Stefan Gelbhaar
deutscher Politiker (Grüne), MdB, MdA
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Stefan Gelbhaar (* 9. Juli 1976 in Ost-Berlin) ist ein deutscher Politiker (Bündnis 90/Die Grünen). Von April 2008 bis März 2011 war er Landesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen Berlin. Gelbhaar war von 2011 bis 2017 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin und von 2017 bis 2025 Mitglied des Deutschen Bundestages.

Leben
Gelbhaar wurde in Berlin-Friedrichshain geboren und wuchs im Berliner Stadtbezirk/Bezirk Pankow auf. Er besuchte die 30. POS und das Carl-von-Ossietzky-Gymnasium im Ortsteil Berlin-Pankow. Nach seinem Abitur leistete er Zivildienst in der Tagesbetreuungsstätte im Haus Immanuel.[1] Ab 1997 studierte er Rechtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, 2002 schloss er das Studium mit dem 1. Staatsexamen ab. Sein Referendariat absolvierte er im Land Brandenburg, 2004 schloss er das Referendariat mit dem 2. Staatsexamen ab. Er ist als Rechtsanwalt zugelassen[2] und war u. a. als Strafverteidiger[3] tätig. Gelbhaar ist Vater von zwei Kindern.[1]
Politik
Gelbhaar ist seit 2000 Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Von 2004 bis 2005 war er Beisitzer und von Ende 2005 bis Anfang 2008 Vorsitzender im Vorstand des Pankower Kreisverbandes. Laut der Welt war es ihm gelungen, den zerstrittenen Kreisverband Pankow zu einen.[4] Von März 2007 bis April 2008 war er zudem Beisitzer im Landesvorstand Berlin. Er wurde 2008 als Nachfolger Barbara Oesterhelds von der Berliner Landesdelegiertenkonferenz im ersten Wahlgang mit 61 % zum Landesvorsitzenden gewählt, seine Gegenkandidatin Pia Paust-Lassen erhielt 35 % der Stimmen.[5]
Mit der Wahl im September 2011 zum Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin schied Gelbhaar aus dem Parteivorstand aus. In der Fraktion war er Sprecher für Verkehrs- sowie Medien- und Netzpolitik und seit November 2011 stellvertretender Fraktionsvorsitzender.[6] Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin 2016 kandidierte Gelbhaar für den Wahlkreis Pankow 8 und gewann mit einem Erststimmenergebnis von 29,8 % das Direktmandat. Gelbhaar legte sein Mandat im Abgeordnetenhaus von Berlin im Dezember 2017 nieder, da er im Oktober 2017 Mitglied des Bundestages geworden war.[7]
Bei der Bundestagswahl 2017 kandidierte Gelbhaar als Direktkandidat für den Wahlkreis 76 – Pankow und wurde als Zweiter der Landesliste in den 19. Deutschen Bundestag gewählt.[8][9] Dort war er Obmann seiner Fraktion im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur und Sprecher für städtische Mobilität und Radverkehr.[10][11][12] Ab Oktober 2020 war Gelbhaar als Nachfolger von Stephan Kühn zudem verkehrspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion.[12][13] Er war stellvertretendes Mitglied im 2. Untersuchungsausschuss der 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages.
Zur Bundestagswahl 2021 sowie der teilweisen Wahlwiederholung trat Gelbhaar erneut für den Wahlkreis Berlin-Pankow an und führte mit Lisa Paus die Grüne Landesliste von Berlin an.[14] Er gewann das Direktmandat und zog in den 20. Deutschen Bundestag ein. Gelbhaar war innerhalb seiner Bundestagsfraktion Leiter der AG Mobilität,[15] ab 2020 war er Sprecher für Verkehrspolitik. Er war zudem ordentliches Mitglied im Verkehrsausschuss sowie stellvertretendes Mitglied im Haushaltsausschuss und im Ausschuss für Digitales.[16][17] Ab 2022 war er als einer von drei Bundestagsabgeordneten der Regierungsfraktionen Mitglied im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn.[18]
Für die Bundestagswahl 2025 wurde Gelbhaar im November 2024 mit 98 % Zustimmung erneut als Direktkandidat der Grünen für den Bundestagswahlkreis Berlin-Pankow aufgestellt. Mitte Dezember 2024 zog er seine Kandidatur für die Berliner Landesliste der Grünen zurück. Anfang Januar 2025 wurde die Wahl um die Direktkandidatur wiederholt; hierbei verlor er gegen Julia Schneider.[19] Schneider gewann im Februar 2025 das Direktmandat im Wahlkreis und zog in den Deutschen Bundestag ein; Gelbhaar schied am 25. März 2025 aus dem Bundestag aus.
Gelbhaar strebte ursprünglich eine Kandidatur im Wahlkreis Pankow 6 bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin 2026 an, unterlag jedoch bei der parteiinternen Nominierung im November 2025 Sunčica Klaas.[20][21]
Vorwurf des grenzüberschreitenden Verhaltens und teilweise Falschberichterstattung
Der Tagesspiegel hatte Mitte Dezember 2024,[22] der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) zum Jahreswechsel[23] über Belästigungsvorwürfe mehrerer Frauen gegen ihn berichtet; auch Medien der Axel Springer SE berichteten. Gelbhaar bestritt alle Vorwürfe. Der RBB räumte Fehler bei der Recherche ein.[24][25] Eine externe Untersuchung der Vorgänge[26][27] zeigte, dass der Sender Anschuldigungen nicht ausreichend geprüft hatte, einige waren unter einer vorgetäuschten Identität erhoben worden.[28] Chefredakteur David Biesinger und Programmdirektorin Katrin Günther traten deswegen im März 2025 von ihren Ämtern beim RBB zurück.[29] Zudem erstattete der Bundesvorstand der Grünen Strafanzeige wegen falscher uneidlicher Aussage gegen eine Politikerin und Unbekannt. Auf eine Strafanzeige Gelbhaars hin nahm die Staatsanwaltschaft Berlin Ermittlungen aufgrund des Anfangsverdachts der Verleumdung auf.[30][31][32] Gelbhaar forderte vom RBB zivilrechtlich 1,7 Millionen Euro Geldentschädigung und Schadensersatz.[23][33]
Die Süddeutschen Zeitung (SZ) berichtete im März 2025, dass sieben Frauen gegenüber der internen Ombudsstelle weiterhin an ihren Vorwürfen festhielten, welche laut einem Schreiben des Grünen-Bundesvorstand plausibilisiert wurden und sich zu „einem relevanten Vorwurf grenzverletzenden Verhaltens (sic!) verdichten“. Insgesamt acht zumeist junge Frauen wandten sich an die SZ und berichteten von unangenehmem oder grenzverletzendem Verhalten Gelbhaars. Laut SZ passten ihre Schilderungen zu den Schlussfolgerungen des Grünen-Bundesvorstands. Darunter Flirt-/Annäherungsversuche und Bemerkungen über das Äußere der Frauen, die zum damaligen Zeitpunkt deutlich jünger und beruflich unerfahrener als Gelbhaar waren. Die SZ habe manches davon in gespeicherten Chat-Nachrichten nachvollziehen können. Die SZ betont, die Vorwürfe seien zwar nicht strafrechtlich relevant, könnten aber aufgrund des Macht- und Abhängigkeitsverhältnisses als problematisch angesehen werden.[34] Gelbhaar selbst weist den Vorwurf des Machtmissbrauchs zurück. Gegenüber ZAPP wandte er ein, die Unterstellung, dass „alle Menschen, nur weil sie jung sind, per se ganz schüchtern sind“ treffe „bei den Grünen Gott sei Dank“ nicht zu.[35]
Das Landgericht Hamburg bezeichnete im April 2025 den Bericht der Süddeutschen Zeitung als zulässig, da darin zwar „der Verdacht eines grenzüberschreitenden und übergriffigen Verhaltens des Antragstellers gegenüber einer Mehrzahl jüngerer Frauen in zulässiger Weise verbreitet“ worden sei, jedoch nicht der Verdacht eines strafbaren Verhaltens.[36] Das Oberlandesgericht Hamburg untersagte hingegen acht von 17 beanstandeten Aussagen aus dem Bericht. Der Tagesspiegel schrieb darüber rückwirkend: „Was bleibt: ein in weiten Teilen zulässiger Bericht über die Erfahrungen von acht Frauen mit wohl grenzverletzendem Verhalten.“[37]
Der Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen beauftragte Annemarie Lütkes und Jerzy Montag mit der Erstellung eines Berichtes, der im Juni 2025 in gekürzter Form veröffentlicht wurde, da Persönlichkeitsrechte zu wahren waren und Datenschutzbestimmungen berücksichtigt werden mussten.[38] Der Bericht, der die Vorwürfe der Frauen nicht bewerte,[37] wies einerseits auf strukturelle Probleme im Ombudsverfahren und konzertierte Eingaben gegen Gelbhaar unmittelbar vor der Listenerstellung hin. Nach den Ermittlungen habe es sich dabei um eine „Organisation von Meldungen“ gehandelt, die „geballt“ vor der Listenaufstellung zur Bundestagswahl aufgetaucht seien und „erkennbar“, wenn auch nicht bei allen, das Ziel gehabt hätten, Gelbhaars Wiederaufstellung zu verhindern. Die Organisation der Meldungen sei „wohl innerhalb oder im Umfeld der Grünen Jugend Berlin zu suchen“. Andererseits sei im Berliner Landesverband seit mehreren Jahren die „Einschätzung eines zumindest grenzwertigen Verhaltens“ von Gelbhaar „gegenüber insbesondere jüngeren, aber auch älteren Frauen“ „offenkundig“ gewesen. Gelbhaar habe dazu „wohl selbst Anlass gegeben“. Die Untersuchung wurde mit dem Ergebnis abgeschlossen, dass es keine endgültige Klärung in der Sache geben könne.[39][40][41][42][43]
Der Parteikollegin Klara Schedlich, deren eidesstattliche Versicherung Teil der RBB-Berichterstattung war, untersagte das Gericht im Mai 2025, gewisse Aussagen zu ihrer Kommunikation mit Gelbhaar, die zu Missverständnissen führen könnten, öffentlich zu wiederholen.[44][45][46] Das Oberlandesgericht Hamburg revidierte im Mai 2026 diese Entscheidung und erlaubte Schedlich wieder einige Aussagen zu Gelbhaars Annäherungsversuchen ihr gegenüber.[47]
Anfang Juli 2025 wurde bekannt, dass der RBB im Rahmen einer außergerichtlichen Einigung eine Entschädigung, über deren Höhe Stillschweigen vereinbart wurde, an Gelbhaar zahlt.[48][49] Die Zeitung Die Welt berichtete Mitte Juli 2025 unter Berufung auf „mehrere mit dem Fall vertraute Personen“, dass der Sender 100.000 EUR und eine Versicherung des Senders 300.000 EUR an Gelbhaar gezahlt hätten.[50]
Mitgliedschaften
- Vizepräsident des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg seit 2021[51][52]
- Mitglied im Aufsichtsrat der DB Netz AG von 2022[53] bis 2025