Terem
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Ein Terem (von griechisch téremnon) war im Altrussland eine Bezeichnung für Frauengemächer oder „Wohnraum im oberen Teil des Hauses oder Haus in Form eines Turmes im alten Russland“[1], eine soziale Institution in den Häusern der Wohlhabenden,[2] wo Frauen von der Öffentlichkeit abgeschottet gewesen sein sollen.[3]

Wortherkunft
Sowohl der Brauch als auch der Begriff sind griechisch und stammen aus der byzantinischen Praxis der „strengen Absonderung von Frauen in der feinen Gesellschaft“. Ihr Wort „teremnon“ bedeutete Heim, Haus oder Gebäude; im Russischen wurde daraus sowohl Tyurma (Gefängnis) als auch Terem (Burg oder Turm eines Herrn).[2] Der ursprüngliche Begriff Zhenskii Terem, Frauenturm, bezeichnete einen für Frauen reservierten Teil des Hauses, der vermutlich gleichermaßen dem Schutz der Frauen vor den Ausschweifungen der Männer der Familie wie auch der Abschottung der moralisch ansteckenden Frauen vom Rest der Welt diente.[2] Manchmal wird behauptet, das Wort sei von den Tataren entlehnt, da diese als Muslime ebenfalls die Absonderung und Verschleierung von Frauen praktizierten.[2] Thesen, dass ein Terem zum Schutz der Frauen vor Angriffen der Goldenen Horde vorgesehen gewesen sei, oder Tataren selbst ihre Frauen in Räumen weggesperrt hätten, sind nicht haltbar.[4]
Hintergrund
Das slawische orthodoxe Christentum lehrte, wie sein byzantinisches Vorbild, dass der Geschlechtsverkehr unrein sei, wobei man davon ausging, dass die Unreinheit nur von den weiblichen Geschlechtsorganen ausging, und infolgedessen der weitverbreitete Glaube an die Unterlegenheit der Frau gegenüber dem Mann entsprang. „Liebe deine Frau, aber gib ihr keine Macht über dich“ waren Worte des Herrschers Wladimir Monomachs im 12. Jahrhundert und wurden im Domostroi als Empfehlung verstanden, ihre Frau zu schlagen und ihr jegliche Macht zu verweigern.[2] Ähnliches verbreitete „Pchela“ (Die Biene) von Vladimir Monomakh, eine frauenfeindliche byzantinische Sammlung des 12. Jahrhunderts in Russland, etwa dass „ein schlechter Mann immer besser sei als eine gute Frau“, was in viele russische Volksweisheiten übernommen wurde. Die soziale Institution, die diese Ideen verkörperte, war der Terem.[2]
Nur wer es sich leisten konnte, baute einen Terem, um Frauen des eigenen Haushalts vor Schaden zu bewahren, vor allem vor ihm selbst; und sogar als Ort der Verbannung oder Gefangenschaft, wenn er es für nötig hielt. Solch aufwendige architektonische Rückzugsorte für die Frauen lagen natürlich weit über den Möglichkeiten des einfachen Bauern.[2]
Terem-Theorie
Eine umstrittene Theorie über den Terem wurde in der Geschichtsschreibung des 17. Jahrhunderts entwickelt, und stütze sich auf Reiseberichte Russlandreisender des 16. und 17. Jahrhunderts, wonach adlige russische Frauen aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen worden seien.[3] Laut dieser Theorie sei die Bewegungsfreiheit von Frauen im Russland des 16. und 17. Jahrhunderts stark eingeschränkt gewesen, sodass sie sich ausschließlich in den Räumen des Terem hätten aufhalten dürfen, oder bei Ausfahrten nur in geschlossenen Schlitten oder Kutschen mit Vorhängen sitzen durften.[3] Berichte über die Abgeschlossenheit der vornehmen Moskovierinnen im Terem, dem Frauengemach, stammen bereits aus dem 16. Jahrhundert von Siegmund von Herberstein.[5] Der türkische Schriftsteller und Politiker Celâl Nuri İleri (1881–1938) etwa sah Parallelen zu osmanischen Verhältnissen und schrieb, dass Maßnahmen Peter des Großen die Frauen aus ihrer „Abschließung im 27-schlössigen Terem“ und der Verschleierung mit dem fâtâ befreit hätte, wobei er seinen Lesern das Wort Terem mit Harem erklärt.[1]
Umstritten ist, ob wohlhabende Frauen tatsächlich in einer „teremhaften“ Abgeschiedenheit lebten und vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen waren. Neuere Forschungsarbeiten bezweifeln, dass Frauen keine gesellschaftliche Einflussnahme hatten und stellen sogar in Frage, dass der Terem überhaupt existiert habe. Im Gegenteil wurde nachgewiesen, dass sie rechtsfähig in Vertretung ihrer Ehemänner oder als Witwen administrative und wirtschaftliche Tätigkeiten ausübten, und spielten sogar eine größere Rolle in der Politik und Gesellschaft als westeuropäische Frauen der Neuzeit.[6][5] Aufgrund von privaten Korrespondenzen bekannter Moskoviterinnen des ausgehenden 17. Jahrhunderts konnte bspw. Carsten Goehrke nachweisen, dass adelige Frauen von ihren Männern beileibe nicht gefangen gehalten wurden, wie dies Ekaterina Pushkarevas Ausführungen evozieren, sondern trotz ihrer eigenen Gemächer gastgeberische Pflichten wahrnahmen. Der sich langsam etablierende Ball konnte in vielerlei Hinsicht von Frauen gestaltet werden und war für sie eine wichtige Repräsentationsplattform.[6] Dass Frauen an Bällen teilnahmen, war einer der Reformen Peter des Großen zu verdanken, darüber hinaus änderte er die Heiratssitten.[1]
Nada Boškovska widerlegt diese „Terem-Theorie“ in einer Studie über die russische Frau im 17. Jahrhundert, wo sie darauf verweist, dass der Begriff des Terem in keiner Quelle aus dem 17. Jahrhundert auftauche und somit eine anachronistische Sichtweise und Interpretation späterer Historiker sei.[3] Boškovska zeigt auf, dass die Situation der russischen Frau in den Gesellschaften des 17. und 18. Jahrhunderts genau wie in Westeuropa gleichzeitig von Präsenz und Ausgrenzung geprägt war. Die russische Frau des 16. Jahrhunderts jeder sozialen Schicht hatte sich der patriarchalischen Gesellschaftsordnung, wie sie im Domostroj dargestellt worden war, unterzuordnen. Auch die russische Frau des 17. Jahrhunderts lebte noch in einer Gesellschaft mit voneinander getrennten Bereichen für Männer und Frauen, auch wurden bestimmte Feste von Männern und Frauen getrennt gefeiert. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die Vorschrift aufgehoben, der zufolge Frauen Theatervorstellungen nur von einem vergitterten Balkon aus folgen durften.[3] Doch genossen Frauen bestimmter sozialer Schichten ein gewisses Maß an Entfaltungsmöglichkeiten, die größte Bewegungsfreiheit hatten die adligen Frauen im Russland des 17. und 18. Jahrhunderts.[3]