Stylus phantasticus

aus Italien stammende Stilrichtung in der Musik des Barock From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Stylus phantasticus (auch Stylus fantasticus; deutsch fantastischer Stil) ist eine aus Italien stammende Stilrichtung in der Musik des Barock, deren Anfänge auf Claudio Merulo zurückgehen und die in der norddeutschen Orgelschule des späten 17. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte.

Merkmale

Im Stylus phantasticus gehaltene Werke zeichnen sich durch ein aus der Improvisationspraxis abgeleitetes dramatisches Spiel aus. Die Freiheiten erhalten ihren Sinn allerdings erst im Verhältnis zu den Regeln der Satztechnik.[1]

Im Gegensatz zum Stylus phantasticus steht der Stile antico. Dieser strenge kontrapunktische Stil nimmt Rückbezug auf liturgische Werke aus der Renaissance, wobei die Messen Palestrinas oft als Vorbild dienten, wie beispielsweise in der Schrift Gradus ad Parnassum von Johann Joseph Fux (1725).[2][3]

Zeitgenössische Beschreibungen des Stils

Der Begriff „stylus phantasticus“ begegnet erstmals in Athanasius Kirchers Werk Musurgia universalis (1650).[4] In Abhandlungen, die von Italienern verfasst wurden, fehlt die Bezeichnung völlig.[5.1] Sébastien de Brossard erklärt sie in seinem Dictionnaire de musique nur rudimentär als freie und zwanglose Art zu komponieren. Eine genauere Bestimmung des Begriffs lässt sich erst wieder den Schriften Johann Matthesons entnehmen, besonders dem vollkommenen Capellmeister (1739).[6.1] Die Auffassungen bei Kircher und Mattheson sind dabei ziemlich entgegengesetzt: Bei Kircher steht die kontrapunktische Kunstfertigkeit des Komponisten, bei Mattheson das improvisatorische Können des Ausführenden im Zentrum.[5.2]

Kircher Definition des „Phantasticus stylus“ lautet:

„Phantasticus stylus aptus instrumentis, est liberrima, & solutissima componendi methodus, nullis, nec verbis, nec subiecto harmonico adstrictus ad ostentandum ingenium, & abditam harmoniæ rationem, ingeniosumque harmonicarum clausularum, fugarumque contextum docendum institutus, dividiturque in eas, quas Phantasias, Ricercatas, Toccatas, Sonatas vulgo vocant.“[7]

Übersetzung:

„Der fantastische Stil eignet sich für Instrumente. Er ist eine sehr freie und ungebundene Methode des Komponierens. Weil er weder an einen Text noch an ein zugrundeliegendes Thema gebunden ist, ist er geeignet, seinen Einfallsreichtum und sein verborgenes harmonisches Verfahren zu beweisen und den geistreichen Zusammenhang seiner harmonischen Klauseln und Fugen vorzuweisen. Man unterteilt ihn in die Formen, die man gemeinhin Fantasien, Ricercare, Toccaten und Sonaten nennt.“[8]

Die Freiheit ist allerdings als innerhalb der handwerklich beherrschten Setzweise aufzufassen, unreflekriertes Improvisieren scheidet Kircher aus.[6.2] Der Stylus phantasticus lockert die Gesetzlichkeiten der einzelnen angeführten Gattungen, wodurch ein neuer Affektgehalt entsteht. Kircher weist zwar im Kontext des Stylus phantasticus auf ein Kapitel über Sinfonien und Sonaten für Lauten und Violinen hin, das erläuternde Beispiel ist jedoch Johann Jakob Frobergers Hexachordfantasie,[6.3] die „hochgradige Kontrapunktkunst zur Schau“ stellt.[5.1] Durch die Wahl des Beispiels wird klar, dass für ihn „in erster Linie die Art der kontrapunktischen Arbeit für eine Zuordnung zum Stylus phatasticus maßgeblich war“. Es fehlt der Kontrast mit themenfreien und figurativen Abschnitten, der in anderen Werken Frobergers zu finden ist. Offenbar war dieser für Kircher nicht von Relevanz für die Zuordnung zum Stylus phantasticus. Stattdessen entstehen in der Hexachordfantasie über dem einfachen Thema, das von allen Stimmen imitiert wird, kontrastierende Abschnitte, die jedoch subtil verknüpft sind.[6.4]

Im 18. Jahrhundert knüpft Mattheson zwar an Kirchers Definition an, fokussiert aber in seinen früheren Schriften auf solistische Zurschaustellung von Kunstfertigkeit mit improvisationsartigem Charakter. Erst im Capellmeister befasst er sich im Zusammenhang mit dem Stylus phantasticus mit den inzwischen nicht mehr aktuellen Formen der Ricercate, Toccate und Sonate, auch wenn er ihn weiterhin unter dem „Theaterstil“ einordnet.[6.5] Er schreibt zum „fantastischen Styl“

„Denn dieser Styl ist die allerfreieste und ungebundenste Setz- Sing- und Spiel-Art, die man nur erdencken kan, da man bald auf diese bald auf jene Einfälle geräth, da allerhand sonst ungewöhnliche Gänge, versteckte Zierrathen, sinnreiche Drehungen und Verbrämungen hervorgebracht werden, ohne eigentliche Beobachtung des Tacts und Tons; bald hurtig bald zögernd; bald ein- bald vielstimmig; bald auch auf eine kurze Zeit nach dem Tact: ohne Klang-Maasse; doch nicht ohne Absicht zu gefallen, zu übereilen und in Verwunderung zu setzen.“[9]

Dabei verweist Mattheson auf Kompositionen von Tarquinio Merula, Froberger und Dieterich Buxtehude. Im Gegensatz zu Kircher ist nun der „freistimmige, figurativ-schweifende Improvisationscharakter“ typisch, die Gebundenheit an die „Harmonie“ bei Mattheson ist jedoch so aufzufassen, dass die Regeln des Kontrapunktes nicht aufgegeben werden.[6.6] Matthesons Begriff beschreibt insbesondere die freien Abschnitte in Buxtehudes Präludien, „in denen die Schreibart sich je nach Lust und Laune des Komponisten ständig ändert, Fugatos und Quasi-Ostinatos nie gebührend ausgearbeitet werden und die Tonart zwischen Anfang und Ende oft wechselt“.[5.3]

Johann Joachim Quantz (1697–1773) schrieb kritisch: „In diesem Stil findet man eher Frechheit und verworrene Gedanken, als Bescheidenheit, Vernunft und Ordnung.“

Komponisten

Als Vertreter des Stylus phantasticus wurden unter anderen genannt: Claudio Merulo (1533–1604), Girolamo Frescobaldi (1583–1643), Giovanni Pandolfi (c. 1620–1669) und Johann Jakob Froberger (1616–1667). In verschiedenen Sonaten von Heinrich Ignaz Biber, Dietrich Buxtehude, Nicolaus Bruhns oder Francesco Maria Veracini erreicht der Stylus phantasticus Höhepunkte. Ein beeindruckendes Beispiel ist Johann Sebastian Bachs Chromatische Fantasie und Fuge. Aber auch Bachs Söhne setzten diesen Stil fort.

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI