Scivias

mystische Schrift der Hildegard of Bingen From Wikipedia, the free encyclopedia

Scivias (lateinisch meist Liber scivias, deutsch etwa „Wisse die Wege [des Herrn]“) ist die erste große Visionsschrift der Benediktinerin Hildegard von Bingen. Das Werk entstand im zweiten Viertel des 12. Jahrhunderts und versammelt in drei Büchern 26 Visionen mit ausführlicher allegorischer Auslegung. Scivias bildet den Auftakt der sogenannten Visionstrilogie Hildegards, die mit dem Liber vitae meritorum und dem Liber divinorum operum fortgesetzt wird.

Miniatur aus dem Rüdesheimer Scivias-Codex: Hildegard von Bingen empfängt eine Vision und gibt sie an ihren Schreiber weiter.

Titel und Datierung

Der Kurztitel Scivias geht auf die lateinische Imperativformel Sci vias [Domini] („Wisse die Wege [des Herrn]“) zurück; vollständig lautet der Buchtitel in der Überlieferung Liber scivias („Buch ›Wisse die Wege‹“). Hildegard selbst deutet diese Formel als göttlichen Auftrag, die in Visionen geschauten „Wege Gottes“ und den Heilsplan für Kirche und Welt schriftlich festzuhalten.[1.1]

Im Prolog datiert Hildegard den Beginn ihres Schreibens auf das 42. Lebensjahr; in der Forschung wird die Entstehungszeit des Werkes überwiegend in den Zeitraum zwischen 1141 und 1151/1152 gelegt.[2.1][3.1] Bereits auf der Synode von Trier 1147/48 wurden Auszüge Papst Eugen III. vorgelegt, der Hildegard zur Fortführung der Niederschrift ermutigte.[2.2]

Entstehung und Charakter

Im einleitenden Prolog berichtet Hildegard, sie habe seit der Kindheit Visionen von Licht und Stimme empfangen, sei aber lange aus Furcht und Zweifel der Aufforderung zum Schreiben nicht nachgekommen. 1141 habe sie in einer besonders eindringlichen Vision die Weisung erhalten, die geschauten Bilder und Auslegungen „nicht mehr im Schweigen zu verbergen“, sondern aufzuschreiben und durch einen Schreiber fixieren zu lassen.[4.1] Unterstützt wurde sie dabei von ihrem langjährigen Seelsorger und Sekretär Volmar von Disibodenberg sowie von ihrer Vertrauten Richardis von Stade.[2.3]

Scivias ist umfassend als Lehrbuch konzipiert: In einer Folge von Visionen werden die Geschichte der Schöpfung, der Fall des Menschen, Erlösung und Kirche sowie das endzeitliche Gericht entfaltet. Jede Vision besteht aus einer bildhaften Schau, die Hildegard mit großer Detailgenauigkeit beschreibt, und einer anschließenden Auslegung, in der die Bilder heilsgeschichtlich, ekklesiologisch und moralisch gedeutet werden.[3.2] Hildegard verknüpft dabei biblische Motive, patristische Tradition und eigene Inspiration zu einem stark allegorisch geprägten Weltbild.

Überlieferung

Handschriften

Der lateinische Text des Scivias ist in mehreren mittelalterlichen Handschriften überliefert. Für die Textkritik besonders wichtig sind der Rupertsberger Riesenkodex (Wiesbaden, Hochschul- und Landesbibliothek RheinMain, Hs. 2), in dem Scivias auf den Blättern 1–135 überliefert ist, sowie der Heidelberger Codex Salemiticus X 16, der eine mit dem Riesenkodex eng verwandte Textgestalt bietet.[2.4][3.3] Hinzu kommen jüngere Handschriften und Exzerpte, die die Verbreitung des Werkes im späten Mittelalter belegen.[2.5]

Wichtige Handschriften:

  • Wiesbaden, Hochschul- und Landesbibliothek RheinMain, Hs. 2 (Rupertsberger Riesenkodex) – enthält Scivias fol. 1r–135v.[5]
  • Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Sal. X 16.[6]
  • Oxford, Merton College, MS 160 – nicht illustriert.[7]

Rupertsberger Scivias-Codex

Der früheste und aus textkritischer Sicht maßgebliche Zeuge des Scivias war der reich illuminierte Rupertsberger Codex (Wiesbaden, HLB, Hs. 1), der im 12. Jahrhundert im Kloster Rupertsberg entstand und 35 Miniaturen zum Werk enthielt.[2.6] Die Handschrift gilt seit der Auslagerung nach Dresden während des Zweiten Weltkriegs als verschollen. Ihr Text- und Bildbestand ist nur noch durch 1927 angefertigte Fotografien in Originalgröße und ein zwischen 1927 und 1933 in der Abtei St. Hildegard hergestelltes Pergamentfaksimile (Rüdesheimer Codex) erhalten, die zur Grundlage der modernen Scivias-Edition wurden.[8][9.1][4.2]

Inhalt und Aufbau

Scivias ist in drei Bücher gegliedert und umfasst insgesamt 26 Visionen. Der erste Teil (sechs Visionen) behandelt Schöpfung, Fall des Menschen und die Ordnung des Kosmos; der zweite Teil (sieben Visionen) widmet sich der Erlösung durch Jesus Christus, der Kirche und den Sakramenten; der dritte, umfangreichste Teil (dreizehn Visionen) entfaltet eine kosmische und eschatologische Schau von Kirche, Weltgeschichte und Endgericht.[3.2][2.7]

Das Weltall, Scivias Teil 1, Vision 3 (Rüdesheimer Codex).
Illumination zu Teil 2, Vision 2 (Rüdesheimer Codex).

Jeder Vision sind zunächst knappe Kapitelüberschriften (capitula) vorangestellt, die den Aufbau des folgenden Bild- und Auslegungsteils anzeigen. Die Vision selbst ist in direkte Rede Gottes oder Christi eingebettet und wird von Hildegard durch eine erläuterte Bildkomposition zugänglich gemacht; die anschließende Exposition erläutert die Details der allegorischen Architektur, der personifizierten Tugenden und Laster sowie der geschauten Szenen.[4.3] Der Schluss des dritten Buches bildet ein großer Hymnus auf die Heiligen, dem ein Zyklus liturgischer Gesänge (Symphonia harmoniae caelestium revelationum) und das Spiel Ordo virtutum eng zugeordnet sind.[2.8]

Die folgende Feinstrukturierung des Buches orientiert sich an den Überschriften der Bilder und den von Adelgundis Führkötter und der Abtei St. Hildegard verwendeten Titeln; in Klammern ist jeweils die Anzahl der kommentierenden Abschnitte angegeben.[3][4]

  • Prolog
  • Erster Teil
    1. Gott, der Lichtgeber, und die Menschheit (6)
    2. Der Fall (33)
    3. Gott, Kosmos und Menschheit (31)
    4. Menschlichkeit und Lebe (32)
    5. Die Synagoge (8)
    6. Die Chöre der Engel (12)
  • Zweiter Teil
    1. Der Erlöser (17)
    2. Der Dreieinige Gott (9)
    3. Die Kirche als Mutter der Gläubigen – Die Taufe (37)
    4. Gesalbt mit Tugend – die Bestätigung (14)
    5. Die Hierarchie der Kirche (60)
    6. Das Opfer Christi und der Kirche; Fortsetzung des Geheimnisses in der Teilnahme am Opfer (102)
    7. Kampf der Menschheit gegen das Böse; der Versucher (25)
  • Dritter Teil
    1. Der Allmächtige; die erloschenen Sterne (18)
    2. Das Gebäude (28)
    3. Der Turm der Vorbereitung; die göttlichen Tugenden im Turm der Vorbereitung (13)
    4. Die Säule des Wortes Gottes; das Wissen von Gott (22)
    5. Der Eifer Gottes (33)
    6. Die dreifache Mauer (35)
    7. Die Säule der Dreieinigkeit (11)
    8. Die Säule der Menschheit des Erlösers (25)
    9. Der Turm der Kirche (29)
    10. Der Menschensohn (32)
    11. Das Ende der Zeit (42)
    12. Der Tag der großen Offenbarung; der neue Himmel und die neue Erde (16)
    13. Lob des Heiligen (16)

Bildprogramm

Chöre der Engel, Teil 1, Vision 6 (Rüdesheimer Codex).

Der Rupertsberger Scivias-Codex und seine Rüdesheimer Kopie enthalten zu den 26 Visionen insgesamt 35 Miniaturen, die jeweils zwischen Kapitelüberschriften und Beginn der Vision stehen und den Text vorbereiten.[10.1][3.4] Die Bilder übersetzen die oft komplexen Visionen in ein eigenständiges ikonographisches Programm: Kreisscheiben und Mandorlen veranschaulichen die Struktur des Kosmos, turm- und mauerartige Architekturen stehen für Kirche und Tugenden, figurenreiche Szenen illustrieren Engelchöre, Laster und Tugenden oder das endzeitliche Gericht.

Die kunsthistorische Forschung hat wiederholt auf den engen Zusammenhang von Text und Bild hingewiesen: Die Miniaturen folgen nicht bloß der Erzählfolge, sondern strukturieren und kommentieren den Text und prägen damit die Rezeption des Werkes.[10.2] In der neueren Forschung werden Bild- und Textprogramm zunehmend als Einheit gelesen; Einführungen aus der Abtei St. Hildegard erschließen anhand der Miniaturen Hildegards theologische Grundbegriffe und kosmischen Entwürfe.[3.5][11]

Wirkung und Rezeption

Bereits im 12. Jahrhundert wurde Scivias innerhalb und außerhalb des Rupertsberger Kreises rezipiert. Das Werk diente unter anderem der Nonne Elisabeth von Schönau mit ihrem Liber viarum Dei als wichtiges Vorbild für die schriftliche Darstellung eigener Visionen.[12.1] Im Pentachronon des Gebeno von Eberbach gingen Auszüge aus Scivias in eine weit verbreitete Sammlung hildegardischer Visionen ein.[2.9]

Die frühneuzeitliche Rezeption griff vor allem auf Druckausgaben und Exzerpte zurück; Scivias blieb dabei meist mit den beiden anderen Visionsschriften Hildegards verbunden. Erst im 19. und 20. Jahrhundert setzte eine quellenkritische Beschäftigung mit dem Werk ein, die in der kritischen Edition der lateinischen Fassung (CCCM 43/43A) und modernen Übersetzungen des lateinischen Textes mündete.[4.4][13] In der neueren Hildegard-Forschung spielt Scivias eine zentrale Rolle für das Verständnis von Hildegards Theologie, Kosmologie und Ekklesiologie.[2.10][10.1]

Editionen

Übersetzungen

  • Wisse die Wege. Liber Scivias. Übersetzung: Mechthild Heieck. Beuroner Kunstverlag, Beuron 2010, ISBN 978-3-87071-215-0.
  • Scivias. Wisse die Wege. Eine Schau von Gott und Mensch in Schöpfung und Zeit. Übersetzt und herausgegeben von Walburga Storch. Pattloch, Augsburg 1991.
  • Wisse die Wege. Scivias. Übersetzung: Maura Böckeler. Otto Müller Verlag, Salzburg 1954.
  • Scivias. Englische Übersetzung: Bruce Hozeski. Bear and Company, Santa Fe 1986.

Literatur

  • Michael Embach: Die Schriften Hildegards von Bingen. Studien zu ihrer Überlieferung und Rezeption im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Akademie Verlag, Berlin 2003 (Erudiri sapientia 4).
  • Lieselotte E. Saurma-Jeltsch: Die Miniaturen im Liber Scivias der Hildegard von Bingen. Die Wucht der Vision und die Ordnung der Bilder. Reichert, Wiesbaden 1998, ISBN 978-3-89500-038-6
  • Hildegard Schönfeld unter Mitarbeit von Wolfgang Podehl: Hildegard von Bingen. Scivias. Die Miniaturen vom Rupertsberg. Bingen am Rhein 1979 (Schriften der Stadt Bingen am Rhein 1).
  • Hiltrud Gutjahr, Maura Zátonyi: Geschaut im lebendigen Licht. Die Miniaturen des Scivias der Hildegard von Bingen, erklärt und gedeutet. Beuroner Kunstverlag, Beuron 2011, ISBN 978-3-87071-249-5.
  • Keiko Suzuki: Zum Strukturproblem in den Visionsdarstellungen der Rupertsberger Scivias-Handschrift. In: Sacris erudiri. Band 35, 1995, S. 221–291.
  • Adelgundis Lengenfelder: Liber Scivias. Kommentar zur Farbmikrofiche-Ausgabe. Luzern 2002.
  • Anne H. King-Lenzmeier: Hildegard of Bingen: An Integrated Vision. Liturgical Press, Collegeville (Minnesota) 2001.

Einzelnachweise

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