Exkoriationsstörung
psychische Störung, die mit zwanghaftem Skin-Picking einhergeht
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Die Exkoriationsstörung oder Skin-Picking-Störung (englisch Skin picking disorder) ist eine Zwangsspektrumstörung, die durch das Skin-Picking, also durch ein wiederholtes Berühren, Quetschen und Kratzen von erkrankten oder gesunden Hautstellen aufgrund eines unwiderstehlichen Drangs gekennzeichnet ist. Das zwanghafte Bearbeiten der Haut mit den Fingernägeln, oder unter der Verwendung von Werkzeugen, kann zu erheblichen Gewebeschäden führen. Weitere Folgen sind Scham und Schuldgefühle sowie eine wachsende soziale Isolation. Sie wird dabei den Körperbezogenen repetitive Verhaltensstörungen zugeordnet.[1]
| Klassifikation nach ICD-10 | |
|---|---|
| F63.9 | Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle, nicht näher bezeichnet |
| ICD-10 online (WHO-Version 2019) | |
| Klassifikation nach ICD-11 | |
|---|---|
| 6B25.1 | Exkoriationsstörung |
| ICD-11: Englisch • Deutsch (Vorabversion) | |

Im deutschen Sprachraum ist ebenfalls der Fachbegriff Dermatillomanie üblich. Dieser Begriff stammt aus dem Griechischen und setzt sich zusammen aus derma (= Haut), tillein (= rupfen) und mania (= Begeisterung, Wahnsinn). Ähnliche Bedeutung haben auch das englische skin picking sowie neurotic excoriations oder das französische acne excoriée. In der deutschsprachigen Selbsthilfeszene wird mittlerweile der Begriff Skin-Picking am häufigsten benutzt.
Geschichte und Prävalenz
Im Jahr 1875 beschrieb der englische Arzt Sir Erasmus Wilson erstmals neurotic excoriation, als eine nicht kontrollierbare Tätigkeit, die sich gegen die eigene Haut richtet und ihm zuerst als Symptom von Neurosepatienten aufgefallen war.[2] Das Verhalten, das er beschrieb, beinhaltete das Drücken, Reiben, Kratzen, Kneifen und Bearbeiten der Haut, bis diese sichtbare Schäden aufwies. Dabei waren sich die Betroffenen bewusst, dass sie sich selbst verletzten, konnten den Drang dies zu tun, jedoch nicht kontrollieren, obwohl viele von ihnen es bereits wiederholt versucht hatten.[3]
Im Laufe der Zeit kamen im englischen Sprachbereich die Bezeichnungen psychogenic excoriation, pathological skin picking und compulsive skin picking hinzu, die auf den pathologischen bzw. zwanghaften Aspekt der Erkrankung hinweisen.[3]
Der Krankheitsverlauf der mittlerweile als psychische Störung anerkannten Erkrankung ist phasenhaft und kann einen chronischen Verlauf aufweisen.[4]
Die Erkrankung kann zu jeder Zeit auftreten, entwickelt sich jedoch besonders häufig in der späten Kindheit oder frühen Jugend, wie mehrere Untersuchungen belegen.[5][6] Oft besteht am Anfang ein Zusammenhang mit Akne. Neben den seit dem Kindes- oder Jugendalter Betroffenen gibt es eine zweite Gruppe, bei denen behandlungsbedürftiges Skin Picking im Alter zwischen 30 und 45 Jahren auftritt.[2][7]
Amerikanische Psychologen schätzten die Prävalenz von Skin-Picking-Störung (2012) zwischen 1,4 und 5,4 Prozent der Bevölkerung.[2] Auch in Brasilien sind bis zu 5,4 Prozent aller Erwachsenen betroffen.[8]
Die Dunkelziffer ist hoch; einige Studien gehen davon aus, dass nur bis zu 20 Prozent der Skin-Picking-Störung Betroffenen sich deswegen in Behandlung begeben.[2]
Klassifikation
ICD-11
Mit dem Inkrafttreten der ICD-11 im Jahr 2022 wurde die „Exkoriationsstörung“ (Code: 6B25.1) als eigenständige psychische Störung in den Unterabschnitt „Zwangsstörung oder verwandte Störungen“ aufgenommen. Um die Exkoriationsstörung zu diagnostizieren, müssen mindestens folgende Kriterien erfüllt sein:[9]
- Wiederkehrendes Picking auf der Haut.
- Erfolglose Versuche, das Picking zu stoppen oder zu verringern.
- Erhebliche Hautläsionen als Folge des Picking-Verhaltens.
- Die Symptome führen zu erheblichem Leidensdruck oder erheblichen Beeinträchtigungen im persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.”
DSM-5-TR
Im seit 2022 gültigen DSM-5-TR wird die „Excoriation (Skin-Picking) Disorder“ ebenso wie in der ICD-11 der Kategorie „Zwangsstörung oder verwandte Störungen“ zugeordnet. Um diese zu diagnostizieren, sind folgende Kriterien zu beachten:[10]
- Wiederkehrendes Skin-Picking, das zu Hautläsionen führt.
- Wiederholte Versuche, diese zu verringern oder zu beenden.
- Das Skin-Picking verursacht klinisch signifikante Belastungen oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.
- Die Störung ist nicht auf die physiologischen Wirkungen einer Substanz (z. B. Kokain) oder eine andere Erkrankung (z. B. Krätze) zurückzuführen.
- Die Störung lässt sich nicht besser durch Symptome einer anderen psychischen Störung erklären.
Symptomatik
Von Skin-Picking betroffene Personen bearbeiten Pickel, Härchen oder Krusten, aber auch gesunde Hautstellen mit Fingern, Pinzetten, Nadeln oder anderen spitzen Gegenständen, sodass Wunden und Narben entstehen können. Dabei folgen Betroffene einem Impuls, dem sie kaum Widerstand entgegensetzen können. Diese Handlung führt zu einem Leidensdruck und Beeinträchtigungen in alltäglichen Lebensbereichen.[11] Die Gründe für diese Handlungen sind unterschiedlich, meist wird jedoch Stress als Auslöser diskutiert.[12]
Die Zeit, die pro Tag für das Bearbeiten der Haut aufgewendet wird, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und auch nicht jeden Tag gleich. Angaben reichen von wenigen Minuten bis zu mehreren Stunden für eine Skin-Picking-Episode. Die meisten Betroffenen berichten von mehreren Episoden pro Tag. Das können im Extremfall bis zu 150 Episoden am Tag sein.[13] Für die Schweregrad-Einschätzung hat sich die Skin Picking Scale Revised (SPS-R) bewährt, eine autorisierte Version wurde von Dr. Christina Gallinat ins Deutsche übertragen.[14]
Bei Betroffenen, die täglich mehrere Stunden aufwenden, kann es zu Problemen im Beruf, mit der Schule oder im sozialen Bereich kommen, da sie sich durch ihr Verhalten verspäten, oder diese versäumen.[2]
Ein weiteres Kriterium, nachdem der Schweregrad der Erkrankung sich unterteilen lässt, ist die Anzahl der Hautverletzungen und der betroffenen Stellen (engl. Picking Sites).[15]
Bevor die Diagnose Skin-Picking-Störung final gestellt wird, ist abzuklären, dass das Verhalten nicht Symptom einer anderen Zwangspektrumstörung (wie Körperdysmorphe Störung) ist, auf eine dermatologische Erkrankung zurückzuführen ist. Auch die Möglichkeit als Nebenwirkung von Arzneimitteln oder Drogen (wie Amphetamin) muss im Vorfeld abgeklärt werden.[3]
Komorbidität und Folgen
Es gibt eine Reihe von Erkrankungen, die überdurchschnittlich oft gemeinsam mit der Skin-Picking-Störung auftreten, wobei die Angabe in den Klammern die prozentual von Skin-Picking Betroffenen beziffert;
- Depressionen (12,5-48 Prozent[2] beziehungsweise 32-37 Prozent[8])
- Substanzabhängigkeiten (incl. der Abhängigkeit von psychoaktiven Substanzen und Alkoholkrankheit; 14-36 Prozent[2])
- Angststörungen (8-23 Prozent[2])
- Generalisierte Angststörungen (12,5 - 48 Prozent[8])
- Onychophagie
- Dermatophagie
- Tourette-Syndrom und Ticstörungen (Selbstverletzendes Verhalten/Autoaggression)[16][17][18][19][20][21]
- Autismus und ADHS[22][23]
Ein Teil der Überschneidungen mit den oben genannten Krankheitsbildern haben sowohl Skin-Picking als auch Trichotillomanie gemeinsam.[15]
Zu den körperlichen Folgen des Skin-Pickings gehört, dass die betroffenen Hautstellen häufig nicht verheilen können, sodass es zu Entzündungen, Problemen bei der Wundheilung durch erneutes Skin-Picking sowie immer stärkere Verletzungen und letztlich zur Bildung von Narben kommt.
Skin-Picking Betroffene leiden aufgrund der Narben, Wunden oder roten Stellen oftmals unter großen Scham- und Schuldgefühlen und versuchen, die betroffenen Stellen zu verbergen oder sie vermeiden den Kontakt zu anderen. Dies kann bis zur sozialen Isolation und somit einem erheblichen Verlust an Lebensqualität führen.[24]
Therapiemöglichkeiten
Die Erkrankung ist bisher nur unzureichend erforscht und auch unter Fachleuten noch wenig bekannt. In einer Meta-Analyse von 2024 wurden verschiedenen Behandlungsansätze geprüft und der Einsatz von kognitiver Verhaltenstherapie und Achtsamkeit und Akzeptanz-basierte behaviourale Ansätze als besonders wirksam bei der Behandlung der Skin-Picking-Störung beschrieben.[25][26]
Ein wichtiger Bestandteil der verhaltenstherapeutischen Herangehensweise, welches sich bei Dermatillomanie bewährt hat, ist das Habit-Reversal-Training, das auch in Eigenregie von Betroffenen angewendet werden kann. Die Methode wurde 1973 von Azrin und Nunn entwickelt, um unerwünschte Gewohnheiten durch verbesserte Selbstwahrnehmung und neu erlernte Verhaltensweisen zu verändern und die die Ausübung des dysfunktionalen Verhaltens entgegengesetzt sind.[27] Nach neueren Untersuchungen berichteten 50 % der Anwender von einem eindeutigen Rückgang von Skin Picking.[3][28][29][30]
Zusätzlich zu einer Form von kognitiver Verhaltenstherapie wird zur Medikamentierung von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, N-Acetylcystein oder Naltrexon geraten.
Die Gabe von N-Acetylcystein hat sich bereits bei der ähnlich gelagerten Trichotillomanie bewährt, da sie die Impulskontrolle durch Regulierung des Glutamat-Stoffwechsels positiv beeinflussen soll. Einige Fallstudien sowie kleinere Studien haben eine Reduzierung des Skin Picking durch die Gabe von N-Acetylcystein ergeben.[31]
Ergänzend zu einer therapeutischen Maßnahme kann auch die Auseinandersetzung mit anderen Betroffenen hilfreich sein. So gibt es etwa Selbsthilfegruppen, diverse Blogs, Podcasts und noch weitere Möglichkeiten, in das Thema einzusteigen und sich darüber auszutauschen.[32]
Prävalenz
Gemäß den Ergebnissen einer im DSM-5-TR erwähnten Online-Umfrage, die unter mehr als 10.000 Erwachsenen im Alter von 18 bis 69 Jahren durchgeführt wurde und hinsichtlich Alter und Geschlecht der US-amerikanischen Bevölkerung repräsentativ war, gaben 2,1 % der Teilnehmer an, derzeit an einer Exkoriationsstörung zu leiden. Darüber hinaus gaben 3,1 % der Teilnehmer an, im Laufe ihres Lebens bereits einmal an einer solchen Störung erkrankt gewesen zu sein. In Bevölkerungsstichproben sind drei Viertel oder mehr der Betroffenen weiblich.[33]
Siehe auch
- Exkoriation
- Onychophagie (Nagelkauen)
- Perionychophagie
- Dermatophagie
- Onychotillomanie
- Rhinotillexomanie (Nasebohren)
- Selbstverletzendes Verhalten
Literatur
- I. Bäumer, C. Gallinat (2022): Frieden mit meiner Haut. Wege, Skin Picking zu überwinden. Mabuse, ISBN 978-3-86321-615-3.
- C. Gallinat, A. Martin, J. Schmidt (2020): Dermatillomanie. Symptomatik, Ätiologie und Therapie des pathologischen Bearbeitens der Haut. Psychotherapeut, 65(4), 313–328, doi:10.1007/s00278-020-00437-7.
- K. Vollmeyer, S. Fricke (2012): Die eigene Haut retten: Hilfe bei Skin Picking. Psychiatrie Verlag, Bonn, ISBN 978-3-86739-071-2.
Weblinks
- Skin Picking Disorder (Exkoriationsstörung) im MSD Manual
- Entkopplung und Habit Replacement – Selbsthilfekonzepte des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
- Skin Picking Disorder: Wenn Knibbeln und Zupfen zum Zwang wird auf ZDFheute
- Skin Picking – wenn Pickelausdrücken zur Sucht wird vom Hessischen Rundfunk (hr) auf YouTube