Selkupen

indigenes Volk Sibiriens From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Selkupen sind ein indigenes Volk Sibiriens, das weit verstreut im Gebiet zwischen den Mittelläufen der Flüsse Ob und Jenissei – teilweise noch nomadisch – lebt. Die wenig mehr als 3.500 Angehörige zählende Gruppe gehört zu den kleinen indigenen Völkern Nordasiens.

Nördliche Selkupen, fotografiert 2012
Selkupe aus Obdorsk (Ob)
Flagge der Selkupen

Beschreibung

Karte der finno-ugrischen Völker

Die Selkupen gehören zu den Samojeden, einer Gruppe von kleineren Ethnien, die uralische Sprachen sprechen. 1926–1927 zählte man etwa 6.000 Selkupen („Waldmenschen“), davon gehörten 1.500 der Nord- und 4.500 der Südgruppe an.[1]

Eine heute nicht mehr gebräuchliche Fremdbezeichnung für das Volk ist Ostjak-Samojeden, wobei Ostjaken einem älteren Namen für die Chanten entspricht, deren Sprache ebenfalls in die uralische Sprachfamilie gehört, aber nicht nahe mit dem Selkupischen verwandt ist. In der Literatur findet sich für die Selkupen am Tschulym, einem Nebenfluss des Ob, eine Selbstbezeichnung, nämlich Tjûje-gom. Diese südlichsten Selkupen lebten bereits in der Zone des Kontakts mit den sibirischen Turkvölkern.[2] Weitere Selbstbezeichnungen lassen sich bis in das 16. Jahrhundert rekonstruieren.[3] In den 1930er Jahren besuchte das Linguistenehepaar Prokof‘ev (Selkupische Grammatik)[4] eine Untergruppe der nördlichen Selkupen, die sich sel‘kup nannte. Wie es die neue Lehre der Sowjetunion verlangte, wurden Selbstbezeichnungen gefordert, nicht mehr Bezeichnungen von Nachbargruppen oder historische Namen. So zählten zu den „Selkupen“ bald auch alle kulturell verwandten Gruppen, die sich ganz anders bezeichnet hatten. So standen die Bezeichnung „Selkupen“ und „Ostjaken“ lange nebeneinander. Den Betroffenen selbst wurde erst mit der Einführung von Pässen in den 1960er Jahren bewusst, dass sie nun einer neuen Ethnie angehörten.[5]

Die Selkupen, deren Wirtschaft spätestens in den 1920er Jahren zeitweise auf der Eichhörnchenjagd basierte,[6] lebten überwiegend als Rentierzüchter. Allerdings sind sie an den Küstensäumen des Nordpolarmeeres, des Weißen und des Karischen Meeres und auf den dortigen Inseln auch Fischer.[7] 1959 zählte man etwa 4.000 Selkupen, die im Raum zwischen dem mittleren Ob im Westen, dem mittleren Jenissei im Osten, dem Tas im Norden und dem Ket im Süden lebten.[8]

Etwa 47 % der Selkupen sprachen noch (wann?) Selkupisch, eine südsamojedische Sprache mit mehreren sich stark voneinander unterscheidenden Dialekten. 2010 zählte man von den 3.649 Selkupen noch 1.023 zu den Sprechern.[9] Ihre Sprache gilt als akut vom Aussterben bedroht.[10] Die wenigen, die sie als Muttersprache gelernt haben, waren schon um 2005 jenseits der 70. Außerdem existierten mitunter stark voneinander abweichende Dialekte, deren Verschwinden in der Alltagspraxis dazu beitrug, dass sich ein einheitlicheres Selkupisch durchsetzen konnte. Erst gegen Ende der Sowjetunion besannen sich einige Angehörige der Gruppen auf ihre Herkunft und betonten in öffentlichen Auftritten, Musik und Kunst ihre gemeinsame Herkunft.[11]

Die exogamen Clans, in die die Selkupen sich aufteilten, besaßen je eigene Totemtiere, wie den Bären, den Schwan, den Kranich, den Nusshäher oder den Adler, die unter keinen Umständen bejagt werden durften. Eine Ausnahme bildete der Clan, dessen Totemtier der Auerhahn war. Doch wurden neben diesen Totemtieren auch Heroen der Vergangenheit verehrt, die als Söhne des Gottes Num galten. Die Besitzer der Naturgewalten waren hingegen weiblich.[12]

Anteil der Selkupen im Kreis Ufa nach städtischen und ländlichen Siedlungen in Prozent

Der sogenannte „klassische Schamanismus“ war die Religion der Selkupen. Der Ethnologe Klaus E. Müller spricht hier von „Komplexschamanismus“ und meint damit jene Formen, die durch Berührungen mit anderen Religionen und benachbarten Agrargesellschaften eine komplexe Ritualkultur entwickelt haben.[13] Es gab früher drei Kategorien von Schamanen. Die Veranlagung zum Schamanen wurde vererbt: Die Schamanenseelen kehrten nach ihrer Auffassung nach dem Tod in die Welt zurück, um sich in einem Nachfolger niederzulassen. Nach wie vor spielen Schamanen eine wichtige Rolle in der Kultur der Selkupen. Die Christianisierung hat bei ihnen nur oberflächlich stattgefunden; die alte Religion besteht in vielerlei abgewandelter Form fort.[14]

Darja Anatoljewna Jegerewa

Darja Jegerewa (Foto: Olga Kostrowa)

Darja Jegerewa ist eine politisch verfolgte selkupische Klima- und Menschenrechtsaktivistin. Sie ist Ko-Vorsitzende des Internationalen Forums indigener Völker zum Klimawandel,[15] einer anerkannten Interessengruppe im Rahmen der Klimarahmenkonvention zur Repräsentation der indigenen Völker im Rahmen der UN-Klimaverhandlungen.[16] Neben Umweltfragen machte Jegerewa auch auf andere Probleme ihres Volkes aufmerksam und thematisierte besonders Fragen der Bildung. So setzte sie sich für eine Reform der Schulbildung für die Selkupen ein, die Unterricht in deren Sprache fordert, der praktisch nicht umgesetzt ist.

Seit dem 17. Dezember 2025 ist Jegerewa in Haft. Ihr wird die Mitarbeit im Aborigen Forum und damit die „Teilnahme an einer terroristischen Organisation“ – auf Grundlage von Artikel 205.5 Teil 2 des russischen Strafgesetzbuches – vorgeworfen,[17] wofür eine Freiheitsstrafe von zehn bis zu zwanzig Jahren droht.[18][19][20] Die Menschenrechtsorganisation Memorial führt sie als politische Gefangene.[17]

Literatur

  • Ariadna Kuznecova: Мифология селькупов 2004, Selkup Mythology, Akadémiai Kiadó, 2010 (zur Mythologie der Selkupen).
  • Alexandra Baydak: Nominationsprinzipien der selkupischen Behausung für Tote, in: Finnisch-Ugrische Mitteilungen 37 (2025) 1–11.
  • Anja Harder: Syntaktische Strukturen im Selkupischen: Eine korpusbasierte Untersuchung der zentralen und südlichen Dialekte, Diss. im Promotionsfach Finnougristik/Uralistik, Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Hamburg, 2019. (online, PDF)
  • Dagmar Horn: Die Baumeister selkupischer Ethnizität. Zur Konstruktion eines Ethnizitätsgebäudes in Westsibirien, in: Stefan Bauer: Bruchlinien im Eis. Ethnologie des zirkumpolaren Nordens, LIT, Wien 2005, S. 31–48.
  • Karl Jettmar: Totemismus und Dualsystem bei den Selkupen Sibiriens, in: Wiener völkerkundliche Mitteilungen 2/1 (1954) 21–32. (online, PDF)
  • James Forsyth: A History of the Peoples of Siberia. Russia‘s North Asian Colony 1581–1990, Cambridge University Press, 1992, S. 19–21 (Abschnitt The Selkups and Kets).

Einzelnachweise

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