Spiritueller Lehrer
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Ein spiritueller Lehrer ist eine Person, die von anderen als besonders weise betrachtet wird, teilweise gar als erleuchtet, und daher als legitim anerkannt wird, anderen ihre Erkenntnisse über das Leben zu vermitteln.[1] Diese Vermittlung kann über verschiedene Wege geschehen, sowohl persönlich als auch indirekt (bspw. über Bücher oder Internet-Medien). Die meisten der so verbreiteten Lehren besitzen gemeinsame Kerninhalte, bspw. die Wichtigkeit von Achtsamkeit (Geistesgegenwart) und die Schädlichkeit der Identifikation mit dem Ego.
Es gibt verschiedene Bezeichnungen für einen spirituellen Lehrer neben „Lehrer“, bspw. „Meister“ oder „Guru“[2]. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wird der Begriff Guru manchmal abwertend für selbsternannte spirituelle Lehrer verwendet.
Wege der Weisheitsvermittlung
Der Unterricht kann über verschiedene Wege geschehen, bspw. über persönliche Gespräche und Vorträge bspw. bei Retreats, Satsangs (Indische Philosophie), Dhikr (Sufismus) oder Teishōs (Zen) oder gemeinsame Übungen, über Bücher, Hörbücher, Aufzeichnungen von Reden, Podcasts.
Als Orte kommen infrage bspw. ein Aschram (Indien), Kloster (Christentum, Buddhismus) oder Dōjō (Zen), ebenso das private Umfeld oder Onlinedienste.
Spirituelle Lehrer in der Tradition östlicher Religionen
In der Tradition östlicher Religionen herrscht die philosophische Überzeugung, dass die persönliche Wissensvermittlung durch einen Lehrer für einen Schüler unentbehrlich ist für dessen Weg zur Erleuchtung.[3]
Die Bezeichnung für einen spirituellen Lehrer im Hinduismus, im Sikhismus und im tibetischen Buddhismus ist „Guru“, ein Ehrentitel, der ursprünglich aus dem Hinduismus stammt.[4] Bis heute hat der Titel in Indien und unter den Anhängern der genannten Glaubensrichtungen seinen hohen Wert behalten. Im zeitgenössischen westlichen Sprachgebrauch wird die Bezeichnung „Guru“ seltener für spirituelle Lehrer verwendet, dann öfter mit abwertender Bedeutung, entweder wegen ihnen unterstellten unredlichen Motiven und/oder ihren Anhängerschaften, die ihnen kritiklos vertrauen.[5]
Im tibetischen Buddhismus existiert zudem Lama als Titel für einen tibetischen buddhistischen Lehrer des Dharma.[6]
Im Zen-Buddhismus gibt es unterschiedliche Titel für spirituelle Lehrer, siehe Zen-Meister.
Spirituelle Lehrer im Westen
Das Phänomen spiritueller Lehrer erlebte Mitte des 20. Jahrhunderts einen Aufschwung in der westlichen Welt, gemeinsam mit dem Phänomen der Spiritualität allgemein.[7] Überwiegend waren bzw. sind deren Lehren durch Buddhismus und Hinduismus geprägt, teilweise aber auch von christlicher Mystik, muslimischem Sufismus oder anderen Glaubensrichtungen. Häufig stammen die in der westlichen Welt populärsten Lehrer entweder selbst aus der westlichen Welt oder aus Indien.
Bedeutendste spirituelle Lehrer
Zu den weltweit bekanntesten spirituellen Lehrern seither zählen Osho, Alan Watts und Eckhart Tolle. Als weitere Beispiele lassen sich nennen: Ram Dass, Rupert Spira, Adyashanti, Michael Singer, Jiddu Krishnamurti, Ramana Maharshi und dessen Schüler H. W. L. Poonja („Papaji“), der 14. Dalai Lama, Thich Nhat Hanh, Sadhguru und Amma. Ebenfalls spirituell inspirierend für viele Menschen weltweit war Mahatma Gandhi, welcher allerdings nicht als spiritueller Lehrer auftrat, sondern als politischer Revolutionär. Auch die Überlieferungen historischer Persönlichkeiten der Weltreligionen werden häufig herangezogen, im Christentum neben Jesus bspw. Meister Eckhart oder Franz von Assisi.
Die bedeutendsten spirituellen Lehrer im deutschsprachigen Raum werden nur selten gleichzeitig auch als Gurus bezeichnet und vermeiden selbst diesen Begriff konsequent, wegen dessen negativer Konnotation in der Mehrheitsgesellschaft. Sie verbreiten ihre Lehre (teilweise als „Traumaheilung“) unter anderem über Selbsthilfebücher/-hörbücher, Retreats/Satsangs und Ausbildungen, die den Therapeuten-Ausbildungen in der humanistischen Psychotherapie stark ähneln. Beispiele für lebende spirituelle Lehrer im deutschsprachigen Raum, abgesehen von Eckhart Tolle, sind Veit Lindau, Anselm Grün (Christentum), Muho Nölke (Zen), Gopal Norbert Klein (bekannt durch die Entwicklung der Co-Counselling-Methode „Ehrliches Mitteilen“) sowie aus der Traditionslinie von Papaji: Samarpan, Madhukar, Cedric Parkin, Pyar Troll-Rauch, Christian Meyer sowie Meyers ehemalige Schülerin Brigitte Koch-Kersten (die beiden letzteren entwickelten jeweils Co-Counselling-Übungen zur Durchführung zuzweit).
Sufismus
Auch der Sufismus fand im Zusammenhang mit dem neuen Interesse an den asiatischen Religionen eine gewisse Verbreitung im Westen.[8] Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts verbreitete sich sufisches Gedankengut, umgedeutet und angepasst für die Bedürfnisse der westlichen Suchenden, bspw. durch die Arbeit des indischen Musikers und Mystikers Hazrat Inayat Khan sowie durch die historischen Werke des Dichters Rumi.
Die bekanntesten in Deutschland lebenden Sufis sind der zum Sufismus konvertierte Sufi-Meister Scheich Hassan Dyck, die aus der Türkei stammenden Sufi-Meister Scheich Eşref Efendi und Scheich Seyyid Osman Efendi sowie der ebenfalls konvertierte Scheich Bashir Ahmad Dultz (Scheich ist der Ehrentitel für einen spirituellen Lehrer im Sufismus).
Bedeutung des Ego/Selbst bei einigen spirituellen Lehrern (Auswahl)
In den Lehren vieler moderner spiritueller Lehrer, darunter Eckhart Tolle[9], Ken Wilber[10][11][12], Marc Gafni[13], Rupert Spira[14], A.H. Almaas, Roberto Assagioli und Thích Nhất Hạnh, wird das „Ich oder Ego“ in der Regel als begrenztes, identifiziertes Selbst verstanden, das aus Rollen, Gedanken, Gefühlen und inneren Anteilen besteht. Dieses Ich wird als das Teilbewusstsein betrachtet, das den direkten Zugang zur tieferen, authentischen Essenz des Menschen oft verdeckt.
Das „wahre Selbst“ wird in diesen Ansätzen als eine übergeordnete Dimension beschrieben, die je nach Lehrer unterschiedlich bezeichnet und erfahren wird, bspw. als „Unique Self“ (Gafni), „Real Self“ oder „Höheres Selbst“ (Almaas, Assagioli), als „bewusstes Präsenz-Bewusstsein“ (Tolle, Spira) oder als „achtsam wahrnehmendes, mitfühlendes Selbst“ (Thích Nhất Hạnh).
Die spirituelle Praxis zielt darauf ab, das „begrenzte Ich“ zu erkennen, zu integrieren oder zu transzendieren, sodass das tiefere Selbst in Bewusstsein, Erfahrung und Handeln sichtbar wird. Dabei wird das „Ego“ nicht notwendigerweise zerstört oder aufgelöst, sondern in einem Prozess der Bewusstwerdung, Heilung und inneren Transformation in einen harmonischen Bezug zum Selbst gebracht. Trotz der unterschiedlichen Terminologien und Methoden verbindet alle diese Lehrer die zentrale Einsicht, dass das Erkennen der Trennung zwischen „Ego“ und „authentischem Selbst“ der Schlüssel zu spiritueller Reife, innerem Frieden und Selbstverwirklichung ist.[15][16]
| Lehrer | Ich-/Selbst-Konzept (kurz)[17] | Ich-Anteile/Ich-Zustände sind:[17] | Ziel der personellen Transformation[17] | Methode/Praxis[17] |
|---|---|---|---|---|
| Eckhart Tolle | Falsches Selbst / Ego: Identifikation mit Gedanken, Rollen, Vergangenheit/Zukunft. Wahres Selbst = Präsenz im Jetzt | Rollen/Identifikationen | Nicht-Identifikation | Gegenwärtigkeit |
| Rupert Spira | Nicht-duales Selbst / Bewusstsein: Das Ich ist Illusion; wahres Selbst = reines, unteilbares Bewusstsein | Illusionen | Einsicht ins wahre Selbst | Self-Inquiry |
| Ken Wilber | Ich als Entwicklungsstufen (Holarchie): Das Selbst entwickelt sich evolutionär durch Bewusstseinsebenen; höhere Selbststufen integrieren niedrigere | Entwicklungsstufen | Bewusstwerdung + Integration | Integral-Training |
| Marc Gafni | Unique Self: Einzigartige Essenz jedes Menschen; göttlicher Ausdruck eines Individuums, die über Ego und Rollen hinausgeht. Ego wird integriert, um Authentizität auszudrücken | Teile der Geschichte | Integration in Unique Self | Selbstausdruck, Heilung |
| A. H. Almaas | Real Self: Essenz hinter inneren Facetten; Ego-Strukturen werden integriert, um Authentizität und Potenzial zu entfalten | innere Facetten | Heilung + Integration | Diamond Approach |
| Roberto Assagioli | Höheres Selbst und Unterpersönlichkeiten: Ich besteht aus verschiedenen Unterpersönlichkeiten; das Höhere Selbst integriert und harmonisiert sie | Unterpersönlichkeiten | Integration ins Höhere Selbst | Psychosynthese |
| Thích Nhất Hạnh | Intersein / Achtsames Selbst: Selbst ist ein Prozess; Ego-States werden mit Achtsamkeit und Mitgefühl wahrgenommen, ohne Anhaften oder Abgrenzung | innere Zustände zum Beobachten | Mitgefühl und Frieden mit allen Anteilen | Achtsamkeit, Meditation, Mitgefühl |
| Buddha | Selbst = nicht-dual und transzendental; Transformation über Achtsamkeit, Meditation und Einsicht in die Nicht-Existenz eines festen Ichs | Ego/Ich = Anhaftung, Illusion (Anatta) | Aufhebung von Leid und Anhaftung, Erwachen (Nirwana) | Achtsamkeit, Meditation, Einsicht, ethisches Leben, Edler achtfacher Pfad |
| Jesus von Nazareth | Selbst = relational, ethisch und in Liebe verwirklicht; Transformation über Beziehung zu Gott und Mitgefühl | begrenztes Selbst, getrennt von Gott | Einheit mit Gott, Liebe, Mitgefühl, authentisches Leben | Beziehung zu Gott, Mitgefühl, Gebet, ethisches Handeln |
Literatur
- M. Hara: Hindu Concepts of Teacher, Sanskrit guru and acarya. In: Sanskrit and Indian Studies. Essays in Honour of Daniel H. H. Ingalls. Dordrecht, 1980, S. 93–118