Santa Maria dei Servi
Kirchengebäude in Venedig, Venetien, Italien
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Santa Maria dei Servi war eine Kirche in Venedig, genauer im Sestiere Cannaregio, die ab 1330 entstand. Der Komplex wurde, wie eine Reihe anderer in Venedig, unter Napoleon entweiht und schließlich 1812 teilweise abgerissen. Einige der Kapellen, insbesondere die 1360 entstandene der Seidenweber aus Lucca, blieben erhalten, und die Räumlichkeiten wurden Teil einer Kirche. Der Komplex steht auf der Insel, die sich zwischen dem Rio del Grimani im Osten, dem Rio dei Servi im Süden, dem Rio di San Marcuola im Westen und dem Rio della Misercordia im Norden erstreckt. Die verbliebenen Kirchenteile sind als Chiesa del Volto Santo bekannt und befinden sich westwärts gegenüber dem heutigen Studentenwohnheim.





Geschichte
Kirche des Ordens Santa Maria dei Servi (ab 1318)
Die Kirche wurde ab 1318 auf Wunsch des kleinen Ordens Santa Maria dei Servi erbaut, der im Jahr 1245 in Florenz gegründet worden war. 1316 wurde der Orden durch seinen seit zwei Jahren amtierenden Ordensgeneral[1] Pietro da Todi (um 1280 – 1344)[2] auch in Venedig etabliert; Giovanni Avanzo sorgte für das erste dortige Oratorium und Kloster seines Ordens. Zwar sollte der Baubeginn 1318 stattfinden, doch erst ab 1330 wurde die Kirche errichtet. Nach 1474 machte der Bau zügigere Fortschritte, 1491 erfolgte die Weihung. Die einschiffige Kirche beherbergte nach Emmanuele Antonio Cicogna 22 Altäre.[3]
Teilabriss (1812)
Unter Napoleon erfolgte die Auflösung einer Reihe von Orden und die Aufhebung oder Zusammenlegung zahlreicher Gemeinden und Klöster. Die französische Regierung sah die Auflösung aller religiösen Orden mit Ausnahme derjenigen vor, die sich hauptsächlich der Bildung und der Krankenpflege widmeten. Eine entsprechende Verordnung erfolgte am 25. April 1810. Am 12. Mai 1812 verkündete der Finanzintendant Francesco Vendramin den Abriss der Kirche Santa Maria dei Servi. Dieser begann am 4. Juni unter der Aufsicht des Ingenieurs Alessandro Ganassa, der vom Architekten Giuseppe Salvadori unterstützt wurde.
Erhaltung zweier Kapellen, vor allem der Seidenweber aus Lucca
In der österreichischen Zeit sollten sowohl die Cappella dei Lucchesi als auch die Del Volto Santo erhalten bleiben, wie am 30. März 1815 verfügt wurde, nachdem das Kloster und die Kirche bereits abgerissen worden waren. So plante man, die Kapelle später wiederzuverwenden und ihr eine neue Funktion zu geben. Doch zunächst wurde sie als schlichtes Lagerhaus genutzt. Besondere Bedeutung gewann vor allem die Kapelle der Luccheser Seidenweber, die seit 1314 in Venedig als Flüchtlinge Aufnahme gefunden hatten. Sie hatten in der Kirche seit 1360 eine eigene Kapelle errichten dürfen, geweiht 1376.
Privatisierung der Insel (1859), Resozialiserung weiblicher Häftlinge
Am 27. April 1859 erwarben Daniele Canal (nach ihm sind die Fondamenta Daniele Canal am Südufer der Insel benannt), Abt und Lehrer, zusammen mit seiner Schülerin Anna Maria Marovich, die später im hinteren Saal der Cappella dei Lucchesi beigesetzt wurde, die Insel, auf der die Kirche stand. Sie errichteten dort das Institut der Pie Signore Riparatrici dei SS. Cuori di Gesù e Maria, auch als Suore della Riparazione bekannt. Diese konzentrierten sich auf die Aufnahme von Frauen aus dem Gefängnis und ihre Resozialisierung. Am 1. November 1864 wurde es unter dem Namen Patronato per le Dimesse dal Carcere (sinngemäß: Patronat für aus dem Gefängnis Entlassene) geweiht und später in Casa della Sacra Famiglia (Haus der Heiligen Familie) umbenannt. Dieses Haus beherbergte zeitweise bis zu 250 Frauen und blieb bis in die 1980er Jahre tätig.
Studentenwohnheim S. Fosca (ab 1981)
Nach der Betania, einer Mensa für Obdachlose, die von der Diözese Venedig gegründet wurde, entstand 1981 das Studentenwohnheim Santa Fosca. Dieses wurde später um eine Herberge erweitert, die seither jährlich 8000 Besucher aufnimmt und deren Einnahmen das Studentenwohnheim und die dort Wohnenden unterstützen.
Überreste der Kirche
Beträchtliche Teile der West- und Südseite mit den dazugehörigen Portalen sind erhalten geblieben. An der Ostseite sind noch Spuren der Mauern mit der dazugehörigen Apsis vorhanden, die in der Darstellung von Jacopo De Barbari aus den Jahren um 1500 erkennbar ist. Von den beiden Portalen ist das Hauptportal (Westseite) aufgrund von Sicherungsarbeiten aus dem Jahr 1862 noch immer zugemauert, während das Südportal, Portale di S. Pellegrino genannt, den Zugang zum Institut Canal-Marovich und zum Studentenwohnheim S. Fosca bildet.
Literatur
- Eveline Baseggio, Tiziana Franco, Luca Molà (Hrsg.): La Chiesa di Santa Maria dei Servi e la comunità veneziana dei Servi di Maria (secoli XIV–XIX) (= Chiese di Venezia, 8), Viella, Rom 2023.
- Emmanuele Antonio Cicogna: Delle Inscrizioni Veneziane, Bd. 1, Giuseppe Orlandelli, Venedig 1824, S. 31–98 (Digitalisat).
- Flaminio Corner: Notizie storiche delle chiese e monasteri di Venezia, e di Torcello …, Giovanni Manfrè, Padua 1758, S. 290–297 (Digitalisat).