Theodistik
junge Disziplin innerhalb der historischen Sprachwissenschaft
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Theodistik, theodistische Perspektive oder theodistischer Ansatz ist ein 2003 von dem belgischen Sprachwissenschaftler Luc de Grauwe vorgeschlagener Begriff, der ein explizites grenzüberschreitendes Vorgehen in der sprachhistorischen Forschung zum Deutschen, Niederdeutschen oder Niederländischen vor der Frühen Neuzeit vertritt.[1][2][3]
Im theodistischen Ansatz werden die verschiedenen Dialekte des westgermanischen Dialektkontinuums in der Zeit vor 1500 als ein einziges, wenn auch stark differenziertes Sprachgebiet betrachtet. In dieser Hinsicht weicht es sowohl von der bis Mitte des 20. Jahrhunderts vorherrschenden deutschnationalen Perspektive ab, die alle diese Dialekte als (Abspaltungen vom) Deutschen darstellte, als auch von dem moderneren Ansatz, in dem die Geschichte der Standardsprachen des ehemaligen Kontinuums, Deutsch und Niederländisch, streng getrennt untersucht wird.[1]
Name
Der Name basiert auf dem mittelalterlichen lateinischen Wort theodiscus, das „volkstümlich“ oder „nicht-Latein“ bedeutete. Laut Luc de Grauwe wäre der Vorteil dieser Bezeichnung, dass der Name eine überregionale Zusammengehörigkeit des Kontinentalwestgermanischen gegenüber der lateinischen Bildungssprache und den benachbarten romanischen Volksvarietäten zum Ausdruck bringe, während gleichzeitig alle potenziell anachronistischen Assoziationen mit den modernen Bezeichnungen „Deutsch“ und „Niederländisch“ vermieden würden.[1]
Ausgangspunkte und Rezeption
Die theoretische Grundlage für den theodistischen Ansatz wurde 2003 von De Grauwe gelegt, mit der Absicht, neue Perspektiven auf das historische Verhältnis zwischen Niederländisch und Deutsch zu eröffnen.
Laut De Grauwe lassen sich traditionell zwei Perspektiven unterscheiden. Eine, in dem Niederländisch als ein Dialekt des Deutschen gilt, der seinen Ursprung im Mittelalter hat, sich allmählich vom Deutschen abspaltete und sich dann zu einer eigenständigen Standardsprache entwickelte. Diese Sichtweise hat ihren Ursprung im deutschen Humanismus und war in der Germanistik des 19. und Teilen des 20. Jahrhunderts vorherrschend, wo sie häufig mit nationalistischen Ideologien in Verbindung gebracht wurde und manchmal zur Legitimierung einer „annexationistischen Raumpolitik“ genutzt wurde. Bei der zweiten Perspektive werden Niederländisch und Deutsch von Anfang an als zwei getrennte, wenn auch eng verwandte Sprachen betrachtet. Diese Sichtweise, heute allgemein anerkannt, ist frei von Chauvinismus und Nationalismus, aber empfindlich gegenüber Anachronismen und Teleologie, da die Möglichkeit besteht, dass die niederländischen und deutschen Einheitsareale, wie sie heute in Form moderner Staaten bestehen, in eine Vergangenheit zurück projektiert werden, wo von ihnen in der sprachlichen Wirklichkeit noch keine Rede war, und dass weitere Sprachen und Varietäten (insbesondere das Niederdeutsche) vernachlässigt werden, obwohl diese im historischen Verhältnis des Deutschen zum Niederländischen ebenfalls eine Rolle gespielt haben.[4]
Der deutsche Philologe Elmar Seebold, lange Chefredakteur des Etymologischen Wörterbuchs der deutschen Sprache, stellte fest, dass der Begriff große Ähnlichkeiten mit dem von ihm unter dem Begriff „düdisch“ entwickelten Konzept hat.[5] Obwohl er den Grundprinzipien von De Grauwes Vorschlag weitgehend zustimmte, kritisierte er die Bezeichnung „Theodisk“, weil sie eine latinisierte Form eines germanischen Wortes darstellt.[5]
Obwohl die Bezeichnung und Terminologie seit ihrer Einführung in mehreren angesehenen linguistischen Publikationen übernommen wurde, bleibt ihre Verwendung in der Literatur relativ begrenzt. Inhaltlich wurde die vorgeschlagene, erweiterte Forschungsperspektive aber positiv aufgenommen.[6][5][2] Im Jahr 2016 veröffentlichte René Pérennec, Professor für Germanistik in Tours, einen Artikel über die Gedichte von Herbort von Fritzlar, Heinrich von Veldeke und Jacob van Maerlant in ‚theodistischer‘ Perspektive.[2]
Forschungsgebiet
Die Gegenstandsbereiche lassen sich in zwei Hauptbereiche gliedern, die jeweils drei Untergliederungen haben: der metasprachliche Bereich, bestehend aus Forschungen zu Sprachbewusstseinsgeschichte, Begriffsgeschichte und Diskurs- und Ideologiegeschichte, und der objektgeschichtliche Bereich, der sich mit Sprachsystemgeschichte, Literaturgeschichte und Variations- und Varietätengeschichte als Untergliederung befasst.
Die theodistische Forschung hat sich bisher vor allem auf solche Aspekte der (externen) Sprachgeschichte konzentriert, die metasprachlichen Charakter haben. Dazu zählen insbesondere die Geschichte der sprachlichen Selbstbezeichnungen, das Sprachbewusstsein sowie die Darstellung des historischen Verhältnisses zwischen Deutsch und Niederländisch in der deutschen und niederländischen Sprachgeschichtsschreibung. Der bislang am wenigsten untersuchte Bereich der Objektgeschichte betrifft die Variations- und Varietätengeschichte. Ein zentraler Aspekt dieses Feldes ist die Frage, wie der Zerfall des Theodisk und die Entstehung des modernen Deutschen und Niederländischen auf der Grundlage der Quellen angemessen beschrieben werden können.
Im Bereich der Literaturgeschichte kann die Theodistik an die Erkenntnis anknüpfen, dass bestimmte mittelalterliche Autoren nicht klar der deutschen oder niederländischen Literatur zugeordnet werden können. Ein Paradebeispiel eines solchen ‚theodistischen‘ Autors ist Heinrich von Veldeke.[7][2]