichte Taschenbroschüre mit dem Titel „Rodobraner Katechismus[91] (Rodobranecký katechizmus)[92] die Zeitschrift Rodobrana als wichtigsten ideologischen Leitfaden der Bewegung abgelöst. Durch Tukas Katechismus erfuhr die Rodobraner Ideologie eine detailliertere Ausarbeitung,[93] die er in Form von 58 beantworteten Fragen erläuterte, die sich mit den Rechten und Pflichten der Rodobrantzen beschäftigten. Die erste Auflage der Schrift wurde jedoch von den tschechoslowakischen Behörden konfisziert, woraufhin eine zweite Auflage noch im selben Jahr erschien.[94]

Sowohl Vojtech Tuka als auch Alexander Mach betonten auch nach 1926 weiterhin den Vorbildcharakter des italienischen Faschismus.[95] Die Zeitschrift Rodobrana glorifizierte das Mussolini-Regime, ließ Auszüge aus Mussolinis Tagebüchern abdrucken[96] und Alexander Mach betonte persönlich die Verbundenheit beider Bewegungen, indem er einerseits die Rodobrana als Repräsentantin eines slowakischen Faschismus bezeichnete, andererseits in Benito Mussolini den Führer der „italienischen Rodobrantzen“ sah.[97] Dennoch konnte die Rodobrana die italienische Ideologie nicht einfach nur kopieren. Eine derartige Übernahme wäre insbesondere bei der konservativen Parteiführung der Ludaken auf Ablehnung gestoßen, da sich das antiklerikale Mussolini-Regime bis zu den Lateranverträgen von 1929 im offenen Konflikt mit dem Vatikan befand.[98] Zum Wesensmerkmal der Rodobraner Ideologie, wie sie Mach und noch genauer Tuka entwickelten, wurde daher die Vermengung von slowakischem Ultranationalismus mit religiösem Mystizismus.[99] Eine militante mystizistische Rhetorik, die auch eine sonderbare katholische Esoterik beinhaltete, kultivierte Tuka spätestens seit seiner 1921 veröffentlichten Schrift „Die Krieger Christi“[100] (Kristoví bojovníci). Die Broschüre erschien noch zu Tukas eigenen Kosten im Selbstverlag, und war eine verschriftlichte Form seiner Rede vom 14. August 1921, gehalten in der Stadt Žilina auf einer Tagung der katholischen Studentenverbindung Moyzes. Es war Tukas erste öffentliche Rede seit der Gründung der Tschechoslowakischen Republik im Jahr 1918, gleichzeitig offenbarte sich darin bereits eine neuartige Kommunikations- und Mobilisierungsstrategie gegenüber der katholischen Jugend.[101] Im Jahr 1925 publizierte Tuka dann über den „Verein des Heiligen Adalbert“ (Spolok svätého Vojtecha) die Schrift „Ehrfurcht vor dem Heiligblut Christi“ (Úcta svätej krvi Kristovej),[102] in der er seinen Mystizismus weiter konkretisierte. Obwohl beide Schriften nicht unmittelbar im Zusammenhang mit der Rodobrana entstanden, bildeten sie ab 1926 die Grundlage für das mystizistische Element im neuen Ideologiegemisch, und fanden 1928 auch inhaltlichen Eingang in Tukas „Rodobraner Katechismus“.[103]

Der revolutionäre Weg zur „Wiedergeburt der slowakischen Nation“

Die Führer der Rodobrana definierten ihre Organisation vor allem als „Bewegung für die Wiedergeburt der slowakischen Nation“ (hnutie za obrodenie národa slovenského).[104] Die Idee einer mythischen Wiedergeburt der zu Slowaken zu einer „Ultra-Nation“ der „Krieger Christi“ verstanden die Rodobrantzen als einen revolutionären Vorgang,[105] in dessen Rahmen die alte „dekadente“ Gesellschaftsordnung abgeschafft und durch eine neue ersetzt werden sollte.[106]

Neben spirituellen Erneuerungsvorstellungen und nationalrevolutionären Ideen verstand sich die Rodobrana auch als eine Bewegung mit starkem sozialrevolutionärem Anspruch, als ein Zusammenschluss von „Kämpfern für soziale Gerechtigkeit“. Der Ideologe Karol Körper beschrieb die Organisation in einem Beitrag über die „sozialen Aufgaben der Rodobrana“ als eine „Bewegung eines neuen sozialen Geistes“ und erklärte ihre Weltanschauung zum „wahren Sozialismus“.[107] Dieser „Rodobraner Sozialismus“ war jedoch keine Weiterentwicklung christlich-sozialer Ideen, auch wenn die Rodobrana ihre Ideologie so darstellte. Tatsächlich handelte es sich um eine ultranationalistisch gedachte Sozialpolitik, die dem Konzept eines „nationalen Sozialismus“ entsprach.[108] Während die katholische Soziallehre auf Ausgleich zwischen den Klassen setzte – gestützt auf päpstliche Sozialenzykliken und die christliche Nächstenliebe –, forderte die Rodobrana eine umfassende „soziale Revolution“ (sociálna revolúcia). Ziel dieser Revolution sollte vor allem die angebliche Befreiung der Slowaken von ihrer „sozialen Ausbeutung“ sein. Als Verantwortliche machte die Rodobrana eine angebliche „Herrschaft fremder Elemente“ aus: Tschechen, Juden, Sozialisten und Kapitalisten, die im Weltbild der Bewegung als kollektive Feindbilder fungierten.[109] Damit war ein zentraler Bestandteil dieser „sozialen Revolution“ auch eine aggressive Kapitalismuskritik. Karol Körper griff dabei auf zeittypische Verschwörungsvorstellungen zurück und behauptete, das Wirtschaftssystem der Tschechoslowakei habe zugleich „egoistische Kapitalisten und blutrünstige Bolschewisten“ hervorgebracht.[110] Auch im offiziellen Parteiprogramm von 1926 betonte die Rodobrana, sie wolle „alle Unterdrückten und Benachteiligten ohne Unterschied ihres Standes gegen den gemeinsamen Feind der Menschheit, gegen den ausbeuterischen Kapitalismus, zu vereinen“.[111] Trotz dieser scharfen Rhetorik zielten die Rodobrantzen jedoch nicht auf eine grundlegende Veränderung des Wirtschaftssystems ab. Als „nationale Sozialisten“ positionierten sie sich bewusst gegen den marxistischen Sozialismus und bezeichneten den antikapitalistischen Kampf der Kommunisten als „ein Mittel zur Ausbeutung, Unterdrückung und Versklavung der Arbeiterklasse“.[112] Stattdessen propagierten sie einen vage definierten, aber kämpferisch inszenierten faschistischen Aktivismus als Antwort auf die soziale Frage. Karol Körper stellte faschistische Bewegungen wie die Rodobrana dabei als praktisch handelnde Kräfte dar, die im Gegensatz zu linken Theoretikern angeblich Erfolge vorweisen könnten. Sie hätten, so schrieb er, in anderen Ländern „nicht philosophiert, sondern die Arbeiter in ihren Reihen organisiert, für Arbeit und Brot gesorgt und damit die Plage der heutigen Menschheit beseitigt: den roten Sozialismus. Die roten Fahnen müssen verschwinden, wenn die Schwarzhemden kommen!“[113]

Die Umsetzung der ersehnten „soziale Revolution“ machte die Rodobrana dabei von der Durchsetzung einer politischen Revolution abhängig,[114] deren Bestandteil die Änderung des gesamten politischen System der Tschechoslowakei sein sollte.[115] Zwar bezeichnete Tuka selbst einerseits in der Parteizeitung Slovák die Rodobrana als „eine demokratische Chance, den Staat zu erneuern“,[116] und auch die Zeitschrift Rodobrana erkannte in ihrer ersten Ausgabe den demokratischen und republikanischen Charakter der Tschechoslowakei an.[117] Andererseits verunglimpften die Rodobrantzen in ihrem Programm die tschechoslowakische Demokratie als „verunstaltete[n] so genannte[n] ‚Demokratie[n]‘“, in welcher „bestimmte Cliquen die staatliche Macht für ihre eigenen egoistischen Zwecke pachten und missbrauchen“. Gefordert wurde stattdessen „eine wahre ‚Volksherrschaft‘ (ľudovláda).“[118] Da nach dem Demokratieverständnis der Rodobrana die Hlinka-Partei als „Verkörperung der slowakischen nationalen Bestrebungen“ einen Alleinvertretungsanspruch für slowakische Interessen hatte, konnte insofern eine „wahre“ Demokratie nur unter der ausschließlichen Herrschaft der Ludaken realisiert werden. Daraus leiteten die Rodobrantzen direkt ihren Anspruch auf eine politische Monopolstellung der Hlinka-Partei in der Slowakei ab. Allein die Hlinka-Partei könne – so die Überzeugung der Rodobrantzen – die „Wiedergeburt der slowakischen Nation“ einleiten und damit den katholischen Glauben vor dem atheistischen Bolschewismus, dem antichristlichen Liberalismus und den jüdischen „Gottesmördern“ bewahren.[119]

Tuka hatte ursprünglich die gewaltsame Machtübernahme über einen „Marsch auf Bratislava“ nach dem Vorbild von Mussolinis Marsch auf Rom im Oktober 1922 ins Auge gefasst. Unter dem Eindruck des gescheiterten Hitlerputsches im November 1923 in Bayern sowie aufgrund von Opposition in den eigenen Reihen ließ er jedoch davon ab.[120]

Anders als die Hlinka-Partei sollte die Rodobrana daher nicht an den demokratischen Institutionen teilnehmen, sondern versuchen diese zu umgehen und deren Gewaltmonopol zu untergraben.[121] So verlautbarte schon die erste Ausgabe der Zeitschrift Rodobrana: „Wenn die bezahlten Gendarmen und Polizisten mit subversiven und staatsgefährdenden Elementen nicht aufräumen können – oder besser gesagt – es nicht wollen, müssen es die Unbezahlten tun, die slowakische Rodobrana, motiviert nur durch ihre reine Liebe für die Nation.“[122] In der von Alexander Mach verfassten schriftlichen Leitlinie, die er am 21. Juli 1926 für Redner und Zeitungsredakteure der Rodobrana verfasste, erklärte er: „Alles was wir unternehmen werden, machen wir im Interesse der Säuberung des öffentlichen Lebens [...].“ In ihren Reden und schriftlichen Publikationen sollten die Rodobrantzen die Unzufriedenheit mit den vorherrschenden Verhältnissen schüren. Dabei sollten sie einerseits Toleranz für ihre Positionen einfordern, andererseits im strategisch notwendigen Falle jedoch auch vor einer radikalen chauvinistischen Rhetorik nicht zurückschrecken. Besonders positiv betonen sollte sie einen Kult um Autoritarismus, um „hartes Durchgreifen“ und „feste Prinzipien“, und gleichzeitig gegen Atheisten, Freimaurer und Juden wettern, sowie mit Hilfe von statistischen Daten ihrer Zuhörer- und Leserschaft nachweisen, dass die Slowakei unter einem „Diktat aus Prag“ stehe.[123] Die demokratischen Institutionen der Tschechoslowakei, die gegen die Rodobrana aufgrund deren tschechenfeindlichen und staatsgefährdenden Aktivitäten repressiv vorgingen, wurden von der Rodobrana wiederum als „ungesetzlich“ kritisiert.[124] Bei anderer Gelegenheit richtete die Bewegung auch eine offene Kampfansage and die Republik: „Wir werden den Kampf beginnen, und wer sich gegen [uns] stellt, den entfernen wir, alles und jeden. Wir werden nicht auf die Errungenschaften schauen, [nicht] auf die Demokratie, [nicht] auf den Präsidenten, [nicht] auf die Interessen der Synagogen und Freimaurerlogen. [...] wir werden alles wegfegen [...] Wir rufen und singen nach dem Motto des wunderschönen Italiens (Benito Mussolinis): ‚Land der Blumen, der Musik und Poesie, sei wieder, wie du warst, das Land der Waffen‘ [...].“[125]

Politisches Endziel: Die „neue Slowakei“ nach faschistischem Vorbild

Benito Mussolini (1930), Italiens Diktator galt den Rodobrantzen als Vorbild, sein faschistisches Regime als erstrebenswertes Zukunftsmodell auch für die Slowakei.

Tatsächlich galt der Faschismus den Rodobrantzen als das erstrebenswerte Modell der Errettung, dem die politische Zukunft in Italien, der Tschechoslowakei und ganz Europa gehöre.[126] Bei öffentlichen Kundgebungen der Rodobrana verkündeten ihre dort auftretenden Redner, dass der Faschismus die Lösung für sämtliche Probleme der Slowakei liefere, da er die „Ordnung und Sicherheit wiederherstellen“, „den Weg der Roten zur Macht blockieren“ und die „Rechte der Nationen schützen“ würde.[127] Den gleichen Ton schlug das Führungspersonal der Rodobrana auch in ihren Printmedien an. In seinem Beitrag in der Parteizeitung Slovák vom 2. Juli 1926 bekannte sich Vojtech Tuka als oberster Rodobranaführer und Chefredakteur offen und glorifizierend zum faschistischen Charakter[128] seiner politischen Schöpfung:

„Im Zeichen des Faschismus befreite sich das wiedergeborene italienische Volk von den Brandstiftern gegen die christliche Zivilisation und die nationale Kultur. Damit gab es allen Völkern der Welt ein Beispiel für die Wiedergeburt der Nation. Das glänzende Beispiel Italiens strahlt auch auf uns. Es ruft auch uns zur Tat. [...] Unsere tapfere Rodobrana, die slowakischen Faschisten, sind von Begeisterung entflammt, ihre Schultern sind von Selbstbewusstsein gestärkt. Sie werden angespornt durch ihre phänomenale faschistische Entschlossenheit, ihre Unerschrockenheit. Wir sind überzeugt, dass wir, wenn wir uns selbst verteidigen, unser Vaterland retten und damit auch der gesamten Menschheit einen wertvollen Dienst erweisen. Es lebe Italia [sic]! Es lebe der Faschismus!“[129]

Die Zeitschrift Rodobrana verglich schon in ihrer ersten Ausgabe die negativ konnotierten Verhältnisse in der tschechoslowakischen Demokratie mit jenen im liberalen Italien, wie sie vor dem Beginn von Mussolinis Diktatur herrschten. Der vom faschistischen Regime geschaffene neue italienische Staat wird hingegen als Vorbild angepriesen.[130] Auch in der Parteizeitung Slovák verlautbarte der Rodobranaführer Peter Pridávok unter dem lateinischen Titel Fascismus regenerans („Der regenerierende Faschismus“): „Bei uns ist die Situtation nur wenig erfreulicher als damals in Italien, [bevor] der ‚Duce‘ begann Ordnung zu schaffen, auch bei uns droht die Gefahr des Bolschewismus, auch bei uns werden Stimmen laut, die nach einem wiederbelebenden Faschismus rufen. Regierungskreise, sozialistische [...] und jüdische Kreise haben wohl Angst vor ihm, beschmutzen ihn, möchten ihn im Keim ersticken, aber wir, wenn die faschistische Bewegung in der Tschechoslowakei eine solche moralische Wiederbelebung predigt wie in Italien, wir werden ihn hier begrüßen!“[131] Mussolini wurde als ein politisches Idol verehrt, das in Italien mit der „jüdischen Freimaurerei“ Schluss gemacht[132] und „mit starker Hand den Galgen entwurzelt und eine gesunde Saat in das italienische Land gesät“ habe,[133] so dass der „italienische Baum [...] wieder gesundes Obst [trägt]: Ordnung, Ruhe, Wohlstand.“[134] Der Rodobrana-Ideologe Karol Körper, der 1926 in der Zeitschrift Kultúra den Faschismus zu einem „Weltprinzip“ (svetovou zásadou) erklärte, verkündete an seine Leserschaft: „Mussolini hat eine Lawine losgetreten, die nicht mehr zu stoppen ist und die den schwachen Parlamentarismus mit seinen falschen sozialen Zielen begraben wird.“[135]

In diesem Kontext verstanden die Rodobranaführer – so die zusammenfassende Schlussfolgerung von Anton Hruboň – unter ihrem politischen Ziel der „neuen“, „christlichen“ und „slowakischen Slowakei“ eine autonome Slowakei in einem föderativen Bund mit dem tschechischen Landesteil, geführt von der Hlinka-Partei und „gesäubert“ vom tschechischen Einfluss am Arbeitsmarkt, von den Juden in der Wirtschaft, vom Sozialismus in der Politik sowie von nationalen Minderheiten.[136] Der von der Rodobrana gepflegte Fetischismus um das Märtyrertum wie auch um die Anwendung von Gewalt diente somit allein ihrem ideologischen Endziel: einer geistigen Erneuerung der Nation und der Bildung eines sakralisierten Kollektivs, einer Nation, die durchdrungen wäre von einem totalitären, politisch instrumentalisierten Christentum.[137] Auch Jörg K. Hoensch (1979) zufolge lief Tukas politische Lehre der 1920er Jahre auf die Umwandlung der Slowakei in einen totalitären, „jede Lebensregung umfassenden“ Einparteienstaat hinaus.[138] In einer älteren Studie zieht Hoensch folgendes Fazit über Tukas Zukunftsmodell:

„Über eine militärisch gestraffte und politisch uniforme Ordnung des gesamten gesellschaftlichen Lebens, die die Grundrechte des Individuums aufhob, sollte ein strikt hierarchisch-autoritärer Ordnungs- und Führungsaufbau eine zentralistische Stärkung der Staatsmacht verbürgen. Mit der Einschmelzung aller Volksteile in eine ‚Volksgemeinschaft‘ verband Tuka das Bekenntnis zur konsequenten Verwirklichung des Führerprinzips in allen Bereichen des politischen, sozialen und kulturellen Lebens. Der demokratische Mehrparteienstaat sollte über die Entmachtung des Parlamentarismus durch die Gleichschaltung der Abgeordneten, Lenkung von Wahlen und die Einführung einer ständisch-korporativen Vertretungsordnung zu einem totalitären Einparteienstaat umgewandelt werden. Staat, Nation, Einheitspartei und Regierung waren in Tukas Planung identisch. [...] die obersten Organe der Partei sollten zugleich die obersten Staatsorgane werden. Die Aufgabe der Partei bestand demnach darin, die von der mit diktatorischer Gewalt ausgerüsteten Führungsspitze angestrebte Willenseinheit herzustellen.“[139]

Inwieweit sich die Rodobrana dabei in ihrer politischen Vision mit einer Slowakei als autonomen Bestandteil der Tschechoslowakei begnügte, ist unter Historikern umstritten. Einerseits verlautbarte der Rodobraner Katechismus, dass die Bewegung „den Staat der Tschechen und Slowaken erhalten“ wolle und bereit sei, den „[tschechoslowakischen] Staat und die [slowakische] Nation bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen“. Auch gehörten der Rodobrana mit den beiden Priestern Ferdinand Juriga und Štefan Onderčo zwei Politiker an, die sich auf slowakischer Seite sehr für die Entstehung des gemeinsamen tschechoslowakischen Staates eingesetzt haben und den Verbleib der Slowaken innerhalb der Tschechoslowakei als alternativlos bezeichneten.[140] Darüber hinaus galt selbst Alexander Mach in den 1920er Jahren noch als überzeugter Vertreter einer tschechisch-slowakischen Föderation (oder idealerweise Konföderation) im Sinne des Clevelander Abkommens von 1915. Andererseits schlossen die persönlichen Pläne Tukas den weiteren Verbleib der Slowakei in einer demokratischen Tschechoslowakei aus, wobei er sich jedoch mehrere Alternativen offenhielt.[141] So favorisierte Tuka in einem Zukunftsszenario etwa die Eingliederung einer unabhängigen Slowakei in einen föderativen Staatenbund mit den beiden Nachbarländern Ungarn und Polen, die in den 1920ern bereits autoritär-nationalistisch regiert wurden.[142]

Rodobrana-Veteranen im Untergrund (1929–1938)

Die drei führenden Politiker des rechtsradikalen Parteiflügels in den 1930er Jahren, allesamt Rodobrana-Veteranen:
Karol Sidor, Alexander Mach und Ferdinand Ďurčanský

Fortwährender Einfluss auf die radikalen Parteiflügel

Da Tuka aufgrund seiner führenden Stellung innerhalb der Hlinka-Partei in der Lage gewesen war, seine Unterstützer in zentrale Parteiämter zu bringen, blieb sein Einfluss im radikalen Parteiflügel auch nach Abschluss des Gerichtsprozesses im Oktober 1929 von Bedeutung.[143] Infolge seiner Inhaftierung stiegen nun zunächst Karol Sidor und Alexander Mach zu den wichtigsten Persönlichkeiten der Radikalen auf.[144] Die Rodobrana-Veteranen organisierten sich fortan in Form einer Untergrundbewegung, deren Aktivität sich auf die angegliederten Sport- und Jugendverbände der Hlinka-Partei konzentrierte. Alexander Mach fungierte als deren inoffizieller Anführer und vertrat ihre Ideologie in den höheren Parteirängen.[145] Karol Sidor wiederum führte in den 1930er Jahren eine eigene radikale Gruppe an, die sogenannten Polonophilen, die eine enge Anlehnung der Slowakei an Polen propagierten.[146] Eine dritte Fraktion, welche die Tradition der Rodobrana teilweise fortführte, war der Kreis um die seit 1933 erscheinende Zeitschrift Nástup („Der Antritt“, „Der Aufmarsch“). Geleitet von Ferdinand Ďurčanský, umfassten die sogenannten Nástupisten praktisch die gesamte junge intellektuelle Elite der Hlinka-Partei. Sie vertraten die extremste Form des slowakischen Nationalismus und stiegen ab Mitte der 1930er Jahre zur führenden Kraft der Radikalen auf. Dabei bot der Nástup-Kreis auch der polonophilen Gruppe Sidors und den Rodobrana-Veteranen von Mach eine Plattform.[147]

Alle drei Gruppen des radikalen Parteiflügels waren von Tukas Ideen beeinflusst.[148] Sie teilten eine fanatische Juden- und Tschechenfeindlichkeit, einen radikalen Antikommunismus, eine Verachtung für die tschechoslowakische Demokratie und eine Vorliebe für totalitäre Ideen.[149] Mach und Ďurčanský standen dabei Tukas faschistischer Ideologie noch näher als Sidor.[150] Innerhalb der Tschechoslowakei forderten die Radikalen eine sehr weitreichende Autonomie für den slowakischen Landesteil, und seit Mitte der 1930er Jahre zirkulierte in ihren Kreisen auch die Idee eines unabhängigen slowakischen Staates. Meinungsverschiedenheiten unter ihnen ergaben sich aus unterschiedlichen außenpolitischen Strategien, Vorbildern und Partnern: Während Mach und seine Rodobrana-Veteranen aktive Verbindungen zur kroatischen Ustascha-Bewegung aufbauten, fühlten sich die Nástupisten um Ďurčanský der ebenfalls studentisch geprägten Eisernen Garde in Rumänien verbunden. Insbesondere diese beiden Fraktionen bauten ab 1936 Kontakte zum Deutschen Reich und deutschen Agenten in der Tschechoslowakei auf, bei welchen sie um Unterstützung für ihre Pläne warben. Die polonophile Gruppe von Sidor wiederum bewunderte Polens autoritäres Piłsudski-Regime und war einer polnisch-slowakischen Föderation zugeneigt.[151] Da die Radikalen der „jungen Generation“ jedoch während der gesamten Zwischenkriegszeit in den Verwaltungsgremien der Hlinka-Partei in der Minderheit blieben, weiteten sie ihren Einfluss gegenüber dem klerikalen Parteiflügel über innerparteiliche Druckausübung und Intrigen aus.[152]

Einflussnahme auf die Gesamtpartei

Beim Parteitag der Ludaken im September 1936 gewannen die Nástupisten erstmals Einfluss auf die programmatische Ausrichtung der Hlinka-Partei.[153] Unter Umgehung der klerikalen „Gemäßigten“, die eine gegenüber der tschechoslowakischen Regierung versöhnliche Parteiresolution vorbereitet hatten, legten Sidor, Mach und Ďurčanský ihrem Parteichef ein eigenes Manifest vor. Der wenig später von Andrej Hlinka öffentlich verlesene Text der Radikalen verurteilte eine „judeo-bolschewistische Anarchie“, und reihte die Hlinka-Partei ein in die „antikommunistische Front an der Seite von Nationen, die von christlichen Prinzipien geleitet sind“. Außerdem wurde eine Zusammenarbeit der Ludaken mit „allen anti-bolschewistischen Nationalitäten und Gruppen“ der Tschechoslowakei verkündet. Die vage gehaltenen Formulierungen stellten zwar kein eindeutiges Bekenntnis zum faschistischen Italien oder nationalsozialistischen Deutschland dar, konnten jedoch auch in diese Richtung interpretiert werden. Darüber hinaus wohnten faschistische und rechtsradikale Vertreter aus mehreren Ländern dem Parteitag bei, darunter auch ein von Sidor eingeladener Korrespondent des Völkischen Beobachters. Auch im klerikalen Parteiflügel zeichnete sich während des Kongresses eine deutliche Radikalisierung ab: So verlautete dessen Anführer Jozef Tiso nun das politische Motto „Eine Nation, eine Partei, ein Führer“.[154]

Nach dem Parteitag übten die Nástupisten weiter Druck auf die Partei aus. Ab Oktober 1936 forderten sie offen den Beitritt der Tschechoslowakei zum Antikominternpakt.[155] Ab Ende 1937 wurde im radikalen Parteiflügel auch eine Erneuerung der Rodobrana erwogen. Die ersten bewaffneten Wehrverbände, die sich aus Parteimitgliedern der Ludaken zusammensetzen, entstanden ab Mai 1938 unabhängig voneinander in verschiedenen Städten der Slowakei. Von einer namentlichen Wiedergründung der Rodobrana wurde jedoch aus Furcht vor den tschechoslowakischen Staatsorganen vorerst abgesehen. Man entschied sich zur Gründung einer neuen Organisation, der Hlinka-Garde (Hlinkova garda, kurz HG).[156]

Die zweite Rodobrana (1938–1940)

Erneuerung als Eliteverband der Hlinka-Garde

Die Initialzündung zur Gründung der Hlinka-Garde lieferte Alexander Mach mit einem Zeitungsartikel am 11. Juni 1938, in dem er zur Organisierung der Garde als neuem Wehrverband der Hlinka-Partei aufrief.[157] Die alten Rodobrantzen traten mehrheitlich in die neue Organisation ein, und prägten damit auch das Erscheinungsbild und die Ideologie der Hlinka-Garde mit.[158] Neben der Gruppe von Alexander Mach bildeten Sidors Polonophile zunächst das zweite personelle Rückgrat der Garde.[159]

Am 29. Oktober 1938 wurde die Hlinka-Garde per Gesetz zur einzigen legalen sportlichen und vor-militärischen Organisation in der Slowakei erklärt, das Eigentum aller anderen Verbände ging auf sie über.[160] Innerhalb der Hlinka-Garde begann der Aufbau von mehreren halbautonomen Teilorganisationen, darunter die von den alten Veteranen am 13. Dezember 1938 erneuerte Rodobrana, als persönliche Einheit des Oberkommandanten der Hlinka-Garde.[161] Die Rodobrantzen planten die wiedergegründete Organisation zu einer Elite innerhalb der Garde aufzubauen.[162] So verlautbarte Ján Farkaš seine Ambitionen bei einem Zusammentreffen führender Rodobrana-Funktionäre im Januar 1940: „Die Hlinka-Garde bedeutet so viel wie in Deutschland die SA, die Rodobrana so viel wie in Deutschland die SS.“[163] Als weitere bedeutende halbautonome Teilorganisation etablierte sich die „Akademische Hlinka-Garde“ (Akademická Hlinkova garda, kurz AHG). Bestehend aus Studenten und kommandiert von Jozef Kirschbaum, wurde die AHG zur „Frontorganisation“ der Nástupisten Ferdinand Ďurčanskýs.[164]

Rolle im innerparteilichen Machtkampf

Vojtech Tuka (1939) in der Uniform der Hlinka-Garde. An der Hemdtasche sichtbar das große Abzeichen der Rodobrana

Im slowakischen Staat stiegen die alten Rodobrantzen in führende politische Ämter auf, allen voran Vojtech Tuka (als späterer Ministerpräsident und Außenminister) und Alexander Mach (als Oberbefehlshaber der Hlinka-Garde und späterer Innenminister). Im sich zuspitzenden innenpolitischen Machtkampf zwischen dem Tiso-Flügel und dem Tuka-Flügel gehörten die Rodobrana-Veteranen zu den wichtigsten Unterstützern Vojtech Tukas.[165]

Mit der Entstehung des slowakischen Staates im März 1939 nahmen auch die Ambitionen der Rodobrana ein neues Ausmaß an. Gemäß ihrem Kommandanten Jozef Joštiak sollte sie als politische Polizei eine Schlüsselrolle beim Aufbau des neuen slowakischen Sicherheitsapparates spielen, und sich zum zentralen Nachrichtendienst der staatlichen Überwachung entwickeln. Laut dem Historiker Yeshayahu A. Jelinek (1971) strebten die Rodobrantzen damit „die slowakische Version des deutschen Sicherheitsdienstes“ an. Zu diesem Zweck wurde seit der ersten Jahreshälfte 1939 ein eigener Rodobrana-Nachrichtendienst aufgebaut, der Dôvernicka služba Rodobrany (kurz DSR, deutsch „Vertrauensdienst der Rodobrana“). Gebildet aus ausgewählten Rodobrantzen, bestand die Aufgabe des DSR vor allem in der regelmäßigen Berichterstattung über die Stimmungen innerhalb der Bevölkerung auf Orts- und Bezirksebene. Ein weiteres Ziel der DSR-Ermittler stellte die Überwachung von Personen aus dem Kreis der ehemaligen Opposition dar, insbesondere zu deren „staatsfeindlichen“ und „propagandistischen“ Tätigkeiten. Die angestrebten Kompetenzen einer völlig selbstständigen Parteipolizei konnte die Rodobrana jedoch nie erreichen, insbesondere aufgrund des anhaltenden Misstrauens von Seiten des Parteiflügels von Staatspräsident und Parteichef Jozef Tiso.[166] Mit der Regierungsverordnung vom 5. September 1939 wurde der Rodobrana sowohl innerhalb der Hlinka-Garde als auch innerhalb des Staates eine privilegierte Sonderrolle zuerkannt. Während ihrer Dienstausübung waren ihre Mitglieder rechtlich den Soldaten der slowakischen Armee gleichgestellt, außerdem sollten bei Bewerbungen um Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst Rodobrantzen stets bevorzugt werden, sofern sie über die gleichen Qualifikationen verfügten wie andere Mitbewerber.[167]

Der langanhaltende Konflikt zwischen der Führung der Rodobrana und dem Tiso-Flügel führte schließlich zum Ende der Organisation. Am 24. Juni 1940 wurde die Rodobrana von Innenminister Ďurčanský (und vom Oberkommandanten der Hlinka-Garde, František Galan)[168] aufgelöst, was auch von Ministerpräsident Tuka akzeptiert werden musste. Das Eigentum der Rodobrana ging an die jeweiligen örtlichen Kommandos der Hlinka-Garde über. Den ehemaligen Rodobrantzen wurde jedoch weiterhin erlaubt, sich mit ihren Abzeichen von den übrigen Mitgliedern der Hlinka-Garde abzugrenzen.[169] Nach 1940 bildeten Rodobrantzen eine personelle Machtbasis von Tukas radikal-prodeutschem Lager der slowakischen Nationalsozialisten,[170] welches die Slowakei von Sommer 1940 bis Ende 1942 politisch dominierte.[171]

Erscheinungsbild und Symbolik

Uniformen

Die Uniformen der ersten Rodobrana (1923–1929) kombinierten die Symbolik des italienischen Faschismus mit jener des traditionellen slowakischen Katholizismus. Ihre Mitglieder trugen ein einfarbiges, schwarzes Hemd in Form einer russischen Tunika sowie einen schwarzen Hut,[172] weshalb sie von Historikern auch als „slowakische Schwarzhemden“ bezeichnet werden.[173] Gleichzeitig wurde „Schwarzhemden“ (čierné košele) von den Rodobrantzen durchaus auch als alternative Selbstbezeichnung verwendet.[174] Am Stehkragen des Hemdes aufgestickt war ein (hell)blaues Doppelkreuz umringt von einer (hell)blauben Dornenkrone.[175] Über der linken Hemdtasche trugen sie das Abzeichen der Rodobrana (Durchmesser 18 mm). Es wurde mit einer langen Messing-Stecknadel befestigt und von der Prager Firma Karnet a Kyselý aus Weißmetall produziert.[176]

Die Uniformen der zweiten Rodobrana (1938–1940) entsprachen den klassischen schwarzen Uniformen der Hlinka-Garde, jedoch hatten die Rodobrantzen zusätzlich das Recht auf ein schwarzes Hemd und eine schwarze Krawatte. Auf der Krawatte trugen sie das silberne Abzeichen der Rodobrana. Die Rodobrana-Veteranen der 1920er Jahre trugen dabei ihre traditionellen schwarzen Rodobrana-Hemden, mit Stehkragen und darauf aufgesticktem blauen Doppelkreuz samt Dornenkranz.[177]

Abzeichen

Das Abzeichen bestand aus einem stilisierten, silbernen slowakischen Doppelkreuz mit unterschiedlich langen Querbalken (in der Slowakei als „Doppelkreuz des Heiligen Method“ bezeichnet), dessen Enden leicht gewölbt waren und das in einer silbernen Dornenkrone eingeflochten war. Es wurde schon seit 1923 getragen und auch nach der Neugründung der Rodobrana innerhalb der Hlinka-Garde ab 1938 verwendet, selbst nach deren Auflösung im Juni 1940.[178]

Das „autonomistische Abzeichen“: Inoffizielle farbige Variante des Rodobrana-Symbols

Außer diesem offiziellen Abzeichen für Rodobrantzen war unter diesen sowie ihren Sympathisanten auch das sogenannte „autonomistische Abzeichen“ (slowakisch: autonomistický odznak) beliebt. Dieses kopierte direkt die Symbolik der Rodobrana und wurde in einer farbigen, emaillierten Version angefertigt. Das weiße Doppelkreuz trug dabei die Aufschrift Za tú našu autonómiu („Für unsere Autonomie“) und war in eine rote Dornenkrone auf blauem Hintergrund eingeflochten.[179] Im Jahr 1939 wurde zusätzlich das sogenannte „Märtyrer-Abzeichen“ (slowakisch: martýrsky odznak) eingeführt, welches nur an ausgewähltes Führungspersonal der Hlinka-Garde vergeben wurde. Es stellte eine vergrößerte Version des silbernen Rodobraner Abzeichens dar.[180]

Diese Symbolik wies die Rodobrantzen im übertragenen Sinn als Soldaten eines „heiligen Krieges“ aus, der viel Leid und viele Opfer erfordere, letzten Endes jedoch zum Triumph der „national-christlichen Idee“ führen werde, die die Rodobrana repräsentiert.[181] Damit drückte ihre Symbolik auch ihren ausgeprägten ideologischen Kult des Märtyrertums aus. Vergleichbare Stilelemente besaß auch die rumänische Legion Erzengel Michael, die mit einem schwarzen Gefängnisgitter ebenfalls die Wichtigkeit des Märtyrertums für ihre Bewegung unterstrich.[182]

Flagge

Flagge der Rodobrana (1926–1929)

Die Rodobrana führte auch eine eigene Flagge ein, auf welche die Mitglieder ihren Eid ablegen mussten.[183] Dieses neue Symbol der Rodobrana wurde in der Zeitungsausgabe der Rodobrana vom 1. August 1926 als „Rodobraner Flagge“ (rodobranecká zástava) oder auch als „Rodobraner Banner“ (rodobranecký prápor) vorgestellt. Es handelte sich dabei um eine dreieckige schwarze Flagge, umrandet von der Trikolore der slowakischen Nationalfarben (weiß-blau-rot) und das Rodobraner Symbol eines Doppelkreuzes mit der Dornenkrone zeigend.[184]

Gruß

Die Mitglieder der Rodobrana grüßten einander – ebenfalls angelehnt an die italienischen Faschisten – mit erhobenem rechten Arm.[185] Historiker verneinen jedoch die später von der Führung der Hlinka-Garde aufgestellte Behauptung, dass deren gardistischer Gruß Na stráž! („Auf Wacht!“) bereits von der Rodobrana verwendet worden wäre. Mit dieser Verlautbarung sollte der angeblich „slowakische“ Ursprung des Grußes nachgewiesen werden. Wie der slowakische Historiker Vojtech Kárpáty (2012) jedoch betont, nahm selbst die Mehrheit der Funktionäre der Hlinka-Garde diese Grußformel als eine Neuheit war, die erst im Herbst 1938 aufkam. In Wirklichkeit kam Na stráž erstmals 1919 in der liberalen tschechischen Studentenorganisation Sokol auf und wurde erst 1934 von der slowakisch-katholischen Studentenorganisation ÚSKS übernommen.[186]

Einfluss auf die Symbolik des Ludaken-Regimes (1938–1945)

Während des Ludaken-Regimes in der autonomen sowie der später von NS-Deutschland abhängigen Slowakei war die Nutzung von Symbolen der Rodobrantzen nicht allein auf die wiedergegründete, zweite Rodobrana (1938–1940) beschränkt. Tatsächlich beeinflussten sie die Symbolik der gesamten Hlinka-Partei wie auch jene des slowakischen Staates. So ähnelte die 1938 eingeführte Parteiflagge der Ludaken mit dem gleichschenkligen Doppelkreuz im Kreis stark dem stilisierten Symbol auf den schwarzen Rodobrana-Flaggen aus den 1920ern.[187] Und selbst im slowakischen Staatswappen (1939–1945) wurde das Doppelkreuz entgegen der historischen heraldischen Tradition an jene Form angepasst, wie sie beim silbernen Abzeichen der Rodobrana verwendet wurde.[188]

Auch in der offiziellen Darstellung der slowakischen Geschichte aus Sicht des Ludaken-Regimes, wie sie deren „Hofhistoriker“ František Hrušovský 1942 in Buchform veröffentlichte, wurde das silberne Abzeichen in stilisierter Form für die Leserschaft sichtbar festgehalten.[189] Trotz der 1940 erfolgten offiziellen Auflösung der zweiten Rodobrana maß das Ludaken-Regime dem silbernen Abzeichen der Rodobrana eine derartige Bedeutung zu, dass es dieses Mittelschülern im slowakischen Staat in deren offiziellen Geschichtsbüchern in Form der stilisierten Abbildung vorstellte.[190]

Forschung, Typologie, Wirkung

Forschungsstand

Ivan Kamenec (2019) lieferte seit den 1970er Jahren als erster slowakischer Historiker relevante Studien zur Rodobrana

Zur ersten Rodobrana (1923–1929) entstanden bisher (Stand 2023) eine unveröffentlichte Dissertationsarbeit und mehrere wissenschaftliche Artikel. Zudem befassen sich einige Monographien mit eigenen Kapiteln mit der Organisation.[191] Die Dissertation stammt vom slowakischen Historiker Igor Strnisko (2015),[192] der auf deren Basis eine Studie über die Geschichte der Rodobrana in der zweiten Phase ihrer Existenz von September 1923 bis Dezember 1925 veröffentlicht hat.[193] Hervorzuheben sind daneben die Studien des israelischen Historikers Yeshayahu A. Jelinek (1971),[194] die noch teilweise während der kommunistischen Diktatur in der Tschechoslowakei verfassten Arbeiten des slowakischen Historikers Ivan Kamenec (1978, 1992)[195], die Studie der tschechischen Historiker Stanislav V. Chytka und Zděnek Vališ (2000)[196] sowie insbesondere die Arbeiten des am Militärhistorischen Institut in Bratislava tätigen slowakischen Historikers Miloslav Čaplovič. Čaplovič widmete der Rodobrana einen wissenschaftlichen Aufsatz (1996),[197] ein längeres, die gesamte Geschichte der Rodobrana behandelndes Kapitel in seiner Monographie (2001)[198] über Wehrorganisationen in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit sowie einen kurzen Artikel (2001)[199] in einer historischen Zeitschrift. Eine grundlegende Studie zur Ideologie der Rodobrana veröffentlichte Anton Hruboň (2021),[200] wobei es sich um eine englische Übersetzung jener Kapitel aus Hruboňs slowakischer Monographie handelt, welche die Rodobrana behandeln.[201]

Darüber hinaus haben sich folgende Monographien aus unterschiedlichen Forschungsperspektiven in kurzen Kapiteln eingehender mit der Rodobrana beschäftigt:

  • die erste wissenschaftliche Monographie über die Hlinka-Garde des slowakischen Historikers Peter Sokolovič (2009), der die Rodobrana als Vorläuferorganisation der Hlinka-Gardisten behandelt,[202]
  • die Arbeit über slowakische nationalistische Intellektuelle der deutschen Historikerin Sabine Witt (2015), in der sie sich vor allem aus literarischer Perspektive mit schriftlichen Versatzstücken der Organisation wie deren Gründungssage beschäftigt,[203]
  • die Arbeit über Hlinkas Slowakische Volkspartei des britischen Historikers Thomas Lorman (2019), der dabei vor allem auf organisatorische und ideologische Aspekte der Rodobrana eingeht und ihre Rolle für die weitere Entwicklung des faschistischen Parteiflügels der Ludaken diskutiert,[204]
  • das slowakische Standardwerk zur Geschichte des Faschismus von Jakub Drábik (2019), einem Schüler Roger Griffins, widmet sich der Rodobrana aus Perspektive der internationalen vergleichenden Faschismusforschung des sogenannten „Neuen Konsens“ (Comparative Fascist Studies).[205]

Zur zweiten Rodobrana (1938–1940) gibt des demgegenüber bisher nur eine ausführliche Detailstudie (2005)[206] sowie eine Teilstudie (2007)[207] von Vojtech Kárpáty sowie ergänzende Anmerkungen im slowakischen Standardwerk zur Hlinka-Garde von Peter Sokolovič (2009).

Debatte um Einordnung als „faschistisch“

Sowohl von ihren Sympathisanten als auch von ihren Gegnern wurde die erste Rodobrana wiederholt als Repräsentantin eines „slowakischen Faschismus“ beschrieben.[208] Die slowakische Historiographie begann sich seit den 1970er Jahren ansatzweise mit dem faschistischen Phänomen in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit zu beschäftigen. In diesen Arbeiten wurde die Rodobrana durchwegs als „faschistisch“ oder zumindest als „dem Faschismus am nächsten“ eingeordnet.[209] Detailliertere Analysen lieferten nach dem Ende der kommunistischen Diktatur die Historiker Ivan Kamenec (1992)[210] sowie Historiker Miloslav Čaplovič (1996, 2001).[211] Čaplovič stuft die Rodobrana als „faschistoid“ ein.[212] In der geschichtsrevisionistischen Historiographie der Exil-Ludaken und Neoludaken wiederum wird der Rodobrana ein faschistischer Charakter entweder grundsätzlich abgesprochen oder relativiert. So hält František Vnuk (1991) eine solche Zuordnung der Rodobrana in seiner Biographie Alexander Machs einerseits für ein Konstrukt „der Tschechen, Tschechoslowaken und Kommunisten“, andererseits rechtfertigt er die offene Orientierung der Rodobrana am italienischen Faschismus: Dessen praktische Anwendung in Italien habe gezeigt, dass „die guten Seiten die schlechten überwiegen“.[213] Derartige Urteile werden von der kritischen slowakischen Forschung als unzulässige, zweckmäßige Verharmlosung zurückgewiesen.[214]

Die vergleichende Faschismusdefinition des britischen Forschers Roger Griffin werden bei neueren slowakischen Studien zur Rodobrana stark rezipiert

Neuere Studien der slowakischen vergleichenden Faschismusforschung von Anton Hruboň (2015, 2018, 2021),[215] Jakub Drábik (2019)[216] und Miloslav Szabó (2019),[217] klassifizieren die Rodobrana klar als Repräsentantin eines eigenständigen „slowakischen Faschismus“ (slovenský fašizmus). Dabei orientieren sich Hruboň und Drábik an der international einflussreichen Faschismusdefinition von Roger Griffin, der den Fokus auf die faschistische Ideologie legt.[218] Laut Griffin bildet „eine palingenetische Form von populistischem Ultranationalismus“ den ideologischen Kern aller faschistischen Bewegungen.[219] Mit „populistisch“ ist gemeint, dass sich Faschisten bei ihrem politischen Handeln als Vorkämpfer (Avantgarde) eines „Volkswillens“ verstehen, von dem sie ihre Legitimität herleiten.[220] Mit „Ultranationalismus“ ist gemeint, dass die Faschisten die Schaffung einer mythisch-utopischen „Ultra-Nation“ anstrebten, deren Werte jenseits (ultra) aller Ideale einer liberalen Demokratie liegen. Anders als der liberale Nationalismus lehnt der Ultranationalismus humanistische oder egalitäre Komponenten ab.[221] Das Wort „palingenetisch“ wiederum ist die Adjektivform der Palingenese (Wiedergeburt). Damit wird die von Faschisten vertretene Notwendigkeit beschrieben, ihrer Ultra-Nation aus einem gegenwärtigen Zustand der Auflösung und Dekadenz hin zu einer revolutionären Wiedergeburt verhelfen zu müssen, in der diese von ihren „inneren und äußeren Feinden gesäubert“ ist.[222]

Wie Anton Hruboň festhält, wurde der Niedergangsmythos einer „gefesselten“, „gefolterten“, „gequälten“ oder „getöteten“ Nation, der generell zu den beliebten Propagandamotiven aller faschistischen Bewegungen Europas gehörte, oft auch von der Zeitschrift Rodobrana thematisiert.[223] Außerdem manifestierten sich laut Hruboň auch grundlegende utopische Mythen der faschistischen Ideologie bereits explizit in Tukas Schrift Krieger Christi (1921), auch wenn sie Anfang der 1920er Jahre noch nicht zu einem zusammenhängenden Gedankensystem ausgebaut worden seien: Die betonte Notwendigkeit einer nationalen und spirituellen Neugeburt, die Forderung nach einer nationalen Revolution sowie die Konstruktion einer überlegenen Ultra-Nation.[224] Mystizistische Glaubenssätze gelten generell als ein wichtiger ideologischer Bestandteil von faschistischen Bewegungen,[225] wobei die spezielle religiöse Ausprägung, wie sie die Rodobrantzen praktizierten, insbesondere dem Mystizismus der rumänischen Legionärsbewegung und der belgischen Rexisten ähnelte.[226] Die kultischen Rituale der Rodobrana im Kloster von Svätý Beňadik ähnelten aber auch jenen rituellen Veranstaltungen der deutschen Nationalsozialisten, bei denen eine Form des Neuheidentums praktiziert wurde.[227] Der von der Rodobrana betriebene Okkultismus um das Heiligblut, der dessen Mitglieder als eine elitäre Blutsgemeinschaft auswies, wurde laut Hruboň möglicherweise von den frühen Schriften des deutschen NS-Ideologen Alfred Rosenberg beeinflusst, da Tuka seit Anfang der 1920er Jahre Kontakte zur NSDAP hatte. Ähnlich wie die rumänische Legion Erzengel Michael pflegte die Rodobrana zudem einen Fetischismus um das Märtyrertum und die Anwendung von Gewalt.[228]

Hruboň (2021) betont zwar, dass die Ideologie der ersten Rodobrana erst im Nachhinein entwickelt wurde und aufgrund der kurzen Existenz der Organisation in ihrer Ausarbeitung unvollendet blieb, sie jedoch trotzdem als „kohärent“ zu bezeichnen sei.[229] Nach Anton Hruboň (2019) habe sich die Rodobrana außerdem die faschistische Rhetorik in einem solchen Ausmaß angeeignet, dass man sie als „den Grundstein der slowakischen Nationalvarietät des Faschismus“[230] bzw. als „die Mutter des slowakischen revolutionären Faschismus“ bezeichnen könne,[231] den Hruboň auch als „Rodobraner Faschismus“ (rodobranecký fašizmus) benennt.[232] Darüber hinaus habe die von den Rodobrantzen betriebene synkretische Verbindung einer sozialen und ultranationalistischen Revolution ihren späteren Ruf im Slowakischen Staat begünstigt, furchtlose „erste Kämpfer des Nationalsozialismus“ gewesen zu sein.[233]

Von einem „Rodobraner Faschismus“ spricht auch Miloslav Szabó (2019).[234] In seiner Begründung geht er einerseits von der Arbeit Roger Griffins und andererseits von der Theorie des „faschistischen Effekts“ (fascist effect) des britischen Faschismusforschers Aristotle Kallis aus. Kallis hatte mit diesem die in unterschiedlichem Ausmaß erfolgte Übernahme faschistischer Elemente durch alle antisozialistischen und antiliberalen Bewegungen und Regime der Zwischenkriegszeit beschrieben. Die Rodobrana habe „unmissverständlich den faschistischen Einfluss akzeptiert“, so Szabó.[235]

Slowakische Historiker betonen, dass ein intensiver Faschisierungsprozess bei der Rodobrana erst ab 1926 eingesetzt habe,[236] und ihre Ideologie mit Ausnahme von Tukas „Rodobraner Katechismus“ keine präzisere theoretische Ausarbeitung erfahren hat.[237]

Internationale Faschismusdebatte

In der internationalen Forschung wurde der faschistische Charakter der Rodobrana zuweilen auch zurückhaltender formuliert. Einerseits zählten Historiker wie der deutsche Faschismusforscher Ernst Nolte (1966) die Rodobrana klar zur Gruppe der „slowakischen Faschisten“.[238] Ausschlaggebend war für Nolte die Erfüllung eines „faschistischen Minimums“ von sechs Eigenschaften: Antimarxismus, Antiliberalismus, Führerprinzip, Parteiarmee, tendenzieller Antikonservatismus, Totalitätsanspruch.[239] Andererseits stellten Forscher wie der israelische Historiker Yeshayahu A. Jelinek (1971) infrage, wie klar die Prinzipien des Faschismus zum damaligen Zeitpunkt in der Slowakei waren, und „ob selbst die begeisterten lokalen Sympathisanten Mussolinis wirklich seine Lehren verstanden“. Trotz ihrer „unbezweifelbar extremistischen Orientierung“ könne die Rodobrana laut Jelinek kaum als Repräsentantin eines genuinen slowakischen Faschismus angesehen werden.[240] Ambivalente Einschätzungen zum Verhältnis der Rodobrana zum Faschismus lieferten auch der US-amerikanische Faschismusforscher Stanley Payne (1995) und die deutsche Historikerin Sabine Witt (2015). So sieht Payne den radikalen Flügel um Tuka und die Rodobrana als „stark faschistenfreundlich, wenn nicht selbst faschistisch“ an.[241] Nach Paynes kürzester Definition ist der Faschismus „eine Form des für nationale Wiedergeburt eintretenden revolutionären Ultranationalismus“.[242] In ähnlicher Weise wird die Rodobrana auch Sabine Witt einmal als „proto-faschistische Wehrorganisation“ und einmal als „faschistische Organisation“ beurteilt,[243] wobei für sie sich dazu der Faschismusdefinitionen von Roger Griffin und Emilio Gentile bedient.[244]

Den Klassifizierungen der Rodobrana als „faschistischer Organisation“ folgt der britische Historiker Thomas Lorman (2019) in seiner Monographie zur Geschichte der Slowakischen Volkspartei bis 1938,[245] der sich dabei an die ideologieanalytischen Faschismusdefinitionen von Roger Griffin, George L. Mosse, Noël O’Sullivan sowie Arbeiten von Anton Hruboň stützt.[246] Lorman betont dabei neben dem uniformierten und militaristischen Auftreten, den die Rodobrana bei Demonstrationen und Aufmärschen praktizierte, auch ihre „ultra-hierarchische“ Organisationsstruktur, den von ihr kultivierten Mystizismus sowie ihre Feindschaft gegenüber Minderheiten und der politischen Linken.[247] Gleichzeitig macht er auf besondere Spezifika bei der politischen Praxis der Rodobrantzen aufmerksam. So habe die Rodobrana, obwohl sie nach dem Vorbild der italienischen Schwarzhemden und der deutschen SA aufgebaut wurde, nie ein vergleichbares Ausmaß systematischer Gewaltanwendung entwickelt; außerdem habe sie am gemeinsamen Staat der Tschechen und Slowaken festgehalten.[248] Für den slowenischen Historiker Borut Klabjan (2006) liefert die Rodobrana den Beweis dafür, dass vor dem späteren Einfluss des deutschen Nationalsozialismus auf den Slowakischen Staat bereits der italienische Faschismus auf die politische Landschaft der Slowakei eingewirkt hat.[249]

Bedeutung der Rodobrana für die weitere Entwicklung der Hlinka-Partei

Laut Lorman (2019) seien die Rodobrantzen innerhalb der Hlinka-Partei die erste von mehreren, im Laufe der Zeit entstandenen Lobbygruppen (pressure groupe) des rechtsradikalen bzw. faschistischen Flügels gewesen. Wie später auch der Nástup-Kreis und die Hlinka-Garde habe sich die Rodobrana um eine Ausweitung ihres innerparteilichen Einflusses bemüht. Lorman hebt insbesondere hervor, dass einerseits jede dieser Lobbygruppen mithalf, die rechtsradikale Ideologie innerhalb der Hlinka-Partei populär zu machen, und andererseits dabei jedes Mal einen Teil des „gemäßigten“ Flügels von der Partei zu entfremden.[250] Die Rodobrana habe jedenfalls „die erste ernsthafte Bemühung in der Slowakei zur Popularisierung des Faschismus“ dargestellt, welche eine „signifikante Unterstützung“ gewinnen konnte.[251] Ähnlich sieht auch Sabine Witt (2015) in Tukas Rodobrana die primäre Auslösung für die erste Radikalisierung der Ludaken, deren Intensität aber noch geringer ausgefallen sei als die Radikalisierung der Gesamtpartei im Zuge der Aktivitäten der Nástup-Gruppe in den 1930er Jahren.[252]

Laut Hruboň (2020) war die erste Rodobrana vor allem wegen ihrer innerparteilichen Dynamik von Bedeutung, da sie innerhalb ihrer Strukturen den „revolutionären Kern“ der Ludaken integriert und geformt habe. Die Auflösung der Organisation habe an deren Revolutionsgedanken nichts geändert. Die Vision der „neuen Slowakei“ und eines „besseren Morgens“ der slowakischen Nation, zu denen sich die Rodobrana bekannte, sei in den Köpfen der jungen Generation erhalten geblieben, auch wenn diese erste faschistische Plattform der Hlinka-Partei 1929 aufgelöst wurde.[253] Darüber hinaus sieht Hruboň (2021) bei der jungen radikalisierten Generation der Ludaken, die personell und ideologisch der Rodobrana verbunden waren, auch die Hauptverantwortung für die Biologisierung des Antisemitismus innerhalb der Hlinka-Partei. Auf Parteiebene sei dies spätestens seit Mitte der 1930er Jahre rhetorisch und mit dem Judenkodex 1941 im Slowakischen Staat auch offiziell juristisch vertreten worden. Hruboň konstatiert: „Die Ideen der Rodobrana blieben ihnen auch nach ihrer Auflösung im Jahr 1929 erhalten und hatten später einen indirekten Einfluss auf das ideologische Gerüst der wiederbelebten Rodobrana – der Hlinka-Garde.“[254]

Auch Miloslav Szabó (2012) betont die vielfachen Überschneidungen zwischen der ersten Rodobrana und der späteren Hlinka-Garde: „Sowohl Rodobrana als auch Hlinka-Garde betrachteten sich als politische Streitkräfte für die Autonomie bzw. Unabhängigkeit der Slowakei, die ihren Führern zufolge den Kampf gegen eine Phalanx ‚innerer Feinde‘ erforderte: Juden, Tschechen, Bolschewisten.“[255]

Nachwirkungen im slowakischen Neofaschismus

Parteichef Marian Kotleba und zwei Mitstreiter im grünen Parteihemd der ĽSNS (2010)
Milan Uhrík (2024) ehemaliger Vizevorsitzender der Kotleba-Partei und seit 2021 Parteivorsitzender der Abspaltung Republika

In der Slowakei erweckte die Mitte der 1990er Jahre gegründete neonazistische Vereinigung Slovenská pospolitosť („Slowakische Gemeinschaft“) öffentliche Aufmerksamkeit, als sie mit Uniformen und Symbolen auftrat, die jener der Rodobrana und des späteren Slowakischen Staates ähnelten.[256] Seit 2005 existiert unter dem Namen Rodobrana eine slowakische neonazistische Band,[257] und im Jahr 2012 wurde eine Internetseite gegründet, die ihren Namen laut eigenen Angaben von der gleichnamigen historischen Zeitschrift übernommen hat. Sie möchte dabei einen „Mangel an slowakischer nationalistischer Berichterstattung“ ausfüllen.[258] Vojtech Tukas programmatische Schrift des „Rodobraner Katechismus“ von 1928 wurde im Jahr 2013 im Rahmen des Bandes Dokumenty k ideológii slovenských národovcov v prvej polovici 20. storočia („Dokumente zur Ideologie der slowakischen Patrioten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“) wiederveröffentlicht. Herausgeber war der Historiker Pavol Demjanič, der für das Slowakische Historische Institut in Rom (Slovenský historický úrad v Ríme) arbeitet. Demjanič kandidierte im Jahr 2010 auf der Wahlliste der neonazistische Partei ĽSNS von Marian Kotleba.[259]

Kotlebas ĽSNS zog bei der Nationalratswahl im März 2016 mit 8 Prozent der Wählerstimmen und 14 Abgeordneten erstmals in das slowakische Parlament ein. Ab April 2016 patrouillierten uniformierte Aktivisten der Partei in drei slowakischen Zuglinien unter dem Vorwand, „weiße“ Passagiere vor einer sogenannten „Zigeuner-Kriminalität“ schützen zu wollen. Den Anlass lieferte ein kurz zuvor erfolgter Überfall auf eine 21-jährige Zugreisende. Auf Flugblättern rief Kotleba zur Gründung einer Domobrana („Heimwehr“) auf, da die slowakische Polizei und der Staat nicht in der Lage seien, die „anständigen Leute“ zu schützen. Die erste Zug-Patrouille wurde vom ĽSNS-Abgeordneten Peter Krupa geleitet, der eine auf ihn zugelassene Pistole mit sich führte. Experten für Extremismus beurteilten dies als Versuch einer Wiederbegründung der früheren Rodobrana, die die Elite innerhalb der späteren Hlinka-Garde gebildet und im Zweiten Weltkrieg Tschechen, Juden und politische Gegner des Ludaken-Regimes verfolgt habe. Die Rektorin der slowakischen Polizeiakademie, Lucia Kurilovská, sagte dazu, es sei undenkbar, dass irgendwelche Gruppen „die Gerechtigkeit in die eigene Hand nehmen“.[260] Polizeipräsident Tibor Gašpar appellierte an die Politiker, sie mögen die Tätigkeit der verfassungsgemäßen Staatsorgane respektieren und Versuche unterlassen, diese durch andere ersetzen.[261] Die slowakische Regierung erließ 2017 neue gesetzliche Regelungen, nach denen die Sicherheit ausschließlich unter die Zuständigkeit der Polizei oder der Verkehrsbehörden fällt. Die Aktivisten der ĽSNS setzten ihre Patrouillen in den Zügen jedoch fort. Eine Polizeisprecherin erklärte, dass man diese Personen nicht wegen ihres grünen Parteihemds belangen könne und sie über gültige Fahrtickets verfügten.[262] Die Zug-Patrouillen der ĽSNS führten zu keiner einzigen Festnahme eines Kriminellen, wurden jedoch von Medien als der erfolgreichste propagandistische Schachzug der Partei beurteilt. 2018 ließ die Aktivität der ĽSNS in den Zügen nach.[263] Anträge der Kotleba-Partei zur Gründung einer „Heimwehr“ wurden 2019 von einem Sprecher der slowakischen Generalstaatsanwaltschaft zurückgewiesen, der ebenfalls auf das historische Vorbild der Rodobrana verwies.[264]

Im Jahr 2017 empfahl Kotleba in einem Interview für die slowakische Desinformationsseite InfoVojna („InfoKrieg“) das Lesen des berühmtesten antisemitischen Pamphlets Protokolle der Weisen von Zion als Lektüre, da diese einen „Plan [...] zur Liquidierung von allem Nationalen und Christlichen“ erläutere.[265] Die slowakische Soziologin Zuzana Panczová (2020) hebt dabei hervor, dass die erste slowakische Übersetzung der Protokolle, ein Text, der „wie kein anderer [...] den antisemitischen Verschwörungsdiskurs geprägt hat“,[266] vom Rodobrana-Veteranen Jozef Bílik Záhorský stammt, wobei ihm als Basis dafür ältere tschechische Übersetzungen dienten.[267] Bílik Záhorský veröffentlichte das Buch zunächst in Eigeninitiative 1939 im Selbstverlag in Trnava, es wurde jedoch bereits 1940 auch vom Gardista, dem Presseorgan der Hlinka-Garde, ebenfalls publiziert.[268] Bílik Záhorský galt um die Jahreswende 1938/39 als ein bedeutender Theoretiker jener radikalen Hlinka-Gardisten, die sich in der zweiten Rodobrana (1938–1940) organisierten.[269]

Die von jungen Mitgliedern der Kotleba-Partei 2018 gegründete Internetplattform KulturBlog, die sich inhaltlich an US-amerikanischen Alt-Right-Strömungen um Brittany Pettibone und Laurene Southern orientiert,[270] wirbt auf ihrer Website mit dem slowakischen Dichter Andrej Žarnov,[271] der einer der Redakteure der faschistischen Zeitschrift Rodobrana war. Seit der Spaltung der Kotleba-Partei im Jahr 2021 stellte der KulturBlog seine Unterstützung für die Kotlebianer ein und favorisiert nun die von den abgespaltenen jungen Mitgliedern Milan Uhrík und Milan Mazurek neugegründete Republika-Bewegung, wobei Mazurek selbst auch zu den Mitbegründern des KulturBlog zählt.[272] Milan Uhrík, der Vorsitzende der Republika-Bewegung, welche slowakische Faschismusforscher ideologisch im Neofaschismus verankert sehen,[273] unterstützte von 2016 bis 2018 als damaliger Vizevorsitzender der Kotleba-Partei die durchgeführten Zug-Patrouillen von uniformierten Parteimitgliedern, die von Extremismusforschern als versuchte Neuauflage der historischen Rodobrana kritisiert wurden.[274]

Anhang

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