Straßenhund
herrenloser Hund
From Wikipedia, the free encyclopedia
Als Straßenhunde, Streuner oder Straßenköter werden herrenlose Hunde bezeichnet, die in Städten leben. Straßenhunde kommen in Mitteleuropa kaum vor. In vielen ärmeren und südlichen sowie osteuropäischen Ländern gehören sie jedoch zum Straßenbild. Phänotypisch sind sie sehr unterschiedlich und meist an ihren jeweiligen Lebensraum angepasst. Ein Beispiel dafür sind die Metro-Hunde in Moskau, die sich an das Leben an und in der U-Bahn angepasst haben.[1]

Problematik
Straßenhunde verursachen in mehreren Bereichen Probleme, weshalb vielerorts große Anstrengungen zur Regulierung der Population unternommen werden:
- Sie stellen ein Reservoir für Infektionskrankheiten und Parasitosen dar, die sowohl andere Hunde als auch den Menschen (Zoonose) befallen können. Außerhalb Europas und Nordamerikas spielen sie eine wichtige Rolle bei der Übertragung der Tollwut („urbane Tollwut“).[2][3] Durch das Streicheln eines Straßenhundes kann es zur Infektion mit Microsporum canis, einem Hautpilz, kommen.[4]
- Sie reagieren zum Teil unberechenbar und sind damit eine Gefahr für den Straßenverkehr und für Passanten durch Bissverletzungen.
Die Kontrolle der Straßenhunde-Population ist komplex und problematisch. Sie muss gemäß Empfehlungen der Weltorganisation für Tiergesundheit an die jeweiligen lokalen Gegebenheiten angepasst werden, um Aussicht auf Erfolg zu haben.[5]
In der europäischen Union werden zahlreiche (ehemalige) Straßenhunde aus dem Ausland importiert. Medien warnen, dass sich um die Auslandsadoptionen ein Markt entwickelt habe, auf dem viele vermeintlich hilfsbedürftige Hunde eigens produziert würden, und dass bei der Tiervermittlung emotionaler Druck ausgeübt werde. Viele Straßenhunde – etwa in Griechenland, Bulgarien und der Türkei – hätten sehr wohl feste Bezugspersonen, ohne dass sie bei ihnen wohnen würden. In vielen Ländern sind Hunde, die ohne Aufsicht auf der Straße unterwegs sind, verbreiteter als Menschen, die mit ihren Hunden gemeinsam spazieren gehen. Straßenhunde würden unnötig von der Straße geholt und selbst dann ins Ausland vermittelt, wenn das Leben auf der Straße für sie stressfreier wäre als eine Unterbringung im Tierheim oder bei Menschen – etwa, weil sie nicht als Welpen an den Menschen gewöhnt wurden. Seriöse Tierschutzvereine würden sich nicht nur auf die Welpenvermittlung konzentrieren. Außerdem seien sie bereit, vermittelte Tiere im Fall unerwartet großer Schwierigkeiten zurücknehmen und auf Pflegestellen unterzubringen, und sie seien auch bei Kastrationsprogramme vor Ort engagiert.[6]
Vorschriften einzelner Regionen oder Staaten
Für Straßenhunde hat die EU keine Zuständigkeit: In Bezug auf den Tierschutz hat die EU lediglich eine Zuständigkeit für Schlachttiere, die ausschließlich zu diesem Zweck gehalten werden.[7] Dazu befragt, ob EU-Mittel für die Tötung streunender Tiere zur Verfügung gestellt werden, erklärte die EU-Kommission 2025, dass die Tötung streunender Tiere nicht für eine EU-Kofinanzierung im Rahmen einer Tollwut-Tilgung in Betracht komme.[8] 2016 hatte sie erklärt, dass die EU zwar ein Tollwut-Tilgungsprogramm in Rumänien unterstütze, dies sich aber lediglich auf Wildtiere beziehe und keine bezuschusste Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Einfangen und Töten streunender Tiere vorsehe.[9]
Italien
In Italien unterstellt das Tierschutzgesetz 281 aus dem Jahr 1991 streunende Hunde dem Oberhaupt der Gemeinde und verbietet das Töten von Streunern. Hunde werden von den Gemeinden in eigenen oder privaten Tierheimen (canili) untergebracht; allerdings kritisieren Tierschützer, dass Profitmacherei durch staatliche Unterstützung häufig zu schlechter Unterbringung führt. (Siehe hierzu: Tierheim#Italien.)
In einigen Regionen Italiens wurden Regeln geschaffen, die es ermöglichen, kastrierte (bzw. sterilisierte) und gekennzeichnete Hunde, die für die Öffentlichkeit keine Gefahr darstellen, wieder freizulassen. Diese Hunde werden cane del quartiere (Hund der Nachbarschaft) oder auch cane libero accudito (versorgter freier Hund) genannt. Diese Maßnahme wird häufig in Regionen Südttaliens angewandt, wenn die lokalen Tierheime (canili) überfüllt sind oder wenn ein aufgegriffener Hund bis dahin als Straßenhund gelebt hat und bisher von der lokalen Bevölkerung als ungefährlich betrachtet wird.[10]
Grundlage für diese Regeln ist das Tierschutzgesetz 281/1991, welches es den Regionen erlaubt, für die Freilassung der Hunde eigene Regeln zu erlassen.[11][12] Im Jahr 2001 wurde der Status des „Cane di quartiere“ in einem Rundschreiben des Gesundheitsministeriums erstmals offiziell bestätigt. Dieses Rundschreiben sieht die Behandlung (Behandlung eventueller Krankheiten, Kennzeichnung, Impfung, Sterilisation) und die Zuweisung an einen Freiwilligen oder einen Verein vor, der für Futter, Wasser und einen Unterschlupf sorgt – vorausgesetzt, es handelt sich um ein nicht aggressives und mit dem Gebiet verträgliches Tier.[13]
In Latium sehen die Regelungen (L.R. Lazio vom 21. Oktober 1997, Nummer 34) vor:[14]
- Art. 2, Abs. 3: „E' riconosciuto al cane il diritto alla vita in condizioni di benessere, sia in stato di libertà che nel periodo di ricovero nei canili; […].“
- (übersetzt: Hunden wird das Recht auf ein Leben unter guten Bedingungen zuerkannt, sowohl in Freiheit als auch während ihres Aufenthalts in Tierheimen; […].)
- Art. 9, Abs. 1: „Laddove si accerti la non sussistenza di condizioni di pericolo per uomini, animali e cose, si riconosce al cane il diritto di essere animale libero. Tale animale viene definito cane di quartiere.“
- (übersetzt: Wenn festgestellt wird, dass keine Gefahr für Menschen, Tiere und Sachen besteht, wird dem Hund das Recht zuerkannt, ein freies Tier zu sein. Ein solches Tier wird als Cane di quartiere bezeichnet.)
In Kampanien sehen die Regelungen (L.R. Campania vom 11. April 2019, Nummer 3) vor:[15]
- Art. 13, Abs. 1, Satz 1: „Al cane si riconosce il diritto di essere animale libero, se si accerta la non sussistenza di condizioni di pericolosità per uomini, animali e cose.“
- (übersetzt: Dem Hund wird das Recht zugestanden, ein freies Tier zu sein, wenn festgestellt wird, dass keine Gefahr für Menschen, Tiere und Sachen besteht.)
In Sizilien ist in der L.R. Sicilia vom 8. August 2022, n. 15 festgelegt, dass die Bildung von Streunerrudeln, die die öffentliche Sicherheit gefährden könnten, zu verhindern ist.[16.1] Unter der Voraussetzung, dass sie die Verantwortung für dessen Haltung, Ernährung und Hygiene übernehmen, können Vereine oder Privatpersonen auf Antrag einen Hund als „Cane del quartiere“ anerkennen lassen.[17][16.2]
Im Jahr 2022 berichteten Medien von der Existenz insgesamt 1.475 solcher Hunde in Italien.[18]
Rumänien
Die Urbanisierung und die Industrialisierung im 20. Jahrhundert und die „Systematisierung der Dörfer“ führten zu einer Landflucht, bei der viele Familien ließen ihre Hunde in den Dörfern zurückließen, was zur Folge hatte, dass die Hunde sich dort unkontrolliert vermehrten und sich bis in die Städte ausbreiteten.[19][20] Von 2001 bis 2007 wurden in Rumänien insgesamt 144,339 Streunerhunde getötet.[21]
Rumänien verschärfte im September 2013 eine Verordnung zum Umgang mit Straßenhunden, nachdem am 2. September[22] ein vierjähriger Junge von Hunden angefallen worden und verstorben war. Dies hatte eine Diskussion um Straßenhunde angeheizt, wobei es sich später herausstellte, dass es sich um Wachhunde und nicht um Straßenhunde gehandelt hatte.[23] Seit Herbst 2013 können Tiere, die nicht binnen 14 Tagen abgeholt oder adoptiert worden sind, laut Gesetz getötet werden. Tierschützer und Medien zufolge kommt es seitdem zu Massentötungen, von denen selbst bereits kastrierte, registrierte und markierte Hunde nicht ausgenommen seien.[23] Das Einfangen und Töten von Straßenhunden stelle aufgrund bestimmter Prämien für die Akteure in Rumänien ein Geschäftsmodell dar. Medien rechneten vor, dass beispielsweise in Pitești die Prämien pro Hund (die „Fangpauschale“, die „Beherbergungspauschale“ und die „Einschläferungspauschale“) im Jahr 2016 zusammengenommen mehr als 20 % des Monatseinkommens eines Fließbandarbeiters betrugen.[24]
Indien
In Indien gibt es Millionen von Straßenhunden.[25] Es sind überwiegend Hunde, die als Indian Pariah oder Desi Dog bekannt sind, und sie sind in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens präsent, etwa vor Häusern oder auf Märkten. In der Regel besetzen sie bestimmte Gebiete als ihr Revier, werden von Anwohnerinnen und Anwohnern gefüttert und übernehmen eine Wachfunktion, indem sie die Ankunft fremder Personen signalisieren.[26] Indien sieht sich mit dem Problem der Tollwut konfrontiert.[25] Viele Hunde werden im Rahmen von „Animal Birth Control“-Programmen sterilisiert, geimpft und anschließend wieder in ihre Reviere entlassen.[27] Im August 2025 revidierte Indiens Höchstes Gericht ein früheres Urteil, nach dem streunende Hunde eingefangen und in Tierheime hätten gebracht werden müssen: Das Gericht entschied, dass streunende Hunde, die von den Straßen der Hauptstadt aufgelesen wurden, wieder freigelassen werden müssen. Ausgenommen davon sind Tiere, die mit Tollwut infiziert sind oder sich aggressiv verhalten.[26][28]
Literatur
- AM. Beck (1973): The ecology of stray dogs: A study of free-ranging urban animals. West Lafayette, Indiana: Purdue University Press e-books.
- Ecollage (2002): Dog Population Management & Canine Rabies Control. India’s Official Dog Control Program in an international context. Pune. pp. 1–9
- K. Masahiko et al. (2003): Survey of the Stray Dog Population and the Health Education Program on the Prevention of Dog Bites and Dog-Acquired Infections: A Comparative Study in Nepal and Okayama Prefecture, Japan. In: Acta Med Okayama 57(5): 261–266 PMID 14679405
Weblinks
- Stray dog population control – OIE Guidelines
- One Health: Rabies and Other Disease Risks from Free-roaming Dogs (Conference proceedings Paris, 5.–6. November 2013; PDF 790 kB)