Sandro Castro

kubanischer Unternehmer und Influencer; Enkel von Fidel Castro From Wikipedia, the free encyclopedia

Sandro Castro Arteaga (* 5. Dezember 1991 in Havanna) ist ein kubanischer Geschäftsmann, Gastronom und Influencer, der als Enkel des kubanischen Revolutionsführers Fidel Castro internationale Bekanntheit erlangt hat. Er wuchs in den privilegierten Kreisen der kubanischen Staatselite auf, betreibt heute eine Nachtbar in Havanna und hat auf Instagram mehr als 150.000 Abonnenten (Stand April 2026). Sein dort zur Schau gestelltes Luxusleben steht im krassen Gegensatz zur wirtschaftlichen Notlage der kubanischen Bevölkerung und macht ihn zu einem der umstrittenensten Sprösslinge der seit 1959 diktatorisch herrschenden Castro-Familie.[1][2]

Leben

Sandro Castro wurde in Havanna geboren, zu einem Zeitpunkt, als sein Großvater Fidel Castro Kuba auf den wirtschaftlichen Kollaps nach dem Zerfall der Sowjetunion vorbereitete, die sogenannte Sonderperiode, von der die Insel sich bis heute nicht vollständig erholt hat. Er ist der Sohn von Alexis Castro Soto del Valle und Rebecca Arteaga. Sein Vater Alexis ist eines der fünf Kinder, die Fidel Castro mit seiner Lebensgefährtin Dalia Soto del Valle hatte.[1][2][3]

Sandro wuchs in der abgeschotteten Familienresidenz Punto Cero im Stadtteil Miramar in Havanna auf, dem gesicherten Wohnkomplex der Castro-Familie, in dem die Staatselite trotz öffentlich propagierter sozialistischer Bescheidenheit in erheblichem Wohlstand lebte. Die Castro-Familie pflegte seit Jahrzehnten ein striktes Schweigen über ihr Privatleben; Fidel Castro bemühte sich zeitlebens, die Privilegien seiner Familie vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Als das Magazin Forbes Fidel Castros Vermögen 2006 auf 900 Millionen US-Dollar schätzte, betonte die kubanische Regierung, er verdiene lediglich 36 Dollar im Monat. Ein ehemaliger Leibwächter Fidels beschrieb nach seiner Flucht in die USA hingegen rund zwanzig Luxusvillen in ganz Kuba sowie die Privatinsel Cayo Piedra, auf der die Familie angeblich über Jachten und ein schwimmendes Restaurant verfügte.[1][2][4]

Sandro Castro zählt zu den bekanntesten kubanischen Persönlichkeiten in den sozialen Medien; die Zeitung El País bezeichnete ihn 2025 als „den lebenden Castro, über den in Kuba heute am meisten gesprochen wird“. Er betreibt in Havanna die EFE-Bar im Stadtteil Vedado, die Eintrittsgelder von bis zu 1.000 CUP (rund zwei US-Dollar nach dem damaligen Wechselkurs) sowie Mindestumsätze von 15.000 CUP (rund 30 US-Dollar) pro Tisch verlangt, bei einem durchschnittlichen kubanischen Monatslohn von umgerechnet etwa 16,50 US-Dollar.[1][2]

Neben seiner Tätigkeit als Unternehmer produziert er Videoserien für soziale Medien, in denen er unter anderem in weißer Robe Monologe hält und dabei eine weiße Taube in der Hand trägt. In seinen Clips feiert er Cristal-Bier als unverzichtbares Getränk seiner Bar, während auf Kuba Lebensmittel, Treibstoff und Medikamente knapp sind.[1][2]

Politische Haltung

In einem Interview mit dem argentinischen Fernsehsender TN sagte Sandro Castro: „Ich bin stolz darauf, ein Castro zu sein, aber ich habe keine Privilegien. Ich bin ein junger Mensch dieser Epoche.“ Er betonte, sich nicht in die Politik einzumischen: „Politik ist nichts für mich. Ich bringe die Leute lieber zum Lachen.“ Gleichzeitig lässt er in sozialen Medien subtile Kritik an den wirtschaftlichen Verhältnissen Kubas einfließen, etwa an den Stromausfällen, den hohen Internetpreisen oder der Lebensmittelknappheit, ohne eine offene Konfrontation mit dem Regime zu suchen. Obwohl er sich als Revolutionär bezeichnet, grenzt er sich von der offiziellen Ideologie ab.[3][2] Dahinter könnte sich aber sogar Absicht seitens der Herrschenden verbergen, um die US-Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass das Castro-Regime keine Bedrohung darstelle.[5]

Sein Verhältnis zum Erbe seines Großvaters erweist sich als ambivalent: Während Fidel Castro Reggaeton kriminalisierte, US-amerikanische Einflüsse verurteilte und öffentlich asketische Werte propagierte, hört Sandro die einheimische Spielart Reparto, begeht amerikanische Festivitäten wie Halloween, trägt Trikots von Real Madrid und verkleidet sich als Batman.[1][2]

Tagespolitische Sketche

Einige von Sandro Castros Veröffentlichungen spielen mit tagespolitischen Ereignissen.

So nennt er Kuba in seinen Sketchen „Apagonia“, ein Wortspiel mit dem spanischen „Apagón“, was soviel wie „großer Stromausfall“ bedeutet, also in etwa „Land der Stromausfälle“, eine Referenz auf die aktuell (Stand: 2026) herrschende Energiekrise. In einem anderen „masturbiert“ er einen Tankrüssel und wundert sich, dass dort nichts herauskommt,[6] womit er auch auf die US-Ölblockade hindeutet, die zu einem weiter verschärften chronischen Spritmangel führte.[7]

In einem anderen auf Instagram veröffentlichten Sketch bestellte er in einer Bar, nachdem ihm zunächst das übliche kubanische Cristal-Bier, was er „Cristach“ nennt, vorgesetzt wurde, einen Cuba Libre, übersetzt: „freies Kuba“. Vom Barista darauf hingewiesen, dass er keine dafür benötigte Coca Cola habe, meinte Castro, dann warte er halt, bis diese verfügbar sei.[8][7]

In einem weiteren klopft ein Donald-Trump-Double an seine Tür und meint, er wolle Kuba kaufen. Anschließend macht Sandro Castro mit ihm eine Cabrio-Tour durch Havanna, während „Trump“ ihm bei der Fahrt entlang des Malecons erzählte, dass er hier den Bau von Villen plane. Der Sketch spielt offenbar auf Trumps Ankündigung an, Kuba übernehmen zu wollen.[9][7] In einem Interview mit dem US-Sender CNN bestätigte Castro, dass er für einen Deal mit Trump sei. Schließlich wolle die Mehrheit der Kubaner kapitalistisch sein.[10]

Kontroversen

Im Jahr 2021 wurde ein Video viral, in dem Sandro Castro am Steuer eines Luxus-Mercedes-Benz saß und kommentierte: „Wir sind einfache Leute, aber ab und zu muss man die kleinen Spielzeuge herausholen, die wir zu Hause haben.“ Das Video erschien mitten in der COVID-19-Pandemie und löste starke Empörung aus. Er entschuldigte sich dann später öffentlich und behauptete, das Fahrzeug gehöre einem Freund, der es ihm zum Ausprobieren geliehen habe.[1][2][4]

Die regimekritische Journalistin Yoani Sánchez stört sich weniger am Mercedes an sich, sondern vielmehr an Castros arrogantem, unkultivierten Auftreten, das Bedürfnis nach Reichtum ausstrahlend, das genaue Gegenteil zu der Gehorsamkeit und Demut, frei von Individualität, wie sein Großvater von seinem Volk erwartete zu sein, aber offenbar nicht für den Familienclan galt.[11]

Drei Jahre nach der Mercedes-Kontroverse löste Sandro erneut Empörung aus, als er in seiner Bar eine aufwendige Geburtstagsfeier mit Neonbeleuchtung und Tänzen auf Tischplatten veranstaltete, während Kuba durch mehrtägige flächendeckende Stromausfälle lahmgelegt war.[12][2][1]

Die schärfsten Reaktionen kamen paradoxerweise nicht von Andersdenkenden, sondern von regimetreuen Kreisen. Der regierungsnahe Intellektuelle Ernesto Limia warf ihm vor, „kein Mitgefühl für seinen Großvater“ zu empfinden und „dessen Erinnerung nicht zu respektieren“; andere regimenahe Stimmen bezeichneten ihn als „Imbezil“ und „ideologischen Feind“.[2][4][12]

Anders als Regimekritiker wie der Künstler Luis Manuel Otero Alcántara, muss Sandro Castro trotz seiner provokanten Auftritte keine rechtlichen Konsequenzen fürchten. Als es im Juli 2021 zu spontanen Kundgebungen gegen die Mangelwirtschaft und die politische Unterdrückung kam, wurden Hunderte von Jugendlichen zu langen Haftstrafen verurteilt; seitdem sollen bis zu einer Million meist junge Kubaner die Insel verlassen haben. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezeichnete Sandro 2026 als Beispiel dafür, wie die Kinder der kubanischen Nomenklatura die Kluft zwischen Regime und Bevölkerung vertiefen.[1][2][13]

Dem unabhängigen Portal El Toque, welches über die aktuellen Devisen-Wechselkurse gegenüber dem einheimischen Peso informiert, warf er vor, diese Kurse zum Schaden des Staates und der Bevölkerung zu manipulieren.[14] Im November 2025 startete er eine Kampagne gegen den hohen Dollar-Kurs. In einer Instagram-Story rief er dazu auf, nicht mehr bei den privaten MIPYMES zu kaufen, bis der Dollar-Kurs nicht auf 1:300 gefallen sei, während der informelle Dollar-Kurs bei rund 1:415 stand.[15] Wenig später hatte sich das offizielle Kuba dem Druck gebeugt und ebenfalls einen flexiblen Devisen-Wechselkurs in Anlehnung am Schwarzmarktkurs eingeführt.[16]

Einzelnachweise

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