Samuel Kummer
deutscher Organist
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Samuel Kummer (* 28. Februar 1968 in Stuttgart; † 23. April 2024 in Dresden) war ein deutscher Organist und Kirchenmusiker. Er war von 2005 bis 2022 der erste Organist an der wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche.

Leben und Wirken
Ausbildung
Samuel Kummer besuchte als Schüler das Evangelische Schulzentrum in Michelbach an der Bilz[1] und bekam bis zum Abitur Orgelunterricht von Christoph Bossert. Sodann studierte er Kirchenmusik an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Seine Orgellehrer waren Werner Jacob und Ludger Lohmann; Orgelimprovisation studierte er bei Willibald Bezler, Hans Martin Corrinth und Wolfgang Seifen. Er erhielt Anregungen auch in Meisterkursen bei Marie-Claire Alain, Hans Fagius, Lorenzo Ghielmi und Daniel Roth.[2][3]
1997 legte er das A-Examen mit einer Auszeichnung im Fach Orgelimprovisation ab. Im Anschluss daran absolvierte er das obligatorische Kirchenmusikpraktikum bei Dörte Maria Packeiser an der evangelischen Pauluskirche in Heidenheim.[4]
Tätigkeiten
Ab 1998 war Kummer als Bezirkskantor an der Martinskirche in Kirchheim unter Teck tätig.[5] Im Jahr 2005 wechselte er an die wiederaufgebaute Frauenkirche in Dresden. Ab 2007 war er zudem Dozent für Orgelliteraturspiel und Liturgisches Orgelspiel an der Hochschule für Kirchenmusik Dresden.[6]
An der Frauenkirche in Dresden konnte Kummer seine besonderen Orgelimprovisationsfähigkeiten in zahlreichen liturgischen und konzertanten Diensten entfalten. Er initiierte die Orgelreihen „Dresdner Orgelzyklus“, „Bachzyklus“ (mehrfache Gesamtaufführungen des Bach’schen Orgelwerks, eng am Kirchenjahr ausgerichtet), „Literarische Orgelnacht“ und „Orgelmusik bei Kerzenschein“.
Konzertengagements führten Kummer in die Niederlande, das Baltikum, Polen, Ungarn, Russland sowie die USA und Mittelamerika. Er wurde zu renommierten Konzertreihen wie dem Europäischen Orgelfestival nach Maastricht und dem Internationalen Bachfestival nach Warschau eingeladen.[7] Auch als Juror bei Orgelwettbewerben war er gefragt.[8]
Im Sommersemester 2024, nach der Kündigung in Dresden, übernahm er eine 50-prozentige Lehrstuhlvertretung der Professur von Christoph Bossert an der Hochschule für Musik Würzburg[8] und hätte künftig einen Lehrauftrag für Orgelimprovisation an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar erfüllen sollen.[9]
Kündigung in Dresden
Anfang 2022 kündigte die Stiftung Frauenkirche Dresden Kummers Arbeitsverhältnis zum September 2022. Er soll oft unpünktlich oder abwesend gewesen sein.[10] Vor der Kündigung soll Kummer mehr als ein dutzend Mal abgemahnt worden sein. Angeblich gab es zahlreiche Gespräche mit ihm, die aber zu keiner Lösung führten. Kummer klagte gegen die Kündigung. Er bestritt, häufig unpünktlich gewesen zu sein. Er bestritt auch, „mehr als ein Dutzend wirksame Abmahnungen in 17 Jahren“ erhalten zu haben. Er verwies darauf, dass er ein enormes Arbeitspensum mit insgesamt rund 7000 Diensten sowie mit mehr als 30 Orgelkonzerten pro Jahr erfüllt habe.[11]
Im Dezember 2022 wurde berichtet, dass sechs namhafte Kirchenmusiker, unter anderem Holger Gehring, Martin Strohhäcker und Roderich Kreile, in einem offenen Brief für eine Rücknahme der Kündigung warben. Auch der frühere Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche, der Theologe und Politiker Frank Richter, sprach sich engagiert gegen die Kündigung aus.[12] Im Dezember 2022 wurde eine diesbezügliche Online-Petition gestartet, die binnen einer Woche das Sammelziel von 800 Unterschriften und insgesamt mehr als 1300 Unterschriften erreichte.[13]
Im Juni 2023 urteilte das Arbeitsgericht Dresden, dass die Kündigung wirksam sei, und auch die mehr als ein Dutzend Abmahnungen seien zulässig gewesen. In einer mündlichen Verhandlung hatten sich die beiden Parteien nicht auf einen Kompromiss einigen können.[14] Das Urteil wurde nicht rechtskräftig, da Kummer Berufung beim Landesarbeitsgericht eingelegt hatte; die Verhandlung sollte im Mai 2024 stattfinden.[15] Die Organistenstelle wurde Mitte Januar 2024 neu ausgeschrieben.[16]
Tod
Am 14. April 2024 spielte Kummer sein letztes Orgelkonzert. Dabei interpretierte er Werke von Bach und Max Reger auf der von ihm besonders geschätzten Link-Orgel der evangelischen Stadtkirche in Giengen an der Brenz.[4]
Samuel Kummer brach am 23. April 2024 im Dresdner Hauptbahnhof zusammen und starb im Alter von 56 Jahren.[16] Die Trauerfeier fand am 8. Mai 2024 in der Dresdner Christuskirche statt, anschließend erfolgte die Beisetzung auf dem Dresdner Johannisfriedhof.[17][18] Am Abend gaben mehrere Organisten gemeinsam ein Gedenkkonzert in der Kreuzkirche zu Ehren von Samuel Kummer.[19]
Niklas Jahn wurde Kummers Nachfolger an der Frauenkirche.[20]
Kompositionen (Auswahl)
Die genannten Kompositionen liegen zumeist als Manuskript vor.
- Begleitsätze in Tasten-Spiele – Das Klavierbuch zum Evangelischen Gesangbuch. Strube, München 2002[21]
- Orgeltranskription von Sätzen des Deutschen Requiems von Brahms
- Phantasie über „Christ lag in Todesbanden“ (2016)
- Choral varié über „Es kommt ein Schiff geladen“ (2016)
- Symphonischer Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ (2017)
- Choralbearbeitung „Mit Fried und Freud ich fahr dahin“, Canon alla quinta (2017), Christoph Bossert gewidmet. Nach Kummers Tod spielte Bossert diese Choralbearbeitung zum Gedenken an Kummer.[22]
- Neun Meditationen über „Vater unser im Himmelreich“ (2017)
- Introduktion und Fuge über den Namen L-A-D-E-G-A-S-T (2018)
- Präludium über den Choral „Du meine Seele singe“ (2020)[23]
- Ergänzung der unvollendeten Fuga a 3 Soggetti in der Kunst der Fuge: Ausbau der unvollständig überlieferten Fuge mit drei Themen zu einer Fuge mit vier Themen (Einspielung 2020)[24]
- „Perpetuum mobile“ (2024)
Einspielungen
- Frauenkirche Dresden – Orgelmusik von Bach & Duruflé. Carus (2005, Neuauflage 2021)
- Louis Vierne: Symphonies No. 3 and 5. Carus (2008)
- 300 Jahre Silbermann-Orgel St. Georg Kirche Großkmehlen. Jubal (2018)
- Bach: The Art of Fugue. Aeolus (2021). Kummer spielte die Fuga a 3 Soggetti zweifach ein: in der überlieferten unvollendeten Form und in der von ihm vollendeten Fassung.[25]
Auszeichnungen
- 1996: Erster Platz beim Concours L’Europe et L’Orgue in Maastricht[7]
- 2008: Diapason d’or für die CD mit den Sinfonien Nr. 3 und 5 von Louis Vierne[26]
- 2021: Preis der deutschen Schallplattenkritik und drei weitere Auszeichnungen für seine Einspielung der Kunst der Fuge[27]
Würdigungen (Auswahl)
- Der Musikwissenschaftler Bernhard Schrammek schrieb in seiner Rezension zu Kummers Einspielung der Kunst der Fuge: „Samuel Kummer spielt virtuos, mitreißend, überlegt – er ist immer Herr über das Stück; bei Stimmkreuzungen auch mal mit einer Hand auf zwei Manuelen [sic] gleichzeitig.“[28]
- Nach Kummers Tod würdigte ihn Markus Kaufmann, Kantor an der Nikolaikirche Leipzig, mit den Worten: „Samuel Kummer konnte als Organist und Komponist mit Händen und Füßen die Gegenwart Gottes zum Klingen bringen. Über sein Wirken als international geschätzter Musiker hinaus, gab er seine Idee des Orgelspiels weiter – empathisch, ideenreich und stets mit dem profunden Blick auf den gesamten Menschen.“[29]
- Aus einem Nachruf des Musikredakteurs Claus Fischer für den MDR: „Er ist weltweit zugange gewesen, immer geachtet, anerkannt, vor allem seine Qualitäten bei der Orgelimprovisation. Das kann ja nun bei Weitem nicht jeder!“[30]
Weblinks
Nachrufe
- Christoph Bossert: Mein Nachruf auf Samuel Kummer (PDF; 0,2 MB)
- Annette Herr: Herausragender Künstler unserer Zeit. In: Dresdner Neueste Nachrichten
- Friedrich Christoph Ilgner: Samuel Kummer – ein Nachruf. In: Klanggut, Zeitschrift für Kirchenmusik der EvLKS
- Dörte Maria Packeiser: Zum Gedenken an den Frauenkirchenorganisten Samuel Kummer. In: Forum Kirchenmusik (PDF; 1,4 MB)
- Nachruf seiner Dresdner Orgelschüler. In: Ars Organi, September 2024 (PDF; 2 MB)
- Zum Tod von Samuel Kummer: Ein Musiker von Rang aus Kirchheim. In: Der Teckbote, 25. April 2024.
Videos auf YouTube
- Samuel Kummers YouTube-Kanal
- Orgelspiel von Kummer auf dem YouTube-Kanal der Frauenkirche
- Themenseite Samuel Kummer
- Max Reger: Variationen und Fuge über ein Originalthema op. 73, Samuel Kummer spielt an der Konzertsaal-Orgel der HMDK Stuttgart (1997, live)