Thomas Lutz

deutscher Politikwissenschaftler From Wikipedia, the free encyclopedia

Thomas Lutz (* 1957 in Darmstadt) ist ein deutscher Historiker und Geschichtsdidaktiker und ehemaliger Leiter des Gedenkstättenreferats der Stiftung Topographie des Terrors.

Leben

Thomas Lutz, Eröffnung der Ausstellung „Twarz Ghetta“ am 26. Januar 2015 im Museum der Geschichte der polnischen Juden

Thomas Lutz absolvierte das Abitur 1975 an der Paul-Gerhard Schule in Laubach (Oberhessen) und studierte anschließend in Marburg bis 1981 Geschichte, Politikwissenschaft und Sport. Das Zweite Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen legte er 1983 in Bensheim ab.

Gründer des Gedenkstättenreferats

An Stelle des Ersatzdienstes betreute Lutz 1983 für die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) Besuchergruppen in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Seit 1984 baute er vom Berliner Büro der ASF aus das „Gedenkstättenreferat“ auf, das die Arbeit von Gedenkstätten koordiniert, zumal derjenigen, die sich um eine Anerkennung und Dokumentation der NS-Opfer bemühen. Dies geschieht mit Hilfe des GedenkstättenRundbriefes, durch Seminare, eine Homepage im Internet und individuelle Beratung. Er berät auch Regierungen, Parlamente sowie Nichtregierungsorganisationen, seit 1993 auch im Auftrag der Stiftung Topographie des Terrors. Im Juli 2023 trat er in den Ruhestand.[1]

Forschung

In seiner von Hanns-Fred Rathenow und Volkhard Knigge betreuten Dissertation untersuchte er die museologischen Entwicklungen und die darauf aufbauende Bildungsarbeit in den durch das Bundesgedenkstättenkonzept seit 2000 geförderten neuen Dauerausstellungen in Gedenkstätten für NS-Opfer. Schwerpunkte seiner historischen Forschung sind die Entstehungsbedingungen und die Geschichte des Nationalsozialismus und die im von Deutschland besetzten Europa begangenen Staatsverbrechen, die Rezeption des Nationalsozialismus, die Geschichte der Entschädigung der Opfer und die gesellschaftspolitische Entwicklung von Gedenkstätten. 2007 war er Fellow am Center for Advanced Holocaust Studies des U.S. Holocaust Memorial Museums in Washington DC. Als Pädagoge widmete er sich der Gedenkstättenpädagogik im Vergleich zur Bildung in Schulen sowie Museum und der Menschenrechtspädagogik. Zudem arbeitete er zu Entstehungsbedingungen von demokratischen Gesellschaften nach dem Ende der Diktaturen in verschiedenen Ländern und der Rolle der Erinnerungskultur und Gedenkorte in diesem gesellschaftspolitischen Prozess, unter anderem in Argentinien, in den Neuen Bundesländern, in Ruanda, in Südafrika und in Südkorea.[2]

Kurator

Thomas Lutz ist – gemeinsam mit Ingo Loose (wissenschaftliche Beratung) und Kurt Blank-Markard (Gestaltung) – Kurator der Wanderausstellung „Das Gesicht des Gettos. Bilder jüdischer Photographen aus dem Getto Litzmannstadt 1940 bis 1944“ der Topographie des Terrors und des Stadtarchivs Łódź.[3] Die Ausstellung wurde anlässlich des Holocaust-Gedenktags im Spätwinter 2012 im UN-Hauptgebäude in New York ausgestellt.

Berater

Lutz war Vorsitzender des internationalen Beirats der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in Deutschland. Der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien der Bundesregierung berief ihn in das Expertengremium zur Beratung bei der Mittelvergabe im Rahmen des Bundesgedenkstättenfonds.

Lutz war an der Gründung des International Council for Memorial Museums for Victims of Public Crimes (IC MEMO, heute IC MEMOHRI) als internationales Komitee des Weltmuseumsrates (International Council of Museums) im Jahr 2001 in Barcelona beteiligt und sechs Jahre lang dessen Vizepräsident. Von 2000 bis 2023 war er einer der deutschen Delegierten in der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Er war Gründungsvorsitzender von deren Memorials and Museums Working Group. Er beriet das UNESCO-Projekt der Neugestaltung einer internationalen Ausstellung der Jugoslawien-Nachfolgestaaten in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Er engagierte sich in Kroatien (Gedenkstätte Jasenovac), in Griechenland (auf Bitten das Auswärtigen Amtes) und in der aktuellen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Südosteuropa sowie mit den Orten der Massenerschießungen im Zweiten Weltkrieg von den baltischen Staaten bis in die Ukraine. Er beriet den österreichischen Nationalfonds österreichische Innenministerium bei der Neugestaltung der österreichischen Länderausstellung in der Gedenkstätte Auschwitz. 2026 war er Mitgestalter einer Tagung in Buenos Aires, bei der es darum ging, die Zusammenarbeit von Gedenkstätten für Opfer von Diktaturen und Menschheitsverbrechen in Lateinamerika zu stärken.

Schriften

30 Jahre Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors – Verabschiedung von Thomas Lutz

Neben der Redaktion des GedenkstättenRundbriefes, der vier Mal pro Jahr mit einem Umfang von 48–64 Seiten erscheint, und der Betreuung des Online-Gedenkstättenforums mit einer täglichen Presseschau veröffentlichte er Bücher und Aufsätze:

  • Zwischen Vermittlungsanspruch und emotionaler Wahrnehmung. Die Gestaltung neuer Dauerausstellungen in Gedenkstätten für NS-Opfer in Deutschland und deren Bildungsanspruch. Dissertation, Technische Universität Berlin, 2009 (Volltext).
  • Stiftung Topographie des Terrors (Hrsg.), Thomas Lutz (Kurator): Das Gesicht des Gettos. Bilder jüdischer Photographen aus dem Getto Litzmannstadt 1940–1944. Ausstellungskatalog (deutsch/englisch), Berlin 2010, ISBN 978-3-941772-08-3.
  • Der 23. August. Thesen zur Installierung eines europäischen Gedenktags für alle Opfer von Diktaturen und Totalitarismen. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Forschungen zum Nationalsozialismus und dessen Nachwirkungen in Österreich. Festschrift für Brigitte Bailer. Wien 2012, ISBN 978-3-901142-61-1, S. 384–396 (online).
  • Stasi = Gestapo? Kein einfacher Vergleich. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Dossier Stasi, 2017 (online).
  • Topographie des Terrors. Entstehungsgeschichte und Bedeutung für die Entwicklung von Gedenk- und Dokumentationsstätten. In: Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte (Hrsg.): Entdeckendes Lernen. Orte der Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Gewalt. Berlin 2022, S. 335–356.
  • Digitalisierung und Erinnerung. In: Forschungsbeiträge der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Band 36: Nationalsozialistische Konzentrationslager. Geschichte und Erinnerung. Berlin 2024, S. 131–139.

als Mitherausgeber

Einzelnachweise

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