Synagoge (Emden)

ehemalige Synagoge in Emden From Wikipedia, the free encyclopedia

Die ehemalige Synagoge in Emden existierte von 1836 bis 1938. An gleicher Stelle stand wahrscheinlich schon seit dem 16. Jahrhundert ein jüdisches Gotteshaus, das 1836 wegen Baufälligkeit ersetzt wurde.

Die Emder Synagoge im Jahre 1912

Das NS-Regime gab den Befehl, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 im gesamten deutschen Reich jüdische Synagogen niederzubrennen. SA-Männer und SS-Männer aus Emden zündeten die Synagoge in Emden an; sie brannte bis auf die Grundmauern nieder.

Baubeschreibung

Die Gemeinde baute die Synagoge 1835 im Stil der Gründerzeit. Sie war dreischiffig,[1] ca. 30 Meter lang, 12 Meter breit, an den Seitenwänden 8 Meter hoch und 15 Meter hoch. In dem Gebäude fanden 135 Gemeindemitglieder Platz. Nach der Erweiterung von 1910 gab es 320 Plätze für Männer und eine Empore für 250 Frauen. Im Erweiterungsbau gab es einen Sitzungssaal, das rituelle Bad, Garderoben und eine Heizungsanlage. An der Ostseite des Gebäudes befand sich der Thoraschrein, davor die Kanzel und das Vorbeterpult. Im Zentrum des Gebäudes stand der Almemor (ein Pult, auf das die Tora bei der Lesung gelegt wird). Die Decke war nach eigenen Entwürfen im byzantinischen Stil gestaltet. Der Westgiebel war im griechischen Stil gehalten und hatte eine hebräische Inschrift in schwarzen Buchstaben auf weißem Grund. In der Die Mitte des Giebels gab es ein großes Rundfenster mit dem Davidstern. Links und rechts vom Giebel standen zwei kleine Türme.[2]

Geschichte

Die Westfassade im Jahre 1912
Innenraum im Jahre 1912

Eine erste Synagoge gab es wahrscheinlich schon seit dem 16. Jahrhundert am Sandpfad Nr. 5, der heutigen Bollwerkstraße in Emden. Darauf deutet eine Beschwerde des Kirchenrates aus dem Jahr 1593 hin, aufgrund derer der Magistrat es den Juden der Stadt verbot, ihre Gottesdienste öffentlich auszuüben. Ab 1701 ist die Existenz einer Synagoge aus Holz Am Sandpfad 5 (heute Bollwerkstraße) gesichert. 1835 stürzte sie während des Sabbatgottesdienstes teilweise ein und wurde vom Emder Magistrat nach einem Gutachten des Stadtbaumeisters und anderer Sachverständiger[3] wegen Baufälligkeit geschlossen. An ihrer Stelle errichtete die Gemeinde 1836 eine große Synagoge. Die feierliche Einweihung durch Landesrabbiner Löwenstamm erfolgte am 24. August 1836 in Anwesenheit von Bürgermeister und Magistrat der Stadt Emden.[4]

1910 wurde die Synagoge nach Plänen des Regierungsbaumeisters Ernst Friedheim, aus dessen Feder auch der Entwurf für die Hamburger Bornplatzsynagoge stammt, erweitert. Die Kosten für den Umbau wurden mit mehr als 60.000 Goldmark angegeben.[5]

Bezeichnend für das Verhältnis der Juden zur restlichen Bevölkerung der Stadt ist es, dass auch an diesen Eröffnungsfeierlichkeiten Vertreter sowohl der christlichen Gemeinden Emdens als auch des Magistrats teilnahmen. So war die Stadt Emden 1910 mit ihrem Oberbürgermeister und einer Abordnung der Bürgervorsteher vertreten. Daneben waren Vertreter der Mennoniten, der lutherischen und der katholischen Gemeinde anwesend. Lediglich die reformierte und die altreformierte Gemeinde waren nicht präsent.[5]

Novemberpogrome 1938

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam es auch in Emden zu den von der Reichsleitung der Nationalsozialisten befohlenen Ausschreitungen gegen die Juden, die später als „Reichskristallnacht“ oder Novemberpogrome 1938 bezeichnet wurden. Bernhard Horstmann, der 26-jährige Kreisleiter, wurde von der Gauleitung in Oldenburg gegen 23:00 Uhr telefonisch instruiert, dass in dieser Nacht „Vergeltungsmaßnahmen“ gegen die Juden in ganz Deutschland durchgeführt würden. Der Gauleiter Weser-Ems, Carl Röver, gab weiter, dass um 1 Uhr nachts sämtliche Synagogen im deutschen Reich brennen sollten.[6]

Um 23:30 Uhr beauftragte Horstmann seinen Stellvertreter und Kreisamtsleiter Neeland mit der Organisation der Brandstiftung in der Synagoge. Dieser brachte mit SS-Männern Brandmittel in die Synagoge. Parallel dazu wurde die Emder Feuerwehr über die dort geplante Brandstiftung informiert. Sie sollte nicht löschen, sondern nur ein Übergreifen der Flammen auf umliegende Häuser verhindern. SA-Männer bereiteten die Verhaftung aller Emder Juden vor. Gegen 1 Uhr in der Nacht begaben sich SA- und SS-Männer zur Synagoge. Sie waren nicht uniformiert, um die Planmäßigkeit der Brandstiftung und ihre Zugehörigkeit zu SA bzw. SS zu verschleiern. Die ganze Aktion sollte nach einem spontanen Gewaltausbruch deutscher Bürger aus Rache für die Ermordung des Legationssekretärs vom Rath durch den Juden Herschel Grynszpan aussehen. Die Männer drangen in die Synagoge ein, raubten wertvolles Inventar, platzierten einige Stroh- und Heuballen und übergossen das Inventar mit Benzin und Brandbeschleuniger.[4] Horstmann gab den Befehl, die Synagoge anzuzünden. Es gab eine große Verpuffung, das Feuer entfachte sich aber nicht. Nachdem weitere 20 Liter Benzin in die Synagoge gebracht worden waren, begann ein Großbrand. Gegen 2.30 Uhr stand die Synagoge in hellen Flammen; sie brannte bis auf die Außenmauern nieder.

Parallel dazu begann die Aufholung der Juden in der Stadt. SA-Leute unter Führung des Standartenführers Kroll und seines Adjutanten Otto Bennmann drangen in jüdische Wohnungen und Geschäfte ein, plünderten diese und trieben die Bewohner in die Turnhalle der Neutorschule. Dabei machten die SA-Männer auch von der Schusswaffe Gebrauch. So erhielt der Kaufmann Louis Philipson einen Lungensteckschuss. Der Schlachter Daniel de Beer wurde unter ungeklärten Umständen vor dem Wachgebäude tödlich verletzt.[4] In der Schulturnhalle misshandelten die SA-Männer die zusammengetriebenen jüdischen Bewohner von Emden. Männer über 65 Jahre, Gebrechliche, Frauen und Kinder durften am Morgen des 10. November in ihre zerstörten Wohnungen zurückkehren. Die zurückgebliebenen Männer, zirka 60, wurden von ihren Peinigern weiter gequält. Schließlich führte die SA die Männer an der ausgebrannten Synagoge vorbei. Dort zwang die SA einen Juden, sich selbst der Brandlegung in der Synagoge zu bezichtigen. Am 11. November übernahm die SS die Gefangenen und deportierte sie vom Emder Bahnhof West aus über Oldenburg in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Dort starben nach weiteren Misshandlungen der Kaufmann Sally Löwenstein und der Viehhändler Hermann Sax. Die übrigen wurden nach und nach freigelassen mit der Auflage, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen. Anfang Februar 1939 kehrte der letzte Emder Jude in seine Heimatstadt zurück.[4]

Die Gemeinde löste sich nach den Novemberpogromen schnell auf. Noch im gleichen Monat kam es zu einer Emigrationswelle. Auf Initiative ostfriesischer Landräte und des Magistrats der Stadt Emden schrieb die Gestapo-Leitstelle Wilhelmshaven Ende Januar 1940 die Weisung, Juden sollten Ostfriesland bis zum 1. April 1940 verlassen. Die ostfriesischen Juden mussten sich andere Wohnungen innerhalb des deutschen Reiches (mit Ausnahme Hamburgs und der linksrheinischen Gebiete) suchen. In Emden wurden später 200 Juden ausgewiesen. Die letzten 150 verbliebenen jüdischen Bürger Emdens lebten im Herbst 1941 im jüdischen Altenheim an der Karl-Tholen-Straße 18. Dorthin ließ das NS-Regime im Oktober 1941 auch die letzten Juden aus Aurich und Norden deportieren. 23 weitere Juden aus dem jüdischen Altenheim Emden wurden am 22. Oktober 1941 vorübergehend noch in das jüdische Altenheim in Varel und im Gegenzug 6 der verbliebenen 8 Bewohner des Altenheims Varel nach Emden verlegt. Am 23. Oktober 1941 wurden 122 Emder Juden in Eisenbahnwaggons deportiert. Sie kamen am 25. Oktober im Ghetto Łódź an.[7] Keiner von ihnen überlebte den Holocaust. Aus dem Altenheim Varel wurden die letzten 23 Bewohner am 23. Juli 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert.[8]

Nachkriegszeit und Gedenken

Gedenkstein für die niedergebrannte Synagoge in Emden

Nach dem Krieg wurde der Platz zwischen Sandpfad und Judenstraße, wo die Synagoge und die Schule gestanden hatten, eingeebnet und überbaut. Ein erster Gedenkstein zur Erinnerung an die Synagoge und ihre Zerstörung wurde 1986 aufgestellt. Er wurde, „weil gestalterisch und technisch unzulänglich“,[9] 1990 durch den heutigen ersetzt.

Siehe auch

Einzelnachweise

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