Sin (Gott)
mesopotamische Mythologie
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Sin ist in der mesopotamischen Mythologie der Gott des Mondes und gilt als akkadisches Äquivalent des sumerischen Mondgottes Nanna. Zu seinen beiden Hauptkultzentren gehörten Harran im Norden und Ur im Süden Mesopotamiens. Sein bekanntestes Heiligtum ist die Zikkurat in Ur.

Darstellung
Die Erscheinungsformen waren vielfältig und wechselten im Laufe der Zeit. Das Attribut des Mondgottes Sin ist der waagerechte Halbmond. Daraus hatte sich die Vorstellung entwickelt, dass „Nanna-Sin“ mit einem Boot über den Himmel fährt. Dies hatte wohl mit der Tatsache zu tun, dass die Mondsichel im Orient waagerecht über den Himmel zieht und Ähnlichkeit mit einem Boot aufweist. Des Weiteren betrachtete man die Mondsichel auch als Hörner des Himmelsstieres oder als Bogen.
Folgende Szene kommt ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. öfter auf Rollsiegelbildern vor: Zu sehen ist ein Gott mit Hörnerkrone, dem Symbol der Göttlichkeit. Er trägt meist eine Sichelmond auf seiner Krone. In seinen Händen hält er einen Mondsichelstab, Keule oder in Anatolien eine Axt. Dazu steht er öferts auf einem Boot, Rind oder Berg.[1]
Familie

Er ist der erstgeborene Sohn von Enlil und Ninlil, sowie auch der Vater der astralen Gottheiten Šamaš (Sonne) und Ištar (Morgenstern).[2] Zudem ist er der Vater von Amarazu und Amarahea, zwei unwichtigeren Gottheiten.[3] In verschiedenen Städten, in denen Sin eine wichtige Rolle zukam, wurden ihm auch weitere Kinder zugeschrieben. Hierzu zählen der Viehgott Ningublaga[4], der Lichtgott Nusku[5] und die Göttinnen Anunīto[6] und Nanaya[7], welche mit seiner Tochter Ištar in Verbindung standen.
In manchen sumerischen Quellen wird er auch als Kind des Gottes An gesehen.[8]
Kult
Sin genoss in vielen Städten Südmesopotamiens, wie z. B. Babylon und Nippur, kultische Verehrung. Sein Hauptkultort befand sich in der Stadt Ur, wo sein Hauptheiligtum Ekišnugal stand. Hier wurde Sin bereits seit der frühsumerischen Zeit unter dem Namen Nanna verehrt. Die Rolle der sogenannten En-Priesterinnen des Mondgottes war nur Königstöchtern vorbehalten, darunter Sargons Tochter Enḫeduanna, die als erste Priesterin dieses Amt bekleidete.
Im nordmesopotamischen Harran entstand später mit dem Haupttempel Eḫulḫul ein weiteres Kultzentrum. Der Mondgott von Harran ((DEUS)LUNA+Mì-sa, (DEUS) hà+ra/i-na, ha+ra/i-na-wa/i-ni-sa(URBS)) wird auch in luwischen Inschriften oft angerufen,[9] beispielsweise in der späthethitischen Felsinschrift von Karaburna.
Der Mondgott hatte außerdem Bedeutung im altsüdarabischen Hadramaut im heutigen Jemen, wo er ebenfalls unter dem Namen Sin verehrt worden ist. Ansonsten entsprach er den dortigen Mondgottheiten Almaqah in Saba, Wadd in Ma'in und Amm in Qataban.[10] Da Sin auf Münzen häufig als Adler und damit als Sonnentier dargestellt wurde, besteht Unsicherheit, ob er nicht als Sonnengott zu betrachten ist.[11]
Rollen und Aufgaben
Sin war vor allem der Gott des Mondes. Seine Macht nahm mit dem Wachstum des Mondes zu, bis er am Vollmond die Macht des Gottes Anu hatte.[12] Neben dem Mond war Sin auch ein Vegetations-, Herden-, Heilungs- und Geburtsgott. Tiere wie Rinder, Steinböcke und Ziegen standen in Beziehung zu ihm. Der Grund ist wahrscheinlich in der Form der Tierhörner zu suchen, die dem Sichelmond gleichen.[13] In dieser Funktion wurde er auch in Gebeten angerufen.
“The one who does not have an heir you endow with an heir, without you the childless woman cannot conceive and become pregnant”[14]
“…the womb that gives birth to all the living beings, creator of the womb”[15]
„Gerade so wie die Dienerin des Sin heil gebar, so soll das junge Mädchen eine Wohlgebärende sein. Die Hebamme soll sich nicht verspäten, und die Schwangere soll wohlbehalten sein.“[16]
„Wenn dein Wort im Himmel wie der Wind dahinfährt, bringt es dem Lande reichlich Speise und Trank. Wenn dein Wort auf Erden ergeht, wachsen dort Gras und Kräuter. Dein Wort macht Hürde und Pferch fett, macht die Lebewesen zahlreich.“[17]
Hierbei scheint das Wachsen des Mondzyklus mit dem Wachstum von Pflanzen und Kindern in Verbindung gebracht worden zu sein. Sin wird zudem als Hirte dargestellt, der die Sterne wie Schafe über den Himmel führt.
Mythen
Sin und Gi-Sin
Nach einem assyrischen Mythos verliebte sich Sin in die Kuh Gi-Sin. Er gab ihr Wasser, weidete sie auf grüner Aue in frischem Gras und beschlief sie in der Gestalt eines Bullen. Als die Kuh niederkam, hatte sie extreme Geburtsbeschwerden, das Kalb steckte fest („Die Tür war verschlossen, der Riegel war vorgeschoben“[18]) und die Kuh wandt sich in Schmerzen und war dem Tode nahe. Sin sandte zwei der Töchter Ans zur Erde nieder, um ihr beizustehen. Die eine trug das Wasser der Geburt (Fruchtwasser), die andere trug Öl in einem Krug und das Wasser der Geburt. Sin salbte die Stirn der Kuh mit dem Öl und besprenkelte ihren gesamten Körper mit dem Fruchtwasser, und die Kuh konnte normal entbinden[19]. Dieser Mythos wurde wohl rezitiert, wenn eine Frau Schwierigkeiten bei der Geburt hatte: so wie Gi-Sin eine normale Niederkunft gehabt hatte, so sollte auch die junge Frau eine normale Niederkunft haben.
Weitere Fassungen dieses Mythos sind von etwa 1300 v. Chr. aus Ḫattuša (KUB 4 13) und einer mittelassyrischen Tontafel (Rm 376)[20] überliefert. Weitere, jüngere Fassungen stammen aus Aššur (KAR 196 = BAM 248) und Ninive (revers K 2413, AMT 67 Nr. 1, obvers BAM, K 82 10, K 3485+10443).
Literatur
- Ake Sjöberg: Der Mondgott Nanna-Suen in der sumerischen Überlieferung. Stockholm 1960.
- Jacques Ryckmans: Die Altsüdarabische Religion. In: Werner Daum (Hrsg.): Jemen. Pinguin-Verlag, Innsbruck / Umschau-Verlag, Frankfurt a. M. 1987, ISBN 3-7016-2251-5, S. 111–115.
- M. Kerebernik: Mondgott. In: Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie. Band 8, De Gruyter, 1995, S. 361–362. (publicationen.badw.de)
- Gabriele Theuer: Der Mondgott in den Religionen Syrien-Palästinas: Unter besonderer Berücksichtigung von KTU 1.24. Vandenhoeck & Ruprecht, 2000, ISBN 3-525-53745-X.
- Brigitte Groneberg: Die Götter des Zweistromlandes: Kulte, Mythen, Epen. Düsseldorf 2004.
- Aino Hätinen: The Moongod Sin in Neo-Assyrian and Neo-Babylonian Times (=Dubsar. Band 20). Zaphon, Münster 2021, ISBN 978-3-96327-140-3.