Sent M’Ahesa

Ausdruckstänzerin der Moderne From Wikipedia, the free encyclopedia

Sent M’Ahesa (* 17. August 1883 in Riga als Else von Carlberg auch Elsa Margaretha von Carlberg[1]; † Mitte November [begraben am 19. November] 1970 in Stockholm)[2] war eine Ausdruckstänzerin der Moderne, die bis in die 1920er Jahre in Deutschland wirkte.

Hanns Holdt: Sent M’Ahesa um 1928

Leben

Else von Carlberg war die ältere von zwei Töchtern des Rigaer Statistikers und Stadtsekretärs Nikolai Walter-Carlberg (* 1858 in St. Petersburg; † 1921 in Hameln) und dessen Frau Jutta, geb. Paling († 1892).[3] 1907 kam sie mit ihrer Schwester Erika (1886–1951), die später als Schauspielerin, Übersetzerin und Dichterin wirkte, nach Berlin, um dort ihr Abitur zu machen. Ihre Schwester kehrte nach Riga zurück, Else blieb und nahm Tanzunterricht bei der Tänzerin Irene Sanden. Danach ging sie zum Studium kurz nach Freiburg im Breisgau und 1908 nach München.[4] 1909 trat sie erstmals im Münchner Künstlerhaus[5] mit einem Programm altägyptischer Tänze auf.[6] Aus diesem Debüt-Programm Sent M’ahesas entwickelte sich eine über 20 Jahre währende Karriere als anerkannte, prominente moderne Tänzerin.1932 beendete sie überraschend ihre Tanzkarriere und übersiedelte nach Schweden, dem Herkunftsland ihrer Familie. Fortan übersetzte sie schwedische Bücher (z. B. Frans G. Bengtssons Röde Orm und Hans Petterssons Oceanographie) und war für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und für die Zeitschrift Atlantis journalistisch tätig. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie im zehnten Stock eines Stockholmer Vorstadt-Hochhauses mit Blick auf den Mälarsee.

Werk und Würdigung

Portrait der Sent M'ahesa (d. i. Elsa von Carlberg). Foto von Hanns Holdt

Sent M’Ahesa erfuhr in der Weimarer Republik eine breite Anerkennung als Ausdruckstänzerin, die mit ihrer tänzerischen und darstellerischen Präsenz die expressiven Strömungen ihrer Zeit prägte. Sie war nicht nur auf Bühnen präsent, sondern auch im Film aktiv: 1917 übernahm sie eine Rolle in Die entschleierte Maja unter der Regie von Ludwig Beck, gefolgt 1920 von Haß des Regisseurs Manfred Noa.[7] Ihre künstlerische Ausstrahlung inspirierte zudem Bildhauer und Maler. Sie wurde von Max Beckmann[8], Bernhard Hoetger[9], Dietz Edzard und Adolf Münzer porträtiert. Bernhard Hoetgers Büste von 1917 wurde in Gips, Steinguss und Bronze mehrfach ausgeführt.[10] Die Büste, vielfach in Ausstellungen gezeigt, avancierte zu einer Ikone des Expressionismus und symbolisierte die Verbindung von Tanzkunst und moderner Plastik. Ebenso beeindruckend ist Hoetgers 1922 entstandene, nahezu lebensgroße Ganzfigur „Sent M’Ahesa“ in Gips und Bronze, die die dynamische Körperlichkeit der Tänzerin einfängt. Diese künstlerischen Würdigungen unterstreichen M’Ahesas Rolle als musische Persönlichkeit, die über die bloße Performance hinaus als Inspirationsquelle für die Avantgarde wirkte.

Der griechische Schriftsteller Nikos Kazantzakis sah sie 1923 in Berlin tanzen („Sie tanzte nur einmal und fuhr dann wieder in ihre Münchner Villa zurück“) und schrieb darauf seiner Frau: „Seitdem ich Sent M’Ahesa tanzen sah, will ich keine andere Art von Tanz mehr sehen. Ich sah dessen höchste Form.“

Ehrungen

Die Tänzerin vor der Worpsweder Kunsthalle (2020)

Zu Ehren Else von Carlbergs wurden zwei Bronzeabgüsse der Skulptur Die Tänzerin von Bernhard Hoetger aufgestellt, 1985 in Dortmund-Hörde, Schildplatz und 2012 am Eingang der Worpsweder Kunsthalle.[11][12] 2025 wurde ihr Tanz der Isis im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst (SMÄK) in München mit Vorträgen[13] und Neuinszenierungen, die die Verbindung zwischen moderner europäischer Kunst und ägyptischer Kultur beleuchteten gezeigt.[14]

Literatur

  • Tanzbilder im Künstlerhaus, in: Münchner Neueste Nachrichten, 62. Jg., Nr. 569, 5.12.1909, 2–3.
  • Die altägyptische Tanzkünstlerin Sent M’Ahesa, in: Reclams Universum 26. Jahrgang 1. Halbband, Leipzig 1910, S. 604
  • Karl Ettlinger, Sent M’ahesa, in: Das Theater, 1910, 1. Jg., Heft 16, 372–373.
  • Rudolf Delius, Eine neue Tänzerin, in: Die Propyläen. Wochenschrift der Münchener Zeitung, 11. Jg., Nr. 19, 17.4.1914, 454.
  • Albert Steffen, Sent M’ahesa (1912), in: Matile, Heinz (Hrsg.): Albert Steffen und Elsa Carlberg (Sent M’Ahesa). Eine Schicksalsbegegnung. Hinweise und Studien zum Lebenswerk von Albert Steffen, Heft 24–25, Dornach 2012, 47–48.
  • Herbert Petersen: Sent M’ahesa, in: Jahrbuch des baltischen Deutschtums 1972, Lüneburg 1971, S. 71–83
  • Karl Eric Toepfer, Solo-Tanz, in: Karl Eric Toepfer (Hrsg.), Empire of Ecstasy: Nudity and Movement in German Body Culture, 1910–1935.  University of California Press, 1997, S. 175–179.
  • Katja Lembke, Hannovers Nofretete. Die Bildnisse der Sent M’Ahesa von Bernhard Hoetger, Schnell & Steiner, Hannover 2012
  • Katja Lembke, Hannovers Nofretete. Die Bildnisse der Sent M’Ahesa von Bernhard Hoetger, NahSichten 2, Regensburg, Hannover, 2012.
  • ChristianLoeben, [Eintrag im Katalog zu] Kat.-Nr. 52–54, 55, in: Lembke, Katja (Hrsg.): Faszination Nofretete. Bernard Hoetger und Ägypten, Petersberg, Hannover 2013, 170–171.
  • Fritz Giese, Körperseele. Gedanken über persönliche Gestaltung, München 1924.
  • Karla Nieraad: Sent M'ahesa und der Totendämon. In: Dies.: Als die Tänzerinnen mutig und die Sittlichkeitsapostel in Ulm dünn gesät waren. edition stadthaus, Ulm 2025. ISBN 978-3-934727-57-1
  • Gerrit Berenike Heiter, Egyptologist dancers – re-enacting ‚ancient Egyptian‘ dances at the beginning of the 20th century, in: Gouy, Audrey (Hrsg.): Textiles in Motion. Dress for Dance in the Ancient World, 2023, 175–208.
Commons: Sent M’Ahesa – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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