Rosalie Rayner
US-amerikanische Psychologin
From Wikipedia, the free encyclopedia
Rosalie Alberta Rayner (Ehename: Rosalie Rayner Watson, * 25. September 1898 in Baltimore; † 18. Juni 1935 in Norwalk) war eine US-amerikanische Forschungsassistentin von John B. Watson an der Johns Hopkins University in Baltimore.[1][2]

Leben
Sie stammte aus einer geachteten jüdisch-deutschen Familie aus Maryland. Ihr Vater, Albert William Rayner, war, wie ebenfalls ihr Großvater William Solomon Rayner, als Geschäftsmann eine angesehene Persönlichkeit in Baltimore. Ihr Onkel, Isidor Rayner, war Senator von Maryland, leitete die öffentlichen Untersuchungen zum Untergang der Titanic und war von 1899 bis 1903 Generalstaatsanwalt von Maryland. Ihre Mutter war Rebecca Selner Rayner, zudem hatte sie die Schwester Evelyn. William Rayner, der das Familienvermögen im Eisenbahn-, Bergbau- und Schiffbaugeschäft begründet hatte, war ein großzügiger Unterstützer der Johns Hopkins University. Sie studierte gemeinsam mit Mary Cover Jones am Vassar College und erwarb hier einen B.A.
Nach ihrem Abschluss am Vassar Colleg im Jahr 1919 schrieb sie sich für ein Aufbaustudium an der Johns Hopkins University ein. Hier wurde sie Forschungsassistentin des Behavioristen John B. Watson und wurde für ihre Mitwirkung bei der Konditionierung des Säuglings Albert und als Mitautorin dieser bahnbrechenden Arbeit über konditionierte emotionale Reaktionen bekannt. Sie war ebenfalls beteiligt an der Arbeit von Mary Cover Jones zum Abbau von Ängsten; dieses Verfahren wurde später von Joseph Wolpe wiederentdeckt und zu dem sog. systematischen Desensibilisierungsverfahren[3] ausgebaut.
Eine Folge dieser Zusammenarbeit war eine Affäre zwischen Watson und Rosalie Rayner, die Watsons öffentlichkeitswirksame Scheidung von seiner Frau Mary Ickes auslöste. Watson hatte während seines Studiums Mary Ickes, die Schwester des Politikers Harold L. Ickes geheiratet. Sie hatten zwei Kinder, die ebenfalls John und Mary Ickes Watson hießen. Bei der Durchsuchung von Rayners Zimmer entdeckte Mary Liebesbriefe von Watson.[4] Die Affäre sorgte in Baltimore für Schlagzeilen. Die öffentliche Aufmerksamkeit führte dazu, dass die Johns Hopkins University Watson im Oktober 1920 zum Rücktritt von seiner Dozentenstelle aufforderte und er die akademische Welt verlassen musste.[5] Das Paar zog daraufhin nach Connecticut und Watson begann für die Werbeagentur J. Walter Thompson zu arbeiten; seine Arbeit in diesem Bereich beeinflusste die Anwendung psychologischer Prinzipien in Werbung und Marketing nachhaltig.
Auch Rosalie Rayner verließ die Universität, ohne ihr Studium abzuschließen. Sie heiratete am 31. Dezember 1920 ihren ehemaligen Betreuer, John B. Watson. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor, William Rayner Watson (1921) und James Broadus Watson (1924), die nach behavioristischen Prinzipien erzogen wurden.
Im ersten Jahr ihrer Ehe verfassten beide gemeinsam die „Studien zur Säuglingspsychologie“, in dem Artikel werden ihre Untersuchungen von über 500 Kindern in verschiedenen Entwicklungsstadien zusammengefasst. Darin kamen sie zu dem Schluss, dass Verhalten stets die Folge eines Reizes ist und dass, wenn der Zusammenhang zwischen Reiz und ausgelöstem Verhalten rechtzeitig erkannt würde, akzeptablere Formen des Gefühlsausdrucks vermittelt werden könnten. Weiterhin glaubten sie, dass Erfahrungen die Persönlichkeit im Wesentlichen bis zum zweiten Lebensjahr prägen. Daher plädierten sie dafür, dass Eltern Verantwortung für das Umfeld übernehmen, in dem sie ihre Kinder erziehen, und dass Erziehung auf Vernunft und nicht auf Emotionen beruhen sollte. Dies ebnete den Weg für das Buch „Psychologische Betreuung von Säuglingen und Kindern“, das zum beliebtesten Ratgeber für Kindererziehung ihrer Zeit wurde. In dem Buch warnen sie davor, ein Kind zu streicheln, da Mutterliebe ein „gefährliches Instrument“ sei, ein Instrument, „das eine nie heilende Wunde verursachen kann, eine Wunde, die die Kindheit unglücklich, die Pubertät zum Albtraum macht, ein Instrument, das die berufliche Zukunft Ihres erwachsenen Sohnes oder Ihrer Tochter und deren Chancen auf ein glückliches Eheleben zerstören kann“.
Ihr erster allein verfasster Artikel, „I am the Mother of a Behaviorist’s Sons“ (dt. Ich bin die Mutter der Söhne eines Behavioristen) von 1930, ist der einzige Zugang zu ihren eigenen Ansichten. Sie offenbarte darin Unbeschwertheit, emotionale Wärme und eine offenkundige Zuneigung zu ihren Söhnen. In Bezug auf den Behaviorismus als Erziehungsmethode wirkte sie zutiefst zerrissen: „In mancher Hinsicht beuge ich mich der großen Weisheit der behavioristischen Wissenschaft, in anderer Hinsicht bin ich rebellisch … Ich kann meine Zuneigung zu den Kindern nicht völlig unterdrücken.“ Ich wünschte mir insgeheim, dass sie, was ihre Zuneigung angeht, später einmal etwas weichherzig sein würden, dass sie ein wenig Verwöhnung genießen würden … dass sie Tränen in den Augen hätten für die Poesie und das Drama des Lebens und ein Herz für Romantik. Kurioserweise beschrieb sie also in dem einzigen Artikel, den sie allein verfasste, den Behaviorismus im häuslichen Umfeld eher negativ. In ihrem Artikel „Welche Zukunft hat die Mutterschaft?“ aus dem Jahr 1932 thematisierte sie die umfassendere Frage nach der Umstrukturierung der Familie, die von Feministinnen und anderen Sozialreformerinnen und -reformern diskutiert wurde. Obwohl sie nicht durchgehend feministisch eingestellt war, unterschied sich ihre Perspektive deutlich von der ihres Mannes. Sie sah die Zukunft so, dass Kinderbetreuung und andere Hausarbeiten kollektiviert würden, wie es in der Sowjetunion erprobt wurde, wodurch Frauen für beliebige Tätigkeiten freigestellt würden. Offensichtlich hatte sie die Laborarbeit längst hinter sich gelassen, und ihre Beiträge sollten nicht auf die „Verhaltenspsychologie“ reduziert werden.
Sie starb im Alter von 36 Jahren; Todesursache war Ruhr, die sie sich nach dem Verzehr von verdorbenem Obst zugezogen hatte. Ihr Ehemann war von ihrem Tod sehr betroffen und heiratete nie wieder. In der letzten Phase seines Lebens verschlechterte sich sein ohnehin schon schlechtes Verhältnis zu seinen Kindern zunehmend. Beide Söhne erkrankten im Erwachsenenalter an Depressionen. Wie ihre Halbschwester Mary Ickes Watson unternahmen auch beide Söhne einen Suizidversuch, der für William 1954 in einem erfolgreichen Suizid endete.
Publikationen (Auswahl)
- Monografien
- Mit John B. Watson; Mary Cover Jones: Conditioned Emotional Reactions: The Case of Little Albert (Psychology Classics, Band 1). CreateSpace, North Charleston 2013, ISBN 978-1-4819-5046-6.
- Mit John Broadus Watson: Psychological care of infant and child. Ww Norton, New York 1928.
- Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
- What future has motherhood? In: Psychology Magazine, 1932, S. 46-47; S. 63-66 (Nachdruck in: Revista de Historia de la Psicología, 2014, 35 (1), S. 71–78.)
- I am the mother of a behaviorist’s sons. In: Parent’s Magazine & Better Family Living, 1930, 5 (12), S. 16–18.
- Mit John B. Watson: Studies in infant psychology. In: The Scientific Monthly, 1921, S. 493–515.
- Mit John B. Watson: Conditioned emotional reactions. In: Journal of Experimental Psychology, 1920, 3 (1), S. 1–14.
Weblinks
- Kendra Cherry: Biography of Psychologist John B. Watson auf verywell mind, abgerufen am 16. Februar 2026.
- Jairo Rozo; Laura Bayona; Andrés Cortés; Andrés Pérez: Rosalie Rayner: la historia invisibilizada del experimento del pequeño Albert auf ripehp.com, abgerufen am 16. Februar 2026.
- Rosalie Rayner: Villain or Victim? The untold story of Behaviorism’s first lady auf YouTube, abgerufen am 16. Februar 2026.
- John Watson - Little Albert auf YouTube, abgerufen am 16. Februar 2026.
Literatur
- B. Harris: Archival oddities: Rosalie Rayner's application to take graduate classes. In: Hist. Psychol., 2023, 26 (3), S. 279–281.
- Ben Harris: Journals, Referees, and Gatekeepers in the Dispute Over Little Albert, 2009–2014. In: History of Psychology, 2020, 23 (2), S. 103–121.
- B. Harris: Rosalie Rayner, feminist? In: Revista de Historia de la Psicología, 2014, 35 (1), S. 61–70.
- C. Duke; S. Fried; W. Pliley; D. Walker: Contributions to the history of psychology: LIX. Rosalie Rayner Watson: The mother of a behaviorist's sons. In: Psychological Reports, 1989, 65 (1), S. 163–169.
- M. J. Hannush: John. B. Watson remembered: An interview with James B. Watson. In: Journal of the History of the Behavioral Sciences, 1987, 23 (1), S. 137–151.
- B. Harris: Whatever happened to little Albert? In: American Psychologist, 1979, 34 (2), 151–160.