Scheinschwangerschaft
Anschein einer Schwangerschaft, obwohl keine besteht
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Bei einer Scheinschwangerschaft (Pseudogravidität oder Pseudocyesis) treten Schwangerschaftszeichen auf, obwohl keine Schwangerschaft vorliegt.[1] Ein Schwangerschaftstest kann dabei helfen, zwischen Schein- und echter Schwangerschaft zu unterscheiden.
| Klassifikation nach ICD-10 | |
|---|---|
| F45.8 | Sonstige somatoforme Störungen |
| ICD-10 online (WHO-Version 2019) | |
Auch im Tierreich kommen Scheinträchtigkeiten vor.
Geschichte
Zu den bekanntesten Fällen von Scheinschwangerschaften zählt Königin Maria I. von England, die im 16. Jahrhundert unter dem gesellschaftlichen Druck litt, schwanger zu werden.[2] Nach dem Zweiten Weltkrieg traten Scheinschwangerschaften gehäuft auf, bei etwa einer von 250 Schwangerschaften. Dies wurde mit den verschärften Geschlechternormen und den soziokulturellen Erwartungen an die Mutterschaft in dieser Zeit in Verbindung gebracht. Scheinschwangerschaften sind in der westlichen Welt heute äußerst selten.[2]
Anzeichen und Häufigkeit
Bei einer Scheinschwangerschaft treten körperliche Anzeichen einer Schwangerschaft auf. Dazu zählen eine ausbleibende oder verminderte Regelblutung, Blähungen, das subjektive Empfinden von Kindsbewegungen, Veränderungen der Brustgröße oder -form, Milchfluss außerhalb der Stillzeit, Gewichtszunahme, Übelkeit und Erbrechen, Veränderungen der Gebärmutter,[3] erhöhte Prolaktinwerte im Blut und Wehen zum erwarteten Entbindungstermin.[4] Am häufigsten sind Menstruationsstörungen und Veränderungen der Brust. Die Dauer der Symptome variiert zwischen einigen Wochen und neun Monaten.[3]
In der Vergangenheit waren Scheinschwangerschaften häufiger. So lag die Häufigkeit in den USA 1940 bei einem Fall pro 250 Schwangerschaften, 2007 bei ein bis sechs Fällen pro 22.000 Entbindungen. In Nigeria wurde eine Häufigkeit von einem Fall pro 344 Schwangerschaften und im Sudan bei einer von 160 Frauen mit Unfruchtbarkeit eine Scheinschwangerschaft diagnostiziert. Die meisten Fälle betreffen unfruchtbare, verheiratete Frauen im Alter von 20 bis 44 Jahren, die sich ein Kind wünschen. Das Syndrom ist selten bei Frauen nach der Menopause sowie bei Männern, Jugendlichen oder Kindern. Es tritt weltweit in allen sozialen Schichten auf. Die Häufigkeit variiert weltweit und hängt von gesellschaftlichen Wertvorstellungen zu Schwangerschaft, der Rolle der Frau sowie der Verfügbarkeit von Schwangerschaftstests und Ultraschall ab. Der Trend zu kleineren Familien in Industrieländern hat die Häufigkeit gesenkt.[3]
Ursachen, Diagnose und Therapie
Scheinschwangerschaft kann bei verschiedenen zerebralen und neuroendokrinen Störungen sowie hormonellen Veränderungen auftreten. Sie kommt auch bei Patientinnen mit chronischen oder nicht diagnostizierten psychischen oder organischen Erkrankungen vor. Zudem stehen soziokulturelle Faktoren, die Einnahme von Psychopharmaka und pathologische Erkrankungen in Zusammenhang mit Scheinschwangerschaften. Das Syndrom wird in der psychiatrischen Literatur verschiedenen Störungen zugeordnet. Patientinnen haben meist einen starken Kinderwunsch. Entweder ist das Paar unfruchtbar oder die Patientinnen wollen zwar ein Kind, fürchten jedoch Schwangerschaft oder Empfängnis. Es gibt bisher (2017) keine groß angelegten Studien oder ein anerkanntes klinisches Behandlungsprotokoll.[3]
Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und erfolgt medikamentös oder psychotherapeutisch.[5] Ein multidisziplinärer Ansatz aus Gynäkologie und Psychologie unterstützt Patientinnen dabei, die Bedeutung ihrer Symptome zu erkennen und Stressfaktoren zu beseitigen. Zunächst wird mithilfe von Schwangerschaftstests und Ultraschalluntersuchungen eine tatsächliche Schwangerschaft ausgeschlossen. Ein vertrauensvolles Verhältnis zur Patientin ist wichtig, um die Diagnose vermitteln zu können. In vielen Fällen löst sich die Scheinschwangerschaft nach der Diagnose auf, manchmal wird sie jedoch nicht akzeptiert und die Patientin sucht sich andernorts Bestätigung. Die psychiatrische Vorgeschichte sowie klinische Beratung sollten Teil der psychologischen Behandlung sein. Die Unterstützung durch Familie und Freunde ist von entscheidender Bedeutung. Scheinschwangerschaften heilen oft spontan aus, werden aber häufig von Wehen begleitet.[3]
Sonstiges
Von der psychosomatischen Scheinschwangerschaft ist der Schwangerschaftswahn zu unterscheiden. beim Schwangerschaftswahn besteht der feste Glaube an eine Schwangerschaft, obwohl keine körperlichen Anzeichen oder Symptome vorliegen. Dieser Wahn ist häufig mit Schizophrenie assoziiert und gehört zu den psychotischen Störungen.[2][3][6]
Ebenfalls von der Scheinschwangerschaft zu unterscheiden ist die Couvade bei Männern, die mit einer Schwangeren zusammenleben, und ähnliche Symptome wie ihre Partnerin zeigen.[7]
Bei der Pseudograviditätskur handelt es sich um eine Hormontherapie, bei der hochdosierte Östrogen-Gestagen-Kombinationen in hohen Dosen über einen Zeitraum von acht bis zwölf Wochen verabreicht werden. Auf diese Weise wird eine künstliche „Schwangerschaft“ herbeigeführt. Die Therapie ist bei verschiedenen Erkrankungen indiziert.[8]
Literatur
- F. Brocktington, Mario Lanczik: Psychiatrische Erkrankungen bei Frauen: Scheinschwangerschaft. In: Hanfried Helmchen (Hrsg.): Psychiatrie spezieller Lebenssituationen (= Psychiatrie der Gegenwart. Band 3). Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg/New York 2000, ISBN 3-540-65800-9.