Susann Maria Hempel

deutsche Filmschaffende und Hörspielautorin From Wikipedia, the free encyclopedia

Susann Maria Hempel (geboren 1983 in Greiz, DDR)[1] ist eine deutsche Filmschaffende und Hörspielautorin. In ihrem Werk setzt sie sich mit prekären Lebensverhältnissen, Verfalls- und Verlusterscheinungen auseinander. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien erhalten, unter anderem den HAP-Grieshaber-Preis (2019) und den Rompreis Villa Massimo (2021).

Leben

Hempel war zunächst Mitglied der Künstlergruppe „Theaterhaus Weimar“ und versuchte sich als Schauspielerin im Fernsehen und Kino (unter anderem im Film Sonnenallee).[2][3] Von 2001 bis 2009 studierte sie dann Mediengestaltung an der Bauhaus-Universität Weimar. In dieser Zeit spielte sie in Kurzfilmen von Kommilitonen mit (unter anderem Play for Today von Mirko Kubeln).[2] Im Anschluss kehrte sie in ihre Heimatstadt Greiz in Thüringen zurück.

Ab 2007 realisierte sie mehrere experimentelle Filme, für die sie zahlreiche Auszeichnungen und auch Stipendien für Kunstschaffende erhalten hat. Schon 2014 wurde sie als die derzeitige meist ausgezeichnete Kurzfilmregisseurin bezeichnet.[2] Seit 2017 realisiert sie neben ihrer filmischen Arbeit auch Projekte für das Radio.[1][4] Im Zuge verschiedener Stipendien lebte sie zeitweilig in Stuttgart (2015/16),[5] Rostock (2016),[6] in Berlin (2018),[7] im Künstlerdorf Schöppingen (2019)[8] und in Rom (2021/2022).[1] Seit 2025 ist sie als Lehrbeauftragte am Institut Freie Kunst der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig tätig.[9]

Werk

Mit ihren Experimentalfilmen reagiert Hempel auf die „prekäre Gegenwart“ ihrer Geburtsstadt Greiz in Thüringen, die seit der Wende von Abwanderung und De-Industrialisierung geprägt ist und zu den „shrinking cities“ („schrumpfenden Stadt“) gezählt wird.[1][10] Claus Löser vom Filmdienst schrieb über sie, dass sie „ohne erkennbare Vorbilder, aber mit sicherem Gespür für ästhetische und thematische Innovationen“ düstere Szenarien erschaffe, die lange im Gedächtnis blieben. Alle ihre Kurzfilme zeichneten sich durch strikte stilistische Verschiedenartigkeit aus. Ihre individuelle Handschrift sei dennoch erkennbar. Er sieht eine „mentale Verwandtschaft“ zu osteuroäischen Animationsfilmern wie Jan Švankmajer, Zbigniew Rybczyński oder Walerian Borwczyk.[2]

In ihrem ersten Experimentalfilm, Pelicula (2007), zog die Künstlerin mit Klebeband ihren gesamten Körper ab, um kleinste Hauptpartikel auf Folie zu übertragen. Die Folie filmte sie dann. So wurde ihre Haut zum Film. Damit „übersetzte“ sie „Pelicula“, was im Spanischen sowohl „Haut“ als auch „Film“ bedeutet.[2]

Nach Lösers Urteil handelt es sich bei Hempels Diplomfilm Der Mann, der nicht weinen wollte (2009) um eine kafkaeske Parabel auf sozialen Anpassungsdruck. Der Film sei aber noch in einer traditionellen Fabelstruktur befangen.[2]

Der Experimentalfilm Die Fliegen (The Birds II) von 2011 spielt in einer verlassenen Rumpelbude. Es ist eine Hommage an den aus Greiz stammenden Oskar Sala, der mit seinem Trautonium die Vogelschreie für Alfred Hitchcocks Film Die Vögel erzeugt hatte. Aus der Vogel- machte die Künstlerin in ihrem Film, der Salas Musik verwendet, eine Fliegenperspektive. „Hier wie fast überall verkleinert sie die Welt und vergrößert unseren Blick darauf,“ so der Kritiker Michael Helbing in der Thüringer Allgemeinen. Sie erzähle so melancholisch wie bitterböse „vom sterbenden Leben wie vom lebendigen Tod“. Der Film, dessen Bilder eine grüngelbstichige Farbe haben, zeigt einen dreigeteilten Bildaufbau, das einem Triptychon ähnelt. Aus der Machart ergab sich eine geringe Schärfentiefe der Aufnahmen. Der Film, so ein Kritiker in der Östthüringischen Zeitung, lenke den Blick ins Unwirkliche und betöre über seine aus- und eindrucksvolle Bildsprache.[11][3]

Der Experimentalfilm Wie ist die Welt so stille von 2012 zeige, so Löser im Filmdienst, Personen, die in „undurchschaubar verschachtelten Innenräumen“ mit ritualisierten Handlungen beschäftigt seien: eine Frau, die Hunderte von Nüssen knacke, einen blinden Jungen, der mit den Spulen eines alten Tonbandgerätes spiele, und einen Familienvater, der Dia-Aufnahmen an die Wand projiziere. Türen würden sich „gegen jede Logik“ öffnen und schließen. Perspektiven würden schichtweise durchbrochen und den Blick immer wieder in die Irre führen. Löser schrieb, dass sich in nur fünf Minuten Film ein ganzer Kosmos aus Hoffnungen und Vergeblichkeiten entfalte, die mit einem enormen Aufwand in Szene gesetzt wurden, ohne je ins Kunstgewerbliche abzugleiten. Es walte ein fast verschwenderisches Understatement, das dem Film eine immense Verdichtung verleihe.[2] Der Film sei „aus umfangreichen Material eines anderen, ein wenig verunglückten Filmprojekts“ entstanden, wie die Künstlerin erzählte.[12]

Filmstill aus Sieben Mal am Tag beklagen wir unser Los und nachts stehen wir auf, um nicht zu träumen, 2014
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Der Animationsfilm Sieben Mal am Tag beklagen wir unser Los und nachts stehen wir auf, um nicht zu träumen von 2014 ist in „Spieluhr-und-Puppenstuben-Ästhetik“ gehalten. Es geht um Missbrauchserfahrung, Zeit im DDR-Knast und einen an den Tod verlorenen Freund. Hempel hat lange mit ihm gesprochen. In ihren Arbeiten spreche sie ihn nun nach, so der Kritiker Helbing.[3] Die „desaströse Biografie“ des Mannes würde mit den „archaischen Mitteln einer Moritat“ erzählt. Der „kurze Film mit dem langen Titel“ falle thematisch abgründig bis verstörend aus und setze dabei ästhetisch ausgesprochen ungewöhnliche, weil innovative Zeichen, so Löser im Filmdienst.[2] Die Jury der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen 2014 urteilte: „Traumwandlerisch bewegt sie sich zwischen Objektebenen, dialektgeprägter Rede, Schrift und Gesang. Die sexuelle Aufladung beruht hier aber nicht nur auf der Anklage erlittener Traumatisierungen, sie zeigt sich auch als eine starke Faszination an Transgression. Grauen und Niedlichkeit liegen hier untrennbar beieinander.“[13]

Mit dem Experimentalfilm Der große Gammel setzte Hempel 2013 dem Theater ihrer Heimatstadt Greiz, das 1892 erbaut und 2011 abgerissen worden war, ein „sich selbst zerstörendes Denkmal“. Sie dokumentierte die verlassenen Räume und Säle des Theaters kurz vor dem Abriss und führte gezielt mittels Chemie und Schimmel den Zerfall des Diafilms herbei. Diesen Zerfall filmte sie wiederum. „Sich lösende und verformende Teilchen wirbeln herum wie deformierte Erinnerungen“, wie es Helbing beschrieb. Begleitet wird das von einem Männerchor, der „wehmütig“ „auf die Heimat mit Wiesen und Auen, auf das weite, das blühende Land“ blicke. Am Ende des Experimentalfilms ist „da kein Ort mehr, nirgends“.[3]

Auch im Hörstück Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen von 2018 findet sich, so Helbing, das „halt- und hilflose Kreisen um die eigene Opferrolle“. Helbing charakterisierte das Hörstück wie folgt: Die Künstlerin „erschafft filmisch und/oder akustisch animierte Theaterräume des Stillstandes und der Stille. Sie verschafft uns ungewöhnliche Perspektiven auf Perspektivlosigkeit.“[3]

2019 bei der gemeinsamen Ausstellung der Begünstigten des Karl Schmitt-Rottluff-Stipendiums in der Kunsthalle Düsseldorf stellte Hempel ihre Sammlung von Zeichnungen und Texten zu Verlusterscheinungen aus. Helga Meister von der Westdeutschen Zeitung bezeichnete ihren Beitrag als den eindrucksvollsten der Ausstellung.[14]

Filmstill aus Die Hüter des Unrats - Eine kurze Geschichte des Abfalls, 2022
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Bei der gemeinsamen Ausstellung der Villa Massimo-Stipendiatinnen und -Stipendiaten 2020/21 und 2021/22 im Japanischen Palais in Dresden 2022 zeigte Hempel ihren Experimentalfilm Die Hüter des Unrats - Eine kurze Geschichte des Abfalls über das Müllarchiv der Menschheit. Dafür hatte sie eine Wand mit Bildern dicht gehängt und ließ in den Rahmen Animationsfilme laufen. Uwe Salzbrenner von der Sächsischen Zeitung bezeichnete ihr Werk als die „faszinierendste Arbeit“ in der Ausstellung.[15][16] Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden erwarben den Experimentalfilm für ihre Sammlung.[17]

Werkliste:

  • 2007 película. Experimentalfilm, 35 mm, 1 min.
  • 2009 Der Mann, der nicht weinen wollte. Experimenteller Kurzfilm, HD-Video, 25 min.
  • 2011 Die Fliegen (The Birds II). Experimentalfilm, HD-Video, 7:30 min.
  • 2011 Hungerwinter 1946/47. Dokumentarhörspiel, Komposition Hempel (Regie Gordian Maugg), 84:45 min.[18]
  • 2011 Du und Ich und Er - Neuneinhalb Jahre mit Alzheimer. Hörbild, Komposition Hempel (Regie Gordian Maugg), 53:53 min.[19]
  • 2012 Wie ist die Welt so stille. Experimentalfilm, HD-Video, 5 min.
  • 2013 Der Große Gammel. Experimentelle Dokumentation, HD-Video, 8:30 min.
  • 2014 Sieben Mal am Tag beklagen wir unser Los und nachts stehen wir auf, um nicht zu träumen. Experimentalfilm, HD-Video, 18 min.
  • 2017 Niemand stirbt so arm, dass er nicht irgendetwas hinterlässt. Hörstück, 25 min.
  • 2018 Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen. Hörstück, 55 min.
  • 2019 S.C.H.U.U.L.E. Performance, in Zusammenarbeit mit Cássio Diniz Santiago
  • 2022 Die Hüter des Unrats. Eine kurze Geschichte des Abfalls. Experimentalfilm, HD-Video, 11 min.
  • 2025 Hope Road. Experimentalfilm, UHD-Video, 12:30 min.

Ausstellungen (Auswahl)

Einzelausstellungen

  • 2014 screen spirit continued – Die Fliegen (The Birds II). Einzelausstellung, Städtische Galerie Bremen
  • 2019 Besessenheitsmedien. Einzelausstellung, Deutscher Künstlerbund Berlin (HAP-Grieshaber-Preis)[3]
  • 2022 Ne ho abbastanza. Einzelausstellung, Galleria di Villa Massimo, Rom[20]

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2012 XX. Videokunst-Förderpreis Bremen. Preisträgerausstellung, Museen Böttcherstraße, Bremen[21]
  • 2015 Afterimages – Nachhall der Schwarzen Romantik in Film- und Videokunst. Gruppenausstellung, Kunstsammlung Jena[22]
  • 2015 Inseln des Absurden. Gruppenausstellung, Städtische Galerie Bremen
  • 2017 Neue Schwarze Romantik. Gruppenausstellung, Künstlerhaus Bethanien Berlin[23]
  • 2017 Lokale Gruppe. 38. Jahresausstellung der Darmstädter Sezession. Gruppenausstellung, Kunsthalle Darmstadt[24]
  • 2018 Dystopia. Zum 200. Geburtstag von Karl Marx. Gruppenausstellung, Kunstsammlung Jena[25]
  • 2019 Karl Schmidt-Rottluff Stipendium – Die Ausstellung 2019. Gruppenausstellung, Kunsthalle Düsseldorf
    • Ausstellungskatalog: Susann Maria Hempel: Susann Maria Hempel. Karl Schmidt-Rottluff Förderungsstiftung Ausstellung 2019, Kunsthalle Düsseldorf, 5. September-10. November. Nr. 2019. Karl Schmidt-Rottluff Förderungsstiftung, Berlin 2019, ISBN 978-3-00-063139-9.
  • 2021 Arbeit am Gedächtnis – Transforming Archives. Gruppenausstellung, Akademie der Künste, Berlin
    • Lina Brion, Werner Heegewaldt, Anneka Metzger, Johannes Odenthal (Hrsg.): Arbeit am Gedächtnis. Transforming Archives. Exhibition 17 June - 19 September 2021, Akademie der Künste, Berlin. Akademie der Künste Berlin, Berlin 2021.
  • 2022 Und sie bewegt sich doch! Die Villa Massimo zu Gast. Japanischer Palais, Dresden, Gruppenausstellung[15]
  • 2023 Blühende Landschaften. Gruppenausstellung, Kunstverein Jena[26]
  • 2023 El Món Ficció. Gruppenausstellung, Barcelona[27]
  • 2024 No one belongs here more than you. Gruppenausstellung, Kunsthaus Erfurt[28]
  • 2024 Die Große. Gruppenausstellung, Kunstpalast & NRW-Forum Düsseldorf[29]

Filmaufführungen

  • 2016 Videorama, Solo-Screening, Werkleitz Gesellschaft Halle
  • 2019 12x12, Solo-Screening / IBB-Videoraum, Berlinische Galerie
  • 2023 HMKV: Video des Monats, HMKV Dortmund
  • 2025 Politics of Care: Fürsorge als Widerstand, Gruppenscreening, Berlinische Galerie, Berlin
  • 2025 Vom Widerstand der Künste, Filmpräsentation im Achim Freyer Kunsthaus, Berlin
  • 2025 Yellow Carpet, Filmpräsentation an der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München

Auszeichnungen (Auswahl)

Stipendien (Auswahl)

Einzelnachweise

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