Rudolf Thormann

Schweizer Ingenieur und konservativer Politiker From Wikipedia, the free encyclopedia

Rudolf Friedrich Thormann (* 17. Dezember 1821 in Bern; † 6. Februar 1871 ebenda) war ein Schweizer Ingenieur und konservativer Politiker.

Leben

Familie

Thormann entstammte einer in Bern ansässigen Familie. Das Patriziergeschlecht der Thormann blickte auf eine lange Geschichte städtischer Mitgestaltung zurück – bereits 1294 zählte es Mitglieder des Grossen Rates, und seit 1302 war es im Kleinen Rat vertreten.[1][2]

Sein Vater Rudolf Gottlieb (* 24. März 1792 in Bern; † 23. Januar 1850 ebenda)[3] war Zollschreiber und Oberzollverwalter; seine Mutter hiess Magdalena Henriette Margaretha (* 5. März 1799 in Bern; † 5. September 1834 ebenda) und war die Tochter des Offiziers in holländischen Diensten im Regiment Stürler, Friedrich von Diesbach (1765–1842). Er hatte noch vier leibliche Geschwister und drei Halbgeschwister aus der zweiten Ehe seines Vaters.

Zu seinen Vorfahren gehörte der Politiker Franz Thormann (1715–1779)[4]

Im Jahr 1850 verlobte sich Thormann mit Salome Elisabeth Maria Emma (* 17. April 1830 in Bern; † 1898), die Tochter von Rudolf Albrecht Sigmund von Erlach (1797–1858), eines Hauptmanns und Mitglieds des Berner Stadtrats. Im darauffolgenden Jahr erfolgte die Hochzeit. Das Paar bekam sechs Kinder.

Seine Enkelin Katharina Thormann war verheiratet mit dem Unternehmer Georg Wander.

Frühe Ausbildung

Er erhielt seine erste Schulausbildung in der Privatschule der Herren Wenger und Wagner.

Gegen Ende 1835 trat Thormann als Zögling in die kaiserlich-königliche österreichische Ingenieur-Akademie in Wien ein. Diese Institution folgte innovativen pädagogischen Grundsätzen, die sich bewusst vom damaligen absolutistischen Staatssystem absetzten. Neben der Vermittlung von Kriegs- und Ingenieurwissenschaften legte sie besonderen Wert auf die Entwicklung von Charakterfestigkeit und persönlicher Selbstständigkeit ihrer Schüler. Thormann durchlief die oberen Jahrgänge der Akademie, wurde jedoch durch ein schweres Nervenfieber in seinem Austritt verzögert. Erst 1842 erhielt er seine Beförderung zum Unterleutnant 1. Klasse im österreichischen Ingenieurkorps.

Militärische Laufbahn in Österreich

Thormanns beruflicher Werdegang fiel in eine Zeit, in der die europäische Befestigungskunst eine grundlegende Umgestaltung erfuhr. In den 1830er Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt der Festungskonstruktion von massiven Hauptwällen hin zu verschanzten Lagern mit vorgelagerten Forts. Diese neue Strategie sollte den operierenden Heeren sichere Rückzugspunkte bieten und gleichzeitig durch Streuung der Verteidigungsanlagen das Bombardement erschweren.

Für Thormanns fachliche Entwicklung erwies sich seine erste Dienststelle als entscheidend: Er wurde nach Verona versetzt, wo diese modernen Befestigungsprinzipien am konsequentesten umgesetzt wurden. Durch seine Arbeit erwarb er sich die Anerkennung seiner Vorgesetzten, weshalb er – entgegen der üblichen Praxis häufiger Versetzungen jüngerer Offiziere – bis zum Jahr 1848 in Verona verblieb.

Der Italienfeldzug 1848–1849

Mit dem Aufstand der Lombardei 1848 (siehe Revolutionen 1848/1849) trat Thormann in die intensivste Phase seiner militärischen Karriere. Als Feldmarschall Josef Wenzel Radetzky von Radetz sich von Mailand zurückzog und das Festungsviereck (bestehend aus Verona, Mantua, Peschiera und Legnago) als Operationsstützpunkt nutzte, erhielt der inzwischen zum Oberleutnant beförderte Thormann den Befehl, nach Legnago zu eilen. Dort sollte er unzuverlässige Garnisonsangehörige unter Kontrolle halten und die Festung in Verteidigungsbereitschaft versetzen.

Im darauffolgenden Winter führte Thormann Befestigungs- und Hafenbauarbeiten in Riva del Garda am Gardasee durch. Während des Feldzugs im Piemont 1849 unterstand ihm die Kontrolle über das Castello Sforzesco in Mailand.

Er leitete 1849 die Angriffsarbeiten gegen das zuerst belagerte Fort Malghera von Norden her von Campalto aus. Im weiteren Verlauf der Operationen gegen Venedig selbst wurde er zum Caposile beordert, um Abwasserarbeiten durchzuführen und den Silefluss in die Lagunen umzuleiten.

Kurz nach seiner Ankunft befiel ihn das Sumpffieber mit grosser Heftigkeit. Sein sieben Mann starkes Genie-Detachement wurde derart stark von der Krankheit heimgesucht, dass es innerhalb von vierzehn Tagen zweimal komplett neu besetzt werden musste. Sein Zustand verschlimmerte sich so kritisch, dass er zur Genesung nach Riva verlegt wurde.

1850 erfolgte seine Beförderung zum Hauptmann.[5]

Jahre in Mainz und Rückkehr nach Bern

Im Jahr 1850 wurde ihm die Position des Chefs der österreichischen Genie-Abteilung in der deutschen Bundesfestung Mainz zugewiesen.

In Mainz konnte Thormann die Organisationsstrukturen anderer europäischer Armeen studieren. Seine Position war allerdings durch ein Spannungsverhältnis geprägt: formal unterstand seine Abteilung dem preussischen Genie-Direktor, doch musste Thormann zugleich die speziellen österreichischen Instruktionen beachten. Diese diplomatisch heikle Doppelposition wurde durch die politischen Spannungen zwischen Österreich und Preussen nach 1850 zusätzlich erschwert, als täglich mit einem Kriegsausbruch gerechnet wurde (siehe Herbstkrise 1850). Thormann bewies Geschick und Einsicht und wahrte die ihm anvertrauten Interessen nach allen Richtungen. Seine zahlreichen Ausflüge nach Koblenz, Darmstadt und Wiesbaden gaben ihm Einblicke in die preussischen und deutschen Verhältnisse. Er unterschied scharf zwischen der älteren Offiziergeneration – geprägt von der Erinnerung an die napoleonischen Kriege und einem Gefühl der Waffenbrüderschaft mit dem Kaiserstaat – und der jüngeren, die für Österreich in Deutschland keinen Platz sah.

Ausscheiden aus dem Militärdienst

Ein Kehlkopfleiden führte Thormann 1855 nach Bad Ems. Der Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmend, und er beschloss seinen Austritt aus der österreichischen Armee. Charakteristisch für seine Gesinnung war sein Verzicht auf den Majorsrang, den ihm Österreich als Anerkennung seiner Dienstleistungen angeboten hatte.

Öffentliche Tätigkeit in Bern

Nach seiner Rückkehr nach Bern berief ihn im Dezember 1858 das Vertrauen seiner Mitbürger in den Einwohnergemeinderat. Er beteiligte sich kenntnisreich und gewissenhaft an dessen Beratungen.

Als grundsätzlicher Gegner jeder Zweckentfremdung öffentlicher Mittel bekämpfte Thormann Versuche solcher Art. Über mehrere Jahre wirkte er als Mitglied und Präsident verschiedener städtischer Kommissionen: der Organisationskommission, der Baukommission, der Stadterweiterungskommission sowie der March- und Katasterkommission, die sich mit dem Vermessungs- und Katasterwesen befasste. Unter seiner Leitung entstand ein rationelles Strassennetz für Bern und erfolgreich war die systematische äussere Restauration des Berner Münsters.

Thormann war im Verwaltungsrat der Berner Baugesellschaft, deren moderne Neubauten zur Verschönerung Berns beitrugen, und unterstützte die Gesellschaft für Arbeiterwohnungen. Als Präsident des Verwaltungsrates der Papierfabrik in Worblaufen arbeitete er daran, das gefährdete Aktienkapital zu stabilisieren und letztlich einen wachsenden Reingewinn zu erzielen.

Kantonale und politische Tätigkeiten

Thormann wurde 1862 und 1866 von der Münstergemeinde zum Mitglied des Grossen Rates gewählt und von diesem in die Staatswirtschaftskommission berufen.

1870 lehnte Thormann aus gesundheitlichen Gründen eine Wiederwahl ab. Auch seine Gemeinderatsverpflichtungen musste er bald aufgeben.

Krankheit und Tod

Seit dem Sommer 1870 litt er an einer chronischen Heiserkeit. Ein Kuraufenthalt in Clarens im Herbst brachte keine Besserung. Die Krankheit entwickelte sich zu einer Hals- und Lungenschwindsucht, die sich rasch verschlimmerte. Am Abend des 6. Februar 1871 starb Rudolf Thormann im Kreise seiner Familie.

Ehrungen und Auszeichnungen

Für seine Leistungen während der Kriegsjahre 1848 und 1849 verlieh ihm Österreich 1850 das Militärverdienstkreuz.[6]

Literatur

Einzelnachweise

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